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Brigit Allenbach, Martin Sökefeld (Hrsg.): Muslime in der Schweiz

Cover Brigit Allenbach, Martin Sökefeld (Hrsg.): Muslime in der Schweiz. Seismo-Verlag (Zürich) 2010. 394 Seiten. ISBN 978-3-03-777090-0. 38,50 EUR, CH: 58,00 sFr.

Reihe: Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus.
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Thema

Ziel des Buches ist es, aktuelle Forschungsergebnisse zum Islam in der Schweiz zu veröffentlichen. Den AutorInnen geht es dabei darum, die Diversität der Muslime und die vielschichtigen Prozesse, die das Verhältnis der Schweiz zum Islam bestimmen, aufzuzeigen. Die einzelnen Beiträge sind als Mosaiksteine einer komplexen gesellschaftlichen Konstellation zu verstehen, die nur aus einer interdisziplinären Perspektive und auf der Basis verschiedener Konzepte und Modelle sichtbar gemacht werden können.

AutorInnen

Sowohl AutorInnen als auch Herausgeber beschäftigen sich seit Jahren im Rahmen von Forschungsprojekten mit diesem Thema.

Entstehungshintergrund

Bis vor kurzem gab es in der Schweiz im Vergleich zum deutschsprachigen Ausland eher wenige empirisch fundierte Untersuchungen zum Thema. Erst im Rahmen des 2005 beschlossenen und 2007 begonnenen Nationalen Forschungsprogramms Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft (NFP 58) wurden auch mehrere Studien über Muslime durchgeführt. Anlässlich der Jahrestagung der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft, die im November 2008 in Genf stattfand, haben die Herausgeber Teilnehmende des NFP 58 zu einem Workshop über Muslime in der Schweiz eingeladen. Der Workshop gab den Anstoss zu diesem Buch. Um eine umfassendere Bestandsaufnahme bieten zu können wurden weitere AutorInnen eingeladen, ein Kapitel zum Buch beizutragen.

Aufbau

Um die Prozesse der Inkorporation des Islam in der Schweiz zu verstehen, müssen in erster Linie die Interaktionen sowohl zwischen schweizerischen und muslimischen Institutionen und Akteuren als auch in den muslimischen Gemeinschaften selbst untersucht werden. Dazu sind verschiedene wissenschaftliche Blickwinkel erforderlich. Aus diesem Grund verfolgt der hier vorliegende Band einen interdisziplinären Ansatz und versammelt Forschungsperspektiven aus Sozialanthropologie, Islam-, Religions- und Rechtswissenschaft.

Die mehrheitlich ethnographisch ausgerichteten Beiträge fokussieren verschiedene Facetten des Islam im Schweizer Kontext aus den folgenden drei Blickwinkeln:

  1. Der Islam und Inkorporationsprozesse in verschiedenen lokalen Kontexten der Schweiz
  2. Der Islam als Diskurs und als Praxis aus akteurzentrierten Perspektiven
  3. Der Prozess der Etablierung des Islam in der Schweiz: Reflexionen aus der Praxis

Inhalt

In der Einleitung werden von Brigit Allenbach und Martin Sökefeld die wichtigsten Kennzahlen und Informationen zur muslimischen Bevölkerung in der Schweiz zusammengetragen und die wesentlichsten politischen Meilensteine kurz erörtert.

