Psychoanalytisches Seminar Zürich (Hrsg.): Psychoanalytische Sozialarbeit
Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 01.02.2012
Psychoanalytisches Seminar Zürich (Hrsg.): Psychoanalytische Sozialarbeit.
Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen AG
(Zürich) 2010.
232 Seiten.
ISBN 978-3-03777-087-0.
18,90 EUR.
CH: 29,00 sFr.
Journal für Psychoanalyse 51.
Thema
Psychoanalytische Konzepte werden in der sozialen Arbeit vielfältig genutzt, eine Definition „Psychoanalytischer Sozialarbeit“ ist gerade daher nicht einfach. Die Autoren grenzen psychoanalytische Sozialarbeit von der „klassischen Psychoanalyse“ zunächst über unterschiedliche Arbeitsbereiche (in der Sozialarbeit Familienhilfe, Flüchtlingsbetreuung oder die Behandlung von Jugendlichen, die aus anderen Hilfen herausgefallen sind) ab. Sie sehen ihre Arbeit als eine Ergänzung klassischen psychoanalytischen Arbeitens mit der „in unterschiedlichsten Settings Räume des Denkens, Handelns und Behandelns eröffnet werden können, die ohne die Anwendung psychoanalytischer Konzepte unzugänglich bleiben würden“ (Produktinformation).
Herausgeber und Entstehungshintergrund
Herausgeber ist das Psychoanalytische Seminar Zürich PSZ, eng verbunden mit dem Verein für psychoanalytische Sozialarbeit VPSZ. Innerhalb des Buches lernt der Leser die beteiligten Institutionen und ihre Geschichte kennen, aber auch ähnliche Arbeit an anderen Orten. Mit der Herausgabe des Heftes strebt die Redaktionsgruppe des Journals für Psychoanalyse an, die Angebote und Veranstaltungen des VPSZ für einen größeren Leserkreis zugänglich und bekannt zu machen. Autoren kommen daher überwiegend aus Zürich, aber auch aus Bremen, Berlin und Linz.
Aufbau
Einem Editorial und 11 Einzelbeiträgen zu Institutionen psychoanalytischer Sozialarbeit (185 Seiten) folgen ein Bericht zu einer Preisverleihung, Buchbesprechungen, Tagungsberichte, Nachrufe und Angaben zu den Autoren (40 Seiten)
Inhalt
„Psychoanalytische Sozialarbeit beschäftigt sich mit Menschen, die gar nicht anders können, als ihre inneren Konflikte im Sozialen zu organisieren“ (S. 5) – von dieser Zielgruppenanalyse ausgehend beschreiben die Herausgeber die folgenden Kapitel des Buches als anregend für Leser, die sich für Settings psychoanalytischer Sozialarbeit interessieren, auch dann, wenn sie ihre Patienten in dem „gesicherten“ Setting einer Privatpraxis behandeln.
Achim Perner stellt die –
insbesondere frühe – Geschichte der psychoanalytischen Sozialarbeit
in ihren unterschiedlichen Settings dar. Engagiert spricht er von der
Notwendigkeit, Institutionen zu schaffen, die sich den Kindern und
Jugendlichen anpassen, die sich keiner bestehenden Institution
anpassen können (S. 23). Dabei werden detailreich Aspekte der
Entwicklung eines Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit
geschildert; moderne Entwicklungen außerhalb dieses Bereichs fehlen
dagegen und werden nicht aufgeführt. Esther Leuthard
schildert die Entstehung und Entwicklung des Vereins für
psychoanalytische Sozialarbeit VPSZ, detailliert und mit Begeisterung
-so kann man es machen.
