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Ulrich Hummel, Agke Augsburg (Hrsg.): Qualitätsentwicklung durch Selbstevaluation

Cover Ulrich Hummel, Agke Augsburg (Hrsg.): Qualitätsentwicklung durch Selbstevaluation. Arbeitshilfen aus der Praxis für die Praxis der sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2004. 188 Seiten. ISBN 978-3-7841-1503-0. 20,00 EUR, CH: 35,10 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist entstanden aus dem Qualitätsentwicklungsprozess katholischer Jugendhilfeeinrichtungen in Augsburg und stellt eine konkrete Handreichung für Praktiker dar. Die AutorInnen verstehen Qualität nicht als statische Norm, die gewissermaßen "von außen" an die Arbeit angelegt wird, sondern als Aushandlungsprozess professioneller Akteure und der NutzerInnen, in deren Rahmen eine konsensuelle Verständigung über fachliche Standards und Handlungsmaximen erfolgt. Fokus ihrer Darstellung ist deshalb auch die Reflexion der eigenen Praxis mit Instrumenten einer systematischen Selbstevaluation. Diese Instrumente und ihre Anwendung in einem solchen Prozess werden als einzelne Bausteine vorgestellt, die je nach Prozessverlauf und dem jeweils aktuellen thematischen Fokus unterschiedlich akzentuiert und miteinander kombiniert werden können.

Inhalt und Struktur des Bandes

Zunächst geben die AutorInnen einen angenehm knappen Überblick über die Qualitätsdiskussion in der Sozialen Arbeit in den Tätigkeitsfeldern Gesundheitswesen und Jugendhilfe. Sie verweisen auf rechtliche Aspekte der Qualitätssicherung in der einschlägigen Gesetzgebung und leiten daraus die Notwendigkeit einer Qualitätsdiskussion in diesen Feldern ab. In diesem Kontext stellen sie verschiedene praktizierte und formalisierte Verfahren vor und charakterisieren diese in ihren Grundannahmen. Vorgestellt werden u.a.

  • das "Total Quality Management (TQM)",
  • das EFQM-Modell der European Foundation of Quality Management als eher normierte Verfahren
  • sowie Benchmarking
  • und Balance-Scorecard als Methoden der Generierung von Qualitätsstandards.

Ausführlicher werden die Verfahren und Kriterien einer Qualitätssicherung und Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001: 2000 diskutiert, die stark an vergleichbaren Normierungen im Industrie- und Dienstleistungsbereich orientiert sind.

Demgegenüber formulieren die AutorInnen ihr Credo: "Unter Qualitätsentwicklung versteht man nicht ein festgezurrtes Normensystem, das über die einzelnen Produkte und Leistungen übergestülpt werden soll. Im Gegenteil: QE ist eine Philosophie! Die Ausgangssituation ist also nicht ein standardisiertes Vorgehen, sondern die logische Entwicklung gemeinsamer - und nach Möglichkeit eigener - Qualitätskriterien, gemeinsamer Methoden, gemeinsamer Ziele für die komplizierte und vielschichtige Arbeit." (46)

Vor dieser Folie werden die einzelnen Schritte, Verfahren und Instrumente einer auf Qualitätsentwicklung abzielenden Selbstevaluation dargestellt. Die dafür von den AutorInnen entwickelten Bausteine orientieren sich an der mittlerweile üblichen Unterscheidung von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Zu jeder dieser drei Ebenen werden nach einer kurzen Einführung umfangreiche und sehr differenzierte Erhebungsbögen und Checklisten vorgestellt, die Organisationsrealität und professionelles Handeln abbilden und den gemeinsamen Reflexionsprozess der professionellen Akteure anregen und materiell unterfüttern sollen. Diese Erhebungs- und Fragebögen finden sich auch auf der dem Band beigefügten CD-ROM und sind so unmittelbar einzusetzen.

Ein übersichtliches Glossar und ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden den "Gebrauchswert" dieses Buches ab.

Kritische Anmerkungen

Die AutorInnen haben mit diesem Band und der dazugehörigen CD-ROM ein sehr systematisches, gut strukturiertes und plausibles Instrumentarium zur Qualitätsentwicklung in sozialen Organisationen vorgelegt, das in allen Feldern Sozialer Arbeit Anwendung finden kann. Allerdings mag sich manche Leserin von dem Umfang, der Komplexität und dem hohen Grad der Formalisierung der Erhebungsbögen abschrecken lassen. Die in den Textteilen des vorliegenden Bandes angenehme Fokussierung und Akzentuierung einzelner Fragestellungen geht hier verloren. Bei der Entwicklung dieser Instrumente scheinen stattdessen eher Kleinteiligkeit und Vollständigkeit die handlungsleitenden Motive gewesen zu sein. Klare Hinweise zur Auswertung der Checklisten und Fragebögen sowie insbesondere zur kommunikativen Rückkopplung in Team und Organisation wären hier hilfreich, zumal die AutorInnen ja auf Erfahrungen ihres eigenen Prozesses zurückgreifen können. Zu Recht formulieren die AutorInnen bereits in ihrer Einleitung: "So ist nicht nur die Definition der professionellen Ziele für das Angebot der eigenen Organisation wichtig, die Weiterentwicklung von Methoden oder die Abklärung der Erwartungen der Betroffenen, es ist auch die neue Motivation durch eine Darstellung der eigenen Bedeutung sowie die Diskussion der Fachlichkeit und die Entdeckung der gemeinsamen Einschätzung der eigenen Arbeit, was den vielleicht entscheidenden Aspekt einer Selbstevaluation ausmacht" (11). Ausführungen zur Selbstevaluation als Methode und praktische Hinweise zur Initiierung und Moderation solcher Diskurse könnten die Umsetzung der wertvollen Anregungen dieses Buches erleichtern.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 30.11.2004 zu: Ulrich Hummel, Agke Augsburg (Hrsg.): Qualitätsentwicklung durch Selbstevaluation. Arbeitshilfen aus der Praxis für die Praxis der sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2004. ISBN 978-3-7841-1503-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1189.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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