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Dorothea Krüger (Hrsg.): Genderkompetenz und Schulwelten

Cover Dorothea Krüger (Hrsg.): Genderkompetenz und Schulwelten. Alte Ungleichheiten - neue Hemmnisse. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 260 Seiten. ISBN 978-3-531-17508-9. 29,95 EUR.

Reihe: Kultur und gesellschaftliche Praxis.
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Gender und Bildungsgerechtigkeit

Soll eine demokratisch verfasste, sich sozial und freiheitlich verstehende Gesellschaft funktionieren, bedarf es der Grundlegung, wie sie von den Vereinten Nationen in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 proklamiert wurde: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren…“, und in Artikel 26 mit dem Recht auf Bildung für jeden Menschen zum Ausdruck kommt: „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit … gerichtet sein“. Mit dem Begriff der „Chancengleichheit“, der jedoch mit dem der „Bildungsgerechtigkeit“ an die gesellschaftlichen Wirklichkeiten angepasst und relativiert wurde, haben Generationen von ErziehungswissenschaftlerInnen, SoziologInnen, PhilosophInnen, SozialexpertInnen und PolitikerInnen immer wieder gefordert, dass nicht Herkunft, Vermögen, Macht oder Geschlecht ausschlaggebend dafür sein dürfen, wie individuelle und gesellschaftliche Bildung sich vollzieht. Es sind nach wie vor die Täuschungen und Selbsttäuschungen im pädagogischen Diskurs (Dietrich Hoffmann, Kritische Theorie der Bildung, Hamburg 2006), die Auseinandersetzung mit Macht und Moral (Wolfgang Kersting, Macht und Moral, Paderborn 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/11429.php), der pädagogische Diskurs über die Bedeutung von Individuum und Gesellschaft (Gernot Barth, Das Individuum und die Gesellschaft, Baltmannsweiler 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11176.php), wie sich die Zukunft der transkulturellen Bildung entwickelt (Asit Datta, Harry Noormann, Neville Alexander u.a. , Hrsg., Zukunft der transkulturellen Bildung - Zukunft der Migration, Frankfurt7M., 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9764.php), wie sich Schulen in transkulturellen Lebenswelten darstellen (Kathrin Oester, Ursula Fiechter, Elke-Nicole Kappus, Schulen in transnationalen Lebenswelten, Zürich 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6624.php) und welchen Kontroversen der gesellschaftliche Diskussionsprozess um Bildungsgerechtigkeit unterliegt (Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit. Zum fairen Umgang mit dem Leistungsprinzip, Hamburg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11185.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Die erziehungs- und gesellschaftswissenschaftliche Frage danach, wie in der Institution Schule Geschlechter- und damit auch Bildungsgerechtigkeit hergestellt werden kann, wird auf verschiedenen Ebenen geführt. Es sind zum einen die Auseinandersetzungen um das gerechte Bildungssystem, wie dies spätestens seit den nationalen und internationalen Schulvergleichsuntersuchungen (PISA, u.a.) in den Fokus der deutschen Bildungslandschaft gerückt wurde ( Eberhard Straub, Deutschland Deine Bildung!, Berlin 2008, www.socialnet.de/rezensionen/8681.php). Es ist die (neue) Überzeugung, dass Vielfalt Chancengleichheit ermöglicht ( Marianne Krüger-Potratz, Hrsg., Bei Vielfalt Chancengleichheit. Interkulturelle Pädagogik und durchgängige Sprachbildung, München 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10508.php); es sind die Forderungen, eine „inklusive Schule“ zu entwickeln (Peter Lienhard-Tuggener, Rezeptbuch Schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule, Bern Stuttgart Wien 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11130.php), und es sind die politischen und soziologischen Analysen um genderbezogene Ungleichheiten, die im pädagogischen Diskurs bedeutsam sind.

Die am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim lehrende Soziologin Dorothea Krüger lässt im Sammelband „Genderkompetenzen und Schulwelten“ Praktiker und Theoretiker zu Wort kommen zu Fragen, „wie in Schulen Geschlechterunterscheidungen bzw. ?stereotype und Geschlechterhierarchisierungen produziert und reproduziert werden und … was dagegen getan werden kann“, wie die Berliner Wirtschaftswissenschaftlerin Gertraude Krell in ihrem Vorwort zum Buch formuliert. Es sind die Ergebnisse eines wissenschaftlichen Workshops, der im Juni 2009 in Hildesheim durchgeführt wurde. Der Untertitel der Tagung - „Bewegungen, Ungleichheiten, Hemmnisse“ - verdeutlicht bereits, dass es um eine Bestandsaufnahme der Diskussions- und Forschungsergebnisse in der Genderdebatte im Kontext Schule geht, und um Reflexionen, wie eine gendergerechte Kultur in der Schule implementiert werden kann.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert: Im ersten Teil wird die „Genderdebatte im Kontext Schule“ diskutiert; im zweiten Kapitel geht es um „Akteur_innen in der Institution Schule„; und im dritten Teil wird nach der „Genderkompetenz“ gefragt und es werden „Bau- und Stolpersteine zur Entwicklung einer gendergerechten Kultur“ benannt.

Im ersten Kapitel gibt Dorothea Krüger in ihrem Beitrag „Drei Jahrzehnte Forschung zu `Gender und Schule`“ einen Überblick über den wissenschaftlichen Diskurs, der in den 1980er Jahren mit der frühen feministischen Schulforschung beginnt, sich in den 1990er Jahren fortsetzt mit der Entwicklung von theoretischen und empirischen Konzepten der Forschung, und ab 2000 mit den Aspekten „Jungen, Gender und Diversity“ ausweitet, freilich nicht ohne festzustellen, dass die Diskrepanz zwischen theoretischem (Forschungs-)Wissen und der praktischen Umsetzung in der Schule weiterhin besteht und weiterer Theorie-Praxis-Initiativen bedarf.

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Universität Graz, Ilse Brehmer (em.), formuliert „Aspekte der feministischen Schulforschung“, indem sie Zusammenhänge zur Gleichberechtigung der Geschlechter aufzeigt. Die Autorin verdeutlich besonders, dass im gesellschaftlichen Diskurs ein Perspektivenwechsel notwendig wäre, um die traditionellen, geschlechtsspezifischen Wertvorstellungen zu verändern. Dies aber sollte mit Zielen erreicht werden, die in der familialen, vorschulischen, schulischen und außerschulischen Bildung und Erziehung grundgelegt und ausgeführt werden müssen.

Der Soziologe von der Universität Hildesheim, Michael Corsten, fragt in seinem Beitrag: „Was ist eigentlich aus den katholischen Arbeitertöchtern vom Lande geworden? Mit seinen deskriptiven Vergleichen relativiert er die Metapher, wie sie in den 1960er Aufbruchsjahren postuliert wurde und kommt zu dem Ergebnis, dass „die geschlechtsspezifische Ungleichheit im Bildungswesen nicht allein eine Genderfrage“ ist, sondern milieuspezifische Konstellationen und Mentalitäten als Selektions- und Benachteiligungsaspekte wirken.

Die am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock tätige Heike Kahlert stellt das Konzept „Gender Mainstreaming“ als Beitrag für die Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit in der Schule vor und fordert, dass „die Schule aufgefordert (ist)…, sich in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit in ihren Strukturen, Prozessen und ihrer Kultur zu verändern“, mit anderen Worten: eine grundlegende Runderneuerung durchzuführen.

Die wissenschaftliche Referentin in der Abteilung Familie und Familienpolitik beim Deutschen Jugendinstitut in München, Waltraud Cornelißen, reflektiert „gendergerechte Ansätze in der Schule“ und stellt Forschungsergebnisse vor, wie Möglichkeiten für genderdemokratische Praxis geschaffen werden können: „Die Anerkennung von Heterogenität erfordert im Unterricht eine differenzierte Wahrnehmung von individuellen Lernpotentialen und -schwierigkeiten“.

Im zweiten Kapitel „Akteur_innen in der Institution Schule“ stellt der Erziehungswissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Jürgen Budde, Forschungsergebnisse zu „Heterogenität und Homogenität aus der Perspektive von Lehrkräften“ vor. Dabei zeigt sich, dass Lehrkräfte vielfach in ihren durchaus differenzierten Wahrnehmungen von Geschlechterspezifika stereotype Zuschreibungen internalisieren. Er mahnt gesellschaftliche, institutionelle und fachliche Unterstützung an; denn „der Umgang mit Heterogenität… ist eine Kompetenz, die nicht `quasi natürlich` vorhanden ist oder sich lediglich aus hoher persönlicher Einsatzbereitschaft speist“.

Die österreichische Erziehungswissenschaftlerin und Lehrerin an der bilingualen Gesamtschule Hamburg-Stellingen, Katharina Willems, stellt in ihrer Studie „Lernräume, Geschlechterhierarchien und Fachkulturen“ pädagogische, konzeptionelle und didaktische Zusammenhänge her, indem sie am Beispiel der Fächer Deutsch und Physik aufzeigt, „dass die Fachkulturen gegendert sind, also ein doing gender while doing discipline greift“.

