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Markus Gamper: Islamischer Feminismus in Deutschland

Cover Markus Gamper: Islamischer Feminismus in Deutschland. Religiosität, Identität und Gender in muslimischen Frauenvereinen. transcript (Bielefeld) 2011. 351 Seiten. ISBN 978-3-8376-1677-4. 29,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Globaler, lokaler Islam.
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Thema

Religiosität und Identitätsbildung bei Migrantinnen islamischen Glaubens sowie Konvertitinnen stehen bei der vorliegenden Untersuchung im Fokus des Interesses. Hierzu hat der Autor vier bundesweit auftretende muslimische Frauenvereine in einer triangulativen Einzelfallstudie untersucht und mit dort aktiven Frauen über ihre Rollenverständnisse und Identitätsbilder in Bezug auf Religion, Wertvorstellungen und Geschlecht gesprochen. Vor dem Hintergrund postkolonialer Theorien untersucht Markus Gamper die Wahrnehmung der eigenen Rolle der Frauen im Kontext von Religion, Migration und allgemeinen Wertorientierungen. Damit eröffnet er einen Einblick in ein bislang wenig untersuchtes Feld.

Autor

Dr. Markus Gamper ist Vorstandsmitglied im Exzellenzcluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und Netzwerke“ der Universitäten Trier und Mainz. Seine Schwerpunkte liegen in der Religions- und Migrationssoziologie sowie der Netzwerkforschung.

Entstehungshintergrund

Bei dem Band handelt es sich um die Dissertation des Autors. Für die Veröffentlichung wurden wesentliche Teile der Arbeit überarbeitet.

Aufbau und Inhalt

Die Ausgangslage der Untersuchung bildet eine Übersicht und Rezension des Forschungsstands zum Islam in allgemeiner Hinsicht. Danach folgt im zweiten Teil eine Übersicht zu grundlegenden Zahlen zum Islam in Deutschland. Als Basis für die Untersuchung der muslimischen Frauenvereine werden im Rahmen dieses Kapitels allgemein die in Deutschland ansässigen islamischen Vereine sowie die Rechtsgrundlage ihres Agierens angeführt. Der Abschnitt behandelt somit die islamische Verbandsstruktur.

Im dritten Teil wird allgemein der Stand der Forschung zum Islam in Deutschland eruiert und Bezüge zu den zentralen Untersuchungsgrößen der Studie Integration, Identität und Geschlecht hergestellt. Hierbei werden insbesondere auch europäische Einstellungsdaten zur Vereinbarkeit von Islam und Gesellschaft referiert und diskutiert. Insgesamt stellt dieses Kapitel eine bis dato derart nicht vorhandene gender- und rollenbezogene Systematik zum Forschungsstand dar (Gliederungspunkte sind: Islam in deutschen Medien, Islam und Islamismus, Integration, religiöse Identität, Geschlecht).

Im vierten Teil werden theoretische Modelle aus dem Bereich der Cultural und Postcolonial Studies vorgestellt und adaptiert. Postkoloniale Theorien werden bereits interdisziplinär verwendet und eignen sich daher auch für die Untersuchung von Fragen bezüglich Islam, Gender und Identitätsbildung, wie der Autor ausführt (S. 81). Zentral sind dabei kollektive Identitäten im Sinne eines „doing identity“ wofür Integrationstheorien, aber auch die Konzepte von Hybridität und Third Space herangezogen werden.

Im fünften Teil werden darauf aufbauend die Untersuchungsfragestellungen formuliert und Hypothesen aufgestellt. Dabei wird die These artikuliert, dass die vier untersuchten Vereine als dritte Räume zur Konstruktion „hybrider Identitäten“ konstitutiv sind. Daran an schließt sich die hierzu deskriptiv zu behandelnde Frage nach der Art eines feministischen Islam, dessen Existenz als ein Konstrukt zunächst vermutet wird (S. 106). Speziell soll der Frage auf den Grund gegangen werden, welche Rollen Frauenvereine im Diskurs über Islam, Geschlecht und Selbstbestimmung der Frau einnehmen können.

Bevor den Fragestellungen analytisch auf den Grund gegangen wird, erfolgt im sechsten Kapitel eine Darlegung des methodischen Zugangs. Dieser ist triangulativ, kombiniert also quantitative und qualitative Erhebungs- und Analyseinstrumente. Hierzu wurde ein Fragebogen entworfen und ausführlich einem Pretest unterzogen. 131 Frauen aus den Vereinen haben den Fragebogen ausgefüllt. Aus den vier Vereinen wurden wiederum mit 25 Frauen problemzentrierte Leitfadengespräche geführt um die Eindrücke aus den Fragebogenergebnissen zu vertiefen und zu kontrastieren. Ein Verein wird dabei anonymisiert genannt, ein weiterer distanzierte sich im Laufe der Untersuchung von der Teilnahme, wofür dem Autor keine Gründe genannt wurden (S. 113). Letztlich wurden deshalb 21 der geführten Interviews für die Analyse berücksichtigt.

