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Helena Kanyar Becker (Hrsg.): Vergessene Frauen

Cover Helena Kanyar Becker (Hrsg.): Vergessene Frauen. Humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik 1917 - 1948. Schwabe Verlag (Basel) 2010. 282 Seiten. ISBN 978-3-7965-2695-4. D: 40,60 EUR, A: 42,00 EUR, CH: 58,00 sFr.

Reihe: Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft - Band 182.
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Thema

Sie engagierten sich freiwillig für Flüchtlinge und Kinder während der beiden Weltkriege und in den 1920er und 30er Jahre, wirkten in der Schweiz, in Spanien während des dortigen Bürgerkriegs, in der „zone libre“ im okkupierten Frankreich und im zerstörten Nachkriegseuropa. Die Rede ist von den Protagonisten der Schweizer „Kinderhilfe“, Frauenrechtlerinnen, Sozialdemokratinnen oder politisch neutral denkende Lehrerinnen, Krankenschwestern, Akademikerinnen und Bürgersfrauen, deren Leben und Werk – um es vor dem vergessen zu bewahren – in dem vorliegenden Buch in Einzelportraits vorgestellt wird.

Herausgeberin

Für die Herausgabe des Sammelbandes zeichnet sich Dr. phil. Helena Kanyar Becker verantwortlich. Für ihre herausragenden und von der Öffentlichkeit viel beachteten Arbeiten und Ausstellungen über die schweizerische Flüchtlingspolitik und die humanitäre Schweiz wurde sie 2010 mit dem Wissenschaftspreis der Stadt Basel ausgezeichnet.

Helena Kanyar Becker studierte in Prag Geschichte, Literaturwissenschaft und Bohemistik. Nach ihrer Emigration in die Schweiz im Jahre 1969 schloss sie in Zürich ein zweites Studium der Slavistik, der Allgemeinen und der Osteuropa-Geschichte sowie der Kunstgeschichte mit der Promotion ab. Neben ihrer Berufstätigkeit als Fachreferentin an der Universitätsbibliothek Basel griff die Herausgeberin durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Publikationen, Zeitungsartikeln, Vorträgen und Ausstellungen wichtige Themen der neueren Schweizer Geschichte sowie der Politik und Kultur Mitteleuropas auf und machte sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Mit hohem persönlichen Einsatz wandte sie sich dabei einer anderen, weniger beachteten Schweiz zugewandt: der Behandlung von Fremden und Flüchtlingen sowie dem humanitären Einsatz und Wirken unbekannter Schweizer und Schweizerinnen. In ihren Forschungen konnte sie so auch für die schweizerische Historiographie wichtige Quellenbestände sammeln und sichern, unter anderem Dokumente und Selbstzeugnisse von Schweizer Helferinnen und Helfern in französischen Internierungslagern und Kinderheimen während des Zweiten Weltkrieges.

Entstehungshintergrund

„Vergessene Frauen“ erscheint als Band 182 der Schriftenreihe „Baseler Beiträge zur Geschichtswissenschaft“. Gedruckt wurde das Buch mit finanzieller Unterstützung der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung Zürich, der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft Basel, der Georges und Jenny Bloch-Stiftung Rüschlikon, der Leonardo-Stiftung Basel und der Stiftung Irène Bollag-Herzheimer Basel.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Prof. Dr. Georg Kreis (S. 9) und einer Einleitung der Herausgeberin (S. 11-17) enthält das Buch die folgenden 13 Beiträge:

  • Helena Kanyar Becker: Pionierin der Kinderzüge, Mathilde Paravicini (S. 18-40)
  • Nicole Weil: Sozialdemokratin und Organisatorin, Regina Kägi-Fuchsmann (S. 41-61)
  • Ildikó Kovács: Bürgersfrau, Historikerin und Flüchtlingshelferin, Nettie Sutro (S. 62-75)
  • Aurel Waeber: Kämpferin für Gerechtigkeit, Georgine Gerhard (S. 76-94)
  • Michael Puéchavy: L´expérience de la guerre civile espagnole, Ruth von Wild (S. 95-104)
  • Helena Kanyar Becker: Gründerin der Maternité Suisse, Elisabeth Eidenbenz (S. 105-129)
  • Therese Schmid-Ackeret: Engagement für Verfolgte und Leidende, Elsbeth Kasser (S. 130-151)
  • Antonia Schmidlin: Eine der „mutigen, heldenhaften Frauen, zu denen unsere Heimat mit Stolz hinaufblickt“, Rösli Näf (S. 152-170)
  • Michael Puéchavy: Deux femmes héroïques aux portes de la Conféderation suisse, Renée Farny et Germaine Hommel (S. 171-185)
  • Margot Wicki-Schwarzschild: „Ich habe nur getan, was ich tun musste“, Elsa Ruth (S. 186-206)
  • Susanne Businger: „Oft erfasst mich eine solche Wut, dass man diesen Menschen jedes Recht auf Freiheit nimmt“, Friedel Bohny-Reiter (S. 207-228)
  • Helena Kanyar Becker: Frau im Hintergrund, Emma Ott (S. 229-248)
  • Sandra Studer: Illegale Grenzgänge für die Menschlichkeit, Anne-Marie Im Hof-Piguet (S. 249-268)

Neben Hinweisen auf die AutorInnen (S. 269-270) sowie einem Abkürzungsverzeichnis (S. 271) enthält das Buch ein Register (S. 272-282), das zur systematischen Erschließung des Inhalts sehr nützlich ist.

