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Geseko von Lüpke: Zukunft entsteht aus Krise

Cover Geseko von Lüpke: Zukunft entsteht aus Krise. Antworten von Joseph Stiglitz, Vandana Shiva, Wolfgang Sachs, Joanna Macy, Bernard Lietaer u.a. Riemann Verlag (München) 2009. 576 Seiten. ISBN 978-3-570-50112-2. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Das Buch präsentiert Zukunftsszenarios in Gesprächen mit Menschen aus zahlreichen Disziplinen, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Krisen erforscht haben und propagieren.

Autor

Lüpke ist studierter Politologe und Ethnologe und arbeitet als Journalist mit Schwerpunkt auf ganzheitliche Ansätze in der Wissenschaft, alternative Lebensformen, interkulturellen Dialog und Spiritualität.

Zu den AutorInnen gehören der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und alternative Nobelpreisträgerinnen wie Vandana Shiva, renommierte Natur- und Geisteswissenschaftlerinnen wie Hans-Peter Dürr, Claus Otto Scharmer, Joanna Macy oder Mary-Wynne Ashford, Philosophen wie Andreas Weber oder Jim Marion und Aktivistinnen wie Amy Goodman oder Frances Moore-Lappé.

Entstehungshintergrund

Hintergrund ist die Krise welche allgegenwärtig und noch nicht bewältigt ist, auf die die westliche Zivilisation nur wenig schlüssige Antworten diskutiert. Als krisenhaft wird insbesondere die industrielle Wachstumsideologie bezeichnet, welche neben der Finanz- und Wirtschaftskrise auch ökologische und soziale Probleme mit sich bringt. „Die hier zusammengebrachten Spezialisten und Zukunftsdenker/innen gehen (…) unisono davon aus, dass wir uns in einer historischen Häufung von bislang separat wahrgenommenen Krisen befinden, die sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einer - dann nicht mehr lenkbaren - Megakrise verdichten könnten, die das Überleben der menschlichen Zivilisation grundsätzlich in Frage stellen würde.“ 10

Die AutorInnen gehen auch davon aus, dassProbleme bewältigbar sind, dass etwa solare, regionale Ökonomien, eine globale ökologische Landwirtschaft und eine insgesamt nachhaltige, gerechte und friedliche Welt möglich ist. Voraussetzung dafür ist eine grundlegend veränderte Weltsicht, welche das systemische Zusammenwirken vielfältiger interdependenter Entwicklungsdynamiken ernst nimmt.

Eine radikal neue Sicht auf die Krise wird insofern gefordert, als diese erstens nicht als „Betriebsunfall“, sondern als systemimmanent wahrgenommen wird, und zweitens das in der Krise inhärente Potenzial für grundlegenden Wandel betont wird. Dieser wird von allen Beiträgen als unumgänglich gesehen, und zwar als notwendige, fundamentale Neuorientierung: „Wir befinden uns (…) an einem zeitgeschichtlichen Übergang von enormen Dimensionen, der ebenso viel Risiko beinhaltet wie Potenziale für vollständig neue Entwicklungen.“ 13

Entsprechend der Erkenntnis, dass andauernde Veränderungsprozesse normal sind und zu immer mehr Ordnung in höherer Komplexität führen, für die Ilya Prigogine 1977 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, wird argumentiert, dass Zukunft aus dynamischen Veränderungen entsteht, bei denen auf Krisen mit kreativen evolutionären Lösungen reagiert wird, die eine Balance auf einem Gleichgewichtszustand höherer Ordnung wiederherstellen. 550

Aufbau

Der Herausgeber geht davon aus, dass Zukunft heute im Wesentlichen aus Krisen entsteht, weil sich in Umbruchsituationen Neues am ehesten durchsetzen kann. Nach dem Motto, es sei „a crime to waste a crisis“ braucht es demnach Mut, die Krise zu nützen. „Die systemimanente Destabilisierung des Systems ermöglicht gerade jetzt Reformen, die ansonsten nur belächelt worden wären.“ 15 Er geht davon aus, dass Krisen eine universele Dynamik haben, mit der sich arbeiten lässt.

Der Zivilgesellschaft wird bei den anstehenden Veränderungen eine entscheidende Rolle zugeschrieben, da diese alle entscheidenden Reformimpulse setzt. Staatliche Insititutionen schützen eher den status quo.

Das Buch plädiert für eine innovative neue Form der partizipativen Zukunftsforschung, u.a. indem es „Pioniere eines nachhaltigen, zukunftsfähigen Denkens und Handelns vorstellt“ 16. Diese werden in 21 Dialogen zur Sicht auf die gegenwärtigen Transformationsprozesse bzw. deren Notwendigkeit, Möglichkeit und Risiken aus Sicht ihrer jeweiligen Disziplin bzw. Erfahrung befragt. Diese Dialoge sind folgenden fünf Teilen zugeordnet.

I. Teil: Dynamik von Umbrüchen

Der Systemtheoretiker Laszlo spricht von Bifurkationspunkten, an denen ein System sich nicht mehr auf gewohnte Weise erhalten kann und daher entweder zusammenbricht, oder sich grundlegend restrukturiert. Systeme sind nicht-linear, d.h. sie können lange Zeit stabil sein, in krisenhaften Zeiten allerdings können selbst kleine Einflüsse riesige Wirkung bekommen. Schlussfolgerungen gehen hin zur Betonung der globalen Vernetzung sowie zur persönlichen Verantwortung aufgrund der Erkenntnis, Teil eines größeren Ganzen zu sein anstatt isoliertes Individuum, und das zu einer Zeit, in der selbst kleinste Veränderungen die Möglichkeit haben, das ganze System zu beeinflussen. Der globalen Zivilgesellschaft wird dabei ebenfalls viel Potenzial zugeschrieben - quasi als Immunsystem der Gesellschaft.

