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Julian Nida-Rümelin, Klaus Kufeld (Hrsg.): Die Gegenwart der Utopie

Cover Julian Nida-Rümelin, Klaus Kufeld (Hrsg.): Die Gegenwart der Utopie. Zeitkritik und Denkwende. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2011. 239 Seiten. ISBN 978-3-495-48100-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.
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Thema

„Utopien sind unmögliche Möglichkeiten, die mögliche Möglichkeiten sichtbar werden lassen.“ So hat es Martin Seel formuliert. Und nichts scheint die Wirklichkeit derzeit mehr zu benötigen, als Denkräume und intellektuelle Projekte, die einen Ausweg versprechen aus der Dynamik beschleunigter Krisenzyklen und der Kurzatmigkeit politischer Interventionen. Der Begriff „alternativlos“ hat es wohl nicht zufällig an die Spitze der Unwörter des Jahres 2010 geschafft. Seinen zweifelhaften Ruhm verdankt er – unabhängig vom unmittelbaren Krisenkontext – gewiss auch einer allgemeinen zeitdiagnostischen Dimension. Das utopische Denken galt nach dem Ende des Realsozialismus als gleichsam mitdiskreditiert. Nur noch das Machbare zu denken, schien legitim. In den zwei Dekaden seit der Zeitenwende haben sich freilich die politischen Spielräume verengt: Die Grenzen der Handlungsfähigkeit liegen wie Schlingen um den Bereich des Möglichen. Der Problemdruck ist gewachsen. Und der Versuch, das Hamsterrad einfach schneller zu drehen, erscheint inzwischen auch den meisten politischen Akteuren keine realistische Lösung mehr. Zurückgeblieben ist ein von Stresssymptomen gehetzter und zum Reaktionsmechanismus geschrumpfter Politikbetrieb, dem vor allem eines abhanden gekommen scheint: der Blick für Alternativen. „Die Zeit scheint reif, wieder über Utopien nachzudenken“, lautet daher sinnigerweise auch der erste Satz des anzuzeigenden Buches (S. 7). Der Ausruf ist dabei Programm wie öffentlicher Appell zugleich.

Entstehungshintergrund, Herausgeber und Autoren

Der Band versammelt Aufsätze und Reden, die zurückgehen auf das Zukunftssymposium „future:lab 2.0“, das im Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum im Jahr 2010 unter dem Thema „NEUE UTOPIEN – Zeitkritik und Denkwende“ stattgefunden hat. Die Beiträge wurden erst im Nachgang zur Konferenz verschriftlicht, berücksichtigen insofern die anschließenden Diskussionen und sind daher auch – wie die Herausgeber schreiben – „mehr als die Dokumentation der Tagung“ (S. 7).

Die beiden Herausgeber sind profilierte Figuren: Klaus Kufeld ist Gründungsdirektor des Ernst-Bloch-Zentrums in Ludwigshafen, Julian Nida-Rümelin ist Philosophie-Professor in München und war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett von Gerhard Schröder. Die Autoren, darunter einige prominente Namen, sind hauptsächlich Wissenschaftler an deutschen und internationalen Universitäten mit mehrheitlich philosophischer oder kulturwissenschaftlicher Ausrichtung.

Aufbau und Inhalt

Mit dem Zusatztitel „Zeitkritik und Denkwende“ signalisieren die Herausgeber zugleich die doppelte Dimension, die sie dem utopischen Denken zusprechen: nämlich einerseits bestehende Verhältnisse einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen, andererseits aber auch neue geistige Paradigmen der Zukunftsgestaltung auf die Agenda zu setzen. Den Autoren geht es folglich in den seltensten Fällen um eine Rekonstruktion oder Aufarbeitung historischer Manifestationen der Utopie, nicht also um ihre Geschichte, sondern um die „Gegenwart der Utopie“. Themen sind daher aktuelle oder vielleicht sehr bald aktuelle Herausforderungen, die im klassisch-utopischen Diskurs bisher allenfalls als Randphänomene aufgefallen sind. So ist die Rede von Transhumanismus und Enhancement-Praktiken, von Energiewende und Cyber-World, aber auch von EU-Sozialpolitik und der Ethik der Menschenrechte.

