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Klaus Leidecker (Hrsg.): Die Lehrer unseres Lebens

Rezensiert von Dorothea Dohms, 04.10.2011

Cover Klaus Leidecker (Hrsg.): Die Lehrer unseres Lebens ISBN 978-3-89500-818-4

Klaus Leidecker (Hrsg.): Die Lehrer unseres Lebens. Geschichten über Menschen, die Spuren hinterlassen haben. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2011. 168 Seiten. ISBN 978-3-89500-818-4. 24,90 EUR.
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Herausgeber

Klaus Leidecker (Jahrgang 1953) ist promovierter Musik- und Literaturwissenschaftler, Musikpädagoge (Lehramt Gymnasium) und Dipl. Musiktherapeut. Seit 1986 lehrt er als Professor für Musiktherapie/Musikpädagogik in der Sozialen Arbeit an der FH Darmstadt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind rezeptive Gruppenmusiktherapie und Musiktherapie in der Altenarbeit. Er hat mehrer Fachbücher und Gedichtbände veröffentlicht.

Werke

  • Musik der See. Gedichte. Books on Demand 2007.
  • Poetische Lebensspuren. Books on Demand 2006 (vergriffen).
  • Musik als Begegnung. Reichert 2002 (vergriffen).
  • Das Leben klingen lassen. Verl. Die blaue Eule. 2004 (vergriffen).

Vorbemerkung

Der Aufforderung ihres Lehrers, Freundes, Mentors und/oder Kollegen, einen Beitrag zu schreiben über „Menschen…, die in beruflichen und privaten Situationen zu unseren Lebenslehrern wurden – aus Situationen von Krankheit und Not heraus“, aber auch aus Freundschaft oder Liebe, sind zahlreiche Autoren nachgekommen. Im Zusammenspiel mit den zwölf Autoren, die überwiegend in den Bereichen der Musiktherapie/Musikpädagogik und der Sozialpädagogik arbeiten, will der Herausgeber der Frage nachgehen, wer die Lehrer unseres Lebens sind und was sie den einzelnen Autoren während der beruflichen oder privaten Begegnung bedeuten konnten.

Skizzen aus dem Inhalt

Frau Knöpfle zum Beispiel (Klaus Leidecker) lernen wir in ihrem 97. Lebensjahr kennen. Es scheint, dass sie mit dem Leben abgeschlossen hat und kaum noch ansprechbar ist. Doch die Musik, der Dialog mit einem Klavier, die wenigen Bewegungen etwa zu einem Bach'schen Flötenkonzert lassen sie noch einmal eine zaghafte Verbindung zum Leben finden.

Herr Anton hingegen (Klaus Leidecker) alkoholkrank, kaum ansprechbar für seine PflegerInnen und bei beginnender Demenz oft aggressiv bis zum Wutanfall, wird durch das sanfte Hinführen zur Musik – zuerst durch Hinhören (Pachelbels Kanon), später durch die Bewegungen zum „Puls der Musik“ und schließlich durch eigenes Tun (Pauke) in kleinen, oft unterbrochenen Schritten in neue „Erfahrungsräume“ geführt. Die Musik, und hier vor allem die Pauke, deren Fläche er durch Schlagen zum Klingen bringt, wird so zu einer „Insel des Vertrauens“ („Das Spielen tut mir gut.“) und gibt der Hoffnung Raum, dass die „hirnorganischen Abbauprozesse über schöpferisches Handeln gebremst werden“ können.

Die Geschichte von Frau Müller und ihrem Teddybär (Olaf Dannenhaus), anrührend erzählt von ihrem gesetzlichen Betreuer, beginnt mit jenem Tag, an dem ihr alter Teddy verschwand, letztes Erinnerungsstück an ihren 1944 mit nur vier Jahren auf der Flucht aus Breslau verstorbenen Sohn. Unter fadenscheinigen Erklärungen war er am Vortag der weitgehend hilflosen alten Frau von einer besonders forschen Pflegerin entwunden worden: Er sei alt und krank, sein rechtes Bein, aus dem immer etwas Holzwolle hervorquoll, müsse gerichtet werden. Und nun, einen Tag später, sitzt dieser Teddy vor dem Fenster der alten Frau auf einem Schneeberg, goldgelb mit einer weißen Schneemütze auf dem Kopf. In ihrer Phantasie sieht sie ihren Teddy von spielenden Kindern mitgenommen und später in einem „wärmenden Zuhause“ untergebracht. Stattdessen kommt die Müllabfuhr und mit ihr zwei Männer, die den Schneeberg, der in Wahrheit Sperrgut verbarg, nach und nach in den rückwärtigen Teil ihres Lieferwagens werfen, wo alles sogleich unter Splittern und Krachen zerkleinert wurde – zuletzt auch der kleine Teddy von Frau Müller. Was bleibt, nach der tiefen Stille, die dem Geschehen draußen im Schnee folgt, ist für Frau Müller die verzeihende Erinnerung und die Gewissheit auf ein Wiedersehen mit Teddy und ihrem kleinen Sohn Roman.

Den Musiktherapeuten Heino, einen „Wegbereiter der modernen Musiktherapie in Deutschland“, findet der Herausgeber bei einem ersten beruflichen Treffen nicht gerade sympathisch, doch entwickelt sich nach intensivem Gedankenaustausch in der Folgezeit eine herzliche Freundschaft zwischen den beiden Kollegen. Heino – so wird er beschrieben – ist ein „weiser Mann mit einem tiefen Blick für das Leben“, ein „Seher“, der seine intuitive Kraft und sein Wissen dem Freund gerne zur Verfügung stellt, mit ihm eine Art „Coaching“ seines Lebens betreibt. Sein eigenes Leben allerdings ist überschattet von einem frühen Herzinfarkt mit anschließender langer Rekonvaleszenz und Auszeit, die ihn, den freiberuflich Arbeitenden, in finanzielle Schwierigkeiten brachte. Er stirbt, nach einem weiteren Infarkt, mit nur 52 Jahren als ein glücklicher Mensch. Der Bericht seines Freundes ist eine Hommage auf einen sinnenfrohen, dem Leben zugewandten Menschen, der als Lehrer den Reichtum seiner Möglichkeiten in der Fülle auszuschöpfen wusste, getragen auch von einer tiefen Gottesbeziehung.

In Sonjas letztem Lebensjahr (Judith Sonntag) – sie ist 45 Jahre alt und HIV positiv – begegnet sie der Autorin in einem Hospiz, eine zierliche, abgemagerte Frau, die schutzbedürftig wirkt, eine Antiheldin, die zum Vorbild, gar zur Lehrmeisterin wird. Zwar zeigt sich beim gemeinsamen Musizieren, wie wenig Kraft sie noