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Friederike von Kirchbach: Heute war es schön. Ein Lesebuch über Demenz

Cover Friederike von Kirchbach: Heute war es schön. Ein Lesebuch über Demenz. Wichern Verlag (Berlin) 2011. 144 Seiten. ISBN 978-3-88981-314-5. 12,90 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Herausgeberin

Die evangelische Theologin Friederike von Kirchbach, geb. 28. Mai 1955 in Gersdorf bei Leipzig, stammt aus einer westdeutschen evangelischen Pfarrersfamilie, die vor der Wende in den Osten ging. Von Kirchbach war Landesjugendwartin, Gemeindepfarrerin und Klinikseelsorgerin in Kreischa bei Dresden. Ab 2000 stand sie als Generalsekretärin fünf Jahre lang dem Deutschen Evangelischen Kirchentag vor. Seit 2005 ist sie Pröpstin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz.

Thema

Die Zahl der Menschen, die dementiell erkranken, steigt stetig an. „Inzwischen ist die Krankheit längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen“ (S. 7). Derzeit ist jeder Achte über 65-Jährige und jeder Zweite über 85-Jährige betroffen und es zeichnen sich nach wie vor keine medizinischen Fortschritte bei der Therapie ab. Soweit die trockenen Fakten.

Demenz ist auch ein Synonym, ein anderes Wort für Abschied, denn die Krankheit ist wie das Leben selbst: unberechenbar. Wie gehen Betroffene, Familienmitglieder, Priester und professionelle Pflegekräfte damit um, wenn sie von ihren Angehörigen und Schutzbefohlenen nicht mehr erkannt werden, die demenzkranke Mutter sogar Angst vor ihren Kindern hat oder der demenzkranke Vater zu körperlichen Übergriffen auf die ihn pflegende Ehefrau neigt?

Aufbau und Inhalt

In diesem Buch berichten Ehefrauen und Ehemänner, Töchter und Söhne, Neffen und Enkel, wie sie mit der Demenzerkrankung innerhalb ihrer Familie versuchen umzugehen. Wie sich der Alltag immer mehr nur noch um den Kranken dreht, welche Belastungen die häusliche Pflege mit sich bringt und wie wenig Unterstützung es noch immer für Betroffene gibt. Was mich bei der Lektüre dieses gut lesbaren Buches sehr beeindruckt hat, sind die persönlichen Geschichten und Schicksale, die hinter jedem Beitrag stehen, und die Offenheit mit der die Autoren schildern, wie diese Krankheit ihr gesamtes Leben verändert und alle bisherigen Lebenspläne ad absurdum führt.

Dreizehn Autorinnen und Autoren kommen zu Wort; teils haben sie ihren Beitrag selbst geschrieben, teils wurde er anhand eines mit ihnen geführten Interviews verfasst. Berührend sind alle Geschichten: da ist der evangelische Pfarrer, der zuerst regelmäßig, dann seltener seine Tante im weit entfernten Pflegeheim besucht und dabei reflektiert, wie schleichend der Krankheitsbeginn war, wie viele kleine Krankheitsindizes es gab, die nicht erkannt wurden, wie er die große Einsamkeit und Verzweiflung der demenzerkrankten 88-Jährigen in Momenten höchster Not spürt und wie er darum ringt, Kraft und Zuversicht aus dem Glauben zu bekommen und zu behalten.

Ein Ehemann erzählt an anderer Stelle, wie er seine mit 59 Jahren erkrankte Frau seit acht Jahren zu Hause pflegt, die mit ihm inzwischen weder reden, lachen oder spazieren gehen kann. Und wie er trotzdem in ihr nie die Kranke sieht sondern immer noch die Frau, die er nach wie vor liebt, die er geheiratet und mit der er ein hartes, arbeitsames aber glückliches Leben mit Plänen für ein erfülltes, gemeinsames Alter aufgebaut hat.

Eine 73-jährige Ehefrau erzählt von der nunmehr 17 Jahre währenden häuslichen Pflege des Ehemannes, der einst mit 58 Jahren einen Schlaganfall erlitt und mit 61 Jahren die Diagnose „Demenz“ erhielt. Wie er, mit dem sie „eine bombastische Ehe“ (S. 102) führte, sich durch die Krankheit veränderte, wie aus dem freundlichen, friedlichen Mann ein aggressiver und zorniger wurde, und dass die wenigen sozialen Kontakte, die ihr noch geblieben sind, nicht verstehen, dass sie ihn nicht endlich ins Heim gibt.

Aus diesem Holz sind alle Geschichten geschnitzt und sie machen betroffen über die immensen Belastungen, die große Vereinsamung und Isolierung, an denen Menschen leiden, die sich um Demenzkranke kümmern und bemühen. Wie sie selbst im Strudel der Krankheit an die Grenzen ihrer Kräfte kommen und darüber krank werden, physisch und psychisch. Über 51% der pflegenden Angehörigen sind häufiger als der Durchschnittsdeutsche von chronischen oder schwerwiegenden Krankheiten betroffen, sorgen aber gerade für sich selbst sehr schlecht, ihre Krankenkassenabrechnungen liegen 20% unter dem Durchschnitt.

Alle pflegenden Angehörigen schildern, wie hilfreich die verschiedenen aber noch immer zu wenigen Angebote zur Unterstützung für sie sind; die Tagesbetreuung für an Demenz Erkrankte, die Angehörigen-Selbsthilfegruppen, der Zusammenhalt untereinander. Und dass trotz der immensen Belastung immer noch Momente eines kleinen, gegenwärtigen Glücks bleiben, für die es sich lohnt zu leben und weiter zu machen: „Heute zählt nur noch der Tag. Pläne für die Zukunft haben wir nicht mehr“ (S. 32). „Heute war es schön“ (Buchtitel).

Das Buch schließt mit den Beiträgen von Dr. Dr. Herbert Mück und Stefan Arend. Mück, promovierter Rechtsanwalt und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, widmet sich einem tabuisierten Thema mit Offenheit und Sensibilität und plädiert für ein Recht auf Sexualität auch in der Krankheit: „Sexualität gehört dazu“.

Der Journalist Arend arbeitet seit 20 Jahren in der Seniorenarbeit, wurde 2008 in den Vorstand des KWA Kuratorium Wohnen im Alter Gag (Unterhaching bei München) berufen und hat zahlreiche Publikationen zu Pflege, Senioren, Marketing sozialer Dienstleistungen und Wohnformen im Alter vorgelegt. Als Referent ist er auf Fachkongressen und Symposien vertreten. Arends Beitrag gibt grundsätzliche Informationen (welche Krankheitsbilder unterschiedlicher Ursachen unter dem Oberbegriff Demenz zusammengefasst werden, welche Erstindizien und Erkrankungsstufen es gibt, welche Wohnformen und Hilfemöglichkeiten bei Demenz angeboten werden) und schließt mit der Feststellung, dass in unserer alternden Gesellschaft mit wachsender Zahl an Demenz Erkrankten, diese Krankheit endlich entpathologisiert werden und die Gesellschaft ihren Blickwinkel ändern muss, wie es der amerikanische Neurowissenschaftlers Whitehouse fordert: Alzheimer ist keine Krankheit sondern eine Form des Alterns.

Anhang

Kontaktadressen verschiedener Informations- und Anlaufstellen wie z.B. der Deutschen Alzheimer Gesellschaft eV, Alzheimer-Telefon, Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit

Literaturliste

Autorenporträts

Fazit

Ein überaus empfehlenswertes Buch für alle Angehörigen, professionellen Helfer, Ärzte, Therapeuten und Interessierte, die sich dem Thema Demenz nähern und sich mit ihm beschäftigen wollen.


Rezensentin
Ursula Weidmann
Kommunikationswirtin BAW, Case Managerin (DGCC). Sozialdienst Johanneshaus Öschelbronn gGmbH, 75223 Niefern-Öschelbronn
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Zitiervorschlag
Ursula Weidmann. Rezension vom 16.08.2011 zu: Friederike von Kirchbach: Heute war es schön. Ein Lesebuch über Demenz. Wichern Verlag (Berlin) 2011. ISBN 978-3-88981-314-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11805.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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