Im einleitenden Beitrag „Zeit für Utopie“ unternimmt Klaus Kufeld zunächst den Versuch einer grundsätzlichen Rehabilitierung des Utopiebegriffs und beabsichtigt diesem (wieder) einen gebührenden Ort im Spannungsfeld von Gegenwartskritik und Zukunftshoffnung zuzuweisen. Neben einigen Ausflügen in die Begriffsdebatte und die historische Dimension des Utopiediskurses, kümmert sich der Autor vor allem um eine Standortbestimmung. In den „perfektionistisch durchregulierten Systemen“ (S. 16) der Utopiegeschichte, so glaubt er, könne sich der heutige, aufgeklärte Mensch nicht mehr wiederfinden. Vielmehr habe die digitale Revolution diversifizierte Cyber-Welten geschaffen, bei denen die Menschen zugleich selbst am Steuer säßen, was es dem Utopiebegriff erschwere, soziologisch wirksam zu werden. Auch deshalb wendet er sich gegen „die Macht der erzeugten utopischen Bilder“ (S. 10) aus den frühen klassischen und kollektiven Utopieentwürfen und sieht inzwischen vielmehr die Sozialwissenschaft – im Zusammenspiel mit der Philosophie – als „utopisches Korrektiv“ (S. 17).

Julian Nida-Rümelin begreift die Utopie anschließend unter dem Titel „Utopie zwischen Rationalismus und Pragmatismus“ als eine spezifische Form der Kritik, die sich im Kern immer um die Frage dreht: „Wie wollen wir leben?“ (S. 43) „Humanes Zusammenleben ist ohne Utopie gar nicht denkbar“, schreibt er (S. 43), weil es dabei stets um die Kriterien eines guten gemeinsamen Lebens gehe, und diese Kriterien stehen in der Regel konträr zu den bestehenden Verhältnissen. Im Anschluss an eine historisch angelegte Würdigung der Kritik- und Orientierungsfunktion des utopischen Denkens (S. 33-35), skizziert Nida-Rümelin Positionen der Utopiekritik und diagnostiziert einen marxistischen, einen reformistischen, einen libertären sowie einen konservativen Typus des Antiutopismus (S. 35-38). Sein Ziel liegt letztlich darin, die Utopie als besondere Form des rationalen Denkens zu verorten, dessen Normativität sich nicht auf die konstitutive Rolle realer Gemeinschaftszugehörigkeit beruft (wie im Kommunitarismus) oder aus der Ableitung von universalen Prinzipien resultiert. Vielmehr sei die Utopie als gesellschaftlicher Entwurf konzipiert, der allein untersucht und porträtiert, was kohärent und zueinander stimmig ist (S. 40).

Wilhelm Voßkamp richtet im Folgenden seinen Blick auf den Zusammenhang von Utopie und Apokalypse. Er zeichnet ein Panorama ihrer Dialektik in der literarischen Moderne und apostrophiert dabei die endzeitliche Angst vor radikaler Veränderung und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft als eine insgesamt „komplementäre Denkfigur“ (S. 54). So sei bereits das dystopische Element im Utopiediskurs keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Satirisch-selbstkritische Reflexionen, gewissermaßen eine „Dialektik der utopischen Vernunft“ (S. 57), finde sich bereits seit Morus‘ Utopia über die lange Bahn der Utopietradition, besonders deutlich in der Kritik des Fortschrittsdenkens im 18. und 19. Jahrhundert. Eingehender setzt sich Voßkamp schließlich mit dem Oszillieren zwischen dystopischen Schreckensszenarien und positiven Zukunftsmodellen in den Texten des 20. Jahrhunderts auseinander, namentlich mit Alfred Kublin („Die andere Seite“, 1909), Jewgenij Samjatin („Wir“, 1920/21) und Ursula K. LeGuin („Planet der Habenichtse“, 1974). Erst die Verbindung von Utopie und (radikaler) Utopiekritik liefern ihm zufolge die Möglichkeitsbedingungen für das Entstehen neuer Utopien.

Getragen von der Sorge, die Utopie könne preisgegeben werden an einen „literaturwissenschaftlichen Gattungsbegriff“ (S. 70), intendiert Burghart Schmidt eine Modernisierung des Blochschen Begriffs der „konkreten Utopie“. Schmidt ist nicht der Einzige, der im vorliegenden Sammelband auf den Terminus rekurriert. Er taucht in annähernd allen Beiträgen auf. Nach Bloch bezeichnet er freilich gerade keine möglichst detailreiche Schilderung, sondern meint eher das Gegenteil: Aus der bewussten Reflexion des Real-Möglichen und einer Antizipation des gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, die die Kräfte zur positiven Überwindung aufspürt und fördert, resultiere vielmehr der notwendige Verzicht auf genauer ausgemalte Bilder. So auch warnt Burghart Schmidt vor dem Missverständnis, „Konkretheit“ mit Planung zu verwechseln: Planung werde auf ihre Destination hin durchgezogen, während Bloch auch eine „Transformation und Kündbarkeit des Realisierungsvorgangs“ (S. 69 f.) im Auge behalte. Utopien seinen nicht handlungsanweisend wie Planung, sondern handlungsmotivierend. Vor diesem Hintergrund unternimmt Schmidt einen neuen interpretatorischen Blick auf Michel Foucault und Jean Francois Lyotard. Der Erste, Foucault, habe sich dagegen gewandt, bei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in den Fronten und Institutionen zu erstarren. Der Zweite, Lyotard, habe die „Großen Geschichten“ gesellschaftlicher Wandlungsmöglichkeiten für ausgelaufen erklärt. Gerade Bloch hätte aber schon früh Sinn für die „Kleinen Geschichten“ gezeigt – im Sinne einer Nahziel-Fernziel-Dialektik. Und so plädiert Schmidt abschließend dafür, Fernziele und Große Geschichten (z.B. Gerechtigkeit, Kommunismus) letztlich ins schlechthin Unrealisierbare gesetzt zu sehen, aber „alle unsere kleinen Geschichten auf kleinste Schritte“ (S. 75) daraufhin auszurichten.

Beat Sitter-Liver untersucht im Anschluss „Ethik als utopische Zeitkritik“, wobei er Ethik selbst als „utopischen Prozess“ etikettiert, verstanden als eine Ausformung dessen, was – erneut – Ernst Bloch mit seinem Begriff der konkreten Utopie bezeichnet habe (S. 88). Den theoretischen Überlegungen folgen einige zeitgenössische Beispiele, die an der ethischen Elle der Menschenrechtserklärung gemessen werden, etwa das Phänomen des „Land Grapping“ in den Armutsregionen der Welt (S. 93-95), d.h. die dortige Aneignung immer größerer landwirtschaftlicher Nutzflächen zur Treibstoffproduktion, zum Zweck des Nahrungsmittelexports und der Gewinnspekulation. Die Entwicklung verstoße unverkennbar gegen universale Prinzipien wie Gerechtigkeit, Fairness, Solidarität, Recht auf Nahrung oder die gleiche Achtung aller Menschen und dokumentiere so den utopischen Charakter der Ethik im Allgemeinen wie der Menschenrechte im Besonderen.

