socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anja Hall: Gleiche Chancen für Frauen und Männer mit Berufsausbildung?

Cover Anja Hall: Gleiche Chancen für Frauen und Männer mit Berufsausbildung? Berufswechsel, unterwertige Erwerbstätigkeit und Niedriglohn in Deutschland. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-7639-1146-2. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Berichte zur beruflichen Bildung.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Veröffentlichung von Anja Hall widmet sich einem in der Berufs- und Arbeitsmarktforschung bislang relativ wenig beachteten Teilbereich, nämlich dem Zusammenhang zwischen Schulbildung, erlerntem Beruf, ausbildungs-unangemessener Erwerbstätigkeit, Niedriglöhnen und Geschlecht. Kern der Studie ist eine repräsentative Telefon-Befragung von Erwerbstätigen im Alter von 18 bis 40 Jahren, die eine schulische oder duale Berufsausbildung abgeschlossen haben. Gefragt wurde u.a., ob Frauen häufiger als Männer von unterwertiger Erwerbstätigkeit und Niedriglohn betroffen sind und ob sie häufiger als Männer den Beruf wechseln.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch beruht auf einer Dissertation am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Es wurde in der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB): „Berichte zur beruflichen Bildung“ im Bertelsmann-Verlag veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

Außer Einleitung, Zusammenfassung und Anhängen enthält das Buch fünf große Kapitel.

  1. Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit;
  2. Forschungsstand zur Ausbildungsinadäquanz;
  3. Theoretische Ansätze zu Geschlecht, Beruf und Ausbildungsinadäqanz;
  4. Datengrundlage, Operationalisierungen und Methoden;
  5. Empirische Befunde zu Ausbildungsinadäquanz und Einkommen.

Für die möglicherweise nicht mit allen Facetten und „Tücken“ der Berufsforschung vertrauten Leserinnen und Leser bietet das Buch einen gut verständlichen, differenzierten und interessanten Einstieg in deren Fragen und Aufgaben, z.B.:

  • Wie wirkt sich die Teilung des Ausbildungssystems in den dualen und den schulischen Bereich auf die Arbeitsmarktstrukturen aus?
  • Was wird statistisch unter dem Begriff „Berufswechsel“ erfasst?
  • Geht es dabei um freiwillige oder unfreiwillige, grundlegende oder nur geringfügige Veränderungen in der Berufstätigkeit von Frauen und Männern?
  • Wodurch sind solche Prozesse bedingt – durch den Arbeitsmarkt und/oder familiäre Konstellationen und/oder persönliche Faktoren?
  • Wie entstehen horizontale Ausbildungsinadäquanz (also das inhaltliche Auseinanderfallen von erlerntem Beruf und ausgeübtem Beruf) und vertikale Ausbildungsinadäqanz (also die mangelnde Übereinstimmung zwischen dem Ausbildungsniveau der Ausbildung und der ausgeübten Tätigkeit)?
  • Was hat das alles mit „Frauenberufen“ und „Männerberufen“ zu tun?

Auch wer sich für methodologische Fragen der empirischen Forschung interessiert – z.B. dafür, wie komplexe theoretische Zusammenhänge präzise operationalisiert und in empirische Erhebungsinstrumentarien umgesetzt und wie die so erhobenen Daten ausgewertet werden können – erhält einen spannenden Einblick in die Forschungspraxis.

Der größte Teil des Buches ist aber der Darstellung der Ergebnisse sowohl der sekundäranalytischen Auswertung schon vorhandener statistischer Daten als auch der eigenen, umfangreichen repräsentativen Erhebung gewidmet. Sowohl im Textteil als auch in den Anhängen finden sich eine Fülle von Tabellen sowie zahlreiche Einzeldaten zu allen Aspekten des untersuchten Themenbereichs. Eine Auswahl der wichtigsten Ergebnisse (vgl. S. 181-189) sagt:

