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Christian Neuhäuser: Unternehmen als moralische Akteure

Cover Christian Neuhäuser: Unternehmen als moralische Akteure. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2011. 352 Seiten. ISBN 978-3-518-29599-1. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 18,90 sFr.

Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1999.
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Autor

Christian Neuhäuser ist Akademischer Rat am Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum.

Thema

Thema ist die Frage gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen sowie die Frage, inwiefern und wie diese moralisch zur Rechenschaft gezogen werden können. Hintergrund ist die im Zuge der Globalisierung wachsende Macht der Wirtschaft auf Kosten des Einflusses der Politik. Damit gewinnt die Frage von Verantwortung und Moral im Rahmen unternehmerischen Handelns einen neue Stellenwert. Der Autor erforschte daher in seiner philosophischen Dissertation zum Bereich Unternehmensethik, inwieweit Unternehmen moralische Akteure sind oder sein können.

Er beginnt mit der philosophischen Lehrmeinung, dass Unternehmen im Gegensatz Menschen nicht über Moral verfügen würden, kommt aber zu der Schlussfolgerung dass Unternehmen durchaus verantwortungsfähige Akteure sind, weil sie alles haben, was man dazu braucht, vor allem intentionales Handeln, also zielgerichtetes, planvolles Agieren.

Aufbau und Inhalt

In der Arbeit geht es um die grundsätzliche Frage, ob Unternehmen Akteure sind, und wenn ja, ob sie verantwortliche Akteure sind.

Eine grundgelegte These ist, dass Unternehmen verantwortliche Akteure sind, die zweite geht davon aus, dass sie Pflichten haben, die sich aus der Menschenwürde und den Menschenrechten ergeben und die ihre praktische Verantwortung bestimmen. Diese Thesen bestimmen den Aufbau des Buches, im Teil I geht es demnach um den sozialen Status von Unternehmen, im Teil II um deren praktische Verantwortung. Dies wird anhand von drei Beispielen analysiert,

  1. der Deutschen Bank,
  2. der Automobilindustrie und
  3. der Credit Suisse.

Der Gedankengang, welcher die Diagnose von Unternehmen als verantwortungsvolle Akteure zulässt, ist folgender: Einzelne Akteure, also MitarbeiterInnen, werden als Agenten des korporativen Akteurs, also des Unternehmens aufgefasst, welcher als planender Akteur im Hintergrund steht. (175) Organisationen greifen über ihre MitarbeiterInnen auf die Welt zu. Dies überlastet allerdings MitarbeiterInnen in ihrer Verantwortung strukturell, wenn die Ziele und Pläne der Unternehmen selbst nicht moralisch sind. Daher ist aus ethischer Sicht eine Formulierung von Unternehmenszielen unter Einbezug moralisch-ethischer Anliegen erforderlich, sowie auch die Schaffung geeigneter Strukturen, etwa Abteilungen oder Posten, die für die Formulierung dieser Ziele oder für die Beobachtung von deren Einhaltung verantwortlich sind. Wenn Unternehmen also Verantwortung übernehmen sollen, „… dann müssen sich ihre Pläne allerdings ändern und ethischen Gesichtspunkten zugänglich werden.“ (181)

Die Verantwortungsfähigkeit von Unternehmen wird hier also über Steuerung durch rechtliche Sanktionen oder wirtschaftliche Anreize hinaus gedacht als selbständig und intrinsisch wahrgenommene Haltung der Organisation. Weiters ist nicht gemeint, dass einzelne MitarbeiterInnen diese Verantwortung übernehmen, sondern dass dies die Organisation insgesamt tut.

Als Motivation für eine derart ethische Formulierung von Unternehmenszielen wird zunächst die Beteiligung der Mitarbeiter und die Androhung strafrechtlicher Verfolgung genannt. Der Markt selbst wird als Rahmen wirtschaftlichen Handelns nicht in Frage gestellt, ist aber nicht in der Lage, die Menschenwürde zu gewährleisten. Staatliche Regulierungen werden diesbezüglich natürlich als notwendig gesehen, sie alleine überfordern allerdings Staaten.