Der erste Teil beginnt mit einem Beitrag zu Religion und Religionszugehörigkeit im Spannungsfeld von normativer Exklusion und zivilgesellschaftlichem Bekenntnis. SamuelM. Behloul analysiert darin die öffentliche Thematisierung von Muslimen in der Schweiz und betont, dass der Islamdiskurs auch eine Herausforderung für die Muslime selbst ist.Behloul arbeitet dabei widersprüchliche Tendenzen der Thematisierung heraus: Während einerseits, etwa von den Minarett-Gegnern, die Gefahr betont wird, die vom Islam ausgehe, verfolgt das Positionspapier der Christlichen Volkspartei CVP zu den Muslimen in der Schweiz eine inklusivistische Perspektive. Beide Formen der Thematisierung haben jedoch gemeinsam, dass sie einen „Islam an sich“ postulieren. Diese Essentialisierung wird auch von muslimischen Akteuren aufgegriffen und der „echte“ Islam von Formen kultureller Tradition unterschieden. Behloul geht insbesondere auf bosnische Muslime ein und zeigt auf, wie sie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung im Kontext des Islam-Diskurses von unbeliebten Ausländern zu beliebten (weil europäischen) Muslimen mutierten. Behloul schliesst, dass die Tendenz der normativen Exklusion von Muslimen aus der Schweizer Gesellschaft über die dadurch ausgelöste Intensivierung der Auseinandersetzung letztlich zur Inklusion der Muslime führen kann.

Die beiden folgenden Beiträge befassen sich mit den Inkorporationsprozessen innermuslimischer Minderheiten in der Schweiz:

Der Beitrag von Sarah Beyeler thematisiert die ursprünglich in Südasien entstandene Ahmadiyya-Gemeinschaft. In der Schweiz ist die Ahmadiyya eine kleine, aber vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit sehr aktive Gemeinschaft, die sich aus Migranten und Schweizer Konvertiten zusammensetzt. Sarah Beyeler zeigt die Rolle von Inkorporationsregimes am Beispiel von Bauvorhaben auf: Während in den 1960er Jahren die Mahmud-Moschee in Zürich ohne örtliche Proteste gebaut werden konnte, rief das Projekt eines Gemeindezentrum im thurgauischen Wigoltingen im Jahr 2005 erheblichen Widerstand hervor. Ahmadis begegneten diesem Widerstand, indem sie einerseits ihre Pläne transparent machten und die Strategie der Öffentlichkeitsarbeit verfolgten, andererseits aber auch Abstriche an ihrem Bauvorhaben machten und auf ein Minarett verzichteten. Sie verzichteten damit auf die problematisierte äussere Erkennbarkeit des Gebäudes als muslimisches Zentrum.

Virginia Suter Reich schreibt über die aus der Türkei eingewanderten Aleviten in der Schweiz. Sie gibt einen Überblick über das theoretische Konzept der Inkorporationsregimes in europäischen Migrationsstudien, das die Rolle gesellschaftlicher Bedingungen für die Eingliederung von Migranten in die Aufnahmegesellschaft betont, und über die Geschichte und gegenwärtige Situation der Aleviten in der Türkei und in Westeuropa. Der Beitrag fokussiert die Anerkennungsbestrebungen von Aleviten in Basel-Stadt im Rahmen der kantonalen Verfassungsreform, welche die kantonale Anerkennung privatrechtlicher Religionsgemeinschaften ermöglicht. Suter Reich zeigt die Bedeutung des rechtlichen Rahmens für die Inkorporation der Aleviten auf und analysiert die Selbstpositionierung der Aleviten im Kontext der seit 2006 geltenden neuen Verfassung.

Der vierte Beitrag von Mallory Schneuwly Purdie fokussiert den Religionspluralismus in Schweizer Gefängnissen. Ausgehend von der Feststellung, dass religiöse und kulturelle Diversität im «Universum Gefängnis» besonders ausgeprägt sind, werden die verschiedene Fragen aufgeworfen, beispielsweise nach dem Stellenwert der Religion in den Gefängnissen und den Möglichkeiten von muslimischen Gefangenen, den Islam zu praktizieren. Ebenso die Frage nach der Zuständigkeit für die Bereitstellung religiöser Leistungen und dem Angebot an Aktivitäten durch autorisierte muslimische Akteure. Schneuwly Purdie hat diese Fragen am Beispiel von siebzehn Einrichtungen des Strafvollzugs in der französischen Schweiz untersucht. Als Ergebnis formuliert Schneuwly Purdie u.a. die Hypothese, dass die Autorisierung, Regulierung und die stillschweigende Anerkennung von muslimischen Vermittlern im Gefängnis als erstes Anzeichen für die Institutionalisierung des Islam betrachtet werden kann.

