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Harald Heinrichs, Katina Kuhn u.a. (Hrsg.): Nachhaltige Gesellschaft

Cover Harald Heinrichs, Katina Kuhn, Jens Newig (Hrsg.): Nachhaltige Gesellschaft: Welche Rolle für Partizipation und Kooperation? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 222 Seiten. ISBN 978-3-531-17840-0. 39,95 EUR.
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Herausgeber

  • Prof. Dr. Harald Heinrichs ist derzeit an der Leuphana Lüneburg Professor für Nachhaltigkeitspolitik.
  • Katina Kuhn ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am INFU (Institut für Umweltkommunikation) der Leuphana Lüneburg.
  • Prof. Dr. Jens Newig ist Professor für Governance und Nachhaltigkeit an der Leuphana Lüneburg.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber versuchen in ihrem Sammelband eine kritische Diskussion der These, ob partizipative und kooperative Strukturen für einen Transfer des Nachhaltigkeitskonzeptes notwendig seien. Hierbei werden sowohl theoretische und methodische Bezüge hergestellt, gesellschaftliche Handlungsfelder identifiziert, als auch konkrete Verfahren und Methoden in ausgewählten Praxisfeldern präsentiert.

Aufbau …

Der vorliegende Band ist in fünf Kapitel unterteilt.

  1. Zunächst wird eine Einleitung in die Thematik geleistet und die Problemstellung als Rahmenkonzeption für die einzelnen Beiträge benannt.
  2. Anschließend werden im Rückgriff auf relevante Theorien sozialwissenschaftliche Zugänge geprüft.
  3. Im dritten Kapitel werden konkrete gesellschaftliche Handlungsfelder von „Partizipation, Kooperation und nachhaltiger Entwicklung“ identifiziert.
  4. Im vierten Kapitel werden dann ausgewählte Praxisfelder hinsichtlich jeweiliger Strategien zur Erreichung nachhaltiger Entwicklung untersucht.
  5. Im fünften Kapitel erfolgt eine kurze Zusammenschau der Beiträge sowie ein Ausblick, gefolgt von einem Autorenverzeichnis.

… und ausgewählte Inhalte

Kattina Kuhn und Harald Heinrichs (S. 15-24) leisten in ihrem Beitrag eine evolutionäre Betrachtung von nachhaltiger Entwicklung und Partizipation aus einer globalen Perspektive. Entwicklungspolitische Grundlagen des Leibildes der nachhaltigen Entwicklung beziehen sie mittels Governanceperspektive auf die Modi „Kooperation und Partizipation“ als Instrumente demokratischer Legitimierung.

Eine stärkere Verortung von Kooperation und Partizipation innerhalb des Nachhaltigkeitskonzeptes nehmen Jens Newig, Katina Kuhn und Harald Heinrichs vor (S. 27-45). Diskursanalytische Rekonstruktionen bieten Ausgangspunkt für die Betrachtung von Gelingensbedingungen für Partizipation und Kooperation, die sowohl aus anthropologischer, praxeologischer und institutionenökonomischer Perspektive heraus interpretiert werden und mit der Habermas‘schen Theorie des Kommunikativen Handelns kontrastiert werden.

Einen methodologischen Schwerpunkt wählt Heiko Grunenberg in seinem Beitrag (S. 46-62). Er beleuchtet aus einer Meta-Perspektive heraus den Forschungsprozess in der Pratizipations- und Kooperationsforschung. Hierbei geht er auf die Methodenwahl, Methodenkombination und verschiedene Analyseformate ein und stellt klar, dass hier individuelle Forschungsdesigns gefordert sind.

Jens Newig fragt in seinem Beitrag (S. 65-79), ob Partizipation und Kooperation als effektivitätssteigernde Instrumente in Politik und Governance gelten können. Mit dem Fokus auf ökologische Effektivität leistet der Autor eine umfangreiche Aufarbeitung und Darstellung des Forschungsstandes. Er zeigt deutlich die Kontextabhängigkeit des Erfolges partizipativer und kooperativer Arrangements.

Die Frage nach dem „Wie?“ beantwortet Maren Knolle in ihrem Beitrag am Beispiel des nachhaltigen Wirtschaftens (S. 80-97). Ausgehend von einer historischen Kontextuierung von Forschungen zu Partizipation und Kooperation und einer Darstellung wichtiger empirischer Ergebnisse gelingt ihr in der Zusammenschau eine kritische Potentialbeurteilung.

Maik Adomßent und Gerd Michelsen (S. 98-116) erläutern in diesem Zusammenhang die Chancen und Potentiale, die mit einer transdisziplinären Perspektive der Nachhaltigkeitswissenschaften verbunden sind. Neben der Forderung nach Integration fachwissenschaftlicher Wissensbestände wird auch ein partizipativer Forschungsansatz beschrieben. Aktionsforschung als Habitus und Methode des Forschens im Kontext nachhaltiger Entwicklung wird als Möglichkeit beschrieben, dem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Praxis und gesellschaftlicher Kultur als „Modus Operandi“ von Transdisziplinarität zu begegnen.

Einen stärken Fokus auf Bildung hingegen legen Marco Rieckmann und Ute Stoltenberg (S.117-131). Sie loten die Potentiale der Bildung für nachhaltige Entwicklung hinsichtlich Partizipation und Kooperation aus. Sie zeigen u.a. , dass im Gestaltungskompetenzkonzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung die Befähigung beschrieben wird, an lokalen und regionalen Entwicklungsprozessen zu partizipieren.

Wie es um Partizipation im Kontext nachhaltiger Entwicklung bestellt ist, beleuchten Gesa Lüdecke und Daniel Schulz im Handlungsfeld der neuen Medien (S.132-151). Neben Konzepten von „Öffentlichkeit“ zeigen sie „partizipative Aspekte der Netzkommunikation“ auf und entwerfen das Internet als öffentlichen Raum, in dem natürlich Kooperations- und Partizipationsprozesse stattfinden können.

Wie gestalten sich aber Partizipation und Kooperation in konkreten Praxisfeldern? Meinfried Striegnitz beschreibt affine Prozesse anhand der Altlastensanierung und der Abfallwirtschaft (S. 155-166). Ausgehend von der Beschreibung historischer Entwicklungen entwirft er im Rekurs auf Akteurskonstellationen, und gesetzliche Rahmenbedingungen Kooperation und Partizipation hier als gesellschaftlichen „Lernerfolg“.

Im Bereich des Hochwasser- und Küstenschutzes beschreiben Heiko Grunenberg und Maren Knolle (S.167-185) szenariengestützte Partizipationsmodelle und beziehen empirische Daten aus zwei Forschungsprojekten auf die Fragestellung inwieweit Partizipation eine Möglichkeit der Risikobearbeitung im genannten Themenfeld darstellt.

Claudia Bartels (S. 186-200) betrachtet im Tourismussektor Kooperation als Modus, auftretende Konflikte zwischen Akteuren unter Berücksichtigung des Klimawandels zu bearbeiten. Dabei leistet sie sowohl eine Darstellung möglicher Konflikte, als auch die Anführung möglicher Kooperationsstrategien zur „konfliktfreien Strategieplanung“.

Silke Panebianco (S.201-215) widmet ihren Beitrag der Fragestellung, inwieweit Simulationen Potentiale für Kooperationen im Feld der nachhaltigen Entwicklung bergen. Hierbei differenziert die Autorin nach Rollenspielen, Planspielen und Modellspielen. Silke Panebianco ergänzt diesen Beitrag um ein Kriterienraster für die Ausgestaltung von Simulationen und reflektiert dieses vor dem Hintergrund lerntheoretischer Bezüge.

Diskussion

Die Herausgeber wagen sich mit diesem Band an eine Thematik, die mittlerweile Eingang in Parteiprogramme findet und deren graduelle Umsetzung teilweise sogar wahlentscheidend ist. Doch auch in internationaler Perspektive sind Fragen der Mitbestimmung und der Teilhabe von Menschen an Gesellschaft von aktueller Brisanz. Leider bedient das vorliegende Buch eine rein bundesdeutsche Perspektive und damit eben auch nur eine bestimmte Auswahl an thematischen Bezügen.

Auf „Vollständigkeit“ kann ein Sammelband aber keinen Anspruch erheben und insofern versteht sich auch der vorliegende Band: Er skizziert Wegmarken einer Diskussion, die zwischen (noch) normativer Forderung nach Nachhaltigkeit und einer Steuerungspragmatik pro Partizipation oszilliert. Etwaige Ambivalenzen, und das ist m.E. das größte Verdienst des Bandes, werden aus einer europäischen Sicht vor den Revolutionen und Umbrüchen der nordafrikanischen und arabischen Welt geschildert. Damit zeigt der Band eindeutig: Wenn es um normative Forderungen wie nach dem Leitbild „nachhaltige Entwicklung“ in all seinen Facetten geht, dann müssen einerseits politische Legitimation und gesellschaftliche Partizipation reflexiv in gesellschaftlichen Diskurse transportiert werden. Gleichzeitig leistet der vorliegende Band auch (evtl. unbeabsichtigt?) einen bemerkenswerten Bezug zu Entwicklungen in der aktuellen Euro-Krise. Mehr Beteiligung wird als Wundermittel gegen inkompetente Entscheidungsstrukturen ins Feld geführt. In Griechenland bekommen wir die Ambivalenz zwischen politisch notwendigen Entscheidungen und gesellschaftlichen Bedürfnissen zu spüren. Inwieweit die Forderung nach „mehr Beteiligung“ daher auch wirklich gesamtgesellschaftlich umsetzbar ist, und darüber hinaus ein Instrument des „capacity buildings“ darstellt, bleibt Gegenstand nachfolgender Betrachtungen.

Fazit

Der vorliegende Sammelband führt eine Reihe von Autoren zusammen, die im Wesentlichen im Umfeld der Leuphana Lüneburg ihren Wirkungskreis finden. Diese Eingrenzung wird aber im vorliegenden Band zur Chance. Durch die gemeinsame Fokussierung auf Transitionsprozesse und die Einbeziehung empirischer Daten im Rahmen von Fallstudien gelingt dem Band eine Kohärenz, die eine dichte Beschreibung und Argumentation ermöglicht, die sowohl innerhalb der einzelnen beschriebenen Blöcke, als auch zwischen den Einzelbeiträgen dem interessierten Leser gewinnbringendes Lesen „zwischen den Beiträgen“ ermöglicht. Besonders hervorzuheben sind die besonders stark ausgeprägten empirischen Bezüge der meisten Beiträge. Deshalb ist der vorliegende Band für Interessierte, besonders aber für wissenschaftlich involvierte Leser geeignet.


Rezensent
Robert Fischbach


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Zitiervorschlag
Robert Fischbach. Rezension vom 21.12.2011 zu: Harald Heinrichs, Katina Kuhn, Jens Newig (Hrsg.): Nachhaltige Gesellschaft: Welche Rolle für Partizipation und Kooperation? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17840-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11862.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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