Fast jede/r zweite Erwerbstätige mit Berufsausbildung und im Alter zwischen 18 und 40 Jahren arbeitet zwar in einer anderen Berufsgruppe als der des Ausbildungsberufs, doch besteht zwischen erlerntem und ausgeübtem Beruf überwiegend dennoch eine enge Verwandtschaft. – Frauen arbeiten deutlich häufiger im erlernten Beruf als Männer, d.h. Berufe, für die schulisch qualifiziert wird („Frauenberufe“) werden seltener gewechselt als „Männerberufe“ (z.B. im Metall- oder Elektrobereich). – Vor allem unfreiwillige Berufswechsel führen häufig zu Statusverlust und Einkommenseinbußen. – Etwa 12 % der untersuchten Personengruppe – 15 % der Frauen und 10 % der Männer – sind unterwertig erwerbstätig, was meistens mit deutlichen Einkommenseinbußen verbunden ist. – Das Risiko von Niedriglöhnen ist eng mit bestimmten Berufen verknüpft, und zwar überwiegend mit „Frauenberufen“ im dualen Bereich (Verkäuferinnen, Friseurinnen, Hauswirtschaftsberufe, Berufe im Hotel- und Gaststättengewerbe).

Aus diesen und vielen weiteren Befunden zieht die Autorin den Schluss, dass es weniger die Frage des schulischen oder dualen Ausbildungssystems und/oder die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie seien, als vor allem die Arbeitsmarktmechanismen selber, die schlechtere Berufs- und Einkommenschancen für Frauen hervorbringen. Es gehe aber weniger darum, „Mädchen in Männerberufe“ zu bringen als vielmehr „Mädchen für Zukunftsberufe“ zu gewinnen – das sind Berufe in wachsenden Beschäftigungsfeldern, also in erster Linie im Dienstleistungsbereich. Die Vermittlung „breiter fachlicher Basisqualifikationen“ bringe ein „hohes Flexibilitätspotenzial“ und damit gute Voraussetzungen für adäquate Erwerbstätigkeit mit sich.

Die Rückbindung der empirischen Befunde und der arbeitsmartkpolitischen Konsequenzen daraus an die Frauen- und Geschlechterforschung fällt vergleichsweise kurz und knapp aus. Eine Verknüpfung mit Fragen nach den Wechselwirkungen zwischen Ausbildungssystem und Arbeitsmart auf der einen und wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen und ihren geschlechterpolitischen Implikationen auf der anderen Seite wird nicht vorgenommen.

Diskussion

Die große Stärke des Buches ist die differenzierte und sorgfältige empirische Arbeit und die vorurteilslose Auswertung der Ergebnisse, die in vielen Punkten den gängigen Annahmen zum Thema „Frauendiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt“ widerspricht. Die einfache Gleichung „Schulische Ausbildung (= Frauenberuf) + Vereinbarkeitsproblematik = Benachteiligung von Frauen“ wird nicht bestätigt; vielmehr werden die Leserinnen und Leser herausgefordert, sich intensiv mit den Strukturen und Mechanismen des Arbeitsmarktes auseinander zu setzen. Diese Stärke ist allerdings auch eine gewisse Schwäche des Buches: Die Aufnahme des Gender-Diskurses sowohl in Hinblick auf die Konstruktion von Biografien und Identitäten und die Bedeutung des Berufes für diese Konstruktionsprozesse als auch in Hinblick auf wohlfahrtsstaatliche Geschlechter-Regimes hätte ausführlicher und tiefgründiger ausfallen können. Dennoch ist das Buch eine ausgezeichnete Herausforderung zum genauen Hinsehen und zur Abkehr von vordergründigen Benachteiligungs-Diskursen.

Fazit

Das Buch ist in erster Linie für „fortgeschrittene“ Leserinnen und Leser zu empfehlen, die mit empirischen Methoden und dem Lesen der Ergebnisse empirischer Sozialforschung einigermaßen vertraut sind und sich intensiv und vorurteilsfrei mit einem bislang wenig erhellten Teilbereich der geschlechterorientierten Berufs- und Arbeitsmarktforschung auseinander setzen möchten.


Rezension von
Prof. em. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn
Bis März 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich 1: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Hildegard Mogge-Grotjahn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hildegard Mogge-Grotjahn. Rezension vom 05.12.2011 zu: Anja Hall: Gleiche Chancen für Frauen und Männer mit Berufsausbildung? Berufswechsel, unterwertige Erwerbstätigkeit und Niedriglohn in Deutschland. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-7639-1146-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11839.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung