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Irmtraud Schnell, Alfred Sander u.a. (Hrsg.): Zur Effizienz von Schulen für Lernbehinderte

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 26.10.2011

Cover Irmtraud Schnell, Alfred Sander u.a. (Hrsg.): Zur Effizienz von Schulen für Lernbehinderte ISBN 978-3-7815-1776-9

Irmtraud Schnell, Alfred Sander, Claudia Federolf (Hrsg.): Zur Effizienz von Schulen für Lernbehinderte. Forschungsergebnisse aus vier Jahrzehnten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 296 Seiten. ISBN 978-3-7815-1776-9. 19,90 EUR.

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Thema

Spätestens mit den Diskussionen um die Ergebnisse der PISA-Studie ist die Effizienz von (allgemeinen) Schulen in den Fokus der Bildungspolitik und Öffentlichkeit gerückt. Sonderschulen bleiben davon – nach wie vor – seltsamer Weise fast unberührt. Gerade die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen (die in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Bezeichnungen trägt wie Schule für Lernbehinderte oder Förderschule) gilt als Restschule für im allgemeinen Schulsystem gescheiterte Kinder und Jugendliche oder für solche, denen ein Scheitern prognostiziert wird. Sie werden vorsorglich von Beginn an oder im Verlauf ihrer Schulkarriere häufig in dieser Sonderschulform beschult und nur in geringerem Ausmaß im gemeinsamen Unterricht (d.h. inklusiv im Regelschulsystem). Über die Hälfte der als behindert geltenden Schüler/innen in Deutschland haben einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen. Doch fördert die Schule für Lernbehinderte (SfL) ihre Schüler/innen besser als eine Regelschule? Ist sie wirklich der optimale Ort, um Kinder, denen eine Lernbeeinträchtigung oder Lernbehinderung zugeschrieben wird, in ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung speziell zu fördern bzw. zu unterstützen? Dass sich der Schonraum Sonderschule häufig zur Schonraumfalle entwickelt, schilderte u.a. Brigitte Schumann (2007) in ihrem Buch (auf das im vorliegenden Sammelband mehrfach zu Recht verwiesen wird). Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Schulform gibt es in der Fachwissenschaft jedoch schon länger. Auch wenn sie in der öffentlichen Diskussion und Bildungspolitik kaum bis gar nicht wahrgenommen werden, es gibt Untersuchungen zur Effizienz der Schule für Lernbehinderte – und zwar seit vier Jahrzehnten. Mit diesem Buch werden die vorhanden Studien und Befunde zugänglich gemacht. Damit verbunden ist die Hoffnung der Herausgeber/innen, dass die Ergebnisse endlich von der Bildungspolitik wahrgenommen und bei bildungspolitischen Entscheidungen berücksichtigt werden.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Dr. Irmtraud Schnell ist Grund- und Hauptschullehrerin sowie Lehrerin für Sonderpädagogik und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen Projekten zur Integration behinderter Schülerinnen und Schüler (u. a. Zusammenarbeit mit Alfred Sander). Seit 2008 ist sie als Studienrätin im Hochschuldienst am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität in Frankfurt/M. tätig.

Prof. Dr. Alfred Sander ist ehemaliger Grund- und Hauptschullehrer, Sonderschuloberlehrer und war langjähriger Professor für Erziehungswissenschaft und Sonderpädagogik an der Universität des Saarlandes. Er setzte sich kritisch mit den Schulen für Lernbehinderte auseinander und begleitete in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung (insbesondere im Saarland). Er war und ist eine der zentralen Figuren der deutschen Integrations-/Inklusionspädagogik.

Claudia Federolf ist Förderschullehrerin und Religionswissenschaftlerin (M.A.). Sie arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität in Frankfurt/M. und als Förderschullehrerin im gemeinsamen Unterricht einer integrierten Gesamtschule.

(vgl. Informationen zu den Autorinnen und Autoren im Buch, S. 293 ff.)

