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Wolfram Kulig (Hrsg.): Empowerment behinderter Menschen

Cover Wolfram Kulig (Hrsg.): Empowerment behinderter Menschen. Theorien, Konzepte, Best-Practice. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2011. 296 Seiten. ISBN 978-3-17-021981-6. 24,90 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Thema

Die Autoren widmen sich dem Empowermentkonzept in seiner gesamten Bandbreite. Die Thematik des Empowerments wird konkretisiert im Kontext von Theorie und Forschung sowie anhand von Beispielen aus der praktischen Umsetzung.

Herausgeber

Die Autoren der Buchbeiträge sind in der Behindertenarbeit tätig bzw. forschen sie auf diesem Gebiet. Die Herausgeber sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften sowie Rehabilitationspädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aufbau

Der vorliegende Sammelband unterteilt sich in 4 Schwerpunkte:

  1. Einleitung
  2. Empowerment in Alltag und Praxis
  3. Empowerment in Wissenschaft und Forschung
  4. Ausblick

Inhalt

Dieser Band, so betont Kulig im Vorwort, ist gedacht als eine Homage an G. Theunissen, dem Wegbereiter des Empowermentansatzes in der Behindertenarbeit in Deutschland. Der Begriff Empowerment wird aus der historischen Entwicklung heraus dargestellt und der Autor umreißt kurz die Veränderungen in Theorie und Praxis der Behindertenhilfe der letzten Jahrzehnte.

Unter dem Titel Full citizenship – Anmerkungen zur Entwicklung der Bürgerrechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten skizziert Schädler, den 1. Teil einleitend, die Entwicklung einer bürgerrechtlichen Position von Menschen mit Behinderung. Es werden positive Veränderungen in Bezug auf zivile und politische Elemente des Staatsbürgerstatus aufgezeigt. Parallel dazu identifiziert der Autor Defizite im bestehenden Hilfesystem im Hinblick auf die Verwirklichungschancen der staatsbürgerlichen Rechte. Deshalb sollten Reformansätze konzipiert werden, die die Probleme des Leistungsgeschehens aus bürgerrechtlicher Perspektive angehen.

Schlummer betont in seinem Beitrag Empowerment – Grundlage für erfolgreiche Mitwirkung und Teilhabe die wirksamen Facetten des Gesamtwerkes Empowerment. Dank der Stationen der Veränderungen, Meilensteine sind die Kongresse von 1994-2007, von Mitwirkung und Teilhabe kann das Phänomen Empowerment erst in seiner Ganzheitlichkeit verstanden und umgesetzt werden. Bedingung dafür, so sein Fazit, ist das Lernen des Lernens als Lernkompetenz und somit auch die erforderliche Inklusionskompetenz zu entwickeln.

Der 2. Teil des Sammelbandes wird mit dem Beitrag Selbstbestimmt Leben – das Original von Vieweg begonnen. Aus Sicht der „Selbstbestimmt Leben Bewegung“ wird Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderung reflektiert. Selbstverwirklichung im Sinne der Anerkennung der sozialen und bürgerlichen Rechte bedeutet im „Original“ die bedarfsgerechte Unterstützung außerhalb von Einrichtungen. Im Ausblick wird auf Aktivitäten auf Bundesebene verwiesen und darauf, dass sich die Gesellschaft die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung auch (finanziell) leisten kann.

Der Focus der Betrachtung steht zuallererst der Mensch, auch der Mensch mit Lernschwierigkeiten. Göthling und Schirbort stellen eine weltumfassende Bewegung vor: People First – eine Empowermentbewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ein Blick zurück und einer nach vorn. Mit dem Blick auf diese Selbstvertretungsorganisation und deren Aktivitäten identifizieren die Autoren Wege und weiterführende gesellschaftliche Veränderungen, die bewirken, dass auch Menschen mit Lernbehinderung ihre Rechte auf Mitbestimmung kennen lernen und nutzen können.

Als „Expertin in eigener Sache“ stellt Preißmann den Zusammenhang zwischen Empowerment und Autismus her. Die Basis dafür bietet u.a. der veränderte, ressourcenorientierte Blick aus Fachkreisen auf Menschen innerhalb des autistischen Spektrums. Trotz aufgeführter Beispiele aus dem Bereich der Selbsthilfe bleibt die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit betroffener Menschen und deren Bezugsperson mit Fachleuten. Das ist die Grundlage für ein Leben gemäß eigener Vorstellungen und Bedürfnisse, für Empowerment.

