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Sven Kuntze: Altern wie ein Gentleman

Cover Sven Kuntze: Altern wie ein Gentleman. Zwischen Müßiggang und Engagement. C. Bertelsmann (München) 2011. 255 Seiten. ISBN 978-3-570-10091-2. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Vor fünfzig Jahren endeten die Abschiedsfeiern für gehobene Beamte bei ihrer Pensionierung in ihrer Dienststelle gerne damit, dass der Dienststellenleiter als Geschenk etwa einen Spazierstock oder Regenschirm mit den Sätzen übergab: „Bleiben Sie dem Staat möglichst lange ein rüstiger Pensionär. Und wenn Sie spazieren gehen, schauen Sie auch einmal bei uns vorbei: Sie sind uns immer willkommen!“ Sven Kuntze weiß in seinem neuen Buch „Altern wie ein Gentleman“, dass heute alles ganz anders ist. Die rüstigen Rentner sprengen die Sozialkassen. Und die Kollegenschaft will „den Alten“ gar nicht mehr sehen. „Kehre nie zurück! Du störst“, hatte Kuntze von seiner Mutter eingeschärft bekommen. Das Dilemma, noch gebraucht werden zu wollen, und doch nirgends mehr mit seinem Tatendrang hinein zu passen, bestimmt das 256 Seiten starke neue Buch vom Rentnerdasein.

Autor

Sven Kuntze, 69jähriger TV-Journalist, studierte Soziologie, Psychologie und Geschichte, wandte sich nach einer Zeit als wissenschaftlicher Hochschulassistent dem Journalismus zu und arbeitete für den WDR zunächst als Korrespondent in Bonn, Washington und New York und sodann als Moderator des Morgenmagazins sowie bis 2007 als Hauptstadtkorrespondent in Berlin.

Grundlegende Inhalte

In Sven Kuntzes Buch „Altern wie ein Gentleman. Zwischen Müßiggang und Engagement“ schwingen die Ambivalenzen des entpflichteten Großstadtkorrespondenten mit, der sich „neu erfinden“ muss. Er schwankt zwischen der Muße des der Arbeit überdrüssigen Gentleman und der Übernahme von journalistischen und schriftstellerischen Verpflichtungen, zu denen er auch die mehrmonatige Hospitation in einem Kölner Altenzentrum nicht scheut. Das Buch schildert die Verlockungen des Flaneurs, der sich treiben lässt, Antiquariate durchstöbert, Balkontomaten züchtet und dem Rotwein zuspricht, ebenso wie den am Schicksal seiner Altersgenossen leidenschaftlich mit beachtenswerten Vorschlägen teilnehmenden Zeitgenossen. Hierbei geraten das Entpflichtungs-Dilemma der Jungen Alten ebenso in den Blick wie die Hauptprobleme der Alt-Alten: Einsamkeit und Siechtum.

Inhalte im einzelnen

Die Generation der jetzt berenteten, in den 1940er Jahren Geborenen wird als glückliche Kohorte gesehen, die in ihren jungen Jahren in den Wiederaufbau-Wohlstand hinein wuchs und vom Arbeitsmarkt problemlos aufgenommen wurde. Den ihr folgenden Kohorten hinterlässt sie aber Atommüll, hohe Staatsschulden und die Klimakatastrophe. Das internalisierte Berufspflicht-Ethos dieser „Vierziger“ divergiert nach der Berentung mit der totalen Freizeit. Die Lösung könnten Ehrenämter sein, soweit sie zur jeweiligen Persönlichkeit passen. Dieses bürgerschaftliche Engagement wird wegen des Geburtenrückgangs sogar unverzichtbar werden. Von einem zweiten Leben unter südlicher Sonne und von einer Fortsetzungsehe mit stark altersunterschiedlichen Partnern rät der Autor wegen der damit verbundene Probleme ab: Infrastrukturell unterfüttertes Lebenskapital würde in der Fremde vermisst, und in die Verkehrskreise sehr viel jüngerer Partner/-innen wäre nicht mehr hinein zu finden.

