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Andreas Niederberger, Philipp Schink (Hrsg.): Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch

Cover Andreas Niederberger, Philipp Schink (Hrsg.): Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2011. 456 Seiten. ISBN 978-3-476-02272-1. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 77,00 sFr.
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Thema

Das Handbuch ist mehr als ein Sammelband, weil es ganz verschiedene disziplinäre Perspektiven auf das Phänomen der Globalisierung gezielt und strukturiert zusammenbringt. Abgesehen von wenigen nicht bearbeiteten Feldern wird die Gesamtdiskussion um den Globalisierungsprozess entfaltet.

Herausgeber

Das Handbuch wurde von Andreas Niederberger und Philipp Schink herausgegeben. Niederberger ist außerplanmäßiger Professor der Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität. Hier forscht er zu Zusammenhängen der Politischen Philosophie und Theorie, u.a. auch zu internationalen Beziehungen und zu Demokratietheorie. Schink ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am philosophischen Institut der Goethe-Universität-Frankfurt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in eine kurze Einleitung und drei Hauptteile.

Zunächst werden Phänomene der Globalisierung untersucht, die u.a. im Feld der Ökonomie, der Politik, der Sozialverhältnisse, des Naturverhältnisses oder auch des Geschlechterverhältnisses diskutiert werden.

Der zweite Hauptteil befasst sich auf allein 100 Seiten mit der Globalisierungsforschung in den Kultur- und Sozialwissenschaften.

Der dritte Teil dann wendet sich „Kernthemen der Globalisierungsdiskussion“ zu. Dies mit ca. 150 Seiten umfangreichste Kapitel stellt Kontroversen zur Globalisierung in Ökonomie, Politikwissenschaft und Sozialwissenschaft vor und bearbeitet politische Konsequenzen des Globalisierungsprozesses. Das Spektrum der weiteren Fragen reicht von Identität, Gemeinschaft, Religion bis hin zu Technologie und Globalisierungskritik. Hinzu kommt ein umfangreiches Glossar und eine Auswahlbibliographie.

Die qualitativ durchweg hochwertigen einzelnen Teile wurden, offenbar von der Fragestellung her gut koordiniert, von etwa 60 Autorinnen und Autoren verfasst, worunter sowohl bekannte Namen zu finden sind, als auch Nachwuchswissenschaftler/ innen.

Inhalte

Bei Globalisierung handele es sich um eine „… Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen, durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse am einen Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen und umgekehrt…“. Dieses auch im vorliegenden Band diskutierte, weit bekannte Zitat des britischen Soziologen Anthony Giddens liefert eine verbreitete Sicht auf Prozesse weltweiter Vernetzung, die in den letzten zwanzig Jahren mehr und mehr mit dem Begriff der Globalisierung bezeichnet werden. Das Handbuch nähert sich dem Begriff und den dahinter stehenden Prozessen auf eine multiperspektivische Weise. Dabei geht es zunächst um Phänomene, dann aber auch um Veränderungen in den verschiedenen relevanten Forschungsbereichen und um dort jeweils ausgetragene Kontroversen. Der Band verfolgt dabei den Anspruch, tiefer in Bedeutungen einzusteigen, die hinter oberflächlicher Begrifflichkeit liegen und will auch Zugang zu Analyseinstrumenten schaffen. Naheliegenderweise geht es hier zunächst um Ökonomie, Politik und Recht, jeweils Bereiche, in denen internationale Vernetzungskontexte verstärkt wahrgenommen werden. Die Autoren gehen überdies davon aus, dass sich „Spuren des Globalisierungsdiskurses“ in allen human- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen finden, was sich in der Betrachtung der jeweiligen Diskussionen widerspiegelt. In jeweils einer qualitativ hochwertigen Skizze werden über die bereits genannten Bereiche hinaus etwa die Debatten in der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Philosophie, der Geographie oder der Gender Studies vorgestellt.

Die „Kernthemen der Globalisierung“ liefern einen anderen, problemorientierten Zugang. In kritischer Weise wird diskutiert, was an den Globalisierungsprozessen denn wirklich neu sei und welche wirtschaftlichen und politischen Kräfte dahinter zu sehen sind. Normative Modelle globaler Gerechtigkeit werden hinsichtlich politischer Strategien ebenso diskutiert, wie verschiedene Formen globaler Regulierung. Wie im gesamten Handbuch werden hier die jeweils auch kontrovers geführten wissenschaftlichen und politischen Debatten, beispielsweise zu einem international abgestimmten Umbau der Steuersysteme, der Förderung direkterer deliberativer politischer Organisationsformen oder auch internationaler Verrechtlichung diskutiert. Auch Fragen des Naturverhältnisses, Identitätsprobleme, religiöse Zugänge oder die zunehmende Urbanisierung weltweit werden bearbeitet. Dies geschieht jeweils auf eine dem Leser zugängliche Weise, ohne, dass die wissenschaftliche Qualität vernachlässigt wird.

Diskussion

Das Buch liefert ein weites Spektrum wichtiger Grundlagen hinsichtlich der Globalisierungsdiskussion. Globalisierung wird zwangsläufig uneinheitlich in den verschiedenen Disziplinen bearbeitet. Den Herausgebern gelingt es aber, jeweils Leitplanken des Verständnisses zu konstruieren. Insbesondere bei den „Kernthemen der Globalisierung“ wird ihre Sorgfalt bei der herausgeberischen Arbeit deutlich, wenn Standpunkte in ihrer Unterschiedlichkeit transparent und in Beziehung gesetzt werden. Erstaunlich ist es, dass nachhaltige Entwicklung nicht in einem eigenen Kapitel diskutiert wird, zumal sich hier weltweit Ansätze zu neuen entwicklungstheoretischen Überlegungen an normativen Grundsätzen festmachen. Das Themen- und Politikfeld kommt zwar vor, aber doch etwas wenig prominent, angesichts der Umwelt- und Klimakrise. Auch Bildungsansätze die sich mit globalen Fragen befassen, sind den Autoren bedauerlicherweise entgangen. So gibt es seit vielen Jahren aus der Friedens-, Menschenrechts- und entwicklungspolitischen Bildung entstandene Konzepte globalen Lernens, die vor ein paar Jahren sogar in einen „Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung“ der Kultusministerkonferenz eingegangen sind, sich inzwischen also auch in Schulcurricula wiederfinden. Auch in der Politikdidaktik wären die Herausgeber fündig geworden (siehe: www.globaleslernen.de). Gleichzeitig haben die Vereinten Nationen eine bis 2014 reichende Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung ausgerufen, die zahlreiche Bildungsaktivitäten, gerade auch in Deutschland bewirkt hat (www.bne-portal.de). Für eine Neuauflage des Handbuches sollte hier nachgearbeitet werden.

Fazit

Trotz einiger weniger Lücken handelt es sich hier um ein Handbuch, das sowohl für Wissenschaftler/ innen, als auch für Menschen aus dem Bildungsbereich äußerst wichtig ist, wenn sie sich mit globalen Fragen befassen, was heute nahezu unvermeidlich ist. Das Buch wird mit Sicherheit für einige Jahre nicht an Aktualität verlieren.


Rezensent
Prof. Dr. Bernd Overwien


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Zitiervorschlag
Bernd Overwien. Rezension vom 15.04.2012 zu: Andreas Niederberger, Philipp Schink (Hrsg.): Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2011. ISBN 978-3-476-02272-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11879.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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