Entstehungshintergrund

Dieses Buch spiegelt die Ergebnisse eines Forschungsprojekts wider, das von der Max-Traeger-Stiftung unterstützt wurde. Ziel des Forschungsprojekts war, vorhandene Untersuchungen zur Effizienz der Schule für Lernbehinderte zusammenzutragen sowie diese der Öffentlichkeit und Bildungspolitik zugänglich zu machen. Es ging auch darum, sich bewusst zu machen, wie viel Wissen bereits vorhanden ist und dass bisher keine wissenschaftliche Untersuchung die Effizienz der Schule für Lernbehinderte nachweist.

Aufbau

Die vorliegende Veröffentlichung ist ein Sammelband. Neben einem Vorwort und Informationen zu den Autorinnen und Autoren gliedert sich das Buch in vier große Abschnitte: eine Einführung (1), ausgewählte Überblicksartikel (2), ausgewählte Forschungsberichte (3) und einen Überblick über die Forschung seit 1966 (4). In den Abschnitten 2 und 3 werden historische und aktuelle Artikel einschlägiger Autorinnen und Autoren zugänglich gemacht. In den Abschnitten 1 und 4 nehmen die Herausgeber/innen selbst noch einmal Stellung.

Teil 1: Einführung (S. 11-53)

Irmtraud Schnell und Alfred Sander geben mit ihren Aufsätzen eine Einführung in das Thema. Irmtraud Schnell eröffnet den Sammelband mit einer grundlegenden kritischen Betrachtung der Schulen für Lernbehinderte und in ihre zentralen Problematiken ein. „Zentrale Kritik ist die nicht eingelöste Behauptung, in der Schule im Förderschwerpunkt Lernen – wie in allen anderen Sonderschulen – würden die dieser Förderung bedürftigen Schülerinnen und Schüler speziell und optimal gefördert.“ (S. 11) Doch es gibt keine nachhaltigen empirischen Belege für diesen Fördererfolg. Schnell stellt außerdem dar, dass die Sonderpädagogik nach wie vor fast abgekoppelt von der allgemeinen Diskussion der Probleme des Schulsystems ist und somit Themen wie „Chancengleichheit“, „institutionelle Diskriminierung“, „Recht auf Bildung“ oder „Innere Schulentwicklung“ dort erst langsam stärkere Beachtung finden (vgl. S. 12). Sie beschreibt den Stand der Förderung lernbehinderter Kinder und Jugendlicher und welche Faktoren die spezielle Förderung in Frage stellen (auf Seiten der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrerinnen und Lehrer). Sie entwirft ein Aufgabenspektrum für die Sonderpädagogik im Bildungssystem, die ihr zufielen, wenn es diese Sonderschulen nicht mehr gäbe.

Alfred Sanders Beitrag erschien bereits 2008. Er zeichnet die verschiedenen Umbenennungen der Schule für Kinder und Jugendliche mit einer (zugeschriebenen) Lernbeeinträchtigung nach, von der Hilfsschule, über die Sonderschule, die (Sonder-)Schule für Lernbehinderte, Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen bis hin zur Förderschule bzw. zum Förderzentrum. Er geht der Frage nach, ob die Umbenennungen helfen und macht kritische Anmerkungen zur Bezeichnung Förderschule. Sanders Fazit lautet: Es gibt keine bundesweit einheitliche Bezeichnung für diese Schulform, sondern man hat „… es offensichtlich mit einem Spielplatz zum Austoben von Kulturhoheit der Bundesländer zu tun. […] Die Beschulung behinderter Kinder in einer verpflichtenden Sonder- oder Förderschule kann niemals diskriminierungsfrei sein, ganz gleich, welchen Namen die segregierende Schule trägt oder zukünftig noch erhalten wird.“ (S. 52)

Teil 2: ausgewählte Überblicksartikel (S. 57-115)

Der Beitrag von Anne Hildeschmidt und Alfred Sander erschien 1996 in dem von Hans Eberwein herausgegebenen „Handbuch Lernen und Lernbehinderungen“. Sie geben einen Überblick über die empirischen Forschungsergebnisse aus dem deutschsprachigen Raum, die sich mit den Wirkungen der Sonderschulüberweisung und der Spezialunterrichtung in der Schule für Lernbehinderte befassen. Themen sind die Leistungsentwicklung, die soziale Integration und die psychische Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Sie konstatieren, dass den Schulen für Lernbehinderte bezogen auf die Leistungsentwicklung seit 20 Jahren eine Ineffizienz nachgewiesen werden kann. Aber auch in Hinblick auf die soziale Integration und die psychische Entwicklung kann die Sonderschule nicht als optimaler Förderort betrachtet werden (vgl. S. 74). Es „… lassen sich keine bleibenden positiven Effekte der SfL nachweisen, die stark genug wären, die Stigmatisierungseffekte zu kompensieren. Die SfL sollte keine Zukunft mehr haben.“ (S. 75)

Der Aufsatz von Dieter Dumke erschien 1998 in dem Sammelband von Anne Hildeschmidt und Irmtraud Schnell. Dumke befasst sich mit der schulischen Integration in der Sekundarstufe I. Die Entwicklungen zu einer Schule für alle fanden bis dato überwiegend in Grundschulen statt (regional sehr unterschiedlich). Der Übergang in die Sekundarstufe I und die Fortführung der schulischen Integration gestaltete sich häufig schwieriger als in der Grundschule. Warum dies so war und ist beleuchtet er in seinem Beitrag näher. Er berichtet zudem von den positiven Effekten, die sich auch in der Sekundarstufe beobachten lassen.

Der Beitrag von Urs Haeberlin erschien 2002. Er stellt die Ergebnisse aus dem Freiburger INTSEP-Forschungsprogramm vor, das sich mit den Wirkungen integrierender und separierender Beschulung befasst. Seit 1990 wurden immer wieder Forschungsergebnisse aus diesem Programm veröffentlicht. In dem Beitrag geht es insbesondere um sogenannte schulschwache (lernbehinderte) Kinder und Immigrantenkinder in der Primarstufe. Er stellt fest, „… dass sich die Sonderschule für Lernbehinderte in einem raschen Wandel von der bisherigen Schule für Arbeiterkinder zur Schule für Ausländerkinder befindet.“ (S. 99) Bezogen auf die Schulleistungen sprechen die Ergebnisse für die schulische Integration und zwar sowohl für die deutschen lernbehinderten als auch für die ausländischen Kinder (insbesondere bezogen auf die Sprachentwicklung). Bezogen auf die soziale Integration gestalte sich die Situation für leistungsschwache Schulkinder generell als schwierig – unabhängig von der Schulform. Kinder mit Migrationshintergrund werden jedoch zusätzlich und verstärkt abgelehnt. Die Untersuchung der Zufriedenheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen zeige, dass diese gerade zum Ende des Sonderschulbesuches sinkt, weil den Schüler/innen die schlechten beruflichen Perspektiven durchaus bewusst sind. Für die nichtbehinderten Schüler/innen ergeben sich durch die gemeinsame Beschulung mit sogenannten schulschwachen Kindern (egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund) keine nachteiligen Auswirkungen im Leistungsbereich (vgl. S. 102 ff.).

Der Beitrag von Rolf Werning und Birgit Lütje-Klose ist ein Auszug aus ihrem 2006 in der 2. Auflage erschienenen Buch zur Einführung in die Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen. Sie diskutieren ebenfalls das Für und Wider der integrativen und segregativen Beschulung. Es geht wieder um die Auswirkungen in den Bereichen Leistungsentwicklung, soziale, emotionale und psychische Entwicklung. Sie stellen fest: „Die frühe Selektion in deutschen Schulsystem erzeugt […] im internationalen Vergleich zwar homogene Lerngruppen, dies hat aber für die Förderung aller, insbesondere der schulschwächeren, sozial benachteiligten Kinder negative Folgen für die Lern- und Leistungsentwicklung.“ (S. 111, Hervorhebung im Original)

Teil 3: ausgewählte Forschungsberichte (S. 119-237)

Ulrich Bleidicks Aufsatz von 1966 widmet sich dem Thema Rechenleistungen in Hilfsschulen (Sonderschulen) und dem Problem der Rechendidaktik. In der kritischen Auseinandersetzung mit vorhandenen Bildungsplänen geht es um die Frage, was bzw. welche Inhalte verbindlich zu lehren seien und wie dies für diese Zielgruppe gelingen kann. Es werden die Ergebnisse eigener Erhebungen der Rechenleistungen vorgestellt. Daraus werden Überlegungen für einen Minimalstoffplan für Hilfsschulen abgeleitet.

Adrian Kniel fragte in seinem Beitrag von 1981: „Hat sich die Schule für Lernbehinderte als Sammelbecken für Schulversagen bewährt?“ (Titel des Beitrages, S. 141). Er diskutiert Untersuchungsergebnisse zu den Bereichen Schulleistungen, Persönlichkeitsentwicklung sowie Berufs- und Lebenschancen für lernbehinderte Schüler/innen aus Sonderschulen. Bei den Schulleistungen konnte die Sonderschule die optimale Förderung nicht einlösen, sondern sie „… reproduziert […] die Selektivität des Regelschulsystems.“ (S. 142) Sie waren nicht besser als jene der Vergleichsgruppe an Hauptschulen (S. 148). Bei der Persönlichkeitsentwicklung waren die Ergebnisse damals widersprüchlich (S. 145 ff.). Sie schien zunächst an den Sonderschulen günstiger zu verlaufen, was sich aber zum Schulende hin wieder aufhob. Nach Kniel (S. 147) ließ es sich zudem „…nicht belegen, dass die Berufs- und Lebenschancen Lernbehinderter durch den Besuch von Sonderschulen verbessert werden.“

Karl Merz stellt in seinem Beitrag von 1984 die Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung vor. In ihr wurde die Effizienz der Fördermaßnahmen für Kinder mit diagnostizierten Lernschwierigkeiten an Grund- und Sonderschulen (für Lernbehinderte) bezogen auf die Rechen-, Lese- und Rechschreibfertigkeiten verglichen. „Weder im kognitiven noch im affektiven Bereich ließen sich positive Effekte der Sonderbeschulung nachweisen. Positive Entwicklungsverläufe blieben auf Einzelfälle beschränkt.“ (S. 153)

Der Artikel von Lothar Tent, Matthias Witt, Christiane Zschoche-Lieberum und Wolfgang Bürger erschien 1991. Sie befassten sich in ihrer Untersuchung mit der pädagogischen Wirksamkeit der Schule für Lernbehinderte in den Bereichen Schulleistungen, emotionale Entwicklung sowie Arbeits- und Sozialverhalten im Vergleich zur Regelschule. Sie verglichen außerdem zwei Gebiete mit unterschiedlicher Sonderschulbesuchsquote. Im Leistungsbereich zeigten sich keine Vorteile der Schule für Lernbehinderte. Die Schüler/innen profitieren eher vom Besuch der Regelschule (vgl. S. 205). „Bei den Merkmalen ‚Prüfungsangst‘, ‚Begabungsselbstbild‘ und ‚Einschätzung im Sozialverhalten‘ deuten sich Vorteile der SfL an.“ (S. 170) Diese Befunde müssen jedoch differenziert und in Bezug auf die vorhandenen Rahmenbedingungen (wie z. B. kleinere Lerngruppen und andere Bezugsnorm bei der Benotung) analysiert werden. „Möglicherweise hebt die mit dem SfL-Besuch verbundene soziale Stigmatisierung Erfolge der Sonderschule in diesen Bereichen auf.“ (S. 206) Die Schule für Lernbehinderte wird am ehesten ihrer Schonraumfunktion gerecht (vgl. S. 207). Sie plädieren dennoch für die Erhaltung aller Förderorte.

Hans Wocken fragt in seinem 2007 erschienenen Beitrag provokant: „Fördert Förderschule? Eine empirische Rundreise durch Schulen für ‚optimale Förderung‘“ (Titel seines Aufsatzes, S. 214). Er stellt die Ergebnisse mehrerer vergleichender Untersuchungen aus Hamburg und Brandenburg vor. Eine höhere Förderschulquote führte nicht zu besseren kognitiven Leistungen der lernbehinderten Förderschüler/innen (vgl. S. 218). Die Schule für Lernbehinderte verstößt auch gegen den Grundsatz der Chancengleichheit bezogen auf das Geschlecht, die Kultur sowie den soziokulturellen und sozioökonomischen Status. Bestimmte Schülergruppen sind in der Schule für Lernbehinderte überrepräsentiert (vgl. S. 216-229). Zudem konnte Wocken nachweisen, dass ein längerer Sonderschulbesuch nicht – wie von den beteiligten Lehrer/innen erwartet – zu einer besseren kognitiven Leistungsentwicklung führte. Das Gegenteil war der Fall. Je länger die Schüler/innen in der Sonderschule gefördert wurden, desto schlechter fielen die Ergebnisse aus (S. 231). „Der didaktische, methodische und soziale Reduktionismus ist […] als Kausalfaktor einer unzulänglichen, unbefriedigenden Leistungs- und Intelligenzentwicklung von Förderschülern namhaft zu machen.“ (S. 235)

Teil 4: Überblick über die Forschung seit 1966 (S. 241-291)

Claudia Federolf präsentiert eine beeindruckende Zusammenstellung von 45 Untersuchungen zur Effizienz der Schulen für Lernbehinderte, die sich mit der kognitive und sozial-emotionale Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler befassen. Chronologisch ab 1966 geordnet werden die Untersuchungen jeweils nach dem gleichen Raster kurz dargestellt. Es finden sich Aussagen zum Autor, zur Thematik, Zielgruppe bzw. Stichprobe, zum Ort der Untersuchung, zur Methodik und zu den wesentlichen Ergebnissen. Die Forschungen stammen überwiegend aus Deutschland. Es wurden auch einige aus der Schweiz ausgewählt. Nicht aufgenommen wurden Studien zur Rücküberweisung von der Schule für Lernbehinderte zur allgemeinen Schule sowie zum Übergang Schule – Arbeitsleben (vgl. S. 38). Für einen schnellen Überblick wird auf zwei zusammenfassende Tabellen zu den Untersuchungsdesigns und den Untersuchungsthemen verwiesen. Sie sind im Internet abzurufen unter: http://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/1776.html [Datum des Zugriffs: 11.10.2011].

Federolf macht in dem letzten Beitrag des Buches ergänzende und reflektierende Bemerkungen zu den zusammengestellten Studien im vorherigen Kapitel. Sie zeigt Forschungsschwerpunkte, aber auch -lücken auf.

Diskussion

Die Herausgeber/innen selbst empfehlen das Buch insbesondere Studierenden, die nach wie vor für die Arbeit an Sonderschulen für Lernbehinderte ausgebildet werden. „Gerade für sie möge dieses Buch eine Fundgrube zur kritischen Betrachtung separierten Lernens sein.“ (S. 7) Es soll sie zur kritischen Reflexion der eigenen Profession und Aufgaben befähigen. Diesen Anspruch kann der vorliegende Sammelband voll und ganz einlösen. Er nimmt die Leser/innen mit auf eine spannende Reise durch die Forschungsergebnisse der letzten vierzig Jahre zur Effizienz der Schule für Lernbehinderte. Doch ist das Buch auch für andere Zielgruppen interessant: für Studierende der Lehrämter an allgemeinen und beruflichen Schulen, aber auch für Studierende anderer pädagogischer Professionen wie Sozialarbeiter/innen und Heilpädagog/innen sowie die Lehrenden in diesen Bereichen. Sie können ihre eigene Einstellung zur Sonderschule hinterfragen. Aber auch Bildungspolitiker/innen sollten sich mit den Ergebnissen befassen und sie bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.

Bisher „…konnte keine wissenschaftliche Untersuchung einen nachhaltig positiven Effekt der Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen für die Schülerinnen und Schüler nachweisen.“ (Schnell, S. 37) Dies betrifft insbesondere den kognitiven Leistungsbereich, aber auch den Bereich der emotional-sozialen Entwicklung. Die Beiträge präsentieren die Ergebnisse einzelner Studien oder zeichnen den Stand der Forschungen zum jeweiligen Zeitpunkt nach. Damit ergibt sich ein differenziertes, historisch gewachsenes und vielfach empirisch abgesichertes Bild, das die Effizienz und damit die Existenzberechtigung der Schule für Lernbehinderte in Frage stellt. Es wurden nicht nur Aufsätze von Kritiker/innen der Sonderschulen bzw. Befürworter/innen des gemeinsamen Lernens in einer inklusiven Schule für alle aufgenommen. Dennoch kann man nach der Lektüre des Sammelbandes dem Resümee von Hans Wocken zustimmen, das er am Ende seines Beitrages zieht: „Ohne harte, belastbare Effektivitätsdaten bleibt der Slogan ‚optimale Förderung‘ ein leeres, nicht eingelöstes Versprechen und nichts weiter als eine ideologische Beschwichtigungsformel. […] Wenn die Förderschule weder dem verfassungsmäßigen Auftrag zur Chancengleichheit genügen kann, noch den eigenen Anspruch einer optimalen Förderung erfüllt, dann ist Handlungsbedarf gegeben.“ (S. 236)

Nach der Lektüre des Sammelbandes drängt sich die Frage auf: Warum existieren noch immer Einrichtungen, die ihren eigenen und den ihnen entgegengebrachten Anforderungen und Erwartungen seit Jahren nachweislich nicht gerecht werden? Den Kritiker/innen der Schulen für Lernbehinderte geht es nicht um die Abschaffung der sonderpädagogischen Profession, sondern um ihre Loslösung vom festen Ort Sonderschule. Die sonderpädagogischen Kompetenzen müssen unabhängig von einer Sonderinstitution entsprechend den individuellen Bedarfen flexibel und ambulant im Regelschulsystem verfügbar sein. Irmtraud Schnell liefert in ihrem einleitenden Beitrag konstruktive Anregungen dafür, wie die in den Sonderschulen vorhandenen sonderpädagogischen Kompetenzen in das Regelschulsystem inkludiert werden können.

Hilfreich sind zudem die im Internet zusätzlich zur Verfügung gestellten zusammenfassenden Übersichten zu den im 4. Teil aufgelisteten Untersuchungen zur Effizienz der Schule für Lernbehinderte seit 1966. Dort können neben dem Inhaltsverzeichnis auch das Vorwort und die beiden einleitenden Beiträge von Irmtraud Schnell und Alfred Sander geladen werden.

http://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/1776.html [Datum des Zugriffs: 11.10.2011]

Fazit

Der sehr lesenswerte Sammelband macht die Ergebnisse der wichtigsten vorhandenen Untersuchungen zur Effizienz bzw. besser Nichteffizienz der Schule für Lernbehinderte zugänglich, die es bereits seit 40 Jahren gibt. Er bietet eine empirisch fundierte Grundlage für die Diskussionen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bezüglich des Zugangs für Kinder und Jugendliche mit Behinderung zum allgemeinen Schul- und Bildungssystem.

Zitierte Literatur

  • Eberwein, Hans (Hrsg.): Handbuch Lernen und Lernbehinderung. Aneignungsprobleme, neues Verständnis von Lernen, integrationspädagogische Lösungsansätze. Weinheim und Basel: Beltz, 1996.
  • Hildeschmidt, Anne/Schnell, Irmtraud (Hrsg.): Integrationspädagogik. Auf dem Weg zu einer Schule für alle. Weinheim/München: Juventa, 1998.
  • Schumann, Brigitte: „Ich schäm mich ja so!“ Die Sonderschule für Lernbehinderte als „Schonraumfalle“. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2007.
  • Werning, Rolf/Lütje-Klose, Birgit: Einführung in die Lernbehindertenpädagogik. 2.Aufl. München und Basel: Ernst Reinhardt, 2006.

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Es gibt 13 Rezensionen von Antje Ginnold.

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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 26.10.2011 zu: Irmtraud Schnell, Alfred Sander, Claudia Federolf (Hrsg.): Zur Effizienz von Schulen für Lernbehinderte. Forschungsergebnisse aus vier Jahrzehnten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1776-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11883.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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