Isolde Charim, Gertrud Auer Borea (Hrsg.): Lebensmodell Diaspora
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 07.05.2012
Isolde Charim, Gertrud Auer Borea (Hrsg.): Lebensmodell Diaspora. Über moderne Nomaden. transcript (Bielefeld) 2011. 400 Seiten. ISBN 978-3-8376-1872-3. 29,80 EUR.CH: 41,50 sFr.
Reihe: Kultur und soziale Praxis.
Unsere Gesellschaft funktioniert nach dem Modell der Spaltung und nicht (mehr) nach dem der Identität
Wenn von „Diasporisierung der Gesellschaft“ gesprochen wird und von „hybriden Welten“ die Rede ist (Elka Tschernokoshewa, Ines Keller, Hrsg., Dialogische Begegnungen. Minderheiten – Mehrheiten aus hybridologischer Sicht, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11502.php), geht es um einen Paradigmenwechsel in den bisherigen Auffassungen und Konzepten der Weltanschauung und der Weltbilder; es geht um die Frage, wie sich Menschen in ihren Gemeinschaften definieren, wie sich „Eingeborene“ gegenüber „Zugewanderten“ verhalten, empathisch oder abweisend, dazugehörig oder absent. In der Menschheitsgeschichte hat es immer unterschiedliche Reaktionen gegeben, wie Zuwanderung von Minderheiten in Mehrheitsgesellschaften geregelt wird; selten freilich stand dabei die Einsicht im Fokus, dass der Mensch als homo migrans (Friedhelm Vahsen, Rezension vom 22.04.2003 zu: Klaus J. Bade, Rainer Münz (Hrsg.): Migrationsreport 2002. Frankfurt/M., 2002, www.socialnet.de/rezensionen/367.php) Mobilität gewissermaßen natürlich verkörpert. Die Forderungen nach „Leitkultur“ und „Assimilation“ und die ethnozentrierten Vorstellungen von „Integration“ tragen dazu bei, dass in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierter entwickelnden (Einen?) Welt die Abwehrhaltungen gegenüber Einwanderer immer rigider werden; es sei denn, sie werden als „Gastarbeiter“ zur Wahrung und Vermehrung des eigenen Wohlstandes benötigt. Aber selbst dann tun sich Mehrheitsgesellschaften schwer damit, wenn Minderheiten ihre eigenen Identitäten entwickeln, bewahren und leben wollen (vgl. dazu: Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12676.php). Es gibt so viele Schlüssel zu den Schlössern, um die „richtigen“ Türen hin zu einer humanen Migrationspolitik zu öfffnen (vgl. dazu auch: Jens Wassenhoven, Europäisierung deutscher Migrationspolitik. Policy-Wandel durch Advocacy-Koalitionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11890.php), und Ideen für eine humanistische Sozialtheorie in der globalisierten Moderne liegen zur Diskussion bereit (Oliver Kozlarek, Moderne als Weltbewusstsein, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12558.php); denn um Fremdes zu erkennen und Beziehungen zum Anderen aufbauen zu können, bedarf es, das wird im Diskurs um ein friedliches, gerechtes und humanes Leben der Menschen in EINER WELT immer wieder betont, der Selbst(er)kenntnis (Judith Schildt, Konkreter Perspektivismus. Selbstverhältnisse, Beziehungen zum Anderen und die Frage nach dem Verstehen im interkulturellen Kontext, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12021.php). Zuwanderer, ob als Arbeitsmigrant, als Flüchtling oder als Auswanderer werden im Mehrheitenkontext nicht selten als Menschen betrachtet, die ankommen, aber bald wieder weg- oder weiter ziehen, oder abgeschoben werden. Das Bild von der nomadischen Mobilität ist, im wissenschaftlichen Diskurs wie in den Alltagseinstellungen, äußerst ambivalent und reicht von Freiheitsvorstellungen bis hin zu Zuschreibungen, dass Nomaden die Vorreiter der Globalisierung seien (vgl. dazu: Jörg Gertel / Sandra Calkins, Hg., Nomaden in unserer Welt. Die Vorreiter der Globalisierung: Von Mobilität und Handel, Herrschaft und Widerstand, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12663.php).
Entstehungshintergrund und Autorenteam
Das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog in Wien gilt als „ein europäischer Ort des Denkens“. Die 1991 gegründete Einrichtung veranstaltet seit 2007 eine Vortrags- und Diskussionsreihe, die sich interdisziplinär mit der Thematik „Diaspora: Erkundungen eines Lebensmodells“ auseinandersetzt. Dabei wird der Begriff „Diaspora“ nicht in der historischen Bedeutung von Leid, Vertreibung und Zerstreuung von Völkern verstanden, sondern positiv umgedeutet als „reicher Erfahrungsschatz“.
Die Herausgeberinnen, die Philosophin, Publizistin und wissenschaftliche Kuratorin am Bruno-Kreisky-Forum, Isolde Charim und die Kulturwissenschaftlerin und Generalsekretärin des Forums, Gertraud Auer Borea d?Olmo, legen mit dem Sammelband die Ergebnisse des jahrelangen Diskussionsprozesses zur Thematik „Diaspora“ vor. Sie wollen damit den öffentlichen Nachdenkprozess über globale Mobilität befördern.
Aufbau und Inhalt
Die Herausgeberinnen gliedern das Buch in sechs Kapitel:
- „Veränderung der Nation: Diaspora als transnationales Projekt“
- „Veränderung der Metropole: Unvollendete Entkolonisierung“
- „Veränderung Europas: Leben in der Diaspora / Was tun? Gegenstrategien“
- „Ästhetisches Exil“
- „Was heißt ‚Wir‘ sagen? Judentum, Israel, Palästina“
- „Experimente: Kreative Anwendung des Begriffs Diaspora“.
Im ersten Kapitel setzt sich der Sozialwissenschaftler am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Rainer Bauböck, damit auseinander, wie sich Diaspora als politische Mobilisierung bei transstaatlichen Identitäten darstellt und wirkt: „Diaspora und transnationale Demokratie“. Die verschiedenen Varianten von diasporischen Lebenswegen erfordern eine politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung und Lösungswege; der Autor sieht im „Stakeholder-Prinzip der demokratischen Zugehörigkeit“ einen Ausweg aus den Dilemmata, was bedeutet, dass „in einer selbstregierenden Gemeinschaft ( ) alle jene als Mitglieder anerkannt werden (müssen), deren Lebensumstände ihre persönliche Zukunft mit der Zukunft des Gemeinwesens verknüpfen“.
Benedict Anderson, em. Prof. für International Studies an der New Yorker Cornell-University, diskutiert „Mutationen des Nationalismus“ als Folge der sozialen, politischen und kulturellen Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Seine Blickrichtung ist dabei die USA und die sich entwickelnden diasporischen Verhältnisse und Veränderungsprozesse bei der Identitätsbildung bei Minderheiten. An mehreren Beispielen zeigt er auf, dass „Identitätsbildung in der Diaspora ( ) auch davon bestimmt (wird), wie man von den anderen genannt wird“; das kann zu einen durch das eigene Distanzgebaren zur ehemaligen Heimat befördert werden, zum anderen aber auch durch Beeinflussungen und Manipulationen, die sich als „ferne Nationalismen“ darstellen.
Die Soziologin an der Columbia-University, Saskia Sassen, sieht mit ihrem Beitrag „Im Schatten der Master-Kategorien“ im Zusammenhang von Diaspora und Bindung eine Erklärungsmöglichkeit für eine „diasporische Existenz“. Weil Begriffe und Beschreibungen über gesellschaftliche und politische Zustände sich ändern, Nähe und Distanzen zwischen Bürgern, Staat und Institutionen variieren, kommen Verschiebungen zustande, die einerseits den „Staatsbürger (erzeugen), der nur zu einem Teil im Nationalen zuhause ist, und (andererseits) dem Staat, der auch nur teilweise im Nationalen beheimatet ist“. Das Paradox des Nationalen wird im Recht wie in den alltäglichen Lebensverhältnissen der Menschen in der Diaspora deutlich.
Der Kulturwissenschaftler von der Harward Universität Homi K. Bhabha entdeckt, auch bezogen auf seine indische Herkunft einer zoroastrischen Minderheit, dass „meine ‚ganze‘ Identität immer nur die Summe ihrer Einzelteile sein würde“. Er diskutiert die Zusammenhänge, wie sie sich zwischen „Globalisierung und Ambivalenz“ im Leben von Migrantinnen und Migranten darstellen und verdeutlicht, dass globale Ambivalenz keinesfalls zu politischer Passivität oder philosophischer Entscheidungsunfähigkeit führen dürfe: „Ambivalenz fördert ein gesundes und produktives ‚Zweifeln‘, mit dessen Hilfe die Widersprüche des globalen Kapitalismus hinterfragt werden können, ohne dessen Beitrag zu bestimmten Sektoren der politischen Ökonomie auszublenden“.
Die Literaturwissenschaftlerin an der Columbia University, Gayatri Chakravorty Spivak, fordert in ihrem Vortrag „Diaspora: Außerhalb in der Metropole?“ das Gendern des Konzepts Diaspora ein. Als aus Indien stammende, an einer amerikanischen Universität lehrende Lehrerausbildnerin, stellt sie anhand von verschiedenen literarischen Texten die Frage: „Wie unterrichtet man Demokratie?“, und sie frag-antwortet mit: „Wie Weltklugheit?“, weil sich nämlich, so die Autorin, Universalismus nur durch linguistische, sprachgewandte Vielfalt vermitteln lasse und nicht durch eine List der Übersetzung.
Der Literaturwissenschaftler von der Duke-University in North Carolina, Walter D. Mignolo, thematisiert in seinem Text „Die Erfindung Amerikas“ die Strukturen und Wirkungen im amerikanischen Kontinent, die das koloniale Erbe der europäischen Diaspora verdeutlichen. Er identifiziert dabei die beiden Formen, die imperiale Diaspora, die die Entwicklung des modernen Imperialismus kennzeichnet, mit Eroberungen, Besitznahme, hegemonialer Macht, Kolonisierung und Sklavenhandel, und die Einwanderung von „armen Europäern“, um „Amerika zu machen“. Des Autors Überzeugung, dass im amerikanischen Kontinent, in Nord-, Mittel- und Südamerika, nicht postkoloniales, sondern dekoloniales, kritisches Denken und Handeln notwendig sind und zu erkennen, dass „Kolonialität ( ) die dunkle Seite der westlichen Moderne (ist)“.
Im dritten Kapitel plädiert der Amsterdamer Soziologe Paul Scheffer für „die offene Gesellschaft und ihre Einwanderer“ (vgl. dazu auch: Paul Scheffer, Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt, 2008 www.socialnet.de/rezensionen/7124.php). Dabei vergleicht er die Einwanderungsgeschichten zwischen Amerika und Europa, und zwar nicht als Gegensätze, sondern er zeigt anhand der Integrationsmuster Gemeinsamkeiten und Parallelen auf und rät dazu, nicht Schlagwörter zu benutzen, wie „Immigration ist eine Bereicherung“, sondern genauer hinzuschauen und dafür einzutreten, dass die Menschen, die in einem Land leben, gleiche Rechte und Pflichten haben, Einheimische wie Zugewanderte.
