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Torsten Klemm: Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Institutionen

Cover Torsten Klemm: Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Institutionen. Leipziger Wissenschaftsverlag (Leipzig) 2011. 91 Seiten. ISBN 978-3-86660-114-7. 14,95 EUR.

Reihe: Leipziger Beiträge zur Sozialwissenschaft - Band 8.
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Thema

Ein effektiver Kinderschutz muss sich mit Machtmissbrauch und sexueller Gewalt in Institutionen auseinandersetzen. Die kurze, gleichnamige Schrift von Torsten Klemm ist aus einem Vortrag des Verfassers am 27.09.2010 auf dem Fachkongress „Sexuelle Gewalt in Institutionen“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren an der HTWK Leipzig hervorgegangen. Gewalt in Institutionen hat eine jahrhundertelange Vorgeschichte, in deren Zentrum der Autor vor allem das katholische Kirchenrecht zum Thema Sexualität verortet. Welche Funktion hat Sexualität vor diesem Hintergrund in unserer Gesellschaft und unseren Erziehungsinstitutionen? „Wie kommt es, dass in jüngster Zeit die Diskussion um sexuelle Gewalt wieder aufgeflammt ist, obwohl die betreffenden Tatbestände bereits seit Jahren bekannt sind?“ Inwieweit unterliegt auch der Kinderschutz der Gefahr der Instrumentalisierung für andere Zwecke?

Autor

Der Verfasser ist für eine Veröffentlichung zu diesem Thema prädestiniert. Er ist langjähriger Mitarbeiter am Kinderschutz-Zentrum Leipzig und Professor für Sozialpsychologie an der HTWK Leipzig. Von ihm liegen Publikationen von familialer Gewalt, Konfliktverhalten, Delinquenz, Haftfolgen und Therapie mit Straffälligen, das Leipziger Selbstkontrolltraining, Verläufe der Tätertherapie bei sexueller Kindesmisshandlung im Kontrollgruppenvergleich bis hin zur Skandalisierung sexuellen Kindesmissbrauchs im interkulturellen Vergleich vor.

Aufbau und Inhalt

Die Schrift will keine schnellen Antworten auf die Frage der sexuellen Gewalt in Institutionen geben. Sie beginnt mit einem kurzen Überblick über die aktuellen Fälle sexueller Gewalt in christlichen Kirchen, wobei der Autor den Fall des Canisius Kollegs, den des Beichtvaters Lawrence Murphy in Milwaukee und einige weitere Beispielfälle aus dem deutschen resp. österreichischen Raum sowie den sog. „Sachsen-Sumpf“ der 90er Jahre anspricht.

Es folgt unter der Überschrift „der christliche Antagonismus von Liebe und Himmelreich“ der Blick auf den historischen Machtdiskurs in der katholischen Kirche, namentlich deren Kirchenrecht, zum Thema Sexualität. Der Diskurs reicht vom alten Testament über die mittelalterlichen Bußbücher, der Verankerung der Beichte auf dem Konzil von Trient bis hin zu den frühneuzeitlichen Frauenhäusern. Dem schließt sich ein kurzer Abschnitt an, „wie die Kirche heute mit Vorwürfen umgeht“ und ein weiterer über „die Gegenreaktion der Odenwaldschule“.

Danach wendet sich die Schrift der „gegenwärtigen Funktion von Sexualität“ zu, um abschließende Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Autor plädiert dafür, dass nur eine lebendige Kommunikationskultur über Sexualität einen substantiellen Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt in Institutionen gewährleistet, die sowohl eine Sexualisierung der kindlichen Lebensbereiche als auch ein Wegschieben des „heiklen“ Themas verhindert.

Diskussion

Angesichts des weit ausgreifenden geschichtlichen Bogens der Schrift ist es hier natürlich nicht möglich alle Thesen und Aussagen zu diskutieren. Es sollen daher die zentralen Abschnitte jeweils kursorisch gewürdigt werden.

Der einleitende Abriss der Missbrauchsfälle genügt den Anforderungen, die in einem Vortrag an eine thematische Einstimmung zu stellen sind. Als Grundlage einer Veröffentlichung zu dem Thema „Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Institutionen“ wäre eine Erweiterung über die katholische Kirche hinaus auf die institutionelle Missbrauchssituation insgesamt wünschenswert gewesen, von den staatlichen Schulen, den Kinderheimen, Behinderteneinrichtungen und Sportvereinen bis hin zu den Altenheimen.

