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Franziska Diller, Dagmar Festner u.a.: Qualifikationsreserven durch Quereinstieg nutzen

Cover Franziska Diller, Dagmar Festner, Thomas Freiling, Silke Huber: Qualifikationsreserven durch Quereinstieg nutzen. Studium ohne Abitur, Berufsabschluss ohne Ausbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-7639-3607-6. 24,90 EUR, CH: 42,80 sFr.

Reihe: Wirtschaft und Bildung - Band 62.
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Thema

Die vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) vorgelegte Studie greift ein Thema auf, das im Schnittfeld von Bildungs- und Beschäftigungspolitik angesiedelt ist. Vor dem Hintergrund veränderter Beschäftigungsbiographien und dem drohenden bzw. zum Teil schon bestehenden Fachkräftemangel hat das Thema „Quereinstieg im Bildungssystem“ hohe Bedeutung gewonnen.

Eckart Lilienthal, BMBF, weist in seinem Vorwort darauf hin, dass aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit (Bildung als „Menschenrecht auf Bildung“), aus Sicht der Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sowie „aus Sicht der Menschen, um das Einzelschicksal zu verbessern“ (7), die Notwendigkeit besteht, die Durchlässigkeit des Bildungssystem zu erhöhen. Er meint damit vor allem die Öffnung von Laufbahnen und Bildungseinrichtungen für Menschen, die nicht auf dem üblichen Weg vorgebildet sind. Trotz struktureller Verbesserungen in diesem Bereich gibt es keinen nennenswerten Zulauf von „non-traditional students“ an die Universitäten. Daher hat das f-bb eine qualitative Studie durchgeführt, die die Erfahrungen und Motivlagen von „Quereinsteigern“ erkunden will. Auf der Basis der individuellen Perspektiven der Nutzer sollen Handlungsempfehlungen an Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gegeben werden.

Autoren

Franziska Diller, Dagmar Festner, Thomas Freiling und Silke Huber, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des f-bb, haben die Studie im Auftrag des f-bb (www.f-bb.de) erstellt. Das Forschungsinstitut unterstützt der eigenen Darstellung zufolge die Modernisierung des Berufsbildungssystems durch anwendungsnahe Forschung. Dazu werden Gestaltungsprojekte durchgeführt, Modellprojekte und Förderprogramme wissenschaftlich begleitet und evaluiert sowie empirische Erhebungen und Fallstudien vorgenommen.

Aufbau

Die Studie ist in sieben Kapitel gegliedert.

In der Einleitung werden die Zielsetzung und das Erkenntnisinteresse der Studie genannt; zudem wird die Methodik der Studie erläutert. Mit Hilfe einer qualitativen Analyse von Motiven und Erfahrungen von „Quereinsteigern“ soll ermittelt werden, wie die vorhandenen Möglichkeiten des Zugangs zu beruflichen und universitären Abschlüssen besser genutzt werden können. Zur Datenerhebung wurden insgesamt 71 Interviews geführt. Auf dieser Grundlage räumen die Autorinnen ein, dass bei der Studie keinesfalls von einer Repräsentativität ausgegangen werden kann.

Das zweite Kapitel widmet sich der Thematischen Einordnung in den bildungspolitischen Kontext; zentral geht es dabei um eine verbesserte Durchlässigkeit des Bildungssystems und die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen. Die Notwendigkeit, gegen die strikte „Versäulung des Bildungssystems“ tätig zu werden, wird unter Einbeziehung des gesellschaftlichen, des ökonomischen und des europäischen Diskurses thematisiert.

Im dritten Kapitel geht es um den “Quereinstieg in die Berufsbildung – Berufsabschluss ohne Ausbildung“. Nach der Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen der Externenprüfung folgt ein Überblick zum Forschungsstand. Die Ergebnisse der Studie (auf der Basis von Interviews mit 12 Frauen und 24 Männern) weisen darauf hin, dass die Prüfung von den Befragten als äußerst positiv bewertet werden: sowohl unter dem Aspekt der Qualifikationsnachweise als auch unter dem Aspekt des eigenen Weiterlernens. Als zentrale Motivkategorien werden das Motiv des Bewahrens (Vorbeugen der Verschlechterung der beruflichen Situation), des Veränderns (Eröffnung von Beschäftigungsalternativen) und des Aufsteigens (beruflich, sozial wie Einkommenssteigerung) identifiziert. Aber auch die Schwierigkeiten und Hindernisse der Externenprüfung (geringer Bekanntheitsgrad, anfängliche Lernungewohntheit) werden thematisiert.

Das vierte Kapitel: Quereinstieg in die Hochschulbildung – Studium ohne Abitur schließt unmittelbar an das vorausgegangene Kapitel an. Nach einer differenzierten Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen der Hochschulzugänge und ihrer Entwicklungen werden der Forschungsstand und der -bedarf erläutert. Es wurden 35 Interviews durchgeführt, um Motivlagen und Erfahrungen der Quereinsteiger zu eruieren. Es werden dabei nicht nur die Zugangswege in den Blick genommen sondern auch der Prozess des Studiums selbst. Als zentrale Ergebnisse werden genannt: „Der Quereinstieg in die Hochschulbildung ist Folge eines ausgeprägten Bildungsinteresses“ (134). Vor allem bei Männern und MINT-Studierenden ist aber auch der berufliche Aufstieg ein wichtiges Motiv für die Aufnahme des Studiums. Die fehlende Bekanntheit dieser Angebote aber auch fehlende Finanzierungsmöglichkeiten und organisatorische Hürden im Verlauf des Studiums werden von den Quereinsteigern als negative Faktoren benannt.

Selbstverwirklichung oder Karrieresprung – Welche Typen wagen den Quereinstieg? Darstellung typischer berufsbiografischer Verläufe ist das fünfte Kapitel überschrieben. Das Ziel dieses Abschnitts ist es, die Ergebnisse aller Interviewaussagen zu kongruenten Typen zu verdichten; damit sollen typische Konstellationen mit strukturellen Ähnlichkeiten und Regelmäßigkeiten identifiziert werden. „Empirische Regelmäßigkeiten, die sich bei der Analyse zeigen, werden so sinnhaft verstehbar. Damit werden soziologische Betrachtungsweisen, die bisher in der Forschung im Fokus standen, um subjektorientierte Erkenntnisse erweitert“ (135). Die Autorinnen begründen ihr methodisches Vorgehen, da es ihnen klar ist, dass sie mit der Konstruktion von Idealtypen den konkreten Persönlichkeiten nicht mehr ganz gerecht werden können. Sie halten die Vorgehensweise aber für gerechtfertigt, da so das „Allgemeine im Besonderen“ aufgefunden werden kann. „So können komplexe Kausalzusammenhänge durch Abstraktion wesentlicher Merkmale dargestellt werden“ (137). An diese Aussage möchte ich ein großes Fragezeichen anfügen: Ob „potenziell idealtypische Muster“, die durch die Verdichtung zu Idealtypen erkennbar werden sollen, mit dem Aufdecken von komplexen Kausalzusammenhängen gleich gesetzt werden können, wage ich zu bezweifeln. Meines Erachtens sind hier zwei sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen zusammengenommen und kategorial nicht sauber unterschieden worden: die Herangehensweise einer verstehenden / qualitativen und einer (dem naturwissenschaftlichen Wissenschaftsmodell folgenden) erklärenden Sozialforschung.
Die Autorinnen fassen möglichst ähnliche Verhaltens- und Einstellungsmuster zusammen und bilden auf dieser Grundlage vier Typen von Quereinsteigern: Pragmatiker, Aufsteiger, Patchworker und Selbstverwirklicher. Als wichtigste Merkmale, an deren Ausprägungen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Typen deutlich werden, benennen sie: den sozialen Hintergrund, die Bildungs- und Berufsbiografie, die Motive für den Quereinstieg u die individuellen Probleme sowie der bildungsökonomische Nutzen des Abschlusses. Die Bedeutung der Unterscheidung und die Differenzierung in die Idealtypen sehen die Autorinnen auch in der zielgruppenorientierten Ansprache von Quereinsteigern, um diese für weitere Bildungsschritte zu motivieren.

