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Miriam Rorato: Leben im Problemquartier

Cover Miriam Rorato: Leben im Problemquartier. Zwangs- und Möglichkeitsräume. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 224 Seiten. ISBN 978-3-8309-2429-6. 29,90 EUR.

Reihe: culture [kylty:r] Schweizer Beiträge zur Kulturwissenschaft. - 5.
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Thema

Wenn ein bestimmter Habitus durch ein bestimmtes Habitat erzeugt wird, dann heißt dies nicht zwangsläufig, dass deprivierte Habitate nur einen deprivierten Habitus erzeugen. Vielmehr bedeutet es, dass wir den Raum als strukturelle Bedingung von Verhalten, Einstellungen und Deutungsmustern zur Kenntnis nehmen müssen und dass die Ausgestaltung des Sozialen von der Gestaltung des Raumes und seinen strukturellen Eigenheiten abhängt und vice versa. Der strukturelle Zwang, in einem solchen Quartier zu wohnen bedeutet also auch nicht unbedingt und in jedem Fall, dass es Bewohnerinnen und Bewohner nicht auch gelingt, sich mit dem Quartier nicht nur zu arrangieren, sondern sogar zu identifizieren. Das heißt auch, dass sich in solchen Quartieren andere Verhaltens- und Deutungsmuster, andere Verhaltensregeln und Erwartungen ausbilden, die nicht mehr gelten, wenn man das Quartier verlässt. Es kann möglicherweise auch heißen, dass daraus auch der Umstand erwächst, sich als Bewohner solcher Quartiere als Teil einer res publica zu verstehen, für die man auch verantwortlich ist und die man mit zu gestalten vermag - und die einer ganz anderen Logik von Integration und Ausgrenzung gehorchen.

Autorin

Miriam Rorato hat mit dieser Arbeit an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel promoviert.

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung erläutert die Autorin in jeweils einem Kapitel ihren Untersuchungsgegenstand und ihr methodisches Vorgehen und stellt in einem weiteren Kapitel ihre theoretischen Zugänge dar, bevor sie zum zentralen Teil ihrer Arbeit kommt: zu den Fallanalysen und der Interpretation deren Ergebnisse vor dem Hintergrund der vorgestellten theoretischen Ansätze.

Inhalt

Einleitung

Am Beispiel des Luzerner Viertels Basel-/Bernstein-Quartier will die Autorin die These belegen, dass „Räumlichkeit nicht bloße Randbedingung, sondern Ausgangsbedingung für soziales Handeln ist“ (13). Das Quartier unterlag in den Jahren 2001-2006 einem Quartiersentwicklungsplan mit dem Ziel der Aufwertung des Quartiers. Dieses wird von M. Rorato als Quartier vorgestellt, das Zuweisungsort für Unerwünschtes und Auffangbecken bzw. Zufluchtsort für gesellschaftliche Außenseiter ist und somit auch allen Vorstellungen gerecht wird, die wir als Maßstab an ein solches Problemquartier anlegen und mit entsprechenden Erwartungsmustern belegen. Beides führt zu einer bestimmten Charakterisierung eines Quartiers und seiner Bewohnerschaft, die auch zu devianten Verhaltensmustern führen können.

Kapitel 2: Untersuchungsgegenstand

Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff in den Kultur- und Sozialwissenschaften und über die Forschung zum Verhältnis von Lebensraum und Lebenslauf. Dabei werden die Protagonisten des Raumes zitiert: Durkheim, Simmel, Giddens und Bourdieu. Letzterer ist mit seiner Theorie der sozialen Praxis und seinem Habituskonzept auch bedeutsam für die weiteren Überlegungen.

Ausführlich wird auch die Subjektivität des Raums, die Raumwahrnehmung und die Aneignung von Räumen diskutiert und auch hier werden die wichtigsten Vertreter dieses Ansatzes vorgestellt.

Noch bedeutsamer ist aber, dass sich die Autorin auch mit der Stadt, dem Stadtquartier als einem besonders geprägten und als prägender Raum befasst, bevor sie sich mit dem Verhältnis von Lebensraum und Lebenslauf beschäftigt. Denn das ist die zentrale Ausgangsbedingung für die Entwicklung ihrer Methodologie für die Fallstudien. Auch hier wird der Forschungstand referiert und kritisch eingeschätzt - auch in Blick auf die eigene Fragestellung.

Danach wird das Untersuchungsquartier in einer umfassenden und differenzierten Sozialraumanalyse vorgestellt.

Kapitel 3: Methodisches Vorgehen.