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Annahme einer moralischen Verantwortungsfähigkeit nicht bedeutet, dass diese alleine schon ausreiche, um das gewünschte moralkonforme Verhalten zu erreichen. Dennoch sollte ihm zufolge „die Macht angemessener moralischer Vorwürfe und Verantwortungszuschreibungen nicht unterschätzt werden.“ (297) Weiters werden intelligente Institutionen, staatliche Ordnungspolitik und Kaufentscheidungen von KonsumentInnen genannt.

Insgesamt kommt hier dann doch wieder – m.E. völlig zu Recht – der Steuerung von außen eine große Rolle zu.

Diskussion

Dass ethisches Handeln von Unternehmen im theoretischen Ansatz nicht allein deren MitarbeiterInnen überlassen wird, ist sinnvoll und auch auf Basis der Organisationssoziologie berechtigt (wenngleich nicht neu). Dass die Arbeit mit ihren Schlussfolgerungen die Verantwortung von Organisationen hervorhebt, ist es ebenfalls. Dass alleine durch diesen Ansatz auch eine ethische Verantwortungsübernahme von Unternehmen erfolgt, ist wohl mehr Hoffnung als Realität.

So nennt der Autor beispielsweise als weitere Möglichkeit der Förderung ethischen Verhaltens den klugen Aufbau von politischen Institutionen – entlang der Dynamik von Institutionenethik und Individualethik. Dabei wird wieder auf grundsätzlich ethisches Verhalten der Unternehmen gehofft: „Insofern Unternehmen politische Institutionen sind, die nicht nur am Markt agieren, sondern im politischen System, im Rechtssystem, in der Zivilgesellschaft aktiv sind und sogar über das Fernsehen mit Familienstrukturen in Kontakt stehen, können sie einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau geeigneter Institutionen beitragen.“ (299) Wozu die Einflussnahme auf die genannten Institutionen in der Praxis führt, zeigen u.a. profitorientierte Medien, eine dominant wirtschaftsorientierte Standortpolitik, den Manipulationsversuchen der Werbung ausgesetzte Familien etc.

Es wird also überzeugend argumentiert, warum Unternehmen für unethisches Handeln zur Rechenschaft gezogen werden sollen, weniger aber, wie es gelingen soll, dass diese ihre Pläne ethischen Gesichtspunkten zugänglich machen. Die soziologische (System-)Theorie wie auch die Praxis von Wirtschaftsunternehmen zeigen deutlich, dass diese in ihren Entscheidungen an Geld, bzw. wirtschaftlichem Erfolg orientiert sind. Eine konsequentere Zuschreibung von Verantwortung – die dieses Buch ja sehr deutlich argumentiert – kann (bzw. muss) demnach aber zu konsequenteren Gestaltungen von Rahmenbedingungen führen, welche es für gewinnorientierte Unternehmen rational machen, sich an ethischen Zielen zu orientieren. Solange die Zuschreibung einer ethischen Verantwortung normativ bleibt, wird ihre Realisierung wie bislang nur rühmlichen Einzelfällen im Rahmen von CSR vorbehalten bleiben.

Fazit

Das Buch ist ein Beispiel für eine gut aufgebaute, sauber gearbeitete, kreative und gut recherchierte Dissertation. Es bietet daher einen guten Überblick über Literatur im weitesten Zusammenhang mit Unternehmensethik, sowie gute Beispiele und eine klare Argumentation. Leicht lesbar – insbesondere vermutlich für ManagerInnen, also den EntscheidungsträgerInnen in Unternehmen – ist es nicht, aber das ist ja nicht der Anspruch einer solchen Arbeit.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 26.08.2011 zu: Christian Neuhäuser: Unternehmen als moralische Akteure. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2011. ISBN 978-3-518-29599-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11813.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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