Kapitel sechs geht der Frage nach: Zahlt sich Lebenslanges Lernen aus? Der Nutzen des Quereinstiegs und bildungsökonomische Effekte. Die Autorinnen verweisen bei der Beantwortung der Frage darauf, dass die so genannte Bildungsrendite nicht der einzige Fokus dabei sein darf. „Sowohl mit Blick auf das Individuum als auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Relevanz von Bildung muss der Begriff des bildungsökonomischen Nutzens weiter gefasst werden.“ Der monetäre Aspekt ist bedeutsam aber nicht allein ausschlaggebend für die Bewertung von Maßnahmen des Quereinstiegs; andere individuelle Erträge wie Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsmarktflexibilität, Sozialprestige und erweiterte Kompetenzen (im Zusammenhang mit Ansprüchen an die eigene Tätigkeit) sind reale Nutzen, die für die befragten Quereinsteiger bedeutsam sind.

Am Ende der inhaltlichen Ausführungen des Buches stehen die Handlungsempfehlungen (Kapitel sieben). Aus den Interviews lesen die Autorinnen im Wesentlichen drei Faktoren heraus, die den Quereinstieg beeinflussen: Persönliche Faktoren (Selbstvertrauen, Weiterbildungsmotivation, Selbstlernkompetenz, Sprachverständnis, Durchhaltevermögen), soziale Faktoren (Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Unterstützung durch Herkunftsfamilie, durch Familie / Partner und durch soziale Netzwerke) sowie institutionelle Faktoren (Informations-, Beratungs-, Kursangebot, Finanzierungsmöglichkeiten und betriebliche Unterstützung). Vor dem Hintergrund der aus den Interviews erkannten Motivlagen und Hindernissen formulieren die Autorinnen an die Bildungspolitik und an die beteiligten Institutionen konkrete Handlungsempfehlungen. Sie reichen von Vorschlägen zur Gestaltung regionaler Informations- und Beratungsstrukturen (Koordinierungsgespräche und Imagekampagnen) über die Etablierung von Finanzierungsstrategien für Individuen sowie Klein- und Mittelbetriebe bis zu Maßnahmen, die den Zugang zu den Hochschulen erleichtern könnten. Die Empfehlungen an die Institutionen richten sich an Hochschulen, Kammern und Betriebe. Dabei werden sowohl Vorschläge zur Verbesserung der Informationswege, der Prüfungsvorbereitungen, der Unterstützung in den Betrieben als auch zur Entwicklung und Erprobung zielgruppengerechter Studienmodelle formuliert.

Fazit

Der Studie (und vor allem den Handlungsempfehlungen) ist zu wünschen, dass sie die Entscheidungsträger in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zur Kenntnis nehmen und die vorgeschlagenen Maßnahmen in einen Umsetzungsprozess bringen, da die Frage der Durchlässigkeit des Bildungssystems – und damit auch des Quereinstiegs – eine der zentralen Fragen und Aufgaben eines demokratisch verfassten Bildungssystems darstellen.


Rezension von
Dipl.Päd Manfred Weiser
Leiter Berufsbildungswerk Mosbach‐Heidelberg
Homepage www.bbw‐mosbach‐heidelberg.de
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Zitiervorschlag
Manfred Weiser. Rezension vom 16.01.2012 zu: Franziska Diller, Dagmar Festner, Thomas Freiling, Silke Huber: Qualifikationsreserven durch Quereinstieg nutzen. Studium ohne Abitur, Berufsabschluss ohne Ausbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-7639-3607-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11863.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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