Mit der Gegenüberstellung einer liberalistischen sowie einer naturrechtlich-anthropologischen Position stellt Elif Özmen für den Bereich der Medizin-, Bio- und Gentechnologie die Frage, inwieweit Eingriffe in die äußere und inneren Natur des Menschen als legitime Möglichkeiten der freien Selbstgestaltung interpretiert werden können, auch wenn sie sogenannte „Enhancement-Praktiken“ umfassen, d.h. die technische oder medizinische Optimierung „normaler“ Eigenschaften von „normal gesunden“ Menschen (S. 106). Das Argument einer spezifischen Natur des Menschen, das solchen „anthropologischen Utopien“ eine prinzipielle Schranke entgegensetzen würde, ist mächtig in die Defensive geraten, weil sich die Natur des Menschen offenbar nicht normieren oder definieren lässt. Gehört es also gleichsam „zur Natur des Menschen“, so fragt Özmen, „keine festgelegte Natur zu haben“ (S. 114)? Und lässt sich daraus – zumindest aus der Perspektive eines normativen Individualismus – folgern, dass auch ein posthumanes Zeitalter als Autonomie- und Freiheitsgewinn legitimierbar ist? Elif Özmen gibt – mit Rekurs auf Habermas – zu bedenken, dass dadurch mitunter auch das Fundament eines ethischen Liberalismus selbst untergraben werde, stellt in umgekehrter Richtung aber auch die Frage, ob es denn moralisch geboten sein kann, die „erste Natur des Menschen“ mit Unbedingtheit zu schützen, nur um der herrschenden Moral ihren Geltungsboden nicht zu entziehen? Schließlich werde die Moral damit just zu jenem Dogma erklärt, von dem die Natur des Menschen seit der Neuzeit kontinuierlich befreit werden sollte.

Ellen Bareis nimmt das europäische „Jahr zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung“ 2010 zum Anlass, um auf europäischer Ebene nach utopischen Fluchtlinien zu fragen. Einleitend festgehalten wird zunächst, dass es sich bei der EU-Initiative lediglich um eine Öffentlichkeitskampagne handelte, bei der die Zivilgesellschaft aufgerufen wurde, sich für das Thema zu sensibilisieren. Neben solch eher symbolischen Aktionen hätten EU-Forschungsprogramme seit den 1990er Jahren aber wenigstens das Thema zu einem öffentlichen Diskussionsgegenstand gemacht. Wirkliche Ursachen seien damit freilich nicht beseitigt worden. Ausgerechnet das Jahr 2010 drohe nun allerdings als Startschuss für viele neue soziale Spaltungen in die europäische Geschichte einzugehen: Im Zeichen des Kampfes um Währungsstabilität schlage sich das Schuldenproblem in allen Ländern in Kürzungen bei der sozialen Infrastruktur nieder. Bareis richtet ihren Blick nun allerdings weniger auf ein Zurück zum alten Sozialstaat, vielmehr untersucht sie die europäische Diskussion mit Blick auf drei utopische Fluchtlinien: das Konzept der „Kostenlosigkeit der Existenz“ (besser bekannt als „bedingungsloses Grundeinkommen“), den Gedanken einer „Sozialpolitik als soziale Infrastruktur“ sowie Überlegungen zu „globalen sozialen Rechten“. Angesprochen sind damit Aspekte, die allesamt nicht auf staatlichen Paternalismus und Bürokratismus zielen, sondern auf Rechte und Teilhabe, und damit auf ein soziales „Europa von unten“.

Aus der Perspektive der Zukunftsforschung wendet sich Edgar Göll anschließend den „Utopien als Impulse für zukunftsfähiges Handeln“ zu. Er diagnostiziert unter dem programmatischen (und leicht martialischen) Titel „Tötet TINA!“ (= There is no alternative“) zunächst die sozialpsychologischen Schwierigkeiten, sich der „Schwerkraft des Gewohnten“ (S. 149) zu entziehen. Selbst Science Fiction führe oftmals nur alte Bühnenstücke in neuen Kostümen auf, soll heißen, bei aller technischen Phantasie bleiben die sozialen Strukturen weitgehend beim Alten, fallen die gesellschaftlichen wie politischen Innovationen dürftig aus. Eine Ursache für die Trägheit des Vorstellungsvermögens sieht Göll unter anderem im stets erfahrungsbezogenen Handeln der Menschen, das – mehr noch als dem rechtzeitigen Wahrnehmen – einem wirkungsvollen Umsteuern bei bevorstehenden Krisen und Katastrophen entgegenstehe. Als beispielhafte Verbindung von Zukunftsdenken und Utopie skizziert Göll abschließend das maßgeblich von Robert Jungk konzipierte Modell der „Zukunftswerkstatt“. Unterteilt in eine Kritik-, Phantasie- und Verwirklichungsphase sei die gruppendynamische Methode geeignet, Prozesse gesellschaftlicher Problemlösung und politischer Partizipation zu induzieren.