Die an die Beschreibung der methodischen Vorgehensweise anschließenden empirischen Kapitel des siebten Abschnittes sind unterteilt nach den inhaltlichen Kategorien der Leitfadengespräche und des Fragebogens. Hierbei wird das Abstraktionsniveau linear gesteigert. Zunächst erfolgen eine Beschreibung der jeweiligen Vereinsstruktur sowie allgemeine Angaben zu den Mitgliedern, deren Gründe zur Mitgliedschaft sowie ihren Einstellungen zur Religiosität, also der Ausübung des Glaubens. Insbesondere letztere Aspekte werden durch die Aussagen der interviewten Frauen bereichert und vertieft. Hierdurch werden Einblicke in die Sicht der Frauen gegeben bspw. zur Kopftuchdebatte, welche seit Ende der 90er-Jahre immer wieder in Deutschland aufflammt - zuletzt angeheizt durch das Buch Thilo Sarrazins. Dessen Thesen werden durch die Aussagen der Frauen kritisiert, die allesamt freiwillig und aus religiöser Überzeugung das Kopftuch tragen und nicht, weil sie von ihrem Ehemann dazu gezwungen werden, wie vielfach in der allgemeinen Diskussion behauptet wird. 59,2 Prozent der von Gamper befragten Muslima tragen demnach immer eine Kopfbedeckung als Ausdruck ihrer Religiosität. Androzentrische Strukturen, die männliche Sichtweisen als Norm und weibliche als Devianz ansehen, sind der Hauptgrund, warum die befragten Frauen weniger in den Moscheen anzutreffen sind. Sie „fühlen sich durch die Gemeinden nicht adäquat vertreten. (…) Stattdessen machen sich die Frauen für einen Islam stark, der seine Wurzeln in Deutschland hat, der gendergerecht ist und der befreit ist von Normen und Vorgaben, die aus den Herkunftsländern importiert wurden.“ (S. 172) Ein interessanter Aspekt ist die öffentliche Stigmatisierung und Diskriminierung von Frauen muslimischen Glaubens in Deutschland. Hier kritisieren die befragten Frauen einhellig die stereotypisierende Darstellung in den Medien, welche „überwiegend negativ, einseitig und polarisierend sei“ (S. 197). 93 Prozent der Befragten finden auch, dass der Islam häufig mit Terrorismus gleichgesetzt werde.

Obwohl die Angebote der untersuchten Vereine deutlich emanzipatorisch ausgerichtet sind, sehen sich die interviewten Frauen zu einem Großteil nicht als Feministinnen. Sie sind der Ansicht, dass der westliche klassische Feminismus eine zu generelle Kritik am Islam übt und dadurch ihre Bemühungen um Frauenrechte wie Aufklärung über religiöse Rechte, Unterstützung weiblicher Gewaltopfer oder Hilfe bei der Aushandlung von islamischen Eheverträgen mit einem falschen Etikett versehen würde. Deshalb wollen sie sich auch nicht als islamische Feministinnen bezeichnen, wie der Titel des Buches – deshalb mit einem Fragezeichen versehen – lautet. Vielmehr stehen die Frauen diesem Begriff kritisch gegenüber und sehen dadurch ihre Vereinsarbeit eher behindert: „Obwohl die Frauenvereine spezielle Angebote für die Stärkung der weiblichen, muslimischen Identität anbieten, scheint der Begriff des Feminismus negativ besetzt zu sein“ (S. 277) Viele der befragten Muslima bemerken auch, dass eine generelle Ablehnung des Islam den interreligiösen Austausch erschwere. Dagegen bilden die in den Vereinen aktiven Frauen eine hybride Identität aus ihrer Herkunfts- und Aufnahmekultur sowie ihrem Verständnis von Islam und weiblicher Identität. Diese Hybridität wird dann im sozialen Raum des Vereins aktiv gelebt und insbesondere Beratungsangebote und Hilfestellungen (wie ein Mädchentreff) für die jüngere Generation aufbereitet. Insofern konnte gemäß der theoretischen Grundlegung in der Studie gezeigt werden, dass sich hybride Identitäten herausgebildet haben, die in einem dritten Raum – in diesem Fall den Frauenvereinen – gelebt werden können.

