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Keri Smith: Wie man sich die Welt erlebt

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 18.06.2012

Cover Keri Smith: Wie man sich die Welt erlebt ISBN 978-3-88897-709-1

Keri Smith: Wie man sich die Welt erlebt. Das Kunst-Alltags-Museum zum Mitnehmen. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2011. 204 Seiten. ISBN 978-3-88897-709-1. D: 14,90 EUR, A: 15,30 EUR, CH: 23,50 sFr.

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Thema

Die Kunst hat sich auf den Weg zu uns gemacht, hat längst ihre Museen verlassen und ist in unserem Alltag angekommen. Als „land art“ verschönert sie die Gegend, als „street art“ bringt sie uns während des Einkaufens zum Nachdenken, Spuckis adeln das Verkehrsschild und das „train writing“ wertet die Optik der U-Bahn auf. Jetzt bringt „Knack attack“ den unpolitischen Alltag ins Web 2.0. Damit ist Ersatz da für das aufmüpfige „Kanak Attak“.

Es fehlt noch, den Alltag selbst zur Kunst zu erklären, ihn neu zu sehen, neu zusammenzusetzen und diesen Alltag auf andere Weise als museal zu erklären. Dann kommt der Alltag aber nicht ins Museum – da war er schon, sondern das Museum kommt in den Alltag. Dazu braucht es uns, alt oder jung: Wir alle sind kreativ, wir alle sind Künstler. Das mit der Kunst hat uns vor langer Zeit (1984) schon Josef Beuys gesagt, und Kreativität ist immer noch ein Renner.

Damit wir dem Alltag neu begegnen können, müssen wir nur noch an der Entwicklung unseres Schöpferischen arbeiten. Uns ist noch zu helfen, versteckte Fähigkeiten nach außen zu wenden. Es gibt Möglichkeiten, wie wir Normalos produktiv werden können. Wenn wir das nicht für uns selbst tun können, dann für unsere Sprösslinge. Wir können unsere Kinder zu kleinen Beuys entwickeln, wenn wir als „artful parents“ Kunsterziehung praktizieren und dazu das Buch von Keri Smith kaufen.

Autorin

Die Autorin (www.Kerismith.com ) ist Kanadierin; sie lebt und arbeitet an der Westküste in BC; seit kurzem lehrt sie an einer Kunsthochschule (Emily Carr University of Art & Design ). Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die sich verstärkt an Mädchen mit einem Faible für Kreativität zu richten scheinen. Die meisten dieser Titel sind auch ins Deutsche übersetzt worden. In Nordamerika ist sie Bestseller-Autorin und gilt als Spezialistin für die Kreativität. Die Begeisterung über ihre Bücher ist mittlerweile nach Deutschland herübergeschwappt, und Smiths vielgestaltige Anleitungen zum Machen und zum Experimentieren werden hier bei uns enthusiasmiert zur „kreativen Anarchie“ und als „revolutionäre Philosophie“ charakterisiert. Wenn das die Anarchie, die Revolution und die Philosophie wüssten.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die deutsche Ausgabe von „‚How to be an explorer of the world‘. The Portable Life/Art Museum“ (2008 Perigee). Der Titel ist aber keine direkte Übersetzung; die wäre ungefähr ‚Wie man zu einem Entdecker der Welt wird‘. Weil es keinen Grund für die grammatisch nicht korrekte und semantisch falsche Übertragung gibt (ein Erlebnis ist etwas anderes als eine Entdeckung), müssen wir auch bei der Übersetzung von einem kreativen Prozess ausgehen.

Das Buch ist das bislang vorletzte einer ganzen Serie von Anleitungen zur Kreativität (Ein Titel mit der Überschrift "F nish Th s B k" ist schon nachgeschoben). Die Serie (ohne Anspruch auf Vollständigkeit), sei hier angeführt, damit man sich ein Bild machen kann von der Produktivität der Autorin und ihrem Sinn für originelle und paradoxe Titel. Sie sieht so aus:

  • This is not a book
  • Wreck this journal
  • Guerilla art kit
  • The non planner datebook
  • Living out loud – Activities to Fuel a Creative Life
  • Tear up this book. The Sticker, Stencil, Stationery, Games, Crafts, Doodle, And Journal Book For Girls
  • The princes and the pea
  • Booyology
  • Wreck this app
  • Mess: The manual of accidents and mistakes

Aufbau

Das Buch ist fünfteilig. Es beginnt mit einer Bedienungsanleitung (Wie man dieses Buch benutzt) mit 26 Seiten, gefolgt von 59 Vorschlägen zu so genannten Erkundungen, die meist zweiseitig sind. Daran schließt sich ein Abschnitt zur „Feldforschung“ an (S.150-191). Den inhaltlichen Abschluss bietet eine Anleitung, wie man ‚eine Ausstellung für das eigene Museum einrichtet‘. Am Ende gibt es dann noch eine Art Anhang mit einem Glossar, einer Bibliographie und einem Dankeschön.

Inhalt

Die ersten Eindrücke vermitteln: Das Buch will eine schrittweise Anleitung zum kreativen Vermessen des Alltags sein. Die Titelgestaltung des an Leo Lionni erinnernden Umschlags verspricht selbst Gemachtes: Die Überschrift in Großbuchstaben erinnert gewollt an graphische Gestaltungsversuche unserer Jugend. Das reich schwarzweiß und teilweise einfarbig illustrierte Buch selbst zeigt durchgängig Text und auch Tabellen zum Selbstausfüllen in gewöhnungsbedürftigen Großbuchstaben im Stile einer ebenfalls gewollt krakeligen Hand-Druckschrift. Auch hier wird scheinbar selbst Gemachtes gezeigt, wie man es in einem Notiz- oder Skizzenbuch finden könnte (das kreative Produkt). Die ersten Unterrichtsmaterialien für den Freiarbeitsunterricht der Orientierungsstufe der westdeutschen Gesamtschulen vor vierzig Jahren haben so ausgesehen. Tatsächlich geht es nach Bekunden der Autorin um Erkundungen und – im Widerspruch zum Untertitel der deutschen Übersetzung – nicht um Erlebnisse. Sie schreibt: „Zu jeder Zeit und ganz egal wo du bist, bist du umgeben von hunderten von Sachen, die aufregend sind und erkundet werden wollen.“

Die Einleitung (Wie man dieses Buch benutzt…) formuliert einen Auftrag an die Leser, den Alltag und die Welt zu entdecken (die hunderte von aufregenden Sachen) und die Ergebnisse zu dokumentieren. Als Bedienanleitung formuliert sie den widersprüchlichen Satz: Mach was Du willst. An den Gesamtschulen hieß es in den oben angesprochenen Freiarbeitsstunden: Müssen wir jetzt schon wieder machen was wir wollen?

Die „Erkundungen“ enthalten Aufträge an die Leserinnen (Sammle …, Besorg …, Mach …, Werde …), ungewöhnliches Alltägliches (Risse, Dinge, Gebäude, Farben, Schriften, kleine Gedanken) zu sichten, zu sammeln und zu katalogisieren. Daraus sollen die Ausstellungsstücke entstehen, die in das Alltagsmuseum des Titels gehören oder aus denen man ein Spontankunstwerk machen kann: Eine Sofortskulptur aus Pappbechern zum Beispiel. Dazu gibt's ein Bild: Die Skulptur sieht schön aus.

In der „Feldforschung“ wird zum Forschen aufgerufen – da gibt es eine vorgegebene Struktur mit je einer ‚selbstgemachten Leerseite‘ und einem Protokollbogen; ansonsten wird Platz gelassen für die eigene Beschreibung von Objekten, Erfahrungen, Gesprächen, Listen, die man sammeln, erklären, beschreiben, malen soll. Weil jeder ein Künstler ist, ist auch alles Kunst, und die kann man ausstellen.

Wie das gehen kann, erklärt der Folgeabschnitt „Ausstellung für das eigene Museum einrichten“. Smith gibt Impulse für den originellen Ort und für Präsentationsmethoden, für Einladungen und die Vernissage. Dieser Abschnitt ist ebenso kurz wie der vorhergehende lang.

Wenn man den Aufforderungen des Buches nachgekommen ist, hat man am Ende des Buches diese Dinge und Gegenstände, Gedanken und Ansichten, Farben und Formen eingetütet und eingedost, beschrieben und beschriftet und kann sie überall mitnehmen: In die Schule und an die Straßenecke, zur Arbeit und zum Geburtstag der Tante. Und womöglich sind an diesem Ort – wo immer der sein mag – viele andere mit ihren transportablen Museen, und wir können uns die unterschiedlichsten Alltage der unterschiedlichsten Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen anschauen.