Elke Gramespacher von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen fordert „Schulsport genderkompetent (zu) gestalten“. Sie stellt ein Modell vor, das auf der Grundlage von Diversity-Kompetenz beruht: „Die Akteure eignen sich Genderkompetenz an und sie verändern hierbei ihre persönlichen Einstellungen und als Folge dieses Lernens wandeln sich Organisationsstrukturen und die Organisationskultur im Schulsport hin zur Gendergerechtigkeit“.

Im dritten Kapitel „Genderkompetenz: Bau- und Stolpersteine zur Entwicklung einer gendergerechten Kultur“ formuliert der im Hochschuldienst der Universität Bielefeld tätige Lehrer Uli Boldt Aspekte zur Institutionalisierung gendergerechter Konzepte an bundesdeutschen Schulen. Der lohnende, aber „steinige Weg“ ist erst mit wenigen Schritten (an-)gegangen, weil Veränderungen in den Köpfen notwendig sind.

Die Wiener Schulleiterin und Lehrbeauftragte an der PH Niederösterreich, Heidi Schrodt, gibt einen „Pionierbericht aus Österreich“ über „Entwicklungslinien genderkompetenter Schulprozesse“. Sie schildert anschaulich und nachvollziehbar die dornigen Wege zur Verwirklichung von Gender- und Diversity-Konzepten und informiert über die verschiedenen Gender-Schwerpunkte in der schulischen Arbeit.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück, Nora Schulze und die Erziehungswissenschaftlerin Manuela Westphal stellen das nordrhein-westfälische Modellprojekt „Genderbeauftragte an Schulen“ vor und informieren über das Konzept und die Ergebnisse des Forschungsprojektes.: „Die Ausbildung sogenannter Genderbeauftragte für die Schule zu entwickeln, ist eine sehr innovative und herausfordernde Projektidee, allerdings auch nicht als unproblematisch einzuschätzen, da hier zentrale Aufgaben der Schule bzw. der Lehrer und Lehrerinnen, eben Geschlechterdemokratie in Unterricht und Schule durchzusetzen und für diese einzustehen, an die Ebene der Schüler und Schülerinnen delegiert wird“.

Katharina Schiederig, Diplom-Politologin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und die Politikwissenschaftlerin Dagmar Vinz bringen als Schlussbeitrag des Sammelbandes ein: „Gender plus Diversity als bildungspolitische Perspektive“. Das Konzept „Diversity“ rückt immer mehr in den Fokus des bildungspolitischen und Schulentwicklungs-Diskurses um Gender Mainstreaming in der Schule. Die Forschungen zur institutionellen Diskriminierung im Bildungssystem und zum Abbau von Ungleichheiten im Schulalltag verdeutlichen, dass „das Paradigma `Gender plus Diversity - institutionelle Inklusion` den Blick für Vielfalt, für Fortbildungsbedarf, für die Intersektionalität von Klasse, Herkunft und Geschlecht öffnen könnte“.

Fazit

„Genderkompetenz und Schulwelten“ sind gesellschaftspolitische Herausforderungen, die nicht nur Anstrengungen, Innovationen und Kompetenzen der in der Schule Lernenden, Lehrenden und Erziehenden, sondern insgesamt gesellschaftliche Anforderungen notwendig machen. „Erst wenn die Bedeutung von `Zweigeschlechtlichkeit` für die Institution Schule und die Bedeutung von Schule für die Institution Zweigeschlechtlichkeit bewusst ist, kann eine Kultur der Geschlechtergerechtigkeit verwirklicht werden“. Dass dabei die Biographien der Individuen in der Schule deutlich in den Blick kommen müssen, ist sicherlich ein Aspekt, der zur Genderkompetenz gehört ( vgl. dazu: Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, Bielefeld 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php). Erst wenn es gelingt, das „Rätsel unserer Lehranstalten“ zu lösen ( vgl. dazu: Karl-Josef Pazzini, Hrsg., Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten, Bielefeld 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10560.php), wird es möglich sein, das Bewusstsein von der Gendergerechtigkeit in die Köpfe und Herzen der Menschen zu bringen.

Der Sammelband kann dazu beitragen, bei Lehramtsstudierenden, Lehrenden und im pädagogischen, also gesellschaftlichen Entwicklungsprozess Tätigen eine Sensibilisierung für Genderkompetenz zu erreichen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.08.2011 zu: Dorothea Krüger (Hrsg.): Genderkompetenz und Schulwelten. Alte Ungleichheiten - neue Hemmnisse. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17508-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11841.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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