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Psychoanalytisches Seminar Zürich (Hrsg.): Psychoanalytische Sozialarbeit

Cover Psychoanalytisches Seminar Zürich (Hrsg.): Psychoanalytische Sozialarbeit. Seismo-Verlag (Zürich) 2010. 232 Seiten. ISBN 978-3-03777-087-0. 18,90 EUR, CH: 29,00 sFr.

Journal für Psychoanalyse 51.
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Thema

Psychoanalytische Konzepte werden in der sozialen Arbeit vielfältig genutzt, eine Definition „Psychoanalytischer Sozialarbeit“ ist gerade daher nicht einfach. Die Autoren grenzen psychoanalytische Sozialarbeit von der „klassischen Psychoanalyse“ zunächst über unterschiedliche Arbeitsbereiche (in der Sozialarbeit Familienhilfe, Flüchtlingsbetreuung oder die Behandlung von Jugendlichen, die aus anderen Hilfen herausgefallen sind) ab. Sie sehen ihre Arbeit als eine Ergänzung klassischen psychoanalytischen Arbeitens mit der „in unterschiedlichsten Settings Räume des Denkens, Handelns und Behandelns eröffnet werden können, die ohne die Anwendung psychoanalytischer Konzepte unzugänglich bleiben würden“ (Produktinformation).

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Herausgeber ist das Psychoanalytische Seminar Zürich PSZ, eng verbunden mit dem Verein für psychoanalytische Sozialarbeit VPSZ. Innerhalb des Buches lernt der Leser die beteiligten Institutionen und ihre Geschichte kennen, aber auch ähnliche Arbeit an anderen Orten. Mit der Herausgabe des Heftes strebt die Redaktionsgruppe des Journals für Psychoanalyse an, die Angebote und Veranstaltungen des VPSZ für einen größeren Leserkreis zugänglich und bekannt zu machen. Autoren kommen daher überwiegend aus Zürich, aber auch aus Bremen, Berlin und Linz.

Aufbau

Einem Editorial und 11 Einzelbeiträgen zu Institutionen psychoanalytischer Sozialarbeit (185 Seiten) folgen ein Bericht zu einer Preisverleihung, Buchbesprechungen, Tagungsberichte, Nachrufe und Angaben zu den Autoren (40 Seiten)

Inhalt

„Psychoanalytische Sozialarbeit beschäftigt sich mit Menschen, die gar nicht anders können, als ihre inneren Konflikte im Sozialen zu organisieren“ (S. 5) – von dieser Zielgruppenanalyse ausgehend beschreiben die Herausgeber die folgenden Kapitel des Buches als anregend für Leser, die sich für Settings psychoanalytischer Sozialarbeit interessieren, auch dann, wenn sie ihre Patienten in dem „gesicherten“ Setting einer Privatpraxis behandeln.

Achim Perner stellt die – insbesondere frühe – Geschichte der psychoanalytischen Sozialarbeit in ihren unterschiedlichen Settings dar. Engagiert spricht er von der Notwendigkeit, Institutionen zu schaffen, die sich den Kindern und Jugendlichen anpassen, die sich keiner bestehenden Institution anpassen können (S. 23). Dabei werden detailreich Aspekte der Entwicklung eines Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit geschildert; moderne Entwicklungen außerhalb dieses Bereichs fehlen dagegen und werden nicht aufgeführt. Esther Leuthard schildert die Entstehung und Entwicklung des Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit VPSZ, detailliert und mit Begeisterung -so kann man es machen.
Es folgen Arbeiten, in denen Falldarstellungen mit übergreifenden Fragestellungen verbunden werden. Die Funktion des Wartezimmers in der ambulanten Psychoanalytischen Sozialarbeit untersucht Martin Feuling („Angst- Wissen und Nicht-Wissen. Settingkonstruktionen in der sozialen Arbeit“) mit Bezug auf Lacan. Er beschreibt in einem Fallbeispiel ein individuell für einen Klienten „erfundenes“ Behandlungssetting. In einem zweiten Buchbeitrag entwickelt Achim Perner dann Überlegungen zum Unterschied zwischen psychoanalytischer Sozialarbeit und Psychoanalyse. Psychoanalytische Sozialarbeit, so formuliert er „einfach und prägnant“, sei „immer dann indiziert, wenn alles anderes nicht mehr hilft“ (S. 63). Am Beispiel des Umgehens mit Übertragungen formuliert er als Haltung des Sozialarbeiters ein „ich biete Dir mich an, aber ich liefere mich nicht aus“ (S. 69). Joachim Staigle („Jahre mit Werner“) gibt dann einen Einblick in die Betreuung eines Jugendlichen und die Versuche, ein für ihn geeignetes Setting zu schaffen. In einer weiteren Falldarstellung beschreibt Heini Bader eine Geldverwaltung unter Berücksichtigung psychoanalytischer Verstehensversuche. Eindrucksvoll wird szenisches Verstehen und das Umgehen mit Konflikten verdeutlicht. Übertragungen werden in einem Triangulierung fördernden Modus „beantwortet“ (ohne dass der Autor auf die damit verbundenen Konzepte der psychoanalytisch interaktionellen Methode PiM oder der mentalisierungsbasierten Therapie MBT eingeht) und auch das zumindest teilweise Scheitern der therapeutischen Bemühungen beschrieben. Esther Leuthard („Niemand hat mich gern. Die Geschichte einer Familienbegleitung“) geht in der Darstellung einer Familienhilfe auf ein Umgehen mit körperlicher Gewalt ein.
Dann folgende Beiträge schildern weitere Projekte psychoanalytischer Sozialarbeit. „Von Pflastern und Pflanzen. Zur Betreuung von Asylsuchenden im Ethnologisch-Psychologischen Zentrum EPZ Zürich“ zeigt die Arbeit eines zunächst stationär arbeitenden Zentrums und dessen Schließung mit einem Umbau auf ambulante Hilfe. Antje Krüger beschreibt die Wichtigkeit dieser Arbeit und zitiert (S. 128) Bruns (2006, S.17) mit „Wenn ein unverstandenes Verhalten über längere Zeit akzeptiert worden ist,….wird es von den Klienten wie ein Akzeptieren ihrer Selbst erlebt, eine Erfahrung, die sie vielfach nur in Ansätzen haben machen können, die aber für ihr Selbstwertgefühl von großer Bedeutung ist.“ Elisabeth Rosenmayr („Damit Freiheit nisten kann“) schildert das Projekt Wohnhof Katzenbach in Linz, Marie-Hélène Malandrin („Empfangen, zuhören, hören“) die Maison Verte in Paris.
Ein Interview mit drei psychoanalytisch ausgerichteten Sozialarbeitern gibt einen persönlichen Eindruck in unterschiedliche Haltungen und gemeinsame Positionen. Die dichte Verbindung zu psychoanalytischen Konzepten wird ebenso deutlich wie die Kritik – "…dass die Psychoanalyse sozusagen ein Verfahren ist, das nur den relativ gesunden Menschen zur Verfügung steht. All die Bedingungen der verfassten Psychoanalyse, zum Beispiel der Indikation, mit anderen Worten, der Selektion geeigneter Analysanden und des Settings, sind Vorrichtungen – oder zumindest scheint mir das ein wesentlicher Aspekt – auch gegen die Angst und Unsicherheit der Analytiker, sich auf offene und weniger strukturierte Situationen einzulassen." (S. 167).