Im fünften Beitrag untersucht Silvia Martens wohltätige Engagements von Schweizer Muslimen. Unter «Wohltätigkeit» versteht sie das Handeln zu Gunsten von Zwecken, die anderen Menschen als dem Geber und seiner unmittelbaren Kernfamilie zukommen. Martens versteht Wohltätigkeit als eine Form von Reziprozität, die allerdings keine direkte Gegengabe durch den Empfänger erwartet. Wohltätigkeit wird als Gottesdienst verstanden. Muslime in der Schweiz praktizieren sowohl formelle Formen von Wohltätigkeit, etwa Spenden und Beiträge, die übertransnationale oder lokale Organisationen geleistet werden, als auch informelle Formen wie Nachbarschaftshilfe oder direkte Spenden an bedürftige Individuen, häufig im Herkunftsland des Spenders. Martens streicht heraus, dass formelle „Wohltätigkeit“ wichtige Impulse für die Integration von Muslimen in der Schweiz liefert, da sie in organisatorischen Zusammenhängen stattfindet, die häufig integrationsrelevante Angebote wie Informationsveranstaltungen oder Sprachkurse machen.

Die Beiträge in Teil 2 befassen sich mit Muslimen als Akteurinnen und Akteure.

Pascale Schild analysiert am Beispiel des Islamischen Frauenvereins Luzern die «muslimische» Identitätspolitik im diskursiven Rahmen der Schweiz. Ausgehend von theoretischen Perspektiven von Bourdieu und Foucault untersucht sie die Machtaspekte der Selbstrepräsentation. Schild zeigt, dass Musliminnen und Muslime in öffentlichen Diskussionen einer «Verhörsituation» unterliegen, die der Definitionsmacht der nichtmuslimischen Sprecher ausgeliefert ist. In ihrer Analyse von Interviews und von konkreten Interaktionen beim Tag der offenen Moschee und einer interreligiösen Diskussionsgruppe macht Schild die Strategien deutlich, mit der muslimische Frauen dem «Verhör» begegnen, nämlich indem sie eine «muslimische Identität» konstruieren, die frei von nationalen oder kulturellen Aspekten und damit mit einer Schweizerischen nationalen Identität kompatibel ist.

Auch die beiden folgenden Beiträge befassen sich mit Selbstdarstellungen von Musliminnen in der Schweiz. Nadja Baghdadi interessiert sich für die soziale Verortung und die Selbstpositionierung von Migrantinnen aus den Nahen und Mittleren Osten und Südosteuropa, die als Erwachsene in die Schweiz gekommen sind und die, anders als die Mehrheit der muslimischen Migrantinnen in der Schweiz, nicht eine Unterschicht repräsentieren, sondern gut ausgebildet sind.

Petra Bleisch Bouzar fokussiert in ihrem Beitrag praktizierende Musliminnen in der Schweiz und untersucht, wie sie Religiosität gestalten und legitimieren. Da der Islam keine oberste Lehrautorität kennt theoretisch jede Person selber entscheidet, welche Quellen und Autoritäten im Falle von Fragen konsultiert werden, rekonstruiert Bleisch Bouzar die Zuweisung von Autorität mit Hilfe von Interviews mit acht Musliminnen, die in der Schweiz leben.

Im Zentrum des Beitrags von Monika Müller stehen muslimische Jugendliche in der Schweiz. Sie illustriert auf der Basis von zwei Falldarstellungen die «Perspektiven männlicher Jugendlicher auf den Islam». Die Analyse der beiden Fallbeispiele ergibt zwei verschiedene Formen der Bedeutung von Religion und Religiosität für muslimische Jugendliche: einerseits sind sie, vor allem über das Internet, mit einer transnationalen Gemeinschaft von jungen Muslimen verbunden. Andererseits ermöglichen Religion und Religiosität die Zugehörigkeit sowohl zu einer muslimischen Gemeinschaft als auch zu einer modernen, säkularen Gesellschaft. Müller betont jedoch, dass Religion und die Frage, ob und wie man in der Schweiz jung und religiös sein kann, nur ein Aspekt der Konstruktion von Identität dieser Jugendlichen bilden und ihr Umgang mit den verschiedenen Dimensionen von Zugehörigkeit situativ und kontextspezifisch betrachtet werden muss.