Inhalt

Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes stellen in Einzelportraits die Protagonisten der Schweizer „Kinderhilfe“ vor: Frauenrechtlerinnen, Sozialdemokratinnen oder politisch neutral denkende Lehrerinnen, Krankenschwestern, Akademikerinnen und Bürgersfrauen. Sie engagierten sich freiwillig für Flüchtlinge und Kinder während der beiden Weltkriege und in den 1920er und 30er Jahren, wirkten in der Schweiz, in Spanien während des dortigen Bürgerkriegs, in der „zone libre“ im okkupierten Frankreich und im zerstörten Nachkriegseuropa. Sie setzten sich gemeinsam mit ihren gleichgesinnten Mitarbeitern für die „unschuldigen Opfer“ der politischen Umwälzungen ein. Mit den legendären Kinderzügen holten sie die Emigranten- und kriegsgeschädigten Kinder zur Erholung in die „Friedensinsel Schweiz“.

Die charismatischen Frauen gewannen für ihre humanistische Arbeit die Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten; die von ihnen organisierten Hilfsgüter- und Geldsammlungen waren sehr erfolgreich. Trotz der strengen Direktiven aus Bern, die der eng verstandenen Neutralität der offiziellen Schweizer Politik verpflichtet waren, setzten sie sich für die Rettung der kleinen und erwachsenen jüdischen Flüchtlinge und Häftlinge ein.

Prof. Dr. Georg Kreis, emeritierter Ordinarius für Neuere Allgemeine Geschichte und Schweizer Gesichte an der Universität Basel und Leiter des Europainstituts Basel, hat zu dem Buch ein Vorwort geschrieben, in dem er unter anderem festhält: „Vergessene Frauen? Nicht ganz. Ansonsten gäbe es dieses Buch nicht. Aber dieses von einer Frau initiierte und herausgegebene Buch mit mehrheitlich weiblicher Autor/innenschaft beruht auf einem nicht stark verbreiteten Spezialwissen, das mit dieser dokumentierenden Schrift etwas breiter gestreut werden soll, damit der Grad des kollektiven Wissens etwas näher an den Grad der Verdienste herangerückt wird, die sich diese Frauen mit ihrem Engagement erworben haben“ (S. 9).

Diskussion

Mit dem Untertitel „Humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik 1917-1948“ stellt das von Helena Kanyar Becker herausgegebene Buch in Einzelportraits das Leben und Werk von Frauen vor. Die AutorInnen haben sich hierzu auf Spurensuche begeben und erstaunliche Details ans Tageslicht gefördert. Die einzelnen Lebensgeschichten sind dabei jeweils in die allgemeinen historischen Rahmenbedingungen eingebetet. Dadurch wird besonders deutlich, dass es sich hier nicht einfach nur um „Vergessene Frauen“ handelt, sondern auch um besonders „Mutige Frauen“, weil sie sich zuweilen auch entgegen der offiziellen Schweizer Flüchtlingspolitik engagierten und damit ein erhebliches persönliches Risiko auf sich nahmen. Diese beherzten Frauen wurden daher „Mutter der Ärmsten“ und „Engel von Basel“ (Mathilde Paravicini) oder „Engel“ und „Madonna von Gurs“ (Elsbeth Kasser) genannt, mit Medaillen und Ehrentiteln geehrt und zu Recht zu den „Gerechten unter den Völkern“ in Yad Vashehm gezählt: Friedel Bohny-Reiter, Betli Eidenbenz, Renée Farny, Germaine Hommel, Anne-Marie Im Hof-Piguet, Rösli Näf und Gret Tobler (von den Männern: August Bohny, Maurice Dubois und Sebastian Steiger).

Trotz mancher Repressalie arbeiteten die meisten der Aktivistinnen auch nach Kriegsende in der „Kinderhilfe“ beziehungsweise der „Schweizer Spende“ weiter, entweder von der Schweiz aus (wie Regina Kägi-Fuchsmann, Mathilde Paravicini und Nettie Sutro) oder im Ausland (wie Ruth von Wild, Bethli Eidenbenz oder Elsbeth Kasser). Umso schmerzlicher ist es, dass ihr heilsames Wirken zu Beginn des 21. Jahrhundert kaum noch bekannt ist. Dabei ist die erinnernde Begegnung mit diesen beeindruckenden Frauen – auf die die Schweiz wirklich stolz sein kann – auch heute noch wertvoll, wie sich bei der Lektüre des Buches zeigt. Insofern ist der Veröffentlichung weite Verbreitung zu finden. In jedem Fall sollte das Buch in keiner Schulbibliothek fehlen, ebenso wenig wie in den Ausbildungseinrichtungen der Krankenpflege und anderer sozialer Berufe.

Fazit

Wer sich ein umfassendes Bild über die humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik der Schweiz (1917-1948) verschaffen möchte, wird das von Helena Kanyar Becker herausgegebene Buch „Vergessene Frauen“ ebenso fruchtbringend zur Hand nehmen wie derjenige, der sich für das Leben und Wirken mutiger Frauen interessiert und davon berühren lassen möchte.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 24.10.2011 zu: Helena Kanyar Becker (Hrsg.): Vergessene Frauen. Humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik 1917 - 1948. Schwabe Verlag (Basel) 2010. ISBN 978-3-7965-2695-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11827.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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