Das an den empirischen Teil anschließende Fazit summiert die Fragestellung sowie die Ergebnisse der Untersuchung nochmals in komprimierter Form und gibt einen Ausblick auf weitere Arbeiten. Darüber hinaus werden Desiderate der Forschung zu Identität und Geschlecht sowie einem von den Befragten eher kritisch bewerteten „islamischen Feminismus“ identifiziert. Insofern spielen die untersuchten Vereine eine tragende Rolle bei der Konstituierung einer vom Herkunftsland und dessen Traditionen unabhängigen Religiosität und weiblichen Identität: „Die Vereine stellen Orte dar, die den Frauen Schutz vor Vorurteilen, Stigmatisierungen der Aufnahmegesellschaft und gegen Widerstände von Seiten der muslimisch-androzentrischen Meinungen bieten und in denen neue hybride Identitäten gebildet werden.“ (S. 290).

Diskussion

Der betrachtete Band ist ein wichtiger Beitrag zur Religionssoziologie und erhellt aus politikwissenschaftlicher Sicht eine bislang wenig betrachtete Ebene zivilgesellschaftlicher Organisation – die Vereinsebene. Insofern dient das Buch als Baustein der Exploration der Religiosität unserer muslimischen Mitbürgerinnen. Die Studie liefert zugleich weitere Anknüpfungspunkte für Folgeprojekte, welche sich sowohl stringent einer Emanzipation islamischer Frauen auf anderen organisationellen Ebenen widmen könnten oder aber auch einen Vergleich der in der Bundesrepublik praktizierten Religionen in ihrem Bezug auf die Identitätsbildung speziell von Frauen anstellen könnten.

Allerdings hätte das Lektorat teilweise sorgfältiger, sowie einige methodische Finessen bei der quantitativen Analyse etwas ausführlicher erklärt werden können. Für Laien bzw. Fachkollegen, deren Stärken eher im Bereich der qualitativen Forschung liegen, geraten manche Stellen zu kurz (wie etwa die Faktorenanalyse, bei der Variablen zu Mitgliedsgründen in den Vereinen und Religion kombiniert werden).

Unbedingte Leseempfehlung gilt davon abgesehen für die empirischen Kapitel, weil in den Zusammenfassungen am Ende des Buches zwar komprimiert die Ergebnisse wiedergegeben werden, jedoch – verständlicherweise – nicht in der Tiefe wie im eigentlichen empirischen Teil der Arbeit. Wer sich also näher für die Thematik interessiert, dem sei geraten, die Analysekapitel zu lesen. Lobenswert ist auch, dass die verschiedenen Datenarten zu thematischen Blöcken (wie „Islam und Geschlecht“) zusammengefügt wurden, was die Lesbarkeit und Veranschaulichung der Ergebnisse deutlich erhöht. Deshalb sind insbesondere der theoretische Teil und die Dokumentation der empirischen Ergebnisse sowie die Bilanzierung letzterer in einem hohen Maß interessant und obendrein leserlich geschrieben.

Fazit

Nicht erst seit der Sarrazin-Debatte oder den Terroranschlägen vom 11. September dient der Islam vielfach als Allegorie zur Beschreibung der grundlegenden Veränderungen unserer Gesellschaft aufgrund von Immigration. Bereits mit den ersten Gastarbeitern entbrannte die Diskussion um deren Integration in die Gesellschaft des Gastlandes. Dass der jüngst wieder für seine Frauenfeindlichkeit kritisierte Islam (bspw. von klassischer feministischer Seite) auch eine weibliche Seite hat bzw. muslimische Frauen ein spezifisches Rollenverständnis haben, zeigt die Studie eindrucksvoll auf. Insbesondere die Vorstellungen von Partnerschaft, Familie und Religion strafen die Thesen Sarrazins und seiner Anhänger Lügen. Sind doch die befragten islamischen Frauen höher gebildet, emanzipierter und fortschrittlicher als manches Medium uns glauben lassen möchte. Insofern ist die Studie ein zentraler Beitrag zum besseren Verständnis unserer Mitmenschen aus islamischen Glaubensgemeinschaften und deshalb nicht nur für das Fachpublikum lesenswert.


Rezensentin
Isabelle Roth


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Zitiervorschlag
Isabelle Roth. Rezension vom 26.10.2011 zu: Markus Gamper: Islamischer Feminismus in Deutschland. Religiosität, Identität und Gender in muslimischen Frauenvereinen. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1677-4. Reihe: Globaler, lokaler Islam. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11874.php, Datum des Zugriffs 17.01.2019.


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