Christa Karpenstein-Eßbach („Utopie in der Literatur“) unterscheidet zum Zweck ihrer Untersuchung zunächst zwischen politischen und literarischen Utopien. Während sich Erstere auf die Potenzialität von Geschichte beziehen, erzählen Letztere Geschichten. Politische Utopien seien mit der Idee des Fortschritts verbunden und explizierten Projekte, die „im Moment noch nicht wirklich, so doch möglich sind, weil sie im historischen Prozess eine Stelle haben“ (S. 173). Literarische Utopien würden demgegenüber die geschilderte fiktive Welt durch Strategien paratextueller Rahmungen in eine bewusste Distanz rücken und dadurch auch eine „Selbstbefragung des utopischen Bewusstseins“ (S. 175) provozieren. Die Autorin untersucht anschließend einige zeitgenössische literarische Utopien vor und nach der Zeitenwenden 1989, z.B. Udo Rabschs „Julius oder Der schwarze Sommer“ (1983) und Christian Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ (2008) und kommt zu dem Schluss, dass literarische Utopien qua Form ermöglichen, mit dem Fiktionalitätscharakter spielerisch und reflexiv umzugehen. Ob dabei das „Reich des Imaginären den Charakter wünschbarer oder perverser Zukunftsvorstellungen“ (S. 182) annehme, sei zweitrangig. Immer würden sie aber der Gegenwart einen Spiegel vors Gesicht halten.

Johann Kreuzer plädiert schließlich für eine Renaissance der Bloch-Lektüre, nicht zuletzt um sein Denken gegen das allgegenwärtige Dogma der Nützlichkeit und die Selbstinstrumentalisierung der Vernunft in Stellung zu bringen. Im Sinne Blochs fordert er eine kulturelle Selbstreflexion darüber, was an Würde und Glück in der Gegenwart noch nicht realisiert und was an Realisiertem bereits wieder verloren gegangen sei. Blochs Diktum aus einem Interview des Jahres 1964, das Kreuzer zitiert, wirkt dabei in der Tat fast zeitlos aktuell (und könnte problemlos als Motto über dem gesamten Sammelband stehen): „Diese utopische Unterernährung, die Impotenz im Antizipatorischen ist zweifellos unser gegenwärtiger Zustand und vielleicht unser Geschick.“ (S. 197) Bloch zu reaktivieren, hält der Autor daher für ein Gebot der Stunde.

Abschließend dokumentiert der Sammelband ausgewählte Reden der Preisträger des Ernst-Bloch-Förderpreises 2000 (Navid Kermani) und 2006 (Carolin Emcke) sowie des Ernst-Bloch-Preises 2000 (Eric J. Hobsbawm). Überdies gibt der Band Teile der Diskussion des Zukunftssymposiums wieder. Ihr Abdruck ist keineswegs nur auflockerndes Beiwerk, sondern hilft in vielen Fällen, die vorgetragenen Positionen zu verdeutlichen und hinterlässt in jedem Fall den Eindruck, dass es auf dem Symposium lebhaft und konzentriert zur Sache ging.

Diskussion

Über weite Strecken liefert der Sammelband einen gelungenen, weil informativen Einblick in die Herausforderungen der Gegenwart im Lichte der Utopiedebatte, der von zahlreichen instruktiven Impulsen begleitet wird. Die Beiträge zeigen fast unisono, dass die eindimensionale Fixierung auf Machbarkeit, Pragmatismus und Sachlichkeit, die die Politik in den letzten Jahrzehnten dominiert hat, keineswegs zu mehr, sondern zu weniger Handlungsfähigkeit geführt hat. Der Ruf nach Utopie, nach einem Denken in Alternativen und das Anliegen einer Rehabilitierung und Renaissance der Utopie mag daher als ebenso zwangsläufige wie folgerichtige Konsequenz erscheinen.