Was bedeutet es, Bewohnerin oder Bewohner eines benachteiligten Quartiers zu sein? Wie nehmen solche Bewohnerinnen und Bewohner das Quartier wahr, wie deuten sie sich selbst im Kontext dieses Quartiers vor dem Hintergrund ihrer Biographie und vor dem Hintergrund ihrer „Wohnkarriere“?

Das sind die Ausgangsfragen für einen biographietheoretischen Zugang, der gleichsam erklären will, wie die eigene Lebensgeschichte im Kontext der jeweiligen sozialen Räume gedeutet wird, erzählt wird und erlebt wird.

Auf der Basis der qualitativen Methode des biographisch-narrativen Interviews - die Methode wird auch etwas erläutert - sollen die Daten erhoben werden. Neun Fälle werden auch analysiert. Diese Analyse fußt auf den Prinzipien eines fallrekonstruktiven Vorgehens nach Rosenthal.

Kapitel 4: Theoretische Zugänge

Die Frage, wie sich eine Bevölkerung in einem sozialen Raum verteilt, ist ja der klassische Gegenstand der Chicagoer Schule, wobei hier nur auf eine Dimension möglicher Verteilung eingegangen wird - auch weil sie relevant ist: der ungleichheitstheoretische Zugang, also das Verhältnis von sozioökonomischen Möglichkeiten und einem damit verbundenen sozialen Status einerseits und dem Wohnstandort andererseits.

Dabei setzt sich die Autorin kritisch mit der Ungleichheitsforschung auseinander, bis hin, dass sie kritisch reflektiert, dass der soziale Raum in der Ungleichheitsforschung erst langsam an Bedeutung zunimmt.

Entscheidend ist aber die Einlassung, dass der soziale Raum in der Soziologie als objektive Struktur erscheint und damit als Ausdruck eines strukturellen Rahmens, der kein anderes Handeln ermöglicht, als das hier denkbare. Dem Zwangsraum Bourdieus setzt die Autorin den Möglichkeitsraum entgegen, der die darin handelnden Akteure in ihren subjektiven Eigenleistungen und ihrem Eigensinn wahrnimmt.

Auch inwieweit der Lebensraum als Erinnerungsraum an ein kollektives Gedächtnis anknüpfen kann, in die die Erinnerungen eingebettet sind, wird als eine zentrale Frage diskutiert.

Kapitel 5: Empirie: die Fallanalysen

In diesem Kapitel werden fünf Fallanalysen vorgestellt, die gleichsam unterschiedliche Aspekte des Verhältnisses von Lebensraum und Biographie beleuchten:

  • Barbara Haldimann: „Ich würde lieber gestern als heute fort von hier“ - Lebensraum als Zwangsraum.
  • Antonio Nuzzo: „Ich fühle mich an diesem Ort wie daheim, weil ich auch alle Leute kenne“ - Lebensraum als Sozialraum.
  • Piotr Bigaj: „Früher habe ich mich geschämt zu sagen, dass ich in die „Kanti“ gehe, und jetzt schäme ich mich irgendwie, dass ich dort wohne“ - vom Lebensraum als Sozialraum zum Lebensraum als Stigma.
  • Ursula Keller „Und mein Großvater ist eben schon in diesem Quartier aufgewachsen und seine Mutter auch schon, über Generationen“ - Lebensraum als Erinnerungsraum.
  • Selma Bader: „Und es ist irgendwie speziell, mit den Gleisen neben dran, mit dem Zug“ - Lebensraum als Lebensstilisierungselement.

Damit sind auch die Dimensionen und Ausprägungen der sozialen Räume als Zwangs- und Möglichkeitsräume benannt und auch die Kategorien, die mit diesen Dimensionen verbunden sind.

Kapitel 6: Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse.

In ihrem letzten Kapitel formuliert Miriam Rorato noch einmal das Ziel ihrer Untersuchung: Es geht um den Sinn, den Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Leben in einem benachteiligten Wohngebiet verbinden. Dieser Sinn ergibt sich aus dem dialektischen Verhältnis von Lebensräumen und der Biographie, die in ihnen verortet ist.