Wegen des demografisch herauf ziehenden Pflegenotstands wird der neuen Rentnergeneration auch die Sorge für die eigene Gesunderhaltung obliegen. Denn das lange Leben fordert seinen Tribut mit Teil-Defiziten. Beim Aushalten der Probleme des hohen Alters, dem Siechtum und der Einsamkeit, hat der Autor bei seiner Hospitation im Kölner Altenzentrum „Rosenpark“ viele „stille Helden“ erlebt. Prophylaktisch rät der Verfasser dazu, sich mit wiederbelebten alten Freundschaften und der Nachbarschaft ein tragendes soziales Netzwerk aufzubauen. Zur Todesüberwindung erscheint ein starker Jenseitsglaube hilfreich. Das verflüchtigte Gottvertrauen leistet diese Hilfe aber nicht mehr. Für die Pflegebedürftigen sieht der Autor statt der Ein-Zimmer-Heimpflege das Betreute oder das Gemeinschafts-Wohnen als hilfreich an. Für im Lebensende Schwerkranke plädiert der Autor für aktive Sterbehilfe und für den Freitod.

Diskussion

Das Buch „Altern wie ein Gentleman“ ist kein im strengen Sinn wissenschaftliches Buch. Ein systematischer Aufbau existiert nicht. Die Schilderungen der Altersschicksale erscheinen eher zufällig. Die Folgerungen und Vorschläge sind aber beachtlich. Denn durch seine scharfsinnigen, in Altenheimen teilnehmenden Beobachtungen vermag Kuntze fundierte Aussagen zur Altersproblematik zu machen.

Mit hoher Empfindsamkeit werden die erfüllenden Freuden an den kleinen Dingen im Alter geschildert, ob das Naturbeobachtungen, die Balkongärtnerei oder die morgendliche Musikstunde sind. Ehrlich und nachvollziehbar ist das Schwinden der christlichen Glaubensgewissheit im Kapitel „Vom Bedürfnis nach Gewissheit“ umrissen. Heutiger „Restglaube“ kann nicht jenen Halt geben, den frühere Generationen an ihrem unerschütterlichen Gottesglauben hatten.

Das in dreizehn, eher zufällig gereihte Kapitel gegliederte Buch schildert sprachlich lebendig und bilderreich. Gelegentlich werden überzogene Bilder bemüht (wie die Chromflächen alter Straßenkreuzer „von der Größe des Fürstentums Liechtenstein“, Seite 38, oder die Jeans alter Männer, die diesen „wie leere Kornsäcke von den Hüften hängen“, Seite 156). Ein etwas gekränkter, larmoyanter Grundton über das erzwungene Ausscheiden aus dem offenbar geliebten Fernsehjournalisten-Beruf klingt immer wieder hinter der reichhaltigen Selbstironie durch. Umgekehrt werden zu oft Glück und positive Umstände der eigenen, um 1940 geborenen Kohorte gefeiert. Dies legt auch die Einschränkung nahe, dass viele geschilderte, günstige Umstände eher auf Privilegierte als auf alte Menschen zuzutreffen scheinen, die auf den unteren Rängen der Einkommensskala rangieren.

Widersprüchlich ist Kuntzes Haltung zum Ehrenamt: Einmal ist es für den Entberuflichten „klägliche Kulisse“ (Seite 51), dann soll es (Seite 112) aber doch „Halt und dem Leben Sinn geben“, denn „Untätigkeit wird sich meine Generation …nicht mehr leisten dürfen“, weil ihre niedrige Geburtenrate ausgeglichen werden muss. Die Idee der Wiederbelebung des Altenheims aus Geselligkeitsgründen zur Vermeidung von Alterseinsamkeit scheitert daran, dass es die Sozialleistungsträger in keiner Weise mehr, auch nicht geringfügig, bezuschussen (Pflegestufe 0). Das Hospitations-Heim „Rosenpark“ ist auf Seite 25 fälschlich mit „Rosengarten“ benannt, was in einer Folgeauflage leicht zu korrigieren ist.

Fazit

Ein offenes und ehrliches Buch zur aktuellen Lage alter Menschen in Deutschland. Es enthält eine Fülle an liebevoll und detailreich geschilderten Aperçus sowohl aus dem Leben frisch Berenteter als auch aus Schicksalen Hinfälliger und Sterbender.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 28.09.2011 zu: Sven Kuntze: Altern wie ein Gentleman. Zwischen Müßiggang und Engagement. C. Bertelsmann (München) 2011. ISBN 978-3-570-10091-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11876.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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