Die Psychologin Friedman bezieht sich ebenfalls auf die Selbstorganisation von Systemen und vergleicht individuelle und kollektive Krisen, die beide dann entstehen, wenn Einstellungen und Werte nicht flexibel genug sind, um Probleme zu lösen, wenn also nicht mehr ausreichend auf Unerwartetes reagiert werden kann. Demgegenüber kann heilende Selbstorganisation gerade aus der Verwirrung, dem Unerwarteten kommen, da alle Informationen über konditionierte Kanäle die Tendenz haben, „die bestehende Geschichte zu stabilisieren“. 52 Sie bezieht sich dabei zum Einen auf den Spruch „Wenn Du einen Buddha triffst, schlag ihn tot“, als auch auf Maturana und Varela, die in ihrer Theorie der Selbstorganisation lebender Systeme Kognition nicht in einem abstrakten Raum sondern als grundlegenden Teil des Lebensprozesses und der Gestaltung sozialer Systeme sehen. Voraussetzung für neue Wahrnehmungen ist es, narzistische Besetzungen von eigener Bedeutung und Kontrollanspruch aufzugeben, die mit der Krise verbundene Angst anzunehmen, den Widerstand gegen gegebene Situationen aufzugeben und impliziten Wissen zu vertrauen. Auch sie betont Vernetzung und meint, dass das Neue aus „minimal movements“ entsteht, die zuerst an den Rändern der Gesellschaft auftauchen und dass heilende Selbstorganisation Offenheit und Sensibilität braucht. Dies betrifft auch die Bereitschaft zur Konfrontation mit der - in Übergangssituationen normalen - Angst.

II.Teil: Paradigmenwechsel: Von der Maschine zum Organismus

Der Quantenphysiker Dürr plädiert auf Basis der Erkenntnisse der Physik ebenfalls dafür, die gedankliche Spaltung von Mensch und Natur aufzuheben und sich als Teil des Ganzen zu verstehen. Das Fundament der Welt ist nicht materiell - Elementarteilchen werden durch immaterielle Schwingungen nur vorgetäuscht: „Die Natur - so musste man schlussfolgern - ist im Grunde nur Verbundenheit, das Materielle stellt sich erst hinterher heraus.“ 69 Die Welt ist daher eine Einheit, die letztlich gar nicht in Teile aufgespalten werden kann und die Krise resultiert dementsprechend v.a. aus der Weigerung, diesen im Vergleich zur gewohnten Annahme einer dinglichen Realität revolutionär erweiterten Charakter der Wirklichkeit mit allen Konsequenzen zu akzeptieren. Diese sind z.B. eine Bescheidenheit in Bezug auf das prinzipiell Wissbare, eine neue Ethik in Sinn einer weniger isolierten Menschensicht und der Auflösung monostruktureller und zentralistischer Konstruktionen wie zentralistisch organisierte Herrschaft, transnationale Riesenkonzerne oder Risikotechnologien. Dezentralen Produktions-, Verteilungs- und Entscheidungsstrukturen kommt demnach besondere Bedeutung zu.

Die Evolutions- und Zukunftsforscherin Sahtouris betont v.a. das Problem der Klimaerwärmung, welche zum sechsten großen Aussterben in der Geschichte des Planeten führt und eine nächste Welle der Evolution auslöst. Die Entwicklung des Lebens - von Bakterien über Einzeller bis zu Ökosystemen und der meisten Individuen war von einer Abfolge von Konkurrenz und Kooperation gekennzeichnet, eine Entwicklung, die sie auch der gegenwärtigen Weltgesellschaft zuschreibt. Die gegenwärtige konkurrenzorientierte Wirtschaft charakterisiert sie demnach als pubertäre Phase. Neben der Erfindung des Internets ist die Entstehung von über einer Million NGOs unter evolutionären Gesichtspunkten die „größte Bewegung der Menschheitsgeschichte“ 85.

Der Biologe und Philosoph Weber spricht angesichts der Naturkatastrophe vom größten Marktversagen der Geschichte (113) und führt sie darauf zurück, dass wir Leben falsch verstehen, also mit Gesetzen der toten Materie erklären, dass wir also einer Ideologie des Toten folgen, nach dem letztlich religiösen Motiv, das Paradies auf Erden zu schaffen durch die Abschaffung des (materiellen) Mangels. Diese verdinglicht-tote Vorstellung spiegelt sich auch in jener der unsichtbaren Hand des Marktes wieder. Der Begriff wurde von Kant erstmals benannt, damit taucht erstmals in der Geschichte eine Idee der Selbstorganisation auf, was insofern eine grandiose Idee darstellt. Auch aus den Schriften von Adam Smith geht allerdings hervor, dass diese ein Spielfeld mit Regeln braucht. Im Rahmen des Konzepts des Biokapitals tritt Weber daher für eine konsequente monetäre Bewertung der Natur ein.

Der Bewusstseinsforscher und Mystiker Marion fordert ein plurales integrales Bewusstsein - nicht nur individuell, sondern auf Ebene der Gesellschaft. Derzeit vorherrschend ist die mythologische Bewusstseinsebene, welche noch vor der Entwicklung eines rationalen Bewusstseins steht, ethnozentristisch und soziozentristisch denkt und zu mythologischen Glaubenssystemen etwa im Bereich der Wirtschaft oder der Politik führt. Statt eines mythologischen Bewusstseins - welches Gott weit weg und fast dinghaft sieht, sieht er die Zukunft in einem mystischen - welches Gott im Selbst, in der Schöpfung begreift und zu einem anderen Selbstbild wie auch zu einer anderen Ethik führt. Nicht nur Gottesbilder sondern auch jene der politischen Führer korrespondieren mit dem Bewusstseinszustand. „Die Führungsriege einer jeden Gesellschaft reflektiert weitgehend den Bewusstseinsstand ihrer Mitglieder.“ 143 Ein gegenwärtiges Problem sieht er darin, dass unser spirituelles Glaubenssystem eher mythologisch begründet ist, unser Alltagsleben aber rational. Sinnvoll wäre es, sich mehr um Fragen des inneren Wachstums zu kümmern - hierin läge eine zentrale Aufgabe der Kirche - statt um materielles Wachstum. Er beschreibt den Begriff der evolutionären Spiritualität, welcher davon ausgeht, dass man die Grenzen des Bewusstseins immer wieter ausdehnen kann und wir zu großem inneren Wachstum fähig sind (156).

Die Systemtheoretikerin und Ökophilosophin Macy argumentiert, dass die Menschen das implizite Wissen vom Ende unseres bisherigen zerstörerischen Systems und die damit einhergehende soziale Hysterie verdrängen in Form von oberflächlicher Unterhaltung, Fundamentalismus, Nationalismus etc. Diese Verdrängung verhindert adäquate Rückkopplung, durch welche Systeme Fehlentwicklungen korrigieren können. Auch sie plädiert für ein neues Weltbild: „Die vielen Forschungsansätze der Biologie, Physik, Chemie und Genetik, die das Geheimnis des Lebens entschlüsseln wollen, kommen ebenso wie die systemtheoretischen Ansätze zu dem Ergebnis, dass die klassische Trennlinie unseres Denkens zwischen der Person einerseits und ihrer Umwelt andererseits künstlich ist und dass es sich beim Leben stattdessen um einen wechselseitigen interaktiven Prozess handelt.„164 Letztere Sichtweise entspricht einer nichtdualistischen Spiritualität. Sie fordert, der Realität der gegebenen Unsicherheit offen ins Auge zu sehen, anzunehmen was geschieht und die größeren Kreisläufe des Lebens wahrzunehmen, anstatt der gegenwärtigen Wahl zwischen Lähmung und Panik. Wenn ein System unter Stress gerät und sich weiter entwickelt, nennt man das positive Desintegration, damit sind vergleichbare Prozesse sowohl bei Individuen als auch bei sozialen Systemen oder Denksystemen verbunden, die letztlich als Prozess des - angstbesetzten - Sterbens und der Möglichkeit einer Neuentwicklung gesehen werden können.

Der Kulturforscher Bischof plädiert für eine Abwendung von der Logik des Verstandes zur Logik der Vernunft. Er sieht eine Transformation, die schon in der Mystik des Mittelalters, der Romantik des 19ten Jahrhunderts und in der Lebensreform-Bewegung um die vorletzte Jahrhundertwende angelegt war, und seit den 80er Jahren- insbesondere im Rahmen ihrer spirituell-ökologischen Seiten - zu einer manifesteren kulturellen Bewegung wurde, die letztlich v.a. Werte in Frage stellte bzw. weiter entwickelte. Der Soziologe Elgin hat aufgrund seiner Werteforschungen prognostiziert, dass ein globaler Bewusstseinswandel dazu führen würde, dass das 21. Jahrhundert vom 20. so verschieden sein werde, wie die moderne Welt von jener des Mittelalters. Der Soziologe Paus Ray stellt den beiden traditionellen, dem Links-Rechts-Schema folgenden, soziologischen Gruppen mit den „cultural creatives“ oder „Transmodernisten“ eine neue, dritte Gruppe gegenüber, die er in den USA auf etwa ein Viertel der Bevölkerung schätzt, die aber von der politischen Landschaft nicht abgebildet wird. Im Zuge der reflexiven Moderne (U.Beck) entsteht hier auch eine neue Form der Spiritualität. Dabei geht es um Verstehen der Welt, Selbstverwirklichung, persönliches Wachstum und die Entwicklung von Werten im Sinne der Selbstkultivierung, die bisher mehr für Techniken wie z.B. Yoga verwendet wurden, die aber als identisch mit dem Begriff der Bildung („self-cultivation“) gesehen werden, im Sinne von Kant und anderen Aufklärern.

III. Teil: Samen der Zukunft - zivilgesellschaftliche Modelle einer anderen Welt

Perlas,der u.a.Soziologe und zivilgesellschaftlicher Aktivist in Manila ist, sieht in der Zivilgesellschaft die kulturelle Kraft des Wandels, nachdem man „fast nie wirklich grundlegende Innovationen im staatlichen oder geschäftlichen Kontext findet.„205 Herausforderungen dabei sind die Folgenden: Ein tiefes Verständnis von der Gegenwart, d.h. von systemischen Strukturen der Probleme sowie den dazugehörigen Weltbildern und Werten; Gelassenheit, wenn dieses Verständnis nicht von allen geteilt wird; eine Reflexion eigener Paradigmen; die Entwicklung eines absichtsvollen Zugangs zum eigenen kreativen Selbst und eine sinnvolle Nutzung desselben; die praktischen und organisatorischen Fähigkeiten, um Neues fruchtbar in die Welt zu bringen.

Viele Aktivisten der heutigen Zivilgesellschaft stellen sich dieser umfassenden Reflexion bzw. Entwicklung von Fähigkeiten noch nicht ausreichend. Weiters kritisiert er, dass soziale Bewegungen und ihre Organisationen meist nur ein minimales Verständnis davon haben, was Zivilgesellschaft ist, was die essentielle Natur ihrer Macht ist und wo daher die strategischen Prioritäten ihres Engagements liegen müssten. 205 Die Zivilgesellschaft müsste sich dementsprechend stärker global organisieren um ihr Potenzial v.a. als kulturelle Kraft zu nutzen. Er beschreibt die Geschichte der Zivilgesellschaft als dritte kulturelle Kraft neben Wirtschaft und Politik und sieht neue Organisationsprinzipien v.a. in der Bildung von Identität und Sinn und neuen Paradigmen. Auch er schreibt von einer neuen Spiritualität, die weit gefasst ist im Sinn einer Kombination von innerem Wachstum und sozialer Aktion.

Der Soziologe und Ökologe Sachs bezieht sich v.a. auf knapper werdende Ressourcen und sieht einen Übergang zum „zweiten Solarzeitalter“ 247 Er zitiert den Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen, der die gegenwärtige geschichtliche Phase als Anthropozän charakterisiert, als eine, in der der Mensch in alle großen geobiochemischen Kreisläufe eingreift, ein Umstand, der wie ein Bummerang auf die Menschen zurückschlagen kann. Die Warnungen des Club of Rome aus den 70er Jahren sind eingetreten, zudem ist noch das damals nicht vorhergesagte Klimaproblem aufgetreten. Der Wirtschaftsaufschwung von China, Indien, vieler ehemals kleinerer Schwellenländer oder auch Großmächten wie Brasilien und Mexiko verschärft das ökologische Problem. Die beim Rio-Umweltgipfel anvisierte nachhaltige Entwicklung ist bislang gescheitert, v.a. aufgrund der Stärke der WHO als institutioneller Ausdruck für deregulierte globale Märkte - die neoliberale globalisierte Wirtschaft hat dammit das Projekt Nachhaltigkeit verdrängt. Nun allerdings sieht er eine neue Chance: „Mit dem Crash des Finanzkapitalismus ist auch die Ambition, eine weltweit deregulierte Wirtschaftsarena zu schaffen, zerbrochen.“ 252 Die Problematik wird von den unterschiedlichsten Akteuren in Wirtschaft und Politik allerdings bislang eher auf der Hinterbühne gesehen, während auf der Vorderbühne Alltagsfragen und die Aufrechterhaltung des Status Quo verhandelt werden. Die Zivilgesellschaft könnte diese epochenspezifische Schizophrenie verändern. Notwendig ist jedenfalls für den in wenigen Jahren dringend notwendigen Durchbruch im Energieverbrauch mittelfristig eine neue Technik, kurzfristig - und viel schneller wirksam - soziale Regelungen und Konventionen (z.B. Gebäudesanierungen, Geschwindigkeitsbegrenzungen) sowie auch ein „institutionelles Projekt“, d.h. die Etablierung von Regeln, die die Wirtschaftsdynamik in Bezug auf biosphärische Verträglichkeit und Menschenrechte verpflichtet.

Die Quantenphysikerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Vandana Shiva analysiert die ökonomischen, ökologischen und sozialen Schwachpunkte der industriellen Landwirtschaft, die nicht einmal zu der versprochenen Mehrproduktion geführt hat, so „produzieren wir heute weniger Nahrungsmittel als in den Zeiten vor der „grünen Revolution“ 275. Sie kritisiert den Prozess der Kommerzialisierung, durch den „jeder Aspekt des Lebens zur Ware gemacht worden ist“ 270. Spekulationen auf Nahrungsmittel wurden erst möglich, nachdem die landwirtschaftlichen Regeln der WHO die Länder der Dritten Welt zum Anbot ihrer Waren auf dem globalen Markt zwangen und die Kombination von hohen Agrarsubventionen und Monopolbildung wie auch der Umgang mit Patenten („öffentliche Forschung - private Patente) sind Ursache für drastische Prozesse der Verarmung und Umweltzerstörung. Die Krise muss uns daher zur ökologischen Landwirtschaft zwingen.

Die Journalistin, Sozialaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Amy Goodman zeigt, wie Medienkonzerne nur die Neuigkeiten einer kleinen Elite wiedergeben, was im Endeffekt wirkt, „als hätte man den Bürgern den öffentlichen Raum weggenommen.“ 312 In den zwei Wochen vor dem Irakkrieg etwa wurden in den vier wichtigsten Nachrichtensendungen der USA fast 400 Interviews zur Frage des Krieges geführt, nur vier davon mit Kriegsgegnern. NBC, einer der größten amerikanischen Sender etwa, gehört General Electric, einem der größten Waffenproduzenten. Sie argumentiert, dass Medien ein öffentliches Gemeingut sein sollten - entsprechend der Aussage von Noam Chomsky, dass die Medien Zustimmung produzieren“ und betreibt den unabhängigen, internationalen Sender „Democracy Now“. Das Internet hat als globales Netzwerk der Zivilgesellschaft enormes Potenzial, soll aber gegenwärtig ebenfalls privatisiert werden. Ihr Appell an die Medien ist, „die historische Perspektive der Situation, an der wir global heute stehen, der Öffentlichkeit klar vor Augen zu führen.“ 318 Auch das Potenzial der Situation und der Menschen sollte von den Medien klarer kommuniziert werden, die zentrale Rolle der Medien ist es demnach, Brücken in die Zukunft zu bauen, und den Menschen als Teil der Zivilgesellschaft eine Stimme zu geben.

Die Ärztin und Friedensaktivistin Ashford argumentiert auf Basis von Untersuchungen der Universität von British Columbia, dass die Zahl der Kriege und Völkermorde wie auch der Opfer des Terrorismus seit 1991 drastisch gesunken ist, laut Friedensforschern also sich die Welt vom Krieg abwendet. Sie führt dies auf die Arbeit der Vereinten Nationen, das internationale Recht, den internationalen Gerichtshof und den wachsenden Einfluss der Zivilgesellschaft zurück. Dass dies dem Alltagsverständnis widerspricht, liegt v.a. an der Logik der Medien („Blut macht Auflage“ 322), an den Interessen von Regierungen, ihre Stellung durch Bedrohungsszenarios zu stärken und am Profitinteresse des militärisch-industriellen Komplexes (Militärausgaben sind die wirtschaftliche Basis vieler Staaten der USA). Die eigentliche Bedeutung der Zivilgesellschaft sieht sie v.a. darin, dass diese eindeutige ethische Positionen einnimmt. Auch sie bringt die gegenwärtigen Veränderungen mit einem Bewusstseinswandel hin zu mehr Achtsamkeit und Respekt und Ethik in Zusammenhang. Die Proteste gegen den Irakkrieg führte die New York Times dazu, von einer „zweiten Weltmacht namens Zivilgesellschaft“ zu sprechen. Ashford nennt als beispielhafte Erfolge der Zivilgesellschaft etwa das Verbot von Landminen, die Entscheidung des internationalen Strafgerichtshofes zum Verbot von Atomwaffen. Die Gefahr, dass Konflikte um die zunehmend knapper werdenden Ressourcen zu einem weiteren Anstieg von Kriegen führen würden, sieht sie aufgrund des extrem hohen Ressourcenbedarfes von Kriegen nicht: „Es ist ein gigantischer Schwachsinn, um das letzte Öl zu kämpfen und es dabei aufzubrauchen.“ 338

Der Soziologe und Führungskräfte-Trainer Scharmer stellt seine Theory U mit dem Konzept des Presencing vor, welches als Methode die Wahrnehmung zukünftiger Möglichkeiten eröffnet - im Gegensatz zum üblichen Lernen aus der Reflexion der Vergangenheit. Dem Satz von Albert Einstein folgend, man könne nicht mit altem Denken jene Probleme lösen, die durch ebendieses Denken entstanden sind, fordert er ein neues Lernen. Beteiligte Akteure sollen zusammen kommen, um ein tieferes Verständnis für die Situation zu schaffen und aus diesem heraus Handlungsimpulse zu erschaffen. Das Grundprinzip des Theory-U-Prozesses geht davon aus, dass jede nachhaltige Veränderung drei Phasen durchläuft: Eine Öffnung nach außen, d.h. die Situation wirklich wahrnehmen, eine Öffnung nach innen, d.h. sich mit eigenen Quellen tieferen Wissens zu verbinden, und auf dieser Basis die Wahrnehmung von Handlungsimpulsen, Ideen oder Inspirationen. Das Nutzen dieses inneren Wissens, das dazu ermöglichen soll, „aus der Zukunft heraus zu führen“ nennt er Presencing, bzw. „Anwesendwerden“ oder Gegenwärtigwerden einer zukünftigen Möglichkeit“. 356 Es bezeichnet „die Fähigkeit einzelner Menschen oder kollektiver Einheiten, sich mit ihrer höchsten zukünftigen Möglichkeit zu verbinden und von dort aus unmittelbar zu handeln.“ 357 Er geht von drei globalen Revolutionen aus, erstens einer neuen Ökonomie auf Basis einer ökologischen Revolution, zweitens einer sozialen Revolution zu einer Netzwerkgesellschaft auf Basis neuer Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen und drittens einer kulturell-spirituellen, von der Zivilgesellschaft getragenen Revolution von innen.

IV. Teil: Unterwegs zu einer ökologischen Ökonomie

Die Ökonomin und Zukunftsforscherin Henderson diagnostiziert die Probleme des ökonomischen Systems anhand medizinischer Analogien, u.a. als krebsartiges Wachstum seines Finanzsektors oder Ausfälle des Immunsystems. (Aufgrund des Umfangs dieser Rezension an dieser Stelle schon eine persönliche Stellungnahme: Das Schwelgen in Analogien in diesem Beitrag ist m.E. überzogen und macht diesen Beitrag zum einzig mühsamen des Sammelbandes - Metaphern, wenn sie überfordert werden, tragen nicht mehr viel zum Verständnis bei, im Gegenteil: hier wird aus Liebe zur bildhaften Darstellung weit mehr an Text eingesetzt, als für die Inhalte erforderlich ist.) Sie fordert einen grundlegenden Umbau des weitgehend unregulierten Finanzsystems. Insbesondere bei der Kontrolle global operierender Banken und der Reduktion ihres Geschäfts auf die Finanzierung der realen Weltwirtschaft braucht es mehr internationaler Kooperation. „Souveräne Nationalstaaten müssen wieder die Möglichkeit haben, ihre Bürger vor Erpressung und Ausbeutung privater Unternehmen zu schützen, ohne dafür gleich des Protektionismus beschuldigt zu werden.“ 284 Zudem fordert sie eine global abgestimmte Steuer auf Währungsspekulation, die massive Reduktion von Rüstungsausgaben und die verstärkte Bedeutung lokaler Komplementärwährungen, internationalem Tauschhandel und elektronischen Währungen, sowie finanzielle Anreize und Förderungen des Ausbaus einer neuen Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsversorgung und nachhaltigen Unternehmen - insgesamt einen „grünen New Deal“ 389.

Der Ökonom und Nobelpreisträger Stiglitz diagnostiziert zwei Elemente der Wirtschaftskrise: die Reformbedürftigkeit des Wirtschaftssystems und die systemischen Probleme des Finanzsektors. Asymmetrische Globalisierung, d.h. die im Vergleich zu Arbeitsmärkten viel stärkere Liberalisierung der Kapitalmärkte führte dazu, dass nationale Regierungen Kapital nicht mehr besteuern konnten, was das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Arbeit und Kapital verschoben hat. 407 Das Versagen des Marktfundamentalismus hat bestätigt, dass Märkte nicht selbstkorrigierend und daher - globale - Regulierungen der Wirtschaft notwendig sind. Ursachen sieht er v.a. in der Politik der USA, welche nicht nur faule Immibilienhypotheken, sondern auch die Philosophie des freien, deregulierten Marktes sowie die Unternehmenskultur der Verantwortungslosigkeit und den Wirtschaftsabschwung in die ganze Welt exportiert hat. 392f Ein verstärkender Faktor war die Steigerung der Ölpreise, v.a.durch den Irak-Krieg und die Instabilität der Lebensmittelmärkte. Der Umgang mit dem wirtschaftlichen Abschwung zeigt: „Die Rhetorik vom freien Markt wird selektiv angewandt - hervorgehoben, wenn er speziellen Interessen dient, und verworfen, wenn dies nicht der Fall ist.“ 396 So sind internationale Handelsabkommen - etwa das Nordamerikanische Freihandelsabkommen - weder frei noch fair, sondern bevorteilen reiche Länder durch Förderzuschüsse, Handelsbarrieren etc. Einer Kritik am Krisenmanagement im Zuge der Finanzkrise schließt er die Forderung nach umfassenderen Reformen an, u.a. die Schaffung neuer Institutionen: einer neuen globalen Kreditorganisation, einen weltwirtschaftlichen Lenkungsausschuss und ein neues globales Reservesystem mit einer neuen Reservewährung. Weiters fordert er eine kompromisslose Verpflichtung für eine „grüne Erneuerung“ und eine starke Vereinbarung zum Klimawandel.

Die Währungsspezialistin Kennedy argumentiert, dass die breite Anwendung ökologischer Prinzipien durch einen grundsätzlichen Fehler im Geldsystem behindert wird und fordert die Einführung von Komplementärwährungen. Sie warnt vor einem Währungszusammenbruch, wie es etwa in Argentinien schon der Fall war, der daraus resultiert, dass Geld in einer real begrenzten Welt exponentiell wachsen soll und daher nicht mit realen Werten übereinstimmt. Sie fordert, dem Geld den Warencharakter zu nehmen, es also nicht mehr als Wertaufbewahrungsmittel mit exponentiell wachsenden Ansprüchen zu behandeln. Dies bedeutet, dass „Geldhorten“ nicht mit Zins- und Zinseszins belohnt, sondern der Geldfluss belohnt werden sollte. Für ein dauerhaft stabiles Geldsystem dürfte Geld also keine Zinsen kosten. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre die Anpassung von Zinsen an die reale Wirtschaft. Sie führt als Beispiel den Schweizer WIR-Wirtschaftsring an, eine Vereinigung von ca. 20% der kleinen und mittleren Unternehmen in der Schweiz, die eine Parallelwährung erschaffen haben, einander Kredit geben und untereinander den „WIR“ als Währung verwenden. Im Gegensatz zum prozyklischen Verhalten der Banken funktioniert dieses System, welches ein geschlossener, aus Mitgliedsunternehmen bestehender Kreislauf ist, antizyklisch. Ein ähnliches System schlagen die Autorin und andere Währungsspezialisten auch für größere Einheiten, wie die EU vor, zunächst als Parallelwährungen, die auch Stabilität schaffen könnte - die Komplexitätsforschung zeigt, dass Stabilität nicht nur durch Effizienz, sondern auch durch Vielfalt entsteht, in Bezug auf Währungen also auch durch eine Vielfalt von Geldern 428. Derzeit gibt es in Deutschland 60 Initiativen für Regionalwährungen, die ohne Zins funktionieren und 30 Initiativen, die eine eigene Währung herausgegeben haben.

Der Ökonom und Tiefenpsychologe Lietaer nennt Paradoxien unseres Geldsystems: Wir haben z.B. genug Essen für alle, aber nicht genug Geld, es zu kaufen, es gibt genug Arbeit, die zu tun wäre, aber nicht genug Geld, um sie zu entlohnen. Auch er betont die durch die Erforschung komplexer Systeme verdeutlichte Bedeutung von Vielfalt - sämtliche komplexen Systeme werden strukturell instabil, wenn der Aspekt der Effizienz überbetont wird, während Vielfalt verloren geht - und zieht die Schlussfolgerung, dass eine nachhaltige Vitalität der Wirtschaft verschiedene Arten von Geld und Finanzinstitutionen braucht, also auch komplementäre Währungen. Weiters schlägt er standardisierte Tauschhandelseinheiten vor, die auf real existierenden Waren und Dienstleistungen basieren und daher stabiler als alle existierenden Währungen wären. Auch er sieht also in lokalen - an vielen Orten bereits existierenden - alternativen, lokalen Geldsystemen eine Lösung für die durch den Finanzsektor verursachten Probleme. Mit der Metapher „baut Flöße“ meint er also, dass angesichts eines drohenden Finanzkollaps von unten Systeme geschaffen werden müssen, „die robust genug gegen alle Instabilitäten sind und unabhängig davon funktionieren, was mit dem konventionellen Geldsystem passiert.“ 463

Abouleish, der Gründer der Sekem-Initiative - einer biologisch-dynamischen Farm in der Wüste nördlich von Kairo - erhielt dafür den Alternativen Nobelpreis. Der Erfolg seiner Farm führte dazu, dass 800 landwirtschaftliche Betriebe im Umkreis von Kairo ihren Anbau umstellten, und letztlich tausende Menschen zu Arbeit und Gesundheitsvorsorge kamen. Das Projekt umfasst neben wirtschaftlichen Betrieben eine Stiftung zur Förderung von Gesundheit, Forschung und kulturellen Bildungseinrichtungen sowie einen Verein zur Pflege der Menschenrechte - die drei Säulen sind also Wirtschaft, Kultur und Recht. Er beschreibt zunächst, wie er persönlich aus visionären Bildern heraus zu Handlungen gekommen ist. „Sekem“ bedeutet Lebenskraft. Für Länder wie Ägypten sieht er keine andere Hoffnung als die Zivilgesellschaft, von der auch Anstöße für die Ökonomie zu erwarten sind. Angesprochen auf das Thema social entrepeneur meint Abouleish, dass Sekem entrepeneurship enthält, allerdings wesentlich älter als dieser Begriff ist. Das Modell braucht internationale Kooperation sowie auch permanente Reflexion, die im Sekem-Zukunftsrat, dem „Herz“ der Initiative gewährleistet wird. Seine Aufgabe ist die Verbindung von Wissen und Vision, die Beratung und Entwicklung von Ideen. Wie auch viele andere AutorInnen in diesem Buch, fordert auch Abouleish eine neue Synthese von Spiritualität, Wissenschaft und sozialer Aktion, d.h. ein Leben nach den Regeln von sowohl Religion als auch Wissenschaft und letzlich die handelnde Umsetzung von Verantwortung.

V. Teil: Treibhäuser der Zukunft

Der „globale Zukunftsaktivist“ Uesküll, welcher den Alternativen Nobelpreis gestiftet und den Welt-Zukunftsrat aufgebaut hat, in dem Aktivisten und Pioniere der Zivilgesellschaft ethische Maßstäbe formulieren und vertreten, argumentiert, dass die Rettung der Umwelt zum zentralen Organisationsprinzip der Zivilisation werden muss. 498 Er sieht die Finanzkrise, bzw. dadurch verursachte Geldschulden, als weniger dramatisch als Umweltschulden, welche nicht gestundet oder ugeschuldet werden können. Er thematisiert v.a. Fragen der Gerechtigkeit, welche der freie Markt nicht lösen kann. „Es ist ja schon längst keine Marktwirtschaft mehr (…) sondern eine Marktherrschaft, die versucht, alle anderen Bereiche der Gesellschaft zu kontrollieren.“ 500 Für Änderungen braucht es Druck von unten aber auch regulierende globale Gesetzte. So etwa basieren Finanzspekulationen auf Finanzgarantien der Regierungen, andernfalls wären sie schon längst verschwunden, ein Umdenken bräuchte aber politische Entscheidungen. Der World Future Cuncil fordert einen radikalen Kurswechsel der Wirtschaftspolitik, z.B. ein neues Aktien- und Unternehmensrecht, welches Eigentümer für die gesellschaftlichen und ökologischen Schäden verantwortlich macht, die ihr Unternehmen anrichtet; weiters eine Begrenzung des Vorstandsgehalt auf das maximal 25-fache des am schlechtesten bezahlten Mitarbeiters, sowie internationale Vereinbarungen über Rechte und Pflichten von Unternehmen und die Orientierung von Unternehmensabgaben an Umweltschäden und Ressourcenverbrauch und die Aufhebung der Rechtssicherheit bei spekulativen Finanzgeschäften. Ein Problem dabei ist der Vertrauensverlust der Politik. Entsprechend der Studie von Toynbee liegt der häufigste Grund für den Untergang von Zivilisationen im Vertrauensverlust der Eliten. Für wirkliche Veränderungen, so argumentiert Uesküll, sind allerdings lokale Initiativen nicht ausreichend, sondern es braucht nationale und globale Initiativen. Der Alternative Nobelpreis soll dementsprechend funktionierende Wege bekannt machen, es geht darum, „Zukünfte täglich sichtbarer zu machen“. wie etwa im afrikanischen „Green Belt Movement“ mit mehr als einer Million Mitgliedern oder in der japanischen Seikatsu-Konsumenten-Initiaive mit einer halben Million Mitgliedern. Die Grundaussage des Artikels liegt neben der Betonung lokaler Initiativen auf jener der Bedeutung politischer Entscheidungen - wenn diese getroffen werden, dann ist demnach auch die Finanzierung eines Umbaus des Wirtschaftssystems letztlich eine Willens- und keine Geldfrage.

Die Umwelt- und Ernährungsaktivistin Lappè erhielt den Alternativen Nobelpreis für die Aufdeckung der politischen und wirtschaftlichen Ursachen des Hungers in der Welt. Sie plädiert für Ernährungssouveränität jedes einzelnen Landes und gehört zu den stärksten Kritikerinnen einer globalisierten industriellen Landwirtschaft. Als großes Problem diagnostiziert sie den durch Sozialisation bedingten Glauben in die eigene Macht- und Morallosigkeit. In dem Beitrag „Ich handle, also bin ich“ (nach Erich Fromm), argumentiert sie, dass für jedes große Problem der globalen Krise längst Lösungen vorhanden sind. „Das wirkliche Problem ist also das Gefühl der Menschen, keine Macht zu haben, die vorhandenen Lösungen ins Leben zu bringen.“ 524 Ein Hintergrund dafür ist die - unberechtigte - Prämisse des Mangels, also falsche mentale Landkarten im Sinn von Erich Fromm: „Woran wir also mit fester Überzeugung glauben, ist ein Mangel an Gütern und Güte.“ 527 In Zusammenhang damit sieht sie den weltweiten Anstieg von Depressionen, welche schon heute der viertwichtigste Grund für Berufsunfähigkeit sind - heute gibt es weltweit bereits 50% mehr Selbstmorde als Morde. Ein anderes Selbstbild, eine andere Wahrnehmung in Richtung Ermächtigung sieht sie als Grundlage anderen Handelns. Die Forschung zeigt, dass Menschen sowohl das Potenzial haben, egoistisch und brutal zu sein, als auch die Veranlagung für Kooperation und Mitgefühl. Daher geht es um die Entwicklung von Bedingungen, die zur Realisierung des konstruktiven Potenzials führen. Jede Konzentration von Macht dagegen, aber auch Anonymität fördern Grausamkeit. Dies tut entsprechend auch die gegenwärtige Konstruktion von Märkten, welche dazu führt, dass weltweit 400 Personen über ebenso viel Reichtum verfügen, wie die gesamte einkommensarme Hälfte der Weltbevölkerung. 529 Hier werden also künstlich Knappheit und Mangel erzeugt. Ebenso wie Uesküll baut Lappè auf das Paradigma der Fülle und die Prämisse des Überflusses statt auf Mangel und Not. Es sind offensichtlich ausreichend Nahrung und Energie vorhanden. Die Grundlage für eine neue „Spirale der Ermächtigung“ sieht sie in der Entwicklung einer Demokratie als lebendiger Praxis. Sie nennt einige auch quantitativ bedeutsame Beispiele, wie das „Green Belt Movement“ in Kenia, die „Bewegung der landlosen Bauern“ in Brasilien oder die Politik der brasilianischen Stadt Bella Horizonte. Diese tauchen in den Nachrichten der großen Medien kaum auf. „Das einzige wirkliche Problem, das wir zu bewältigen haben, besteht darin, dass sich Menschen zu ohnmächtig fühlen, um sich ihres gesunden Menschenverstandes zu bedienen und ihren gesunden Menschenverstand entschieden anzuwenden.„542 Sie argumentiert für eine Haltung der „mutigen Demut“, in der Angst vor Neuem - in Widerspruch zu ihren archaischen Wurzeln (Ausschluss aus der Gemeinschaft) - nicht notwendigerweise zu Starre, Flucht oder Kampf führt, sondern Energie für Neues geben kann. Demut in diesem Zusammenhang meint den Verlust des Glaubens an die Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit von Ereignissen, der ebenso Energie für Neues bringt: „Wenn wir nicht wissen, was möglich ist, sind wir frei, sehr vieles für möglich zu halten.“ 547

Diskussion

Das Buch beginnt und endet mit dem Thema Angst - und der Empfehlung, diese nicht zu verleugnen, sondern als Triebkraft für Neues zu akzeptieren. Dazwischen werden u.a. ökonomische, soziologische, ökologische und physikalische Befunde dargestellt und mit Zukunftsstrategien verbunden, die Anerkennung der fundamentalen und umfassenden Krise führt also zur Entwicklung und (bei jenen AutorInnen, die zivilgesellschaftliche bzw. alternative Projekte initiiert haben und leben) auch zur Implementierung neuer Wege.

Auf beinahe 600 Seiten werden handfeste Zahlen und wissenschaftliche Fakten mit psychologischen und spirituell-religiösen Entwicklungen und Sichtweisen verknüpft. Diese integrierte Herangehensweise, die sich in fast jedem der Beiträge findet sowie die Annäherung an das Thema von mehreren Disziplinen aus sind außergewöhnlich spannend. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln werden sehr ähnliche, sehr nachvollziehbare Schlussfolgerungen gezogen. Vor dem Hintergrund herrschender Paradigmen könnten diese als zu optimistisch gebrandmarkt werden, aber ebendiese Paradigmen haben sich - wie u.a.unzählige Beispiele in dem Buch zeigen - nicht als besonders erfolgreich oder nachhaltig erwiesen. Die bisweilen ins Spirituelle gehenden Argumentationen werden hinlänglich in theoretische Analysen und Praxiserfahrung eingebettet, um nicht ins Esoterische abzugleiten - eine Gefahr, die bei diesem Zugang ansonsten gegeben wäre.

Ich habe selten in einem Buch so viel transdisziplinäre Kompetenz erlebt. Auch die in den meisten Beiträgen erreichte Verbindung von oft sehr persönlichen Zugängen mit Theorie und handfester Empirie ist selten und die kluge und eloquente Argumentation ist sehr inspirierend.

Die Form der - interviewartigen - Dialoge ist sehr leserfreundlich, strukturierend und übersichtlich.

Ein einziger Kritikpunkt: Der Inhalt ist wissenschaftlich hochkarätig, schön wäre es nur, wenn das auch stärker in der Form von mehr Quellenverweisen zum Ausdruck käme.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert: bereichernd, spannend, zukunftsweisend.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 22.09.2011 zu: Geseko von Lüpke: Zukunft entsteht aus Krise. Antworten von Joseph Stiglitz, Vandana Shiva, Wolfgang Sachs, Joanna Macy, Bernard Lietaer u.a. Riemann Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-570-50112-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11866.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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