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Michael R. Müller, Hans-Georg Soeffner u.a. (Hrsg.): Körper Haben

Cover Michael R. Müller, Hans-Georg Soeffner, Anne Sonnenmoser (Hrsg.): Körper Haben. Die symbolische Formung der Person. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2011. 237 Seiten. ISBN 978-3-942393-08-9. 24,95 EUR.
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Thema und Autoren

Die vorliegende Publikation ist im Rahmen des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs „Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration“ der Universität Konstanz realisiert worden. Der Titel „Körper Haben“ kennzeichnet das komplexe Verhältnis des Menschen zu einem/seinem Körper in seiner Vielschichtigkeit, was er ist oder sein kann – empfindsamer, auch sinnlicher Leib, Ausdruck unserer selbst, den er zu erfahren, zu formen und einzusetzen vermag. Anliegen der Ausführungen ist es, geschichtlich-gesellschaftliche Formen und Techniken des Körper Habens unter dem Aspekt der personalen Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft zu thematisieren.

Herausgeber dieses Bandes sind Prof. Dr. Michael R. Müller, Juniorprofessor am Institut für Kunst und Materielle Kultur der TU Dortmund, Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner, emeritierter Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Konstanz und Anne Sonnenmoser M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einer Einleitung in drei inhaltliche Teile mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge untergliedert.

Die Einleitung „Körper, Gesellschaft, Person“ ist von den Herausgebern des Bandes gemeinsam verfasst und gibt einen Überblick über die einzelnen Kapitel.

Teil I „Der Körper als Werk“ wird mit dem ersten Kapitel von Hans – Georg Soeffner „Lust zur Nicht- Lust. Erlösung vom Innerweltlichen und innweltliche Erlösung – Transformationen der Askese“ eingeleitet. Askese müsse gelernt und intensiv geübt werden und zwar in körperlichen wie in kognitiven, geistig – seelischer Art, weil eine Abkehr von der Alltagsgemeinschaft stattfinde (S. 25). Asketische Übungen zeigten sich in einem Doppelgesicht – Weltabwendung einerseits und Weltbeherrschung infolge der dadurch erlangten magischen Kräfte andererseits.

Es schließt sich Kapitel zwei „Chirurgische Spektakel. Öffentliches Operieren in der Frühen Neuzeit“ von Patrick Oelze an. Es habe schon immer öffentliche Darstellungen des Körpers als Modell und Versprechen gegeben wie beispielsweise die fahrenden Wundärzte des 17. Und 18. Jahrhunderts, die sich auf chirurgische Eingriffe spezialisierten, deren Grenzen zwischen Theater und Medizin nicht festlegbar waren. Ende des 18. Jahrhunderts verschwanden die fahrenden Ärzte, die oft als Scharlatane ihre Kunst feil boten, unter dem Druck des zunehmend professionalisierten, akademischen Ärztestandes.

Das folgende dritte Kapitel steht unter dem Titel „Die Inszenierung des Selbst mit dem Skalpell“, das von Ada Borkenhagen verfasst wurde. Sie skizziert in sehr interessanten Ausführungen, dass in der Spätmoderne das Verhältnis zum eigenen Körper durch zwei entgegengesetzte Tendenzen bestimmt sei. Einerseits fände eine Rückbestimmung auf den Körper als unhintergehbarem Bezugspunkt von Identität statt, andererseits aber stelle der Körper ein Projekt für eine Form- und Veränderbarkeit dar. Hier gehe es um die vielfältigen Möglichkeiten seiner Inszenierung durch Peercing, Tatooing und Schönheitschirurgie. Infolge der Fortschritte der Medizin ließen sich die bisher festen Grenzen des Körpers auflösen und damit auch die Identität. Die äußerst nachdenkenswerte Frage stellt Borkenhagen so: „Wie ist Identität zu denken, wenn sie nicht mehr durch den Rekurs auf den eigenen Körper definiert werden kann, weil der Körper nicht mehr der eigene, sondern ein Gemachter und teilweise ein Fremder ist“ (S. 60). Sie schlussfolgert dann, dass mittels des Skalpells eine Entgrenzung des Körpers erfolge, indem neue Körpergrenzen geschaffen würden, die dem gewünschten Selbstbild entsprächen.

Das letzte Kapitel des ersten Teiles befasst sich mit dem Thema „Körper – Subjekt – Moderne. Tanzästhetische Übersetzungen“ von Gabriele Klein. Sie thematisiert die Kulturbedeutsamkeit des Tanzes. Mit dem Tanz könne der Körper wieder zur Sprache gebracht werden als vielversprechende Alternative zur zunehmenden Technisierung der Welt wäre er ein authentisches Mittel der Selbstfindung. Anhand dreier historischer Phasen beschreibt Klein wie sich die Körperdarstellung und -erschaffung mit den einzelnen Tänzen dieser Phasen verändert (S. 74ff).

Der zweite Teil, der mit dem Titel „Mediale Reflexionen“ überschrieben ist, beginnt mit einem Aufsatz von Michael R. Müller „Das Körperbild als Selbstbild“. Er stellt zunächst die Frage: „Worin … die Kulturbedeutung des gegenwärtigen Interesses am Körper zu sehen ist? (S. 87). Zwei Deutungsmuster seien vorstellbar. Einerseits stelle nur der Körper noch einen letzten Rest von Kontinuität und Verlässlichkeit dar und andererseits erfolge durch verschiedene mediale Kontexte eine Eroberung des Körpers durch moderne Bildmedien. Für Letztere seien wiederum drei Grundelemente charakteristisch: idealisierte Körperbilder, Vorrichtungen der individuellen Körperreflexion (Spiegel etc.) sowie entsprechende effektive Techniken der Körpergestaltung. Soziologisch bedeutsam sei hier die Erfahrbarkeit der Wirkung, die die Person auf Andere hat. Körper haben bedeute demnach, den je eigenen Leib als Körperding zu reflektieren und als bildhafte Verkörperung der eigenen Person zu bearbeiten. Entstehen sollte eine alltäglich selbstverständliche Körperbeherrschung als Wert an sich und zwar letztlich als Garant gesellschaftlicher Selbstbehauptung.

Das darauf folgende zweite Kapitel ist von Sabine Misoch verfasst und setzt sich mit der Thematik „Körper – Haben und Leib – Sein in virtuellen Räumen“ auseinander. Sie stellt den Körper als doppelte Erfahrungsdimension in den Fokus ihrer Betrachtungen: zum einen als kulturell und klassenspezifisch geformter Körper und zum anderen als subjektive Erfahrungsdimension. Körper sei demnach soziales Produkt, indem sich Gesellschaftliches in ihm einschreibe und er erschafft Strukturen, indem er Soziales generiere (S. 107ff). Diesen Doppelaspekt findet sich auch bei Plessner wieder. Der Körper ist das, was ich von mir selbst sehen oder tasten kann, der Leib ist das, was ich von mir spüren kann. Körperrepräsentationen im realen Raum seien demnach von der Gleichzeitigkeit des Körper – Habens und des Leib – Seins geprägt. Die damit beschriebene Verschränkung führe dazu, dass der Mensch nur begrenzt Kontrolle des Körpers hat, da leibliche Aspekte der instrumentellen Nutzung des Körpers Grenzen setze (z.B. rot werden) und der Leib jenseits bewusster Kontrolle agiere. Misoch versucht danach diese Doppelbeziehung in virtuellen Räumen nachzuzeichnen und zwar durch so genannte „Avatare“ (digitale Stellvertreter der Akteure). Avatare seien virtuelle Körper, die die Leiblichkeit als unmittelbar Erlebtes, als Leiberfahrung nicht transportieren könnten.

Das dritte Kapitel „Der Mensch, ein Schauspieler?“ wurde von Anne Sonnenmoser geschrieben. In diesem wird die personale Selbstdarstellung des Menschen in die Metapher des Schauspielers thematisiert. So müsse der Mensch zu sozialen Rollen gebündelte Verhaltenserwartungen gleich des Schauspielers einüben. Daraus erwachse ein Wechselspiel von Selbstdarstellung und Fremdbestätigung, woraus der Einzelne sein Bild selbst forme, das sich in der Aneignung von Rollen und Bildentwürfen stabilisiere. Allerdings sind diese immer wieder auf Bestätigung in Interaktion mit Anderen angewiesen und so stets vorläufig und brüchig. Insofern bedürfe der Mensch heute der Imageberatung, um personale Souveränität erlangen zu können.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich Andreas Georg Stascheit mit dem Thema „Der Leib als archetypisches Sichtbares“. In diesem Aufsatz werden drei phänomenologische Etüden, die vom Gesichtspunkt der Wahrnehmung aus der spezifischen Verflechtung von Körper – Haben und Leib – Sein verdeutlichen sollen, diskutiert.