Der anschließende – mitunter etwas zugespitzt formulierte – historische Diskurs zum „christlichen Antagonismus von Liebe und Himmelreich“ bringt eine Fülle von historisch belegtem Material. Der Verfasser hat sicher Recht, dass diese von ihm kritisch beleuchtete Vorgeschichte unser heutiges Denken mit prägt. Was aber ist der Maßstab dieser Kritik am Umgang des Christentums mit Geschlechtlichkeit und seiner Hinweise auf Unterdrückung, Sexualfeindschaft und Geschlechterhass? Der Verfasser fragt sich später selbst, ob denn unser heutiger Umgang mit Sexualität nicht auch von „Entfremdung“ bis hin zu „sexuellen Abweichungen und Perversionen“ belastet ist und, ob der Kinderschutz nicht selbst auf dem besten Wege sei, mit seinen Katalogen und Checklisten in die Fußstapfen mittelalterlicher Sexualexegese zu treten? Ist die vorwiegend sexualexegetische Kritik des Verfassers am Christentum historisch ausgewogen? Immerhin verdanken wir dem Christentum das kulturell einzigartige Ideal der partnerzentrierten Ehe, die unsere heutigen Vorstellungen vom gleichberechtigten Zusammenleben der Geschlechter wesentlich prägt.

Während der Schlussabschnitt zum heutigen Umgang der Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen nicht auf dem neuesten Stand und vortragsmäßig pointiert geblieben ist, ist der Abschnitt zur Odenwaldschule gut gelungen und informativ auch mit Blick auf die Probleme der katholischen Kirche. Hier finden sich interessante Überlegungen zu strukturellen Gegebenheiten, die einem Missbrauch in Institutionen Vorschub leisten können: Führungsfigur, höhere Moral, Rückhalt einer höheren Instanz, Abschottung, elitäres Corp-Denken.

Der Abschnitt zur gegenwärtigen Situation von Sexualität und die abschließenden Schlussfolgerungen enthalten erhellende Einblicke, aber auch bewusst provozierende Aussagen als Denkanstöße. So fragt sich der Verfasser, ob nicht das „Kuschelsex-Ideal“ mancher Kinderschützer, die legitime, grenzüberschreitende Funktion von Sexualität ignoriert? Gibt der Autor hilfreiche und zutreffende Hinweise zu Strategie und Taktik im Umgang mit institutioneller Gewalt. Fordert er aufreizend zur Gelassenheit auf, denn alle Bemühungen, Sexualität durch Regeln zu zähmen, seien letztlich gescheitert. Provoziert er hart mit seiner rhetorischen Frage, ob Kinderschützer nicht den Missbrauchsdiskurs als Existenzberechtigung ihrer Arbeit bräuchten?

Fazit

Was jedoch ist sein abschließendes Fazit? Richtig ist, dass der Kinderschutz seine Moralität reflektieren muss; dass sich auch der Kinderschutz fragen lassen muss, wie viel Eros und Sexualität er im zwischenmenschlichen Miteinander eigentlich zugestehen will? Richtig ist auch, dass sich angesichts mancher heute unter dem Titel Kinderschutz erhobener Forderungen die Frage nach Legitimität und Moral stellt. Aber reicht es wirklich aus, eine Kommunikationskultur einzufordern, die einerseits der Sexualisierung kindlicher Lebensbereiche entgegenwirkt, und andererseits der Unterdrückung des „heiklen“ Themas vorbeugt? Immerhin geht es ja um den Schutz der freien Entwicklung der sexuellen Selbstbestimmungsfähigkeit von Kindern, d.h. eines Kernbereichs ihrer Persönlichkeit. Hier zeigt sich, dass die Schrift letztlich auf einen Vortrag zurückgeht. Insofern endet sie mit zentralen Fragen, die zum weiteren Nachdenken anregen sollen.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Els
Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Niederrhein Datenschutzbeauftragter der Hochschule Niederrhein


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Zitiervorschlag
Michael Els. Rezension vom 17.04.2012 zu: Torsten Klemm: Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Institutionen. Leipziger Wissenschaftsverlag (Leipzig) 2011. ISBN 978-3-86660-114-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11908.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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