Der Beitrag von Brigit Allenbach und Pascale Herzig untersucht die Auseinandersetzung von Kindern und Jugendlichen mit dem Islam in der Handlungsarena Schule. Es geht ihnen darum, Kinder und Jugendliche als aktive Gesellschaftsmitglieder sichtbar zu machen. Die Handlungsarena Schule wird als Ort der Aushandlung der religiösen Pluralisierung in der Schweiz betrachtet. Allenbach und Herzig weisen darauf hin, dass im Schulalltag Religion und Religionszugehörigkeit in der Regel kaum eine Rolle spielen. Für die Zusammensetzung der Peer group spielen Geschlecht, Schichtzugehörigkeit und Nationalität eine wichtigere Rolle als die Religionszugehörigkeit. Zentral für die Jugendlichen sind ihre Ausbildungsmöglichkeiten und beruflichen Perspektiven.

Den Abschluss machen in Teil 3 einige Reflexionen zur Etablierung des Islam in der Schweiz.

Der Beitrag von Erwin Tanner-Tiziani formuliert rechtliche Wegweiser zur Etablierung des Islam in der Schweizer Gesellschaft. Aus juristischer Perspektive unterscheidet er Integration in Bezug auf vier verschiedene Aspekte: Individualintegration, Kollektivintegration, Systemintegration und Visibilitätsintegration. Tanner-Tiziani ist der Ansicht, dass die individuelle Eingliederung von Muslimen ohne Kollektivintegration, d.h. die Eingliederung als Religionsgemeinschaft letztlich nicht gelingen kann. Er stellt die möglichen Rechtsverhältnisse zwischen Religionsgemeinschaften und Staat in der Schweiz dar und zeigt die unterschiedlichen Vorstellungen von muslimischen Repräsentanten im Land auf.

Lilo Roost Vischer, Ethnologin und Koordinatorin für Religionsfragen des Kantons Basel-Stadt, reflektiert in ihrem Beitrag die Rolle von staatlichen Institutionen für die gesellschaftliche Integration des Islam. Sie geht detailliert auf die Zusammenarbeit zwischen muslimischen Akteuren und kantonalen Stellen ein und illustriert diese am Beispiel der Einrichtung von islamischen Gräberfeldern und anderen Diskussionspunkte, wie Schwimmunterricht und Kopftuchfrage.

Diskussion

Die verschiedenen Beiträge sind im Allgemeinen leicht verständlich geschrieben und auch für ein breiteres Publikum sehr empfehlenswert. Lediglich der im Übrigen ausgezeichnete Beitrag von Pascal Schild erfordert vom Leser, sich tiefergehend auf soziologische und sozialphilosophische Denkansätze einzulassen. Alle Beiträge werden durch ein ausführliches und aktuelles Literaturverzeichnis ergänzt.

Fazit

Der vorliegende Sammelband mit Beiträgen wichtiger AutorInnen auf diesem Gebiet bietet eine höchst aufschlussreiche Analyse zum Islamdiskurs in der Schweiz und ist ein Must für jedermann, der sich mit der Situation der Muslime in der Schweiz und der aktuellen Islamdebatte vertraut machen will.


Rezension von
Dr. Rifa´at Lenzin
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Zitiervorschlag
Rifa´at Lenzin. Rezension vom 12.11.2014 zu: Brigit Allenbach, Martin Sökefeld (Hrsg.): Muslime in der Schweiz. Seismo-Verlag (Zürich) 2010. ISBN 978-3-03-777090-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11855.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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