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Nils Zurawski (Hrsg.): Überwachungspraxen - Praktiken der Überwachung

Cover Nils Zurawski (Hrsg.): Überwachungspraxen - Praktiken der Überwachung. Analysen zum Verhältnis von Alltag, Technik und Kontrolle. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 175 Seiten. ISBN 978-3-940755-84-1. D: 19,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Autor

Nils Zurawski ist promovierter Forscher für Soziologie und Ethnologie an der Universität Hamburg. Er gibt den Blog www.surveillance-studies.org heraus

Aufbau und Inhalt

Die Videokamera auf einem öffentlichen Platz oder in einer U-Bahn-Station das wohl eingängigste Sinnbild von „Überwachung“. Dass Praktiken des Ausspähens und Kontrollierens aber noch viel weiter gehen, macht man sich oft nicht bewusst. Nils Zurawski mit seinem Sammelband mehrerer Autoren legt eine umfassende Analyse der praktischen Dimensionen von Überwachung vor. In Bezug auf die angesprochenen Videokameras macht er zu Recht darauf aufmerksam, dass hinter den Geräten Menschen stehen, die die Aufzeichnungen auswerten. Die Kategorien dieser Bewertung seien pauschale Verdächtigungen, denen keine Tatsachen sondern sozial konstruierte Annahmen zugrunde liegen.

Dietmar Kammerer setzt sich in seinem Beitrag für dieses Buch mit dem theoretischen Begriff der Kontrolle auseinander. Mit Bezug auf Gilles Deleuze betont er, dass Kontrolle auf das sichtbare Verhalten abziele und nicht auf Überzeugungen oder Glauben. Direkte Anweisungen würden in der (neo-) liberalen Kontrolle vermieden, stattdessen würden unendlich variable Grenzen für das subjektive Verhalten neu gesetzt. Oliver Bidlo richtet den Blick in seinem Text auf die Allgegenwärtigkeit digitaler Aufzeichnungsmedien wie Kameras und Mobiltelefone. Die Apparatur des Amateurs werde zu einer „latenten Überwachungskamera“, deren Produkte jederzeit im Internet eine breite Öffentlichkeit finden könnten. Das Wissen um das potenzielle Vorhandensein solcher Aufzeichnungsgeräte als Kontrollinstrumente verändere die Wahrnehmungs- und Handlungspraxis im Alltag. Soziale Kontrolle werde nicht mehr staatlich oder institutionell, sondern zunehmend durch den einzelnen Bürger selbst übernommen.

Kendra Birken illustriert mit seiner Untersuchung die Arbeits-Realität von Wachleuten. Niedrige Löhne und Qualifikationen kennzeichnen der Darstellung nach diesen Berufsstand. Unterdessen gerät Sicherheit zum Standortfaktor, der durch Wachleute garantiert werden soll. Herausgeber Zurawski selbst beschäftigt sich in einem Text mit Kundenkarten von Einzelhandelsunternehmen. Abseits der Aspekte von Daten- und Verbraucherschutz versucht er, die Überwachung und Kontrolle der Konsumenten durch solche Karten herauszuarbeiten. Dazu führte er Interviews mit Kunden, in denen sie ihre Alltagspraxis des Einkaufens schildern. Weil die Kundenkarten in diese Praxis eingebettet seien, würden Vorteile wie besondere Schnäppchen subjektiv als wichtiger herausgestellt als die Nachteile einer Verwertbarkeit gesammelter Daten durch die Firmen, die die Karten ausgeben.

Inga Klein zeichnet unterdessen die Aushandlungsprozesse nach, die zur Einführung des biometrischen Reisepass geführt haben. Mit Hilfe von Protokollen diverser Bundestagssitzungen, Pressemitteilungen und Medienberichten zeichnet sie nach, wie vor dem Hintergrund des internationalen Terrorismus „der unerwünschte Fremde“ zum zentralen Gegenstand von Kontrolle wurde. An den Bürger als Gegenpart richte sich das damit verbundene Sicherheitsversprechen, das eben die „Fremden“ ausschließe. Auf diese Weise werde versucht, Kontrollzwang positiv zu interpretieren. Thorsten Benkel reflektiert in seinem Beitrag über die Allgegenwärtigkeit von Überwachung, die auch ohne konkreten Anlass funktioniert. Diese „Entsubjektivierung“ setze keinen Verdacht voraus, während die Betreiber der (Überwachungs-) Kameras unsichtbar bleiben. Gesichtet werde nicht ein Täter, sondern der potenzielle Täter – wobei dieses Qualifikationsmerkmal jeder Mensch erfülle. Das Vorhandensein von Kameras suggeriert nach Benkel aber auch stets die Anfälligkeit eines bestimmten Raumes für deviantes Verhalten.

