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Andreas Dexheimer: Forschung in der Sozialen Arbeit

Cover Andreas Dexheimer: Forschung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zu einem mehrdimensionalen methodologischen Fundament. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-7815-1815-5. 24,90 EUR.

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Thema

Die Arbeit stellt den Versuch dar, die wissenschaftstheoretischen Fundamente, Ziele, Aufgaben und Vorgehensweisen der Sozialarbeitsforschung als Teil der Funktion der Sozialarbeitswissenschaft zu bestimmen, als deren Gegenstandsbereich die Praxis und das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit gesehen werden.

Autor

Andreas Dexheimer hat an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München das Studium der Sozialarbeit und Sozialpädagogik 1990 mit dem Diplom und 2005 mit dem Master of Social Work abgeschlossen. Die vorliegende Veröffentlichung hat er als Dissertation an der Universität Jena verfasst. Der Autor hat berufliche Erfahrungen in der Arbeit mit Drogenabhängigen auch im Ausland erworben und ist zurzeit Leiter des Geschäftsbereichs München des Diakonischen Werks Rosenheim (http://dexheimer.net/).

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit gliedert sich in eine Einleitung (S.10-19), der eine Darstellung des Untersuchungsverlaufs (S.20-28) und vier thematische Schwerpunkte folgen:

  1. Soziale Arbeit als forschende Handlungswissenschaft (S.29-66)
  2. Forschungsfelder der Sozialen Arbeit (S.67-101)
  3. Wissenschaftstheoretische Grundlagen (S.102-134)
  4. Der Forschungsprozess (S.135-162).

Den Abschluss bildet ein Fazit (S.163-173) und ein ausführliches Literaturverzeichnis (S.174-200).

In der Einleitung versucht der Autor, das Ziel seiner Dissertation als Beitrag zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu formulieren. Dazu zitiert er eine Vielzahl von AutorInnen, um die Vermittlung von Theorie und Praxis als deren Voraussetzung im Handlungsfeld Soziale Arbeit zu begründen und auf den Stellenwert von Sozialarbeitsforschung für die Wissensgrundierung der Praxis und Theorie hinzuweisen.

Untersuchungsverlauf: Ausgangspunkt der Untersuchung war die Erfahrung, dass es im Berufsfeld Soziale Arbeit an originären „Sozialarbeitswissenschaftlern“ mangelt und Forschung/Evaluation vorwiegend von Bezugswissenschaftlern wie Psychologen und Soziologen durchgeführt werden. Dieser Sachverhalt hat das Interesse des Autors geweckt, sich damit zu beschäftigen, „was eine dezidiert sozialarbeitswissenschaftliche Forschung von anderen sozialwissenschaftlichen Forschungen unterscheidet“ (S.20). Dementsprechend werden von ihm zehn eigene Forschungsfragen formuliert, auf die er in den folgenden Kapiteln Antworten finden möchte. Deutlich wird mit der Verwendung des Begriffs Sozialarbeitsforschung die Absicht, das umfassende Handlungsfeld Soziale Arbeit und Sozialarbeitsforschung nicht auf seine sozialpädagogische Traditionslinie und deren sozialpädagogischen Forschung zu reduzieren.

Soziale Arbeit als forschende Handlungswissenschaft: Der Autor versteht Wissenschaft im weitesten Sinne als gezielte und systematische Bemühung um Erkenntnisgewinnung. Als forschende Handlungswissenschaft hat Soziale Arbeit einen konstitutiven Bezug zur Praxis und produziert für diese die theoretische und empirische Wissensbasis. Zur Bestimmung des Gegenstandes der Sozialarbeitswissenschaft sammelt der Autor reichlich Zitate unterschiedlichster Autoren, um schließlich „Forschung und Theoriebildung in Bezug auf die Bedingungen und Möglichkeiten professioneller Praxis“ (S.36) als ihren Gegenstand zu definieren. Dementsprechend fungiert die Sozialarbeitsforschung einerseits als Grundlagenforschung und andererseits als anwendungsbezogene Forschung, um unterschiedliche Dimensionen des Handlungsfeldes wie die Lebenswelt der AdressatInnen, die Funktionen der Institutionen oder gesellschaftliche Ausgrenzungsprozesse ihrer Klientel zu erforschen. Als primäres Referenzsystem der Sozialarbeitsforschung wird allerdings die Wissenschaft gesehen und nicht die Praxis (S.47). Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang die Theoriebildung als Aufgabenstellung für die Sozialarbeitsforschung. Ihre Geschichte wird mit dem Schwerpunkt auf sozialpädagogischer Forschung bzw. Jugendhilfeforschung referiert, es fehlen jedoch Hinweise auf beispielhafte Untersuchungen. Stattdessen basieren die Aussagen zur Originalität von Sozialarbeitsforschung vor allem auf Zitaten anderer Autoren.

Forschungsfelder der Sozialen Arbeit: In diesem Kapitel werden relativ unsystematisch Begriffe in eher lexikalischer Form benannt und kurz diskutiert, die im Handlungsfeld Soziale Arbeit mit dem Begriff Forschung verbunden werden. Dies sind Grundlagen-, Adressaten-, Biographie-, Praxis-, Aktions-, Evaluations-, Jugend- und Jugendhilfeforschung. Beschrieben werden auch Ethnografische Feldforschung, internationale (vergleichende) Sozialarbeitsforschung, Sekundäranalyse und Historische Sozialarbeitsforschung, allerdings wiederum ohne Nennung exemplarischer Studien. Der Autor vermerkt selbst die Unvollständigkeit dieser Aufzählung und erwähnt weitere Forschungsfelder wie die Armutsforschung, die Frauenforschung u.a.m. Diese Aneinanderreihung von Forschungsansätzen/-feldern führt jedoch nicht zur Auseinandersetzung mit dem historischen Kontext ihrer Entstehung und ihres Verschwindens, wie etwa im Falle der Aktionsforschung, die bereits in den 1970er Jahren ad acta gelegt wurde. Die Schlussfolgerungen des Autors zum Entwicklungsstand und zur spezifischen Qualität der Sozialarbeitsforschung und ihrer möglichen methodologischen und methodischen Differenz zur Sozialforschung stellen lediglich eine Zusammenfassung des Kapitels dar.

Wissenschaftstheoretische Grundlagen: Dieses Kapitel hätte als Fundierung der Sozialarbeitswissenschaft und ihrer Forschung durchaus an den Anfang des Textes gestellt werden können, da hier die unterschiedlichen Konzepte wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse referiert werden. Wiederum werden aus der Fachliteratur allseits bekannte Positionen in lexikalischer Form lediglich aneinander gereiht: Empirisch-analytische Ansätze, Hermeneutik, Phänomenologie, Kritische Theorie, historisch-materialistischer und marxistisch-leninistischer Ansatz, Konstruktivismus, Systemtheorie. Als Paradigmen der Erkenntnisgewinnung werden die quantitative und die qualitative Sozialforschung benannt und auf die Erkenntnisprozesse bezogen, wobei der Autor „Leitfrageninterviews“ und Gruppendiskussionsverfahren fälschlicherweise als quantitative Methoden bezeichnet. Produktiv im Rahmen der Sozialarbeitsforschung werden beide Forschungsparadigmen nach Meinung des Autors durch „Methodenverschränkung“ (S.126), indem beider Stärken nacheinander oder miteinander verknüpft werden.

Der Forschungsprozess: In enger Anlehnung an Kromrey werden die Unterschiede von zirkulärer (qualitativer) und linearer (quantitativer) Forschungsstrategien aufgelistet und anschließend die Stufen des Forschungsprozesses bis hin zur Durchführung der Untersuchung mit dem abschließenden Forschungsbericht in sehr knapper Form beschrieben.

Fazit des Autors: Das Fazit stellt lediglich eine Gesamtzusammenfassung des Inhalts der Abhandlung dar, in der in 65 Punkte gegliedert die Schlussfolgerungen (besser Zusammenfassungen) der einzelnen Kapitel wiederholt werden.

Diskussion

Die Arbeit ist relativ kurz und übersichtlich und scheint stringent argumentierend. Schaut man jedoch genauer hin, nimmt sie den Charakter einer Zitatencollage an. Dies wäre nicht bedauerlich, wenn dahinter im Ergebnis eine eigene Meinungsbildung des Autors erkennbar wäre. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Hoffnung, in seinen Schlussfolgerungen eine vertiefende Reflexion und Auseinandersetzung mit den aufgelisteten unterschiedlichen Positionen sowie eine eigene Idee im Sinne von Erkenntnisfortschritt zu finden, enttäuscht der Autor. Eine deutliche Schwäche der Arbeit (und auch der zitierten Literatur) stellt das Fehlen von Belegen für eine originäre Sozialarbeitsforschung dar. Sie bleibt für den Leser deshalb trotz ihrer konkreten und gesellschaftlich relevanten Themenfelder unscharf und ohne erkennbare Substanz in Form von gelungenen Untersuchungen, an deren Beispiel die Relevanz für die Praxis und die Theoriefundierung der Sozialen Arbeit aufgezeigt werden könnte. Der Autor kommt jedoch über die bloße Benennung von Forschungsfeldern nicht hinaus. So drängt sich, auch angesichts der an ein Einführungsseminar in die empirische Sozialforschung erinnernden Darstellung des Forschungsprozesses, der Eindruck auf, dass der Autor sein primäres Bezugsfeld nicht in der Wissenschaft und schon gar nicht in der konkreten Sozialarbeitsforschung hat. Vielmehr scheint es sich eher um eine Literatursammlung zum Zwecke der Selbstvergewisserung zu den Themen Sozialarbeitswissenschaft, Sozialarbeitsforschung und deren wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Forschungsprozessen zu handeln. Im Ergebnis gelingt es daher nicht, eine originäre und originelle Sozialarbeitsforschung in Abgrenzung zur Sozialforschung zu konturieren und diese anhand exemplarischer Belege für ihre Leistungsfähigkeit zu konkretisieren.

Fazit

Die Arbeit lässt sich bestenfalls als Einführung in die Thematik verwenden, indem sie eine Vielzahl von Autoren zu Worte kommen lässt. Das Fehlen von Strukturierung und kritischer Reflexion der referierten unterschiedlichen und sich teilweise widersprechenden oder der aufeinander bezogenen Positionen und Argumente können daher beim Leser Orientierungsprobleme zur Folge haben. Wegen des weitgehend deskriptiven Charakters der Arbeit wird ein spezifisches „mehrdimensionales methodologisches Fundament“ der Sozialarbeitsforschung und deren Abgrenzung gegenüber der Sozialforschung nicht überzeugend herausgearbeitet.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Helmut Lukas
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Zitiervorschlag
Helmut Lukas. Rezension vom 29.09.2011 zu: Andreas Dexheimer: Forschung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zu einem mehrdimensionalen methodologischen Fundament. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1815-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11882.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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