Der Soziologe von der University of Leeds in Großbritannien, Zygmunt Bauman, stellt in seinem Beitrag „Leben in der Diaspora“ fest, dass „in der Diaspora zu leben ( ) gleichbedeutend (ist) mit einem Leben inmitten von Diasporas“ (vgl. dazu auch: Zygmunt Bauman, Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/3402.php sowie: ders., Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6217.php). Er erklärt, dass „der Unterschied zu früheren Migrationswellen ist, dass Migration heute unaufhörlich, systematisch, endemisch und zwangsläufig durch die Logik des Modernisierungsprozesses produziert wird“. Der diasporische Charakter der Migration sei es, dass Zuwanderer Diasporagemeinschaften bilden, in denen die Menschen mehr oder weniger an ihren traditionellen Lebensweisen festhalten und keinen Grund darin sehen, diese zu ändern. Lösungen sind dabei nicht die Forderung nach Assimilation, auch nicht Konzepte einer (angepassten) Integration, sondern, mit Rückgriff auf den Philosophen Hans-Georg Gadamer, eine „Horizontverschmelzung“, die nur mit einem Perspektivenwechsel erreicht werden könne.
Die deutsch-türkische Soziologin und Migrationsforscherin Nermin Abadan-Unat stellt fest: „Migration ohne Ende“. Sie diskutiert die Entwicklungsprozesse „vom Gastarbeiter zum Eurotürken“ und zeigt an typischen Einstellungen und Verhaltensweisen auf, dass „Integration ( ) keine einseitige Verpflichtung (ist). Es ist vielmehr ein zweiseitiges Verhältnis – auch wenn Migranten eine Minorität in der Mehrheitsgesellschaft sind“.
Mit dem Untertitel „Was tun?“ werden Gegenstrategien vorgestellt. Der Autor und Moderator beim WDR, Mark Terkessidis, diskutiert mit seinem Beitrag „Interkultur“ die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft. Er zeigt die unterschiedlichen Begriffsbedeutungen von „Integration“ und „Integrationspolitik“ auf und verweist auf die defizitären Betrachtungen von Integrationsforderungen. Sein Vorschlag: Das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten in einer Einwanderungsgesellschaft als „Interkultur“ zu bezeichnen und damit ein Programm zur Veränderung von Institutionen herbeizuführen. Er illustriert seine Idee mit der Geschichte von der Giraffe und dem Elefanten, die vom afro-amerikanischen Organisationsberater Roosevelt Thomas stammt und verkürzt dargestellt, lautet: Die Giraffe will einen Elefanten zum Kaffee in ihr Giraffenhaus einladen. Der hat erst einmal Schwierigkeiten, durch die schmale, hohe Tür zu gelangen. Zum Glück hat das Haus einen zweiten Flügel, so dass schließlich der Elefant in das Haus kommt. Drinnen verhält sich der Elefant wie in einem Porzellanladen; er stößt Vitrinen, Tische und Stühle um, die Treppe bricht zusammen, ein Chaos entsteht. Die Giraffe ist verzweifelt und sagt zum Elefanten: „Wenn du öfter in mein Haus kommen willst, solltest du unbedingt eine Diät machen, z. B. Ballet tanzen“. Der Elefant entgegnet: „Wenn wir beide zusammen in einem Haus leben wollen, müssen wir es umbauen“.
Der WDR-Redakteur und Reporter Birand Bingül plädiert in seinem Aufruf: „Kämpft, Deutschtürken! Kämpft selbst für bessere Integration, nicht um den Deutschen zu gefallen, sondern zu eurem eigenen Wohl“. Denn die Zuwanderer und ihre Nachkommen der folgenden Generationen sind „gekommen um zu bleiben“. Um dies zu verdeutlichen, bedarf es eines Selbstbewusstseins und die Beendigung, sich in einer „Opferrolle“ zu fühlen. Seine These: „Integration von Ausländern … fordert, ja herausfordert offensiv die Identität der Deutschen“, was bedeutet, dass sich beide Gruppen, die Einheimischen wie die Zugewanderten (und zu Einheimischen gewordenen) darum bemühen müssen, dynamische und wandelbare Identitäten (nicht auf der Grundlage einer Leitkultur!) gemeinsam zu entwickeln.
Die österreichische, an der East Technical University in Ankara lehrende Anthropologin, Sabine Strasser, setzt sich in ihrem Beitrag „Bewegte Zugehörigkeiten“ mit Kreolisierungen bzw. Diasporaformationen auseinander, indem sie mit dem sozialanthropologischen Forschungsfeld „Anthropologie der Globalisierung“ auf Differenzen, Definitionsmächte und Besitzstandkämpfe im österreichischen Wissenschafts- und Forschungsdiskurs verweist und Wege hin zu einer differenzierten Betrachtung und Handhabung aufzeigt: „Vertikale und horizontale Polarisierungen, also Hybridisierungen und Indigenisierungen, sind gleichzeitige Dynamiken der Globalisierung, die sowohl Grenzziehungen zwischen lokalen Bevölkerungen und zugewanderten Minderheiten stärken, als auch transnational ausgerichtete KosmopolitInnen von lokalen Bevölkerungen trennen… und den Abstand zwischen lokalen Einheimischen und transnationalen Eliten … (vergrößern)“.
Die Leiterin eines Stadtteilzentrums in einer Wiener Trabantenstadt und Sozialarbeiterin Renate Schnee informiert über „Migration im Gemeindebau“ („Bassena“). Der „Life“- Bericht vermittelt ein eindrucksvolles Bild davon, dass es sich bei der Organisation, Förderung, Betreuung und Intervention von Regelungen für ein erträgliches und friedliches Zusammenleben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in einer sozialen Wohnsiedlung und im Stadtteil um ein „lebendiges System“ handelt, das nicht (allein) mit technischen und administrativen Maßnahmen funktionsfähig gemacht werden kann, sondern nur durch eine demokratische Kultur wirksam wird.
Der Schriftsteller Ilija Trojanow beginnt das Kapitel „ästhetisches Exil“ mit seiner Reflexion über „Exil als Heimat“, indem er (seine) „literarischen Früchte der Entwurzelung“ formuliert. Seine Nachschau bei Literaten aus der Antike bis in die Neuzeit, die das Exil als Verheißung, als Insel, Wüste, oder als Odyssee beschrieben, Ver- und Entwurzelung erlitten, klingt nach Klage und Karussell: „Der Exilant ist sich jederzeit bewusst, dass das Haus, das er gerade baut, auch anders aussehen könnte“.
Der Soziologe und Islamwissenschaftler Khaled Fouad Allam, seit 2006 italienischer Parlamentarier, spricht über „Symbolische Grenzen“, indem er aufzeigt, wie sich in Europa der Gedanke des Universalismus etabliert und das Bewusstsein gebildet hat, dass nationale, regionale und kontinentale Grenzziehungen, im geografischen wie im übergreifenden Sinn, obsolet geworden sind. Die dabei entstehenden und sich entwickelnden symbolischen Grenzen.
Im fünften Kapitel wird die Frage nach dem „Wir“ sagen gestellt, und zwar von den Positionen des Judentums, Israels und Palästinas. Die Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Instituts für Jüdische Studien der Universität Antwerpen, Vivian Liska, reflektiert Fragen zur Zugehörigkeit und Gemeinschaft des Judentums. Dabei setzt sie sich mit öffentlichen Projektionen vom Verlust des „Wir“ und einer „Wir freien Zeit“ und dem Sieg des „Ich“ auseinander. Mit der Kafka?schen Frage: „Was habe ich mit Juden gemeinsam?“ interpretiert die Autorin das Gewöhnliche und Besondere des Ich- und Gemeinsam-Seins. Wer „Wir“ sagt, verspricht vieles, gleichzeitig aber auch: Wer „Wir“ sagt, verspricht sich.
Der Soziologe von der Universität in Tel Aviv, Natan Sznaider, stellt jüdische Erfahrungen und universale Lehren aus dem „Diaspora-Nationalismus“ dar. In der jüdischen Tradition wird zwischen Exil (galut), als Strafe zum ewigen Wandern verdammt aufgefasst und Diaspora (gola) als Chance, sicher in sich ruhend mit anderen Gemeinschaften zu leben, verstanden. Mit der Zeugenschaft von Hannah Arendt plädiert der Autor dafür, den Diaspora-Begriff im jüdischen Verständnis von der historischen Last zu befreien, „die Gegenwart zu verstehen und für eine bessere Zukunft zu kämpfen“.
Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems im österreichischen Vorarlberg, formuliert zwölf „paradoxe“ Thesen „Warum Israel die Diaspora neu begründet“. Die sicherlich für manche Augen und Ohren provokant vorgetragenen Postulate sind sowohl politisch als auch anthropologisch formuliert und schreien geradezu nach einer Diskussion; wie etwa die elfte These: „Normalität für Israel wird erst dann möglich sein, wenn es den Anspruch aufgibt, ein Projekt für alle Juden und ein Projekt von allen Juden zu sein, wenn es den Anspruch aufgibt, das Judentum zu definieren, wenn es den Anspruch aufgibt, die Erfüllung der jüdischen Geschichte zu sein“.
Der Historiker der New York University, Tony Judt (+ 2010) provoziert mit der Frage; „Ist Israel (noch) gut für die Juden?“. Er diskutiert die seltsame und einzigartige Situation, dass der Staat Israel beansprucht, für alle Juden zu sprechen, und die in der Diaspora lebenden Juden weder Staatsangehörige des Landes sind, noch Mitsprache- und Mitentscheidungsrechte in eben diesem Staat haben. Auf die amerikanischen Juden bezogen, die in den USA längst nicht mehr in einer Diaspora leben, definiert Judt deren Identität wie folgt: „Jude in Amerika zu sein heißt Auschwitz zu erinnern und Israel zu verteidigen“; und damit, so der Autor, beginnt das Problem, weil man am Ende beides verwechselt.
Mit dem „Märchen“ – Anfang „Es war einmal ein Land“ titelt Isolde Charim das Interview, das sie mit dem Präsidenten der Jerusalemer Al-Quds University, Sari Nusseibeh, führte, anlässlich der Vorstellung und Lesung aus seinem Buch „Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina“ (Antje Kunstmann Verlag, München 2008), ein bemerkenswertes Dokument, das Widerstand, Gewalt und Gewaltlosigkeit mit Resignation, vor allem aber Hoffnung verbindet, über alle Ideologie und Hoffnungslosigkeit hinweg.
Der Politikwissenschaftler der Hebrew University in Jerusalem, Bashir Bashir, tritt für einen Versöhnungsprozess zwischen Israeli und Palästinenser ein. In seinem Beitrag „Politik der Versöhnung“ begründet er seine Utopie zum einen mit der empirisch-faktischen Dimension, wonach Araber und Juden im historischen Palästina geografisch, demografisch, ökologisch und ökonomisch untrennbar miteinander verbunden, verstrickt und voneinander abhängig sind, zum anderen mit der demokratischen Dimension, in der es um die Prinzipien der Reziprozität der Selbstbestimmung und der Legitimität geht, und schließlich mit der Dimension der historischen Versöhnung. Das Konstrukt des Bi-Nationalismus, das gleiche gesellschaftliche und politische Rechte für Juden und Araber ermöglicht, wird als Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung angeboten.
Im letzten Kapitel stellt der österreichische Künstler und Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen Überlegungen an, wie Jugend und Gegenkultur in einer diasporischen Situation gedacht und betrachtet werden könnte: „Stray Cats: Streunen, Verabreden, Abhauen“. Dieses Vorhaben bedarf eines anderen als des historischen Vergleichs, nämlich der Nachschau nach den Darstellungsformen und Ausprägungen, wie sich Jugend- und Gegenkulturen heute zeigen; etwa dadurch, wie sich bestimmte ästhetische und pragmatische Vorlieben und Handlungsmuster, etwa Geschwindigkeit / Lautstärke, Nähe / Distanz… parallelisieren und sich in musikalischen Hörgewohnheiten und Alltags- und Freizeitgesten zeigen.
Der Historiker von der Yale-University in New Haven / Connecticut, Timothy Snyder, unternimmt mit seiner Analyse „Diaspora der Erinnerung“ den Versuch, die Massenmorde des 20. Jahrhunderts (1933 – 1945) geschichtlich zu erklären. Dabei filtert er, als Erklärungsansatz, fünf Grundstrategien: Modernisierungsprogramme durch Eroberung – Terror als Disziplinierung – Zerstörung der Aufklärung – „Endlösung“ – Massenvernichtungsprogramm. Die Katastrophe daraus entwickelt sich gewissermaßen „automatisch“, die sich in einer „gleichgültigen Toleranz“ darstellt: „Ich toleriere deine Nationalgeschichte (und dein politisches Handeln, J.S.), weil sie mir egal ist. Und du tolerierst meine Nationalgeschichte, weil sie nur mich berührt“.
Den Abschluss des Sammelbandes bildet ein Interview, das Isolde Charim mit der Leiterin des VinziRast-CortiHauses in Wien, Cecyl Corti, geführt hat. Die private Einrichtung ist Notschlafstelle, Übergangswohnhaus für obdachlose Menschen sowie Wohngemeinschaft für abstinent lebende Alkoholkranke. Im Internet-Auftritt wird die private Einrichtung mit dem Motto dargestellt: „Jeder kann was tun. Wir gehören alle zusammen“. Das Interview wird getitelt als „Heimatlos in der Heimat“. Täglich werden etwa 55 bis 60 Gäste betreut: „Unseren Gästen und Bewohnern begegnen wir mit Respekt. Wir nehmen sie an wie sie sind“. Als Motivation für Cecyl Corti und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann gelten: „Wir sind mitten drin im Leben. In Wien, in der Armut, in der Bedürftigkeit. Auch in der Orientierungslosigkeit. Und wir wollen die Menschen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte holen“.
Fazit
In der sich immer interdependenter, entgrenzender (und durchaus inhuman) sich darstellender und entwickelnder (Einen?) Welt haben Macht und Ohnmacht von Mehrheiten und Minderheiten einen immer bedeutsameren Stellenwert bei der Frage, wie Menschen in diesem gemeinsamen Lebensraum Erde in Würde, mit gleichen und unveräußerlichen Rechten, in Freiheit und Frieden, sozial und human zusammen leben können. Dabei geht es nicht zuletzt darum, Entwicklungen zu stoppen, die zur inhumanen Identitätsbildung führen, wie etwa bei den Minderheitengruppen die Strategien – „Keiner darf herein“ – und bei den Mehrheitsgesellschaften: „Keiner darf herein“.
Mit der Darstellung der Denk-, Diskussionsprozesse und Aktivitäten des „Bruni-Kreisky-Forums für internationalen Dialog“ auf den Gebieten der „geistigen Ölborung“, als „Suche nach mentalen Ressourcen für das Leben moderner Nomaden“, haben die Initiatorinnen eine Zwischenbilanz vorgelegt; denn, so Gertraud Auer Borea in ihrem Vorwort: Die Reihe geht weiter! Man darf also gespannt sein, wie das Nachdenken über das Leben von „modernen Nomaden“, in den Diasporen der (Einen?) Welt, sich weiter entwickelt; denn die „Funktion nationaler Grenzen für die Globalisierung von Wissenschaft und Politik“ (vgl. dazu: Philip Thelen, Vergleich in der Weltgesellschaft, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12557.php) bedarf vielfältiger Aufmerksamkeit und Diskussion.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1767 Rezensionen von Jos Schnurer.