Diskussion

Kreativität geht deswegen im Schwange, weil wir einerseits gerne künstlerisch produktiv werden wollen, aber andererseits oftmals in dem Dilemma stecken, dass wir nicht wissen, wie das gehen könnte. Deshalb denken wir, wir bräuchten einen Leitfaden. Mit solchen Anleitungen verdient Keri Smith ihr Geld. Die Autorin ist mit Sicherheit eine Kreative; sie ist belesen und originell, sie sieht Zusammenhänge und Parallelen; sie kennt sich in der Kunst aus. Und außerdem hat sie eine Botschaft: Sie möchte uns an ihren Fähigkeiten teilhaben lassen und möchte uns ihre Ideen vermitteln. Aber auch in diesem Vermittlungsprozess bleiben es ihre Ideen – sie werden nicht zu den unseren: Kreativität ist nicht zu vermitteln, denn der kreative Prozess ist originär. Aufforderungen an uns, zu tun und zu machen, zu suchen und zu finden, lassen uns fremd gesteuert Ungewohntes tun, aber dabei wird es nicht unseres. So lernen wir nur nachmachen. Und da hilft auch Beuys' Satz nicht; der hat sich mit der Zeit so stromlinienförmig abgeschliffen, dass er als Beleg immer passt: Bei diesem Buch steht er auf der Rückseite des Umschlags.

Das Originäre und das Dynamische des kreativen Prozesses sollen sich im Layout und in der Gestaltung des Buches wieder finden. Mit diesem Design hat der Rezensent so seine Probleme: Während das englische Original zumindest die Illusion ermöglicht, es handele sich um die Kopie der handschriftlichen Notizen der Autorin eines ‚work in progress‘, kann sich dieser Eindruck bei der hier vorliegenden Übersetzung nicht einstellen: Es kann sich allenfalls um die Kopie der handschriftlichen Aufzeichnungen der Übersetzerin handeln.

Dem Rezensenten bleibt unklar, an wen sich das Buch wendet. Wer ist der Adressat? Ist es der Künstler, der in uns steckt? Ist es das schöpferische Kind? Ist es „the artful parent“, der oder die das Beste für sein Kind will und es auf eine Entdeckungsreise in die Welt des Alltags als Kunst mitnimmt? In Amerika bestimmt Letzteres. Dort ist Kreativität eins der zentralen Themen der durchschnittlichen amerikanischen Mittelschichtsmutter mit Ambitionen für ihren Sprössling; in Deutschland scheint das schwieriger. Gekauft wird es von den Müttern; entweder für sich oder als Arbeitsbuch für das Kind. Im zweiten Fall wird die Mutter zur Erläuterung gebraucht, weil dem Kind einige Sachverhalte und viele Sätze zu schwierig sein werden: „Irrelevant“, „metaphysisch“, „multipel“, „Varianten“, „Imagination“, „Mission“, „Leonard Cohen“…Das sind nur Beispiele.

Vielleicht ist es aber auch nur die Selbstinszenierung einer Kreativen, der wir über die Schulter schauen. Das würde dann den Scrap-Book-Charakter des Buches erklären.

Fazit

Weil dem Buch die Handreichung fehlt, bleibt es im Vagen: Es ist abstrakt didaktisch. Die Zielgruppe ist nicht zu erkennen, und dem Rezensenten ist es nicht gelungen, in den Szenen der Spontanen oder der Künstler, der Kinder oder der Jugendlichen Adressaten zu finden, denen das Buch Lust macht, sich die Welt zu erleben (Deutsch) oder die Welt zu entdecken (Englisch). Bestimmt ist es gut im Kunstunterricht aufgehoben und in der Volkshochschule. An beiden Orten werden Kursleitungen Zielgruppen finden können, mit denen sie auf die Reise in den Alltag gehen, um diesen oder die Welt zu vermessen. Für diese Kursleitungen liefert das Buch eine Fülle von Anregungen – für jung und alt. Kinder und auch Jugendliche im Alleingang könnte Smith etwas ratlos zurück lassen; Künstlerinnen und Künstler werden das Buch zur Seite legen. Es bleiben die Kreativen, wer immer die sind. Vielleicht ist es für die.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 18.06.2012 zu: Keri Smith: Wie man sich die Welt erlebt. Das Kunst-Alltags-Museum zum Mitnehmen. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2011. ISBN 978-3-88897-709-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11869.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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