Der Titel des dritten Teils „An den Grenzen der Sozialwelt“ beginnt mit einem ersten Kapitel von Anne Honer, die sich mit dem „Problem Körper. Einige physische Aspekte der Pflege von Demenzkranken“ auseinandersetzt. Die Ausführungen unterscheiden sich gravierend im Sprachstil, der wenig theoretisch abstrahierend ist und der Thematik von den bisherigen Kapiteln, ein Bruch, der für den Leser abrupt und nicht verständlich erscheint. In einer sehr kurzen Passage wird deutlich, dass das bisherige Thema des Körpers und des Leibes im Zusammenhang mit Demenzkranken diskutiert wird. Die auf den Körper des Patienten erforderlichen Handlungen würden von der Annahme ausgehen, dass die Selbst- und Fremdgefährdungen minimiert bzw. verhindert werden sollen. Allerdings verstoßen diese gegen das Postulat der Selbstbestimmung, was zu einem Entscheidungsdilemmata führe, weil auch Demenzkranke nicht nur Leiber sind, sondern auch Körper hätten.

Britta Duelke spricht in ihrem zweiten Kapitel vom „Dead Body Business. Von Leibesverlust und Körper – Haben“. Sie schildert rezente australische Trauerrituale, um Ausdrucksformen des individualisierten Körpers zu verdeutlichen. In dieser Kultur meint ein so genannter „dead body“ einen Verstorbenen, der einst ein Mensch war, nun aber nicht mehr ist, was auch durch den Verlust des Eigennamens angezeigt wird (S. 173). Duelke beschreibt wie Trauerrituale der Aborigines gelebt werden. In einer noch vorwiegend schriftlosen Gesellschaft stelle der Körper ein naheliegendes Medium bewusster Selbstvergewisserung dar. Hier herrsche von jeher eine gesteigerte Aufmerksamkeit für den individuellen Körper, der modelliert und inszeniert wird. Das geschehe auch durch Verletzungen und dadurch entstehender Vernarbungen, die im Trauerprozess absichtlich selbst zugefügt würden.

Ein drittes Kapitel dieses Teil drei steht unter dem Titel „Der gespaltene Leichnam. Die zwei Seiten des Todes, die Obduktion und der Körper“. Die Autoren sind Hubert Knoblauch und Anje Kahl. Sie gehen davon aus, dass der Leichnam die konkreteste Form des Todes darstelle und dass der gesellschaftliche Umgang mit dem Leichnam für die Rolle des Todes in einer Gesellschaft aufschlussreich sei. Das zeige sich in diversen Bestattungsritualen, die als eine gesellschaftliche Handlungsform verstanden werden können und zwar als Transformation des Status einer Person vom Lebenden zum Toten. Eindrucksvoll wird argumentiert, was heute Sektionen im Zusammenhang des Körper – Habens bedeuten (S. 186ff).

Das letzte Kapitel von Gesa Lindemann ist dem Thema „Gesellschaftliche Grenzregime und soziale Differenzierung“ überschrieben. Lindemann versucht, zwei bisher eher unverbundene soziologische Denktraditionen – die Analyse der Grenzen der Sozialwelt mit der Theorie der sozialen Differenzierung – zu verbinden. Nur in vereinzelten Passagen wird das eigentliche Thema der Publikation des Körper – Habens gestreift, so dass auch dieser Beitrag deutlich aus dem Gesamtkontext fällt.

Fazit

Eine Wertung der vorliegenden Publikation ist äußerst kompliziert, weil sie aus scheinbar zwei gegensätzlichen Teilen besteht. Auf der einen Seite, das betrifft die Abschnitte „Der Körper als Werk“ und „Mediale Reflexionen“, sind es theoretische Explikationen auf höchstem Niveau, bei denen auch soziologische Insider Probleme haben dürften, diese zu deuten und zu verstehen. Auf der anderen Seite – und das ist ein wirklich fundamentaler sowohl semantischer als auch thematischer Bruch – ist der Abschnitt drei „An den Grenzen der Sozialwelt“ gut verstehbar, insbesondere die Kapitel eins und zwei. Diese streifen allerdings die eigentliche Thematik der Publikation nur. Insgesamt stellt sich mir die Frage, welche Personen eigentlich mit diesen theoretisch tiefgreifenden Ausführungen der Abschnitte eins und zwei erreicht werden sollen. Eine Zielgruppenbestimmung fehlt und es fragt sich, ob diese Explikationen überhaupt jemanden erreichen, der sich vom Titel des Buches unter Umständen etwas Lehrreiches, auch Praktisches versprochen hat.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 19.10.2012 zu: Michael R. Müller, Hans-Georg Soeffner, Anne Sonnenmoser (Hrsg.): Körper Haben. Die symbolische Formung der Person. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2011. ISBN 978-3-942393-08-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11872.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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