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Bernd Frommelt, Klaus Klemm et al. (Hrsg.): Schule am Ausgang des 20. Jahrhunderts

Rezensiert von Dr. Birgit Szczyrba, 01.10.2001

Cover Bernd Frommelt, Klaus Klemm et al. (Hrsg.): Schule am Ausgang des 20. Jahrhunderts ISBN 978-3-7799-1067-1

Bernd Frommelt, Klaus Klemm, Klaus-Jürgen Tillmann (Hrsg.): Schule am Ausgang des 20. Jahrhunderts. Gesellschaftliche Ungleichheit, Modernisierung und Steuerungsprobleme im Prozeß der Schulentwicklung. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. 294 Seiten. ISBN 978-3-7799-1067-1. 20,50 EUR.
Festschrift für Hans-Günter Rolff zum 60. Geburtstag.

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Einführung

Hans-Günter Rolff, Professor der Erziehungswissenschaft, wurde bekannt durch seinen entscheidenden und urheberischen Beitrag zur Sozialisationsdiskussion in Deutschland. 1967 erschien die erste Auflage seines Buches Sozialisation und Auslese durch die Schule. Er veröffentlichte damit seine soziologische Diplomarbeit an der FU Berlin und gab den Startschuss zu einem bis heute bedeutenden und zur Zeit wieder hoch aktuellen Teilgebiet der Bildungssoziologie und der Pädagogik: der Sozialisationsforschung. Begriffe wie Sozialisation in Familie und Schule wurden mit Rolff eingeführt, der Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Sozialisation wurde theoretisch modelliert und führte zur sozialstrukturellen Sozialisationsforschung. Die Ungleichheit im Bildungssystem ist noch immer von ungebrochener Aktualität. Daher widmen sich namhafte Autoren, darunter frühere Studienfreunde, erste MitarbeiterInnen, Schulverwaltungs- und Landesinstitutsmitglieder, Bildungspolitiker, ProfessorInnen – nicht wenige frühere Rolff-Schüler -, den zentralen Grundthemen seiner Forschung auf der Suche "nach dem besseren Zustand", den Kant in seinem Werk Über die Erziehung zum Prinzip der Erziehungskunst macht.

Aufbau und Inhalte

Das Buch widmet sich den Bereichen, die Rolff maßgeblich mit geprägt hat und teilt sich so in vier Themenkomplexe: Zunächst wird das Thema ‚Schule und Ungleichheit‘ behandelt. AutorInnen wie Böttcher, Klemm, Geulen und Nyssen beschäftigen sich mit der Reproduktion herkunftsbedingter Benachteiligung und der Benachteiligung von Mädchen, die erledigt zu sein schien, woran jedoch die Autorin Nyssen begründete Zweifel hegt. Benachteiligung durch Herkunft ist ein theoretischer und empirischer Dauerbrenner seit Erscheinen des Buchs von "Hagü" Rolff, in dem er den Sozialisationszirkel einführte und nachwies, wie sich soziale Benachteiligung in allen Lebensbereichen, besonders der Bildung als zentrale Säule für Lebenschancen, vererbt.

Der nächste Themenbereich ‚Schule und Modernität‘ behandelt in fünf Beiträgen Themen wie die Medizinierung von Schulversagern, die mit der Hilfsschule im 19. Jahrhundert angefangen soziale Ungleichheit und ihre Auswirkungen verdeckte. Noch heute wird Schulversagen von der Sonder- wie der allgemeinen Schulpädagogik auf das Individuum zurückgeführt. Heutige Hilfsschüler werden Lernbehinderte genannt. Ist dies die einzige Veränderung? Die Problematik der Gesamtschule wird dargestellt, das soziale Lernen als wichtiges Element des Schullebens und das Lernen mit neuen Medien werden in Beiträgen berücksichtigt.

‚Schule und Steuerung‘ in Abschwächung des Begriffes Schulplanung erläutert die neuen Anforderungen, die sich an Schule stellen. Öffentliche Verantwortung, das ‚Machen‘ von Bildungspolitik durch MinisterInnen, kommunale Schulentwicklung und Qualitätsmanagement finden Erwähnung in qualifizierten Beiträgen.

Zuletzt beschäftigt sich die Festschrift mit den Menschen, die den Schulbetrieb vor Ort gestalten: ‚Schule und Lehrerarbeit‘ wird mit der dringend benötigten Reform der Lehrerbildung und mit der Bedeutung der Geschlechterdifferenz für das LehrerIn Sein zum vierten Teil des Buches.

Es folgt eine umfangreiche Bibliographie Hans-Günter Rolffs, die Ernst Rösner zusammen gestellt hat.

Fazit

Für ein Fazit sei zunächst der Klappentext des Buches teilweise übernommen: Am Ausgang des 20. Jahrhunderts befindet sich nicht nur das Schulsystem sondern auch das schultheoretische Denken in einem Umbruch. Der Glaube an mehr Gerechtigkeit durch mehr Schule ist verflogen. Die staatliche Regulierung des Bildungssystems ist in eine Legitimationskrise geraten; die Finanznot ist allerorts bemerkbar. Neue, der Ökonomie entnommene Vokabeln deuten Lösungen an. Aber ob "Marktorientierung, Deregulierung und Autonomie" die verheißene Verbesserung bringen, halten alle AutorInnen für fraglich. Lebendig bleibt die Befürchtung, ob nicht gerade diese neuen Lösungsperspektiven unerwünschte Nebenfolgen zeitigen. Droht dem alten Problem, der sozialen Ungleichheit, nicht vielmehr eine Verschärfung?

Das Buch ist nicht nur eine angemessene Würdigung des Lebenswerkes Hans-Günter Rolffs - das selbstverständlich noch nicht abgeschlossen ist, aber das Anderer schon jetzt bei weitem übersteigt -, es enthält qualifizierte Beiträge engagierter Fachleute, die sich vorgenommen haben, die Rückbindung der Arbeiten Rolffs an den guten Teil der Geistes- und Erziehungsgeschichte zu konturieren.

Das Werk eignet sich für solche LeserInnen, die das Thema der sozialen Ungleichheit in einer seiner brisantesten Verbindungen, in Zusammenhang mit Bildungschancen und den damit unvermeidlich verknüpften Lebenschancen, interessiert. Es ist nicht nur interessant für SchulexpertInnen, LehrerInnen und SozialisationsforscherInnen, sondern beinhaltet deutliche Hinweise auf die Not, die die Schule gerade in Zeiten verspürt, in der sie nicht mehr mittels Abschottung in tradiert institutionellem Muster überleben kann. Die Öffnung zu anderen Disziplinen wie zur Sozialpädagogik, zur Sonderpädagogik u.a. scheint zwar schon seit langer Zeit unumgänglich, ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Doch gerade die Öffnung der Schule, die freie Wahl in Wettbewerb mit anderen Schulen zu treten und damit die Kluft zwischen Schulen, die "kundenorientierte" Angebote machen müssen, womöglich zu erhöhen, könnte nach Ulrich Beck (Risikogesellschaft 1986) dazu führen, dass es zu einer "Refeudalisierung in der Verteilung von Chancen und Risiken am Arbeitsmarkt kommt". Hier sind selbstverständlich auch die Fachleute als LeserInnen gefragt, die sich professionell mit den gesellschaftlichen Problemen der Ausgrenzung, den Lebensbrüchen durch Arbeitslosigkeit u.a. auseinander setzen.

Rezension von
Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
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Es gibt 24 Rezensionen von Birgit Szczyrba.

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Zitiervorschlag
Birgit Szczyrba. Rezension vom 01.10.2001 zu: Bernd Frommelt, Klaus Klemm, Klaus-Jürgen Tillmann (Hrsg.): Schule am Ausgang des 20. Jahrhunderts. Gesellschaftliche Ungleichheit, Modernisierung und Steuerungsprobleme im Prozeß der Schulentwicklung. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. ISBN 978-3-7799-1067-1. Festschrift für Hans-Günter Rolff zum 60. Geburtstag. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/119.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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