Es folgen Arbeiten, in denen
Falldarstellungen mit übergreifenden Fragestellungen verbunden
werden. Die Funktion des Wartezimmers in der ambulanten
Psychoanalytischen Sozialarbeit untersucht Martin Feuling
(„Angst- Wissen und Nicht-Wissen. Settingkonstruktionen in der
sozialen Arbeit“) mit Bezug auf Lacan. Er beschreibt in einem
Fallbeispiel ein individuell für einen Klienten „erfundenes“
Behandlungssetting. In einem zweiten Buchbeitrag entwickelt Achim
Perner dann Überlegungen zum Unterschied zwischen
psychoanalytischer Sozialarbeit und Psychoanalyse. Psychoanalytische
Sozialarbeit, so formuliert er „einfach und prägnant“, sei
„immer dann indiziert, wenn alles anderes nicht mehr hilft“ (S.
63). Am Beispiel des Umgehens mit Übertragungen formuliert er als
Haltung des Sozialarbeiters ein „ich biete Dir mich an, aber ich
liefere mich nicht aus“ (S. 69). Joachim Staigle („Jahre
mit Werner“) gibt dann einen Einblick in die Betreuung eines
Jugendlichen und die Versuche, ein für ihn geeignetes Setting zu
schaffen. In einer weiteren Falldarstellung beschreibt Heini Bader
eine Geldverwaltung unter Berücksichtigung psychoanalytischer
Verstehensversuche. Eindrucksvoll wird szenisches Verstehen und das
Umgehen mit Konflikten verdeutlicht. Übertragungen werden in einem
Triangulierung fördernden Modus „beantwortet“ (ohne dass der
Autor auf die damit verbundenen Konzepte der psychoanalytisch
interaktionellen Methode PiM oder der mentalisierungsbasierten
Therapie MBT eingeht) und auch das zumindest teilweise Scheitern der
therapeutischen Bemühungen beschrieben. Esther Leuthard („Niemand
hat mich gern. Die Geschichte einer Familienbegleitung“) geht in
der Darstellung einer Familienhilfe auf ein Umgehen mit körperlicher
Gewalt ein.
Dann folgende Beiträge schildern weitere Projekte
psychoanalytischer Sozialarbeit. „Von Pflastern und Pflanzen. Zur
Betreuung von Asylsuchenden im Ethnologisch-Psychologischen Zentrum
EPZ Zürich“ zeigt die Arbeit eines zunächst stationär
arbeitenden Zentrums und dessen Schließung mit einem Umbau auf
ambulante Hilfe. Antje Krüger beschreibt die Wichtigkeit
dieser Arbeit und zitiert (S. 128) Bruns (2006, S.17) mit „Wenn ein
unverstandenes Verhalten über längere Zeit akzeptiert worden
ist,….wird es von den Klienten wie ein Akzeptieren ihrer Selbst
erlebt, eine Erfahrung, die sie vielfach nur in Ansätzen haben
machen können, die aber für ihr Selbstwertgefühl von großer
Bedeutung ist.“ Elisabeth Rosenmayr („Damit Freiheit
nisten kann“) schildert das Projekt Wohnhof Katzenbach in Linz,
Marie-Hélène Malandrin („Empfangen, zuhören, hören“) die
Maison Verte in Paris.
Ein Interview mit drei psychoanalytisch
ausgerichteten Sozialarbeitern gibt einen persönlichen Eindruck in
unterschiedliche Haltungen und gemeinsame Positionen. Die dichte
Verbindung zu psychoanalytischen Konzepten wird ebenso deutlich wie
die Kritik – "…dass die Psychoanalyse sozusagen ein Verfahren
ist, das nur den relativ gesunden Menschen zur Verfügung steht. All
die Bedingungen der verfassten Psychoanalyse, zum Beispiel der
Indikation, mit anderen Worten, der Selektion geeigneter Analysanden
und des Settings, sind Vorrichtungen – oder zumindest scheint mir das
ein wesentlicher Aspekt – auch gegen die Angst und Unsicherheit der
Analytiker, sich auf offene und weniger strukturierte Situationen
einzulassen." (S. 167).