Diskussion

Die Beiträge des Buches sind in Stil und Herangehensweise an ihr Thema unterschiedlich. Vor allem in den Fallbeispielen gelingt eine Darstellung, die sowohl Sozialarbeiter als auch in Kliniken tätige oder niedergelassene Psychoanalytiker anspricht. Die Begeisterung der Autorinnen und Autoren für ihre Arbeit ist deutlich.
Manche Leser können sich darüber ärgern, dass Entwicklungen außerhalb des engeren Umfelds der Autoren wenig aufgenommen werden und aktuelle Literatur nicht genannt ist. Einige Darstellungen wirken dadurch trotz des Einbezugs der politischen Dimension sozialer Arbeit konservativ. Die kritische wissenschaftliche Haltung des Zweifelns – auch an den eigenen Positionen – tritt gegenüber pointierten Aussagen zurück. Eine Indikationsstellung wie die, dass psychoanalytische Sozialarbeit „immer dann indiziert (sei), wenn alles anderes nicht mehr hilft" enthält einen Anspruch, der reflektiert oder mit Studien belegt werden muss. Auch die Frage der Indikationsstellung in der sozialen Arbeit (nach erwartbarem Erfolg einer Maßnahme oder Bedürftigkeit des Klienten?) könnte mit Gewinn diskutiert werden, sie wird für die soziale Arbeit zunehmend wichtig. Viele Therapeuten, die Patienten mit sogenannten "schweren Persönlichkeitsstörungen" behandeln, arbeiten mit den damit einhergehenden "Störungen des Sozialen" – in einer für diese Patientengruppe entwickelten Methoden ist gerade das die Definition des diagnostischen und therapeutischen Zugangs. Manche Aussagen des Buchs verlangen eine Diskussion und Differenzierung, um nicht als Wiederholung von Vorurteilen betrachtet zu werden (z. B. die oben zitierten Aussage (S. 167) zu Psychoanalyse als eines Verfahrens für Gesunde). Auf Anwendungen der Psychoanalyse in der Arbeit mit schwer kranken Patienten („bei denen anderes nicht hilft“) könnte bei einer systematischen Erfassung vorhandenen Wissens mit Gewinn Bezug genommen werden.

Fazit

Das Buch beschreibt Psychoanalytische Sozialarbeit in unterschiedlichen Projekten und Settings als eine Arbeit mit Menschen, die ihre inneren Konflikte im Sozialen leben und damit aus üblichen Hilfen herausfallen. Sie ist dann indiziert, "wenn alles andere nicht mehr hilft". Die Arbeit mit diesen Menschen wird in verschiedenen interessanten Aspekten (z. B. zur Rolle des Wartezimmers) mit Theorie und detailreichen Falldarstellungen verbunden. Auch unvollkommene und trotz großen Engagements nicht gelingende Begleitungen werden geschildert. Dies kann sowohl Sozialarbeiter als auch in Kliniken tätige oder niedergelassene Psychoanalytiker interessieren.
An manchen Stellen setzt das Buch Insiderwissen voraus, etwa bei der Diskussion der Entwicklung eines Vereins psychoanalytischer Sozialarbeit. Die detailreiche Schilderung von Institutionen und Entwicklungen innerhalb von Projekten kann zur Nachahmung anregen. Allerdings werden Konzepte außerhalb des Arbeitsumfeldes der Autoren nicht genannt, eine Darstellung Psychoanalytischer Sozialarbeit, die der Titel darlegt, bietet das Buch nicht. Pointierte Aussagen regen zu Widerspruch und kritischer wissenschaftlicher Überprüfung an.
Diesem Mangel an Repräsentativität steht die Praxisnähe und die detailreiche Darstellung der Umsetzung konzeptueller Ideen in Institutionen gegenüber. Für mit Psychoanalyse und ihren Anwendungen vertraute Leser ist das Buch in dieser Hinsicht sehr lohnend. Als Einführungstext in psychoanalytische Sozialarbeit eignet es sich weniger gut.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 01.02.2012 zu: Psychoanalytisches Seminar Zürich (Hrsg.): Psychoanalytische Sozialarbeit. Seismo-Verlag (Zürich) 2010. ISBN 978-3-03777-087-0. Journal für Psychoanalyse 51. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11859.php, Datum des Zugriffs 23.04.2019.


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