socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans Günter Hockerts: Der deutsche Sozialstaat

Cover Hans Günter Hockerts: Der deutsche Sozialstaat. Entfaltung und Gefährdung seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. 367 Seiten. ISBN 978-3-525-37001-8. D: 59,95 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 84,90 sFr.

Reihe: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft - Band 199.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor

Hans Günter Hockerts hatte bis 2009 den Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Ludwigs-Maximilians-Universität München inne

Der Erwartungshorizont des Rezensenten

Es sei dem Rezensenten ausnahmsweise erlaubt, bei der Besprechung des Buches von Hockerts die üblichen Rezensionspfade zu verlassen, auch die gutgemeinten Empfehlungen der socialnet-Redaktion bezüglich der Gliederung von Besprechungen zumindest anfangs in den Wind zu schlagen.

Als der Rezensent von der Publikation erfuhr, freute er sich. Der Autor ist als ausgewiesener Kenner der deutschen Sozialpolitik allseits anerkannt. In zahlreichen Veröffentlichungen hatte er ein eigenständiges Urteil und die Fähigkeit unter Beweis gestellt, seinen Gegenstand auch mal entgegen dem gerade aktuellen politischen „Mainstream“ zu behandeln. Nicht zuletzt die „Privatisierung“ der sozialen Vorsorge war ihm ein Dorn im Auge. Dies ist vom Rezensenten – in einer Besprechung des Aufsatzes „Abschied von der dynamischen Rente“ in socialnet 11/10 – auch angemessen gewürdigt worden.

Es war Hockerts vor allem gelungen, Sozialpolitik als soziale Befriedungspolitik darzustellen, hinter dem Wirrwarr komplizierter sozialversicherungrechtlicher Einzelregelungen die ursprüngliche Intention wieder deutlich zu machen. Wo man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sah, ermöglichte Hockerts wieder den Blick auf das Gesamtpanorama.

Mit diesem Buch nun, dachte der Rezensent, legt Hockerts nach seiner Emeritierung das Werk über die deutsche Sozialpolitik der Nachkriegszeit vor. Mit einem angemessenen sozialrechtrechtlichen, verfassungsrechtlichen, parteiengeschichtlichen, empirischen, vielleicht auch sozialphilosophischen Anteil – alles eingebettet in die jeweiligen historischen Zusammenhänge. Die renommierte Reihe, ihre angesehenen Herausgeber, der altehrwürdige Verlag, dessen Autoren sich ansonsten mit Altem Und Neuem Testament auseinandersetzen, selbst die Widmung des Autors „Für Doris, Philip und Gregor“ und sogar der stolze Preis: alles sprach für ein besonderes Buch. In das der Autor, wo es passte, natürlich auch seine bisherigen Veröffentlichungen – bearbeitet und verdichtet – einfügen würde. Am Ende würde eine geschlossene Darstellung stehen. Man konnte auf die Lektüre gespannt sein.

Die Enttäuschung

An sich ist die Lektüre keine Enttäuschung. Das, was da zu lesen steht, hat ja Niveau und Gewicht. Nur: man hatte das fast alles schon gelesen. Man kannte das alles. Außer 13 Seiten Einleitung ist alles schon einmal abgedruckt worden, irgendwo erschienen. Als Einzelbeiträge in Fachzeitschriften, als Aufsätze in Festschriften und Sammelbänden, von 1981 bis 2010. Auch der oben angeführte und in socialnet besprochene Beitrag fehlt nicht, ist in voller Länge abgedruckt.

Das Buch ist kein Original, sondern ein Sampler.

Ein Gespenst geht um im deutschen Verlagswesen: das Gespenst der Wiederverwertung. Mehrfaches geistiges Recycling ist angesagt. Was einem im Fernsehprogramm auf den Wecker geht, feiert im Wissenschaftsverlag fröhliche Urständ. Und soll auch noch so behandelt werden, als habe es eben erst die Gehirnwindungen des Autors verlassen. Werden Wiederholungen im Fernsehen von den Kritikern eigentlich auch so behandelt, als flimmere das Produkt zum ersten Mal über den Bildschirm? Ist Winnetous Tod eine Überraschung?