Empowerment aus dem Blickwinkel der pädagogischen Praxis spiegelt sich im Beitrag von Seifert wieder. Sie diskutiert Inklusiv wohnen – Annäherung aus sozialräumlicher Perspektive. Neue Wohnformen werden sowohl aus der gesetzlichen wie auch individuellen Sichtweise betrachtet. Als Medium auf dem Weg zur Inklusion eröffnet die Sozialraumorientierung neue Perspektiven in der Behindertenhilfe.

Hollander fragt weiter: Wie Den Ruhestand gestalten. Wie Menschen auf dem Weg in den Ruhestand unterstützt werden können. Ausgangspunkt des Beitrages bildet die Tatsache, dass viele heute lebende ältere Menschen mit Behinderung Selbstbestimmung kaum gewöhnt sind. Und wie sehr Wohnen nicht nur Teil der Lebenswelt sondern auch mit dem Begriff der Selbstbestimmung verbunden ist, belegt das Modellprojekt „Unterstützter Ruhestand“.

Assmann stellt mit Individuelle Lebensstilplanung (ILP) – ein Instrument zur personenzentrierten Unterstützungsplanung für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf vor. Mit Hilfe dieses Planungsverfahrens können Wünsche von Menschen mit Behinderung erfasst und deren Vorstellungen von einem gelungenen Leben als Basis für pädagogische Maßnahmen dienen.

Wie es gelingt, die Erkenntnisse aus Theorie und Praxis zum Thema Menschenbild, Empowerment und Inklusion Menschen mit geistiger Behinderung zu vermitteln, veranschaulicht Goll in seinem Beitrag. Zum Nachahmen geeignet zeigt der Autor, wie Menschen mit geistiger Behinderung zu Empowerment-Prozessen angestiftet werden können.

Mit dem Artikel Positive Peerkultur – ein Konzept zur praktischen Umsetzung von Empowermentkonzepten stellen Brosch und Opp eine pädagogische Methode vor, mit deren Hilfe Betroffene zur Selbsthilfe angeregt werden. Die erlernten Kompetenzen bilden die Voraussetzung zur Entwicklung der „empowered person“.

Wüllenweber diskutiert Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen – eine entpathologisierende Sicht aus dem Empowermentparadigma. Ein Essay. Seine Gedanken öffnen den Blick für die wenig beachtete Gruppe der Menschen mit geistiger Behinderung mit zusätzlicher VA oder pSt.

Ein Konzept zur zum Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung und zusätzlichen Verhaltensauffälligkeiten stellt Schubert vor. Positive Verhaltensunterstützung als Beitrag zum Empowerment von Menschen mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten stützt sich auf bestehende Verfahren, der nach einem klar strukturiertem Arbeitsablauf gegliedert ist. An diesem Beispiel zeigt sich, dass gut durchdachte Gesamtprogramme die Komplexität der Problematik zwar Rechnung tragen, dafür an die Grenzen der zeitlichen Ressourcen in der Praxis stoßen.

Den 3. Teil des Buches leitet Pittius ein. „Ich lass mich nicht mehr ausbremsen!“ – Zum Zusammenahng von Netzwerken und Empowerment bei (körper-)behinderten Frauen stütze sich sowohl auf theoretische Erkenntnisse und basiert auf Teilergebnisse einer qualitativen soziologischen Untersuchung mit (körper-)behinderten Frauen. Die Studienergebnisse belegen, dass Empowermentfähigkeiten bereits in der primären Sozialisation entwickelt werden und somit das Individuum selbst eine relevante Größe im Zusammenhang von Netzwerken und Empowerment-Prozessen ist.

Die spezifischen Kompetenzen Eltern von Kindern mit schwerer und Mehrfachbehinderung stehen im Focus der Betrachtungen von Klauß. Empowerment von Eltern schwerbehinderter Kinder in der Frühförderung bedeutet für den Verfasser Eltern in ihrer Expertenrolle, nicht Therapeutenrolle, anzuerkennen und zu unterstützen. In dieser Position bilden sie gemeinsam mit Professionellen ein „interdisziplinäres Team“.

Auf der Basis von Forschungsergebnissen diskutiert Grüning die Emotionale Kompetenz in Empowerment-Prozessen bei Menschen mit geistiger Behinderung. Daraus werden „Begründungen für pädagogisch-konzeptionelle Überlegungen zur Förderung von emotionaler Kompetenz …hergeleitet.“ S. 189 Diese bilden Voraussetzungen zur Positionsbestimmung „zur sonderpädagogischen Förderung und Prävention unter den Bedingungen des Unterrichts“. S. 189

Welche Ressourcen und Strategien zum selbstbestimmten Leben entwickelt und verfolgt werden müssen durch Menschen mit geistiger Behinderung sowie deren Begleiter, diskutiert Krussek. Eine Voraussetzung dafür stellt das Prinzip der strukturierenden Transparenz dar.

Empowerment und Identitätsentwicklung bei Menschen mit Behindertenerfahrung sollte auf die Stärkung der Ich-Kompetenz bauen. Schuppener setzt auf die Auseinandersetzung mit Behindertenerfahrungen um darauf aufbauend eine eigene Identitätsbiographie zu entwickeln.

Eine neue Sichtweise auf die Arbeit mit geistig behinderten Menschen stellt Leuchte vor. „Der Reiz des Machbaren“ – einige Ergebnisse und Reflexionen aus dem Projekt zur Reduktion von Psychopharmaka bei geistig behinderten Menschen. Das 3 jährige, detailliert vorgestellte Projekt zielt auf die Stärkung der Selbstbestimmungs- und Selbstverfügungskräfte der Betroffenen.

Auf der Grundlage des Weges eines jungen Mannes beschreibt Bettels „Empowerment in Arbeit -ein biografischer Rekonstruktionsversuch“. An diesem Beispiel, das ebenfalls Begleiter auf dem Weg in den Berufseintritt einbezieht, weist der Autor nach, dass Empowerment sich im Handeln entwickelt.

Inwieweit Entwicklungen in Praxis und Forschung das heilpädagogische Handeln beeinflussen, betrachtet Wüllenweber in seinem Beitrag Professionalität und Empowerment – kein Gegensatz. Im Ergebnis des Selbstbestimmungsansatzes für Menschen mit Behinderung verändert sich das Selbstverständnis der in der Behindertenhilfe Tätigen.

Die Antwort auf die Frage nach (Inklusive) Forschung als Empowerment? soll eine „selbstreflexive Lesart von empowermentförderlichen Rahmenbedingungen von Forschungsprozessen“ (S. 279) initiieren. Koenig und Buchner sehen allerdings auch zukünftige Forschungsbemühungen im Zusammenhang mit der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen.

Im 4. Teil diskutiert Speck Soziale Inklusion als pädagogische Idee und gesellschaftliche Herausforderung. Diese Auseinandersetzung erfolgt unter Berücksichtigung der heilpädagogischen Fachdiskussionen einerseits und unterzieht andererseits den Terminus „Inklusion“ einer kritischen Würdigung entlang der aktuellen politischen Entwicklung.

Diskussion

Den Autoren gelingt eine wunderbare Verbindung von fachtheoretischen mit fachpraktischen Diskussionen. In diese eingebettet werden spezielle Fragen u.a. von Menschen mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten, von (körper-)behinderten Frauen, dem Berufseintritt etc., vorgestellt. Besonders mutmachend sind die beschriebenen Projekte wie die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung und VA. Die Autoren weisen somit nach, dass das Empowermentkonzept viele Bereiche anspricht und sicher noch weit mehr Ressourcen in sich trägt. Somit ist ein Fazit des Buches: vorhandenes Wissen nutzen und Neues versuchen – gemeinsam mit den Experten (in eigener Sache)!

Fazit

Mit diesem Buch gelingt den Autoren die kongeniale Verbindung zwischen Forschung und Praxis des Empowerment behinderter Menschen. Aus diesem Grund gehört der Sammelband in die Hände alles Praktiker, Studenten, Forscher u.a. im Bereich der Arbeit mit behinderten Menschen. Auf einer Skala von 1-10 erhält „Empowerment behinderter Menschen“ 10 Punkte für die inhaltsschweren, gut lesbaren und praktisch nachvollziehbaren Beiträge. Aus der Sicht der Rezensentin ein absolut empfehlenswertes Fachbuch!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
Homepage www.sa.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-bar ...
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Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 09.01.2012 zu: Wolfram Kulig (Hrsg.): Empowerment behinderter Menschen. Theorien, Konzepte, Best-Practice. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021981-6. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11895.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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