Diskussion
Die Beiträge des Buches sind in Stil
und Herangehensweise an ihr Thema unterschiedlich. Vor allem in den
Fallbeispielen gelingt eine Darstellung, die sowohl Sozialarbeiter
als auch in Kliniken tätige oder niedergelassene Psychoanalytiker
anspricht. Die Begeisterung der Autorinnen und Autoren für ihre
Arbeit ist deutlich.
Manche Leser können sich darüber ärgern,
dass Entwicklungen außerhalb des engeren Umfelds der Autoren wenig
aufgenommen werden und aktuelle Literatur nicht genannt ist. Einige
Darstellungen wirken dadurch trotz des Einbezugs der politischen
Dimension sozialer Arbeit konservativ. Die kritische
wissenschaftliche Haltung des Zweifelns – auch an den eigenen
Positionen – tritt gegenüber pointierten Aussagen zurück. Eine
Indikationsstellung wie die, dass psychoanalytische Sozialarbeit
„immer dann indiziert (sei), wenn alles anderes nicht mehr hilft"
enthält einen Anspruch, der reflektiert oder mit Studien belegt
werden muss. Auch die Frage der Indikationsstellung in der sozialen
Arbeit (nach erwartbarem Erfolg einer Maßnahme oder Bedürftigkeit
des Klienten?) könnte mit Gewinn diskutiert werden, sie wird für
die soziale Arbeit zunehmend wichtig. Viele Therapeuten, die
Patienten mit sogenannten "schweren Persönlichkeitsstörungen"
behandeln, arbeiten mit den damit einhergehenden "Störungen des
Sozialen" – in einer für diese Patientengruppe entwickelten
Methoden ist gerade das die Definition des diagnostischen und
therapeutischen Zugangs. Manche Aussagen des Buchs verlangen eine
Diskussion und Differenzierung, um nicht als Wiederholung von
Vorurteilen betrachtet zu werden (z. B. die oben zitierten Aussage
(S. 167) zu Psychoanalyse als eines Verfahrens für Gesunde). Auf
Anwendungen der Psychoanalyse in der Arbeit mit schwer kranken
Patienten („bei denen anderes nicht hilft“) könnte bei einer
systematischen Erfassung vorhandenen Wissens mit Gewinn Bezug
genommen werden.
Fazit
Das Buch beschreibt Psychoanalytische
Sozialarbeit in unterschiedlichen Projekten und Settings als eine
Arbeit mit Menschen, die ihre inneren Konflikte im Sozialen leben und
damit aus üblichen Hilfen herausfallen. Sie ist dann indiziert,
"wenn alles andere nicht mehr hilft". Die Arbeit mit diesen
Menschen wird in verschiedenen interessanten Aspekten (z. B. zur
Rolle des Wartezimmers) mit Theorie und detailreichen
Falldarstellungen verbunden. Auch unvollkommene und trotz großen
Engagements nicht gelingende Begleitungen werden geschildert. Dies
kann sowohl Sozialarbeiter als auch in Kliniken tätige oder
niedergelassene Psychoanalytiker interessieren.
An manchen
Stellen setzt das Buch Insiderwissen voraus, etwa bei der Diskussion
der Entwicklung eines Vereins psychoanalytischer Sozialarbeit. Die
detailreiche Schilderung von Institutionen und Entwicklungen
innerhalb von Projekten kann zur Nachahmung anregen. Allerdings
werden Konzepte außerhalb des Arbeitsumfeldes der Autoren nicht
genannt, eine Darstellung Psychoanalytischer Sozialarbeit, die der
Titel darlegt, bietet das Buch nicht. Pointierte Aussagen regen zu
Widerspruch und kritischer wissenschaftlicher Überprüfung an.
Diesem Mangel an Repräsentativität steht die Praxisnähe und
die detailreiche Darstellung der Umsetzung konzeptueller Ideen in
Institutionen gegenüber. Für mit Psychoanalyse und ihren
Anwendungen vertraute Leser ist das Buch in dieser Hinsicht sehr
lohnend. Als Einführungstext in psychoanalytische Sozialarbeit
eignet es sich weniger gut.
Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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