Wenn die vielen Einzelbeiträge in dem Werk von Hockerts sich wenigstens zu einer in sich stimmigen und vor allem die Proportionen wahrenden Gesamtschau der Nachkriegssozialpolitik verdichten würden! Doch davon kann keine Rede sein. Wie immer bei solchen Aufsatz-Sammelbänden schleichen sich Liebhabereien und Steckenpferde des Autors ein, die für die Haupt-Sache eine nur marginale Bedeutung haben.

Damit kommen wir zum Inhalt des Werkes, der wenigstens im Überblick dargestellt werden soll.

Inhalt

Zunächst zu den Steckenpferden. Zu den Aufsätzen, die Sachverhalte beschreiben, die für die Sozialpolitik nach 1945 zwar nicht ohne Interesse sind, aber im Vergleich viel zu viel Raum beanspruchen, die im Kontext dieses Buches viel zu umfänglich geraten sind. Dazu gehören die Beiträge über den Beveridge-Plan und die bundesrepublikanische Wiedergutmachungspolitik nach 1945. Allein diese beiden Aufsätze beanspruchen 80 Seiten - mehr als ein Fünftel des gesamten Werkes. Wobei überdies mehr als fraglich ist, ob die Wiedergutmachungspolitik überhaupt eine Leistung des Sozialstaats darstellt. Hier obsiegt das Forschungsinteresse des Autors ganz offensichtlich über jedwede systematische Überlegung, qualitativ wie quantitativ.

Und bei aller Wertschätzung des Bemühens, die gemeinhin bis zur Fahrlässigkeit vernachlässigte Sozialpolitik der DDR den Lesern nahezubringen: ob es dafür nochmals 80 Seiten braucht, sei dahingestellt. Jedenfalls verbleiben für die restlichen Themen nur noch gut die Hälfte der Buchseiten. 14 davon beschäftigen sich mit der Rentenreform von 1957. Und obwohl der diesbezügliche Aufsatz ebenfalls bereits vor mehr als 20 Jahren erschienen ist, sei nachträglich doch noch eine kritische Anmerkung erlaubt: die Zustimmung der Arbeitnehmer zur Lohnbezogenheit der Rente – und die Ablehnung einer „Grundsicherung“ - widerspiegelte keineswegs, wie Hockerts meint, die Akzeptanz des „liberalen Leistungsprinzips“ seitens der Arbeiterbewegung, eine nach seiner Ansicht schon damals „bis auf Schwundstufen und Restbestände erodierte“ Bewegung – ich verweise an dieser Stelle nur auf Otto Brenner und Willi Bleicher. Auf die Löhne konnten die Gewerkschaften nämlich Einfluss nehmen, auch ihre Spreizung vermindern – und damit indirekt auch die Sicherung im Alter beeinflussen. Wenn die Löhne und Gehälter in die Rentenformel eingingen, so war wenigstens ein Element des Arbeitslebens für die Alterssicherung mit prägend - statt einer gesichtslosen und auch die Würde der Arbeit absolut vernachlässigenden Grundsicherung.

Weitere Aufsätze befassen sich mit der Rentenreform 1972 – als noch aus dem Füllhorn voller Kassen geschöpft werden konnte – und mit der „staatlichen Wohlfahrtsproduktion“ in der „Reformära 1966 bis 1974“ – man sieht schon an diesen zeitlichen Überschneidungen, dass von einer Systematik in dem Buch keine Rede sein kann. Beiträge über „Soziale Ungleichheit im Sozialstaat (aus dem Jahre 2010) und „Vom Problemlöser zum Problemerzeuger“ (aus dem Jahre 2007) beschließen den Sammelband.

Fazit

Wer sich über einige Schwerpunkte der Sozialpolitik nach 1945 informieren will, dabei auch in Kauf nimmt, mit Bereichen konfrontiert zu werden, die beim besten Willen nicht zu den Kernbereichen sozialstaatlichen Tuns gehören (wie die Wiedergutmachungspolitik) und auf die Originalität von Beiträgen keinen Wert legt, der kann von der Lektüre des Buches durchaus profitieren. Auch wenn es ihm an Systematik weitgehend mangelt und auch die verfassungsrechtliche Dimension, das Spannungsverhältnis von Rechts- und Sozialstaat (Forsthoff) völlig ausgeklammert bleibt.


Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 30 Rezensionen von Walter Wangler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 14.10.2011 zu: Hans Günter Hockerts: Der deutsche Sozialstaat. Entfaltung und Gefährdung seit 1945. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-525-37001-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11907.php, Datum des Zugriffs 22.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht