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Daniela Flemming: Mutbuch für pflegende Angehörige und [...]

Cover Daniela Flemming: Mutbuch für pflegende Angehörige und professionell Pflegende altersverwirrter Menschen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 144 Seiten. ISBN 978-3-407-55881-7. 17,90 EUR.
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Titel als Programm

Der Titel dieses Buches ist Programm: Die Autorin will all denjenigen Mut machen, die es sich entweder als Angehörige oder als Pflegeprofis zur Aufgabe gemacht haben, altersverwirrte Menschen zu betreuen. In den Vordergrund stellt sie dabei nicht medizinische Diagnosen oder Krankheitsbilder, sondern verwirrtes bzw. verwirrt scheinendes Verhalten.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil soll ein fiktiver Dialog zwischen Mutter und Tochter veranschaulichen, mit welchen Gefühlen die Beteiligten auf die ver-rückte Welt der Verwirrten reagieren. Im zweiten Teil geht es darum, wie Pflegende angemessen mit verwirrten Menschen umgehen können, und im dritten Teil stehen die Möglichkeiten im Vordergrund, den Alltag möglichst klar und wenig verwirrend zu gestalten.

Inhalte

Der erste Teil umfasst 9 Kapitel und einen Epilog. In dem hier vorgeführten, fiktiven Dialog zwischen Mutter und Tochter (streng genommen handelt es sich eigentlich um immer weniger deutlich aufeinander bezogene Monologe) will die Autorin ihren einleitenden Worten zufolge Mut machen, sich auf die "Verwirrtheit" einzulassen. Zu diesem Zweck beschreibt sie, wie Pflegende und Gepflegte typische Alltagssituationen erleben:

  • den Besuch von Kindern und Enkeln (Kapitel 1),
  • das nächtliche Umherirren der Verwirrten und die damit einhergehende Schlaflosigkeit der Betreuenden (Kapitel 2),
  • den unausweichlichen Rollentausch, wenn die Mutter zum hilfebedürftigen Kind und die Tochter zur Mutter wird (Kapitel 3),
  • die Schwierigkeit, mit Kränkungen aus der Vergangenheit und Vorwürfen in der Gegenwart fertig zu werden (Kapitel 4),
  • die Erkenntnis, dass man ohne das Organisieren von "Auszeiten" immer ungeduldiger und dünnhäutiger wird und mit den Ängsten und sonstigen absonderlichen Verhaltensweisen der Betroffenen immer schlechter umgehen kann (Kapitel 5),
  • äußere (etwa die stundenweise Betreuung durch einen Zivi) und innere (der Identitätsverlust der Mutter) Veränderungen (Kapitel 6),
  • die gut gemeinten, aber meist völlig unpassenden Ratschläge von Ärzten und Angehörigen, wie die Verwirrte sinnvoll zu beschäftigen sei (Kapitel 7),
  • Diebstahlsbezichtigungen und die symbolische Bedeutung von Geld und anderen Dingen bzw. Tätigkeiten für die verwirrte Mutter (Kapitel 8),
  • die Unruhe und Rastlosigkeit der Verwirrten und das Bedürfnis der Pflegenden nach Ruhe und der Möglichkeit, sich wieder einmal um sich selber und die eigenen Wünsche zu kümmern (Kapitel 9)
  • die Erkenntnis, dass die Tochter es nicht mehr alleine schaffen kann und die Mutter deshalb in einem Heim besser untergebracht ist (Epilog).

Im zweiten Teil wird in 6 Kapiteln beschrieben, wie man respekt- und würdebewahrend mit verwirrten alten Menschen umgehen kann, auch, wenn sie sich noch so nervtötend verhalten. Die Autorin basiert ihre Ausführungen auf dem Konzept der Validation von Naomi Feil und begründet den Zustand der Verwirrung identitätspsychologisch mit den von Erikson beschriebenen Lebensphasen.

Es wird

  • gezeigt, wie nötig es ist, Verständnis und Geduld für sich und den verwirrten Menschen aufzubringen (Kapitel 1),
  • behauptet, Verwirrung werde durch nicht bewältigte Lernaufgaben in den jeweiligen, von Erik Erikson postulierten Phasen des menschlichen Lebens verursacht (Kapitel 2),
  • dargestellt, dass Verwirrtheit oftmals dazu führt, dass die Betroffenen sich an Verdrängtem, Unerledigtem und allen im Laufe des Lebens erlittenen Verlusten und Niederlagen abarbeiten (Kapitel 3),
  • veranschaulicht, dass und warum verwirrte Menschen in ihre Vergangenheit "emigrieren" und man deshalb auf ihre Welt(wahrnehmung) und ihre Gefühle eingehen sollte (Kapitel 4),
  • vorgeführt, wie man die Gefühle hinter absurd oder schlicht falsch scheinenden Äußerungen erkennen und angemessen auf sie eingehen kann (Kapitel 5),
  • vorgeschlagen, wie man mit irrealen Aussagen Verwirrter umgehen sollte (Kapitel 6).

Im dritten Teil schließlich wird in vier Kapiteln erklärt, wie man Alltag und Lebensbedingungen so gestalten kann, dass sie für die Betroffenen möglichst wenig verwirrend sind. Die Autorin gibt Anregungen für

  • zeitliche, räumliche, personale und situative Orientierungshilfen (Kapitel 1),
  • den psychosozialen Umgang mit Betroffenen, die auf den "Aktivitäten und existentiellen Erfahrungen des täglichen Lebens" (AEDLs) von Krohwinkel basieren (Kapitel 2),
  • den Umgang mit besonders problematischen Situationen (Kapitel 3),
  • die Selbstpflege der Pflegenden (Kapitel 4).

In einem Anhang schließlich finden sich Literaturhinweise sowie Adressen regionaler Beratungszentren und Selbsthilfegruppen.

Diskussion

Die vermittelten Inhalte sind keinesfalls neu und dürften Pflegeprofis eigentlich hinlänglich bekannt sein - weswegen ich das Buch auch eher pflegenden Angehörigen ans Herz legen würde. Obwohl ich mit den meisten Tipps einverstanden bin, halte ich einige Details für zu vage (Wie genau setze ich dem Betroffenen Grenzen? Wie beschäftige ich männliche Betroffene sinnvoll und ihren früheren Interessen entsprechend?), andere für nicht ganz zutreffend (lautes Sprechen hilft bei Altersschwerhörigkeit nur bedingt, wirkt aber auf der nonverbalen Ebene schnell aggressiv und Furcht einflößend) oder gar gefährlich (Dass der Mensch im Alter etwa 30 Prozent weniger Kalorien benötigt, stimmt gerade für unruhige, viel umherlaufende und also körperlich aktive Verwirrte nicht: Sie benötigen bis zu doppelt so viel Kalorien wie andere alte Menschen, die sich wenig bewegen!).

Der gleichermaßen narrative wie essayistische Stil ist zwar zudem ästhetisch ansprechend, führt aber dazu, dass die Gliederungsprinzipien (mir jedenfalls) unklar bleiben und Vermutungen und Überlegungen nur ungenügend von gesichertem Wissen abgegrenzt werden.

Fazit

Die große Stärke des Mutbuches ist es, die Facetten der Befindlichkeiten und Gefühlsstürme pflegender Angehöriger in aller Deutlichkeit zu benennen und die alltägliche Verzweiflung, Ratlosigkeit und Erschöpfung nicht zu beschönigen. Fundamental neu ist darüber hinaus der Versuch, die Perspektive der Betroffenen nicht außer Acht zu lassen und sich in ihre Gefühle und Gedanken hineinzuversetzen. Ob der Autorin das gelungen ist, muss jede/r selber entscheiden. Ich persönlich empfinde die der Mutter in den Mund gelegten Worte hier und da als sehr (aus Lehrbuchwissen) konstruiert, und vor allem als zu rational oder reflektiert: Könnten verwirrte Menschen so denken, hätten wir nicht so große Probleme, sie und ihre Gefühle zu verstehen und uns mit ihnen zu verständigen. Aber immerhin machen sie nicht nur nachdenklich, sondern sie rühren auch an...


Rezensentin
Dr. Svenja Sachweh
Homepage www.talkcare.de
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Zitiervorschlag
Svenja Sachweh. Rezension vom 02.12.2003 zu: Daniela Flemming: Mutbuch für pflegende Angehörige und professionell Pflegende altersverwirrter Menschen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. ISBN 978-3-407-55881-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1181.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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