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Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung

Cover Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 690 Seiten. ISBN 978-3-531-16998-9. 49,95 EUR.
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Zurzeit sind in der Fachwelt die Begriffe Resilienz und Resilienzförderung in aller Munde. Das umfangreiche Handbuch versucht dazu eine umfassende Orientierung zu geben.

Aufbau und Inhalt

Im 1. Teil kommen namhafte Autorinnen und Autoren des angelsächsischen Raumes zu Wort.

Ein mittlerer Teil reflektiert die grundsätzlichen Chancen, Hindernisse und Grenzen des Konzepts, fragt aber auch nach dem gesellschaftlichen Kontext, in welchem dieser neue Ansatz wirken soll.

  • Was bedeutet hier ein Perspektivenwechsel hin zu den Stärken von Kindern und Jugendlichen?
  • Wem kann überhaupt geholfen werden?
  • Welche sozialen Schieflagen, ja Hindernisse bleiben bestehen?
  • Was bedeutet es, jemanden zu ‚stärken‘ in einer Gesellschaft, die längst mehrheitlich auf die ‚Starken‘ und die Privilegierten setzt?

Ein umfangreicher Praxisteil (Teil 3) dokumentiert dann die Vielfalt der auf verschiedensten Feldern bisher verfolgten Ansätze, gibt Anregungen für die alltägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und versucht das spezifisch Neuartige von Resilienzförderung herauszustellen. Aus der Fülle der Anregungen und Erkenntnisse können hier nur einige wenige Aspekte beleuchtet werden.

Resilienz als die Fähigkeit, starke seelische Belastungen, ungewöhnliche Entwicklungsrisiken, auch erlebte Traumata ‚unbeschadeter‘ zu bewältigen als zu erwarten wäre – das ist die vielleicht knappste Definition dieses Begriffs. Werner stellt in ihrem Beitrag klar, dass Resilienz nicht einfach ein Charaktermerkmal, sondern vielmehr das Endprodukt von Pufferungsprozessen darstellt – ursprünglich verstand diese Pionierin nämlich Resilienz zu vereinfacht als festes (Charakter)Merkmal und sprach von unverwundbaren Kindern. Heute ist klar: die Prozessperspektive muss bei allen Untersuchungen immer im Zentrum stehen. Ergänzend legt sie in einer Folgestudie dar, dass die Eröffnung von neuen Chancen in der dritten und vierten Lebensdekade nachhaltige positive Veränderungen, z.B. bei Teenager-Müttern oder straffälligen Jungen bewirkte.

Allerdings weisen verschiedene Beiträge (z.B. Ungar) zu Recht wiederholt darauf hin, dass Resilienz immer kulturgebunden, gesellschaftskritisch und kontextspezifisch betrachtet werden muss. So kann so genannt unerwünschtes Verhalten oder Gefährdung etwa aus der Sicht eines Strassenkindes durchaus eine resiliente Überlebensstrategie darstellen. Ebenso wird der Begriff der Anpassung von mehreren Autoren kritisch beleuchtet – und hinterfragt: Anpassung wohin, wozu, wann ist Anpassung sogar schädlich für das Individuum? Und ebenso bedeutsam: Ohne eine Unterstützung von aussen (Bezugspersonen, Lehrkräfte usw.) ist Resilienz – als rein personale Fähigkeit – nicht möglich: auch dies stellen verschiedene AutorInnen unmissverständlich klar. Und schliesslich gibt es auch Lebensumstände, unter denen kein Kind gedeihen kann.

Fingerle betont u.a. in seinem Beitrag, dass nicht nur das Vorhandensein von Schutzfaktoren und Ressourcen von Bedeutung sei, sondern ob sie auch in Sinne bestimmter Zielsetzungen sozusagen als Bewältigungskapital genutzt werden können: ohne zusätzliche soziale Ressourcen verpuffen vielfach vorhandene Ressourcen. Damit wird einmal mehr der interaktionale Aspekt von Resilienzprozessen betont: ohne der Rückgriff auf ein soziales Netzwerk nützen vorhandene Schutzfaktoren wenig.

Von Freyberg kritisiert das Resilienzkonzept grundlegend und weist auf – tatsächlich vorhandene – Gefahren und den möglichen Missbrauch hin. Zwei Stichworte dazu: Resilienz als Erlösungskonzept und die politische Funktionalisierbarkeit der Idee. Beides bedenkenswerte Stichworte angesichts zunehmender neoliberaler Tendenzen, auch im Sozial- und Bildungsbereich.

Zander zeigt in ihrem Beitrag u.a., wie massiv Armut die altersspezifischen Entwicklungsaufgaben und das Wohlbefinden beeinträchtigen. Spannend hier, dass nicht in erster Linie die materielle Notlage der Familie, sondern die damit verbundenen psychosozialen Belastungen (z.B. Diskriminierung usw.) für die Kinder das eigentliche Problem darstellen.

Im Beitrag von Richter-Kornweitz werden erste Erkenntnisse zu geschlechts- und altersspezifischen Schutzfaktoren aufgeführt. Zwei wichtige Aussagen daraus: ein nicht-geschlechtsstereotypisches Verhalten erweist sich als Schutzfaktor und resilienzfördernd und Frauen mobilisieren mehr soziale Unterstützung als Männer!

Weiss betont die Bedeutung einer Halt gebenden, signifikanten Bezugsperson in Kindergärten oder Schulen, insbesondere für belastete Kinder: hier bestätigt die Bindungsforschung entsprechende Ergebnisse. Zu Möglichkeiten und Grenzen von Präventionsprogrammen für die Förderung von seelischer Gesundheit und Resilienz in Kindertagesstätten bieten Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff einen Überblick. Der Aufsatz zur Resilienzförderung als schulische Aufgabe von Göppel sei allen Lehrpersonen und BildungspolitikerInnen wärmstens zu empfehlen: die Schule kann nämlich Schutz- wie Risikofaktor («Glückskiller») für Kinder sein. Er skizziert schliesslich wichtige Forderungen an eine humane, kindgerechte Schule.

Spannend wäre es, aus der Biographieforschung weitere Erkenntnisse zu Resilienzprozessen zu gewinnen: die Herausgeberin verweist dazu kurz – als Beispiel – auf Albert Camus hin. Das scheint in der Forschung – und in der Transformation – noch eine Lücke darzustellen, wäre aber ausserordentlich spannend und erkenntnisreich. Müller nennt das treffend die «vertiefende qualitative Rekonstruktion von Einzelfällen».

Fazit

Das Buch ist allen Interessierten wärmstens zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Jürg Frick
emeritiert, Pädagogische Hochschule Zürich
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Zitiervorschlag
Jürg Frick. Rezension vom 12.07.2011 zu: Margherita Zander (Hrsg.): Handbuch Resilienzförderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-16998-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11818.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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