Von den versammelten Beiträgen geht zudem ein unverkennbarer Impuls aus, das Neben- oder gar Gegeneinander von Natur- und Geisteswissenschaften zu überwinden – oder wenigstens: die Diskussion an den großen gemeinsamen gesellschaftlichen Schnittflächen neu zu entfachen. Die Utopie, seit jeher im technischen wie soziopolitischen Bereich beheimatet, drängt sich dabei als gemeinsame Bezugsgröße und Medium in der Tat regelrecht auf. Die Frage bleibt freilich, ob es denn dabei immerzu „neuer Utopien“ bedarf, solange das Aktivierungspotenzial vieler „alter Utopien“ unerreicht bleibt? So schrieb Thomas Assheuer bereits vor einigen Jahren in der ZEIT: Utopien „sind im Selbstverständnis der Demokratien, im normativen Bewusstsein und in den Institutionen der Weltgemeinschaft fest verankert. Einige sind sogar in Marmor gemeißelt, zum Beispiel der Leitspruch der Weltbank: ‚Unser Traum ist eine Welt ohne Armut.‘“ (Wer hat Angst vor der Utopie?, in: Die Zeit 50/2002).

Nicht alle Beiträge sind freilich in gleicher Weise von instruktiver oder innovativer Qualität. Gegenüber dem theoretisch, ideengeschichtlich und argumentativ auf höchstem Reflexionsniveau angesiedelten Beitrag von Elif Özmen fallen einige Beiträge merklich ab. Auch sticht – bei aller Souveränität in der Aneignung und Aktualisierung des Utopiethemas durch die Mehrzahl der Autoren – gelegentlich die Schwäche bei der Kenntnis der klassisch-historischen Utopietradition ins Auge. Es ist wohl kein Zufall, dass sich gerade auf diesem Feld die meisten sachlichen Fehler eingeschlichen haben: So wurde der namenstiftende Prototyp, die Utopia von Thomas Morus, erstmals 1516 publiziert – und nicht 1517, wie Klaus Kufeld schreibt (S. 9) oder 1526, wie Burghard Schmidt notiert (S. 66). Außerdem: Aus der Feder von Tommaso Campanella stammt der „Sonnenstaat“, und nicht der „Gottesstaat“ (Klaus Kufeld, S. 10). Dieser ist bekanntlich das Werk von Augustinus. Es bleiben lässliche Sünden.

Wichtiger scheint dagegen eine andere, grundlegendere Frage. So steht das Design der Forschungsfragen insgesamt ganz unverkennbar in der Tradition von Ernst Bloch, der die Utopie bekanntlich nicht als umgrenzten Begriff, sondern als ein Prinzip, als das utopische „Prinzip Hoffnung“ verstand und daher in nahezu enzyklopädischer Weise allem Transzendierenden in Welt und Mensch sein Interesse schenkte. Diesem Ansatz folgen, wie unschwer zu erkennen, auch die Autoren in aller Breite. Letztlich muss ihnen daher auch warnend zugerufen werden: Utopien sind „unmögliche Möglichkeiten“. Wer die Utopie allerorten sucht – und sie in allem Möglichen findet, der steht am Ende mitunter vor einer paradoxen und ungewollten Konsequenz, nämlich einerseits die reflexive Funktion der traditionellen Utopieentwürfe zu marginalisieren, weil sie als anachronistisch abgestempelt werden, andererseits die tatsächlich möglichen Möglichkeiten wieder aus der Reichweite des Realisierbaren zu verbannen, weil sie, als „utopisch“ etikettiert, gleichsam wieder ins Reich der Utopie, und damit des Unmöglichen verwiesen werden.

Fazit

Insgesamt bleibt freilich festzuhalten: Der Sammelband ist das Dokument eines höchst zeitgemäßen und verdienstvollen Unterfangens, das in ebenso ambitionierter wie engagierter Weise realisiert wurde. Es vermag wertvolle Anstöße bei vielen wichtigen Fragen der gesellschaftlichen Debatte zu leisten. Und ragt daher – zumindest mit seinem Anliegen – auch weit über den rein akademischen Rahmen hinaus.


Rezension von
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 07.11.2011 zu: Julian Nida-Rümelin, Klaus Kufeld (Hrsg.): Die Gegenwart der Utopie. Zeitkritik und Denkwende. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2011. ISBN 978-3-495-48100-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11891.php, Datum des Zugriffs 20.09.2021.


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