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Yvonne Riaño, Janine Dahinden: Zwangsheirat

Cover Yvonne Riaño, Janine Dahinden: Zwangsheirat. Hintergründe, Massnahmen, lokale und transnationale Dynamiken. Seismo-Verlag (Zürich) 2010. 164 Seiten. ISBN 978-3-03777-091-7. 18,50 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Geschlechterfragen.
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Der Konflikt der Geschlechtervorstellungen

Zwangsverheiratung ist eine Menschenrechtsverletzung. In Art. 16/2 der von den Vereinten Nationen als globale Ethik und Norm am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es eindeutig: „Eine Ehe darf nur im freien und vollen Einverständnis der künftigen Ehegatten geschlossen werden“. Zwangsheiraten in Deutschland sind verboten. Der Deutsche Bundestag hat am 17. März 2011 das „Gesetz gegen Zwangsverheiratung“ beschlossen: Wer Frauen und Mädchen zu einer Zwangsverheiratung nötigt, wird mit bis zu 5 Jahren Haft bestraft. In der Migrations- und Integrationspolitik und -forschung stellt die Problematik nach wie vor ein weithin unbekanntes und wenig beachtetes Konfliktfeld dar. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzt, dass jährlich rund 1000 Mädchen, das sind immerhin rund 10 Prozent von in Deutschland lebenden Mädchen mit Migrationshintergrund, in die Türkei, in den Libanon, nach Syrien, Iran, Irak oder in den Kosovo verbracht und dort zwangsverheiratet werden. Selbst in den muslimischen Gemeinden in Deutschland wird das Für und Wider der Verheiratungspraxis kontrovers diskutiert. Dabei ist die islamisch-religiöse Auslegung eindeutig: Der Koran verbietet Zwangsheirat.

Zwangsverheiratung stellt sich also somit nicht als religiöses, sondern kulturell-traditionelles Problem dar. Und es bedarf der Aufklärung und Bildung, um das zu vermitteln, was in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wie sinngemäß auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und in allen demokratischen Verfassung steht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Schaut man ins Internet, bräuchte man eigentlich keinen Zweifel daran haben, dass den Möglichkeiten nach Information und Beratung Genüge getan ist: Rund 365.000 Eintragungen zum Stichwort weist die Suchmaschine aus.

Aber die Wirklichkeit sieht nach wie vor anders aus. Zum einen herrscht eine schillernde Grauzone von Unkenntnis darüber, was Zwangsehen sind, wie sie zustande kommen und welche Bedeutung die jeweiligen Akteure (Eltern, Großfamilie, Tradition) dabei haben; zum anderen gibt es auch kaum Unterscheidungskriterien zwischen arrangierten und Zwangsverheiratungen.

Entstehungshintergrund und Autorinnen

Veranlasst durch die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, haben die Sozialgeografin und Dozentin an den Universitäten Bern und Neuenburg, Yvonne Riaño, und die Sozialanthropologin Janine Dahinder von der Universität Nauenburg, im Frühjahr 2009 eine wissenschaftliche Studie durchgeführt mit zwei Zielen. Einerseits sollen „Erkenntnisse über die Gründe und das Ausmaß von Zwangsheirat in der Stadt Zürich und über die Lebenssituation von Betroffenen eruiert werden“; zum anderen soll abgeklärt werden, „welche Unterstützung von Zwangsheirat Betroffene… erhalten können und wo präventiv angesetzt werden könnte“.

Obwohl die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und die politischen Reaktionen auf die Situation der Zwangsverheiratung in den einzelnen europäischen Ländern sich unterschiedlich darstellen, ist die Sichtweise, dass es sich dabei um eine unmoralische und undemokratische Praxis handelt, gemeinsame Auffassung; auch, dass derartige Praktiken nicht hingenommen werden dürfen, oder mit Traditions- oder Kulturrelativismen begründet werden können. Die Zürcher Studie kann deshalb für den europäischen Diskurs um Zwangsheirat wichtige Denk- und Handlungsanstöße geben.

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen gliedern die Arbeit in zwei Teile.

Im ersten Teil „Grundlagen“ thematisieren sie das methodische Vorgehen in ihrer Studie, zeigen aber gleichzeitig die Grenzen auf, die das wissenschaftliche Vorhaben gibt. Sie sind vor allem dem Problem geschuldet, dass Migrationsstudien überwiegend Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von MigrantInnen aufnehmen und seltener die der Mehrheitsgesellschaft hinterfragen; etwa: Unterscheiden sich die Vorstellungen von Geschlecht, Heirat, Familie, verwandtschaftlicher Macht, Emanzipation… bei MigrantInnen und NichtmigrantInnen voneinander und wenn ja, wie? Sie reflektieren den bisherigen Informations- und Forschungsstand, wie er sich in der Soziologie, der Psychologie und in den Sozial- und Kulturwissenschaften darstellt. Sie diskutieren die in der Fachliteratur vorfindbaren, unterschiedlichen Definitionen und setzen sich mit der je verschiedenen rechtlichen Situation in der Schweiz und im internationalen Recht auseinander.

Im zweiten Teil „Ergebnisse“ werden die in der Studie ermittelten Auffassungen und die Praxis der in den Beratungsstellen tätigen Fachleuten diskutiert. Die dabei auftretenden „versteckten“ und tatsächlichen Begründungen der Ratsuchenden bieten dem Beratungspersonal selten Möglichkeiten zur direkten Hilfe an, zumal die Interpretationen darüber, um welche Form von Zwang es sich handelt, auf keiner einheitlichen definitorischen Grundlage beruhen: „Es gibt keinen allgemeinen ‚Idealtyp‘ von Zwangsheirat, sondern empirisch zeigt sich eine weite Bandbreite unterschiedlicher Zwangssituationen…“. Eine differenzierte, auf den jeweiligen Einzelfall bezogene Betrachtung ist deshalb erforderlich. Die in der Studie aufgezeigten Fallbeispiele ermöglichen dabei die Fallanalyse und bieten Ansätze für ein Beratungsgespräch. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Untersuchung lässt sich an dieser Stelle bereits formulieren: Zwangssituationen, wie etwa die der Zwangsheirat, entstehen nicht spontan und zufällig, sondern unterliegen einem Prozess, der sehr viel früher beginnt! Die Darstellung der verschiedenen Strategien, die dabei eine Rolle spielen, ist hilfreich, um individuelle, gruppenbezogene und gesamtgesellschaftliche Handhaben zu entwickeln, wie der Zwangscharakter im Zusammenhang mit der Migrationssituation abgebaut werden kann.

Fazit

„Zwangsheirat ist … nicht primär ein Thema misslungener Integration, sondern ein Gleichstellungsthema“. Obwohl in der Studie direkt Betroffene nur indirekt durch die Auskünfte und Interviews mit dem Fachpersonal der Zürcher Beratungsstellen zu Wort kommen – und diese Meinungsbilder zudem „gefiltert“ durch die jeweils praktizierten Beratungspraxen vermittelt sind – lassen die Ergebnisse der auf die Situation in der Stadt Zürich ausgerichteten Studie doch eine Reihe von verallgemeinerbaren Einschätzungen zu, die eben auch für die Verhältnisse in anderen europäischen Einwanderungsländern – und damit auch in Deutschland – anwendbar sind. Die Unterscheidung der staatlichen und gesellschaftlichen Maßnahmen gegen Zwangsverheiratungen in die Bereiche „rechtliche Grundlagen und Strafnormen“, „Beratung, Konfliktintervention und Schutz“, sowie „primärpräventive Maßnahmen im Bereich der Gleichstellung zwischen Männern und Frauen, wie auch im Bereich von globaler sozio-ökonomischer Ungleichheitsbekämpfung“.

Die kontrovers und emotional geführte Diskussion um das in diesem Jahr verabschiedete Gesetz gegen Zwangsehen zeigt auf, dass es für Integration und Gleichstellung mehr bedarf als nur gesetzlicher Regelungen bedarf. Die Studie sollte deshalb auch für die Migrations- und Integrationsarbeit von offiziellen Beratungsstellen und inoffiziellen (NGO-)Initiativen zur Kenntnis genommen werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.10.2011 zu: Yvonne Riaño, Janine Dahinden: Zwangsheirat. Hintergründe, Massnahmen, lokale und transnationale Dynamiken. Seismo-Verlag (Zürich) 2010. ISBN 978-3-03777-091-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11860.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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