Christian Lüdemann und Christina Schlepper warnen in einem Beitrag vor einer zunehmenden Verknüpfung verschiedener (Überwachungs-) Datenquellen durch staatliche Behörden. Weil es dazu wenig empirische Daten gebe, haben sie eine standardisierte Telefonbefragung zum möglichen Einsatz für Bürgerrechte initiiert. Ihr Ergebnis lautet, dass die Bürger angesichts zunehmender Überwachung immer weniger dazu bereit sind, sich gegen solche Eingriffe in das persönliche Leben zu wehren. Kritisch setzen sich Peter Ullrich und Gina Rosa Wollinger zudem mit den Versammlungsgesetzen in den deutschen Bundesländern auseinander. Teilnehmer von Demonstrationen würden immer häufiger durch den Staat aufgezeichnet, so dass die Erstellung politischer Profile möglich werde. Die beiden Autoren warnen vor einer möglichen Entwicklung wie in Großbritannien, wo es bereits eine Datenbank über Demonstrationsteilnehmer mit Namen, Videos und Fotografien gebe – sieben Jahre lang könnten Polizeidienststellen auf diese Aufzeichnungen zurückgreifen. Womöglich, so Ullrich und Wollinger, trage die mit der Filmüberwachung verbundene Einordnung als potenziell deviantes Subjekt dazu bei, dass sich viele Menschen nicht mehr an Demonstrationen beteiligen und so „Politik verdrossen“ werden.

Zuletzt zeigt Gaby Temme, warum aus ihrer Sicht die polizeiliche Kriminalstatistik nur ein „Inszenierungs- und Überwachungsinstrument“ ist. Nur die Fälle, in denen eine Strafanzeige gestellt wurde, seien in der Statistik dokumentiert. Hinzu kämen Aushandlungsprozesse, die dazu beitragen, dass die Statistik keine ausreichende empirische Aussagekraft habe. Im übrigen diene jegliche Praxis der Überwachung, so Temme, der Selbstinszenierung von Personen und Institutionen, deren Intention jeweils hinterfragt werden müsse.

Diskussion

Dass Überwachung nicht nur auf Videokameras im öffentlichen Raum zu reduzieren ist, zeigt dieses Buch eindringlich. Techniken der Kontrolle beherrschen unseren Lebensalltag viel intensiver als man es sich bewusst macht. Gleichwohl kommen manche Fachbeiträge dieses Bandes nicht über eine abbildende Schilderung der jeweiligen Situation hinaus. Bei der Betrachtung von Kundenkarten als „Überwachungsinstrument“ beispielsweise wird zwar die soziale Bindung ausführlich analysiert, die tatsächliche Kontrolle wird bei dieser Betrachtungsweise aber kaum deutlich. Für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche wird in diesem Buch der Stand der Überwachung aus teilweise überraschendem Blickwinkel präsentiert. Gleichzeitig wird damit eine lesenswerte Grundlage zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema gelegt.

Fazit

Die unterschiedlichen technischen Herangehensweisen an Überwachung bedingen auch verschiedene Blickwinkel in der sozialwissenschaftlichen Analyse und Beurteilung. Es ist das Verdienst von Nils Zurawski, mit seinem Buch eine umfassende Zusammenstellung dieser Ansätze geliefert zu haben. Gleichzeitig macht er auf notwendigen Forschungsbedarf aufmerksam, der durch das weitgehende Fehlen empirischer Daten entsteht. Insofern ist das Werk sowohl eine Fundgrube zum Stand der aktuellen fachlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskussion über „Überwachung“, aber auch ein Kompendium der Desiderate wissenschaftlicher Forschung.


Rezensent
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 09.01.2012 zu: Nils Zurawski (Hrsg.): Überwachungspraxen - Praktiken der Überwachung. Analysen zum Verhältnis von Alltag, Technik und Kontrolle. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-940755-84-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11906.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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