  1. Wie wird der Raum empfunden? Wenn der Lebensraum als benachteiligend empfunden wird, benachteiligt er auch zwangsläufig. Indikatoren sind dabei der durch Ausländer repräsentierte und besetzte Raum und die diskreditierende Sicht von außen.
  2. Wird der Raum als Zwangsraum biographisch verarbeitet? Dies wird virulent in den Bewältigungsstrategien im Alltag, im alltäglichen Miteinander und im alltäglichen Habitus. Solche Alltagsstrategien sind:

    • der Zeitvergleich als Rechtfertigungsgeschichte,
    • die Innensicht als Relativierungsgeschichte,
    • soziale und räumliche Ab- und Ausgrenzungsprozesse.
  3. Wann wird ein sozialer Lebensraum als Möglichkeitsraum wahrgenommen? Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner das Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können, anerkannt sind und Vertrauen in die sozialen Strukturen haben, also sich sozial verorten und vernetzen können.
  4. Oder aber, wenn der benachteiligte Lebensraum als Erinnerungsraum eine Identifikationsbasis bietet, dessen struktureller Rahmen ein kollektives Gedächtnis ist, das alle die teilen, die sich ebenfalls mit diesem Raum biographisch verbunden fühlen.
  5. Oder auch, wenn sich über den sozialen Raum ein besonderer Lebensstil führen und darstellen lässt, der zugleich auch als persönliche Identitätsbasis die Frage beantworten hilft, wer man ist im Verhältnis zu den anderen und wie man gesehen werden will von den anderen.
  6. Wie verbinden sich strukturelle Elemente eines benachteiligten Lebensraumes mit den biographisch geprägten Lebensstilelementen und der Identität, wenn Lebensräume zugleich Zwangs- und Möglichkeitsräume sind? Der Raum wird zugewiesen - strukturell durch den Markt oder aber auch ordnungspolitisch über die Verwaltung - auf alle Fälle wird er als Zwang empfunden. Irgendwann ist die Bewältigung durch Arrangieren eine hilfreiche Strategie, sich den Verhältnissen zu stellen und „das Beste draus zu machen“. Ob es dabei um Kompensation geht oder um Rationalisierung im Sinne der Reduktion kognitiver Dissonanzen, sei dahingestellt.

Im Spiegel der Struktur-Kultur-Debatte versucht die Autorin, das Konzept des Raumes als Struktur und als Kulturraum mit den Lebensgeschichten noch einmal theoretisch zu beleuchten. Die zentrale Frage wird dabei auch aus einer ungleichheitstheoretischen Sichtweise immer bleiben, dass ein benachteiligtes Quartier immer auch ein benachteiligendes Quartier ist - unabhängig von der Frage, welche Quartierseffekte dafür verantwortlich sind. Denn die Quartierseffekte sind nur im Lichte der Lebensgeschichte und ihrer jeweiligen Interpretation durch die Akteure virulent. Hier sieht die Autorin weiteren Forschungsbedarf, der in ihrem Ausblick (Kapitel 7) noch einmal dargestellt und begründet wird.

Diskussion

Aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive wird an Hand von fünf Fallbeispielen der Zusammenhang von Raum, Individuum und Habitus analysiert und begründet, wobei mit dem Habitus die Erzeugung und Reproduktion eines ganz bestimmten Lebensstils verbindet und dessen Repräsentation durch Symbole manifest wird.

Ein solcher Habitus kann nur ein Produkt der sozialräumlichen und kulturellen, aber auch der biographischen Kontexte sein, in denen er gilt und präsentiert wird, die Anderen ihn als solchen wahrnehmen und darauf zu reagieren vermögen.

In dieser Arbeit wird der Versuch erfolgreich unternommen, den Raum als immanenten Bestandteil der Biographie zu begründen und den Habitus als ein Produkt dieser Dialektik von Raum und Biographie zu deuten.

Und es werden weitere Fragen virulent, die sowohl die Stadtsoziologie wie auch die Ungleichheitsforschung nur ganz allmählich entdeckt. Über das, was wir im Kontext der Segregationsforschung bereits auf der strukturellen Ebene wissen, wird hier auf der Handlungsebene noch einmal ganz anders diskutiert. Nicht nur in der einfachen Behauptung, dass die Verhältnisse das Verhalten bestimmen, sondern auch, dass dieses Verhalten bestimmt wird durch den Zusammenhang von Struktur- und Raumgeschichte einerseits und Lebensgeschichte andererseits.

Dies wird auch durch die gründliche und ausführliche Darstellung und Diskussion der Fälle untermauert.

Fazit

Das Buch bereichert die theoretische und methodologische Diskussion in der Stadtforschung und ist ein Gewinn für weitere Fragestellungen in der Stadtsoziologie.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 12.09.2011 zu: Miriam Rorato: Leben im Problemquartier. Zwangs- und Möglichkeitsräume. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2429-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11830.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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