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Valerie Gutmann: Die Überwindung der Sprachlosigkeit

Cover Valerie Gutmann: Die Überwindung der Sprachlosigkeit. Gespräche mit einem Alzheimer-Kranken, aufgezeichnet durch mediales Schreiben. Novalis Verlag (Quern / Neukirchen) 2010. 198 Seiten. ISBN 978-3-941664-13-5. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Heilen.
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Autorin

Valerie Gutmann (geb. 1933, Tori/Estland) absolvierte an der Universität Freiburg ein Studium Generale, u.a. bei Martin Heydegger (Philosoph) und Hans Bender (Psychologe/Parapsychologe) um anschließend an der Akademie für Bildende Künste in München Malerei, Pädagogik und Kunsterziehung zu studieren. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Kunsterzieherin an einem der ältesten Mädchengymnasien Deutschlands.

Fast zehn Jahre pflegte sie ihren an Morbus Alzheimer erkrankten Ehemann zu Hause und erlebte als Angehörige wie als Pflegeperson alle Stufen der Erkrankung mit, angefangen von den leichten „Absonderlichkeiten“ im Alltagsumgang bis zur schweren Pflegebedürftigkeit. Als ihr Ehemann in der Sprachlosigkeit der Demenz versank, suchte sie nach einer Möglichkeit, die Kommunikation mit ihm wieder aufnehmen. Wie ihr über „mediales Schreiben“ ein Dialog gelang und worüber sie sich mit ihrem Ehemann austauschte, schildert dieses Buch.

Inhalt

Von Januar 2006 bis Februar 2008 datieren die „Gespräche“, die die Autorin mittels ihrer Fähigkeit zu „medialem Schreibens“ mit ihrem an Alzheimer erkrankten Ehemannes Rolf führte. Die von Valerie Gutmann niedergeschriebenen Dialoge zwischen ihr und ihrem Ehemann Rolf geben ebenso Einblick in ihre harmonisch-gleichgesinnte Paarbeziehung wie sie ebenfalls Einblicke geben in den schweren (Pflege-)Alltag, den pflegende Angehörige mit einem demenzkranken Familienmitglied erleben und welche Hilfen sich auftun oder eben auch nicht auftun lassen.

Zum medialen Schreiben fand Gutmann lt. eigenen Worten durch ihren Schwiegersohn; dessen toter Vater der erste war, mit dem sie durch mediales Schreiben Kontakt aufnahm. Als ihr Mann stumm im Bett lag, sie „wieder einmal gelähmt vor Traurigkeit“ war (Zitat S. 16), riet ihr eine Freundin, es auch hier mit dem medialen automatischen Schreiben zu versuchen. Valerie Gutmann schildert, dass sie sich dabei mit ihrem „Gesprächspartner“ innerlich verbindet, sich auf ihn einstimmt und wartet, ob ein Dialog möglich wird. Erst dann schreibt sie ihre Frage(n) nieder und erhält intuitive Antworten zur Niederschrift. Anfänglich von ihrer medialen Fähigkeit überrascht, wurde die Autorin in Folge überzeugt: „Beklagen Sie sich nicht, dass Ihrem Verstand Grenzen gesetzt sind, sondern überlegen Sie sich, was Sie tun können, um diese Grenzen zu überschreiten!“ (Zitat S. 17).

Vor allem aber fasziniert die Art und Weise des Paar-Dialogs, der zwischen diesen beiden Menschen über das mediale Schreiben möglich wird: „…dieses Gespräch eines Mannes mit seiner Frau, ist so ungewöhnlich wie überraschend, denn meines Wissens konnte bisher kein Alzheimer-Kranker dazu noch im fortgeschrittenen Stadium der Demenz – sich derart erklären und verständlich machen. Hier spricht ein Mensch, der nach unserem Verständnis sprachlos ist, dessen Gehirn laut medizinischem Befund nicht mehr funktioniert, der nur noch dahinvegetiert, weil er offensichtlich geistig nicht mehr präsent ist und seine Umwelt kaum mehr wahrnimmt.“ (Zitat Helmut Fried Röhrig, Seite 11).

In diesen abendlichen Dialogen gibt der kranke Rolf auf Bitten seiner Frau Ratschläge, wie „Alzis“ (so nennt er demenzerkrankte Patienten liebevoll-ironisch) sich den Umgang mit ihnen und ihrer Krankheit wünschen, was ihnen hilfreich ist, was sie ängstigt und beunruhigt, was sie verzweifelt und wütend macht. Gutmann fasst diese Ratschläge am Ende des Buches noch einmal zusammen und ergänzt um ihre persönlichen Erfahrungen aus der täglichen Pflegearbeit. Das Buch endet mit 18 s/w-Fotos, die in eindringlicher Form aufzeigen, wie sich im Laufe einer menschlichen Biografie und unter dem Einfluss der Demenzerkrankung ein menschliches Antlitz verändert.

Fazit und Zielgruppe

An die Tatsache, dass das Buch durch „mediales Schreibens“ entstand, musste ich mich zu Beginn erst gewöhnen. Doch im Verlauf der Lektüre kam ich zu dem Ergebnis, dass es ein Buch mit hoher sozial-therapeutischer Wirkung für den (pflegenden) Angehörigen sein kann. Darin vor allem sehe ich den großen Nutzen für die Leserschaft.


Rezension von
Ursula Weidmann
Kommunikationswirtin BAW, Case Managerin (DGCC). Sozialdienst Johanneshaus Öschelbronn gGmbH, 75223 Niefern-Öschelbronn
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Zitiervorschlag
Ursula Weidmann. Rezension vom 21.11.2011 zu: Valerie Gutmann: Die Überwindung der Sprachlosigkeit. Gespräche mit einem Alzheimer-Kranken, aufgezeichnet durch mediales Schreiben. Novalis Verlag (Quern / Neukirchen) 2010. ISBN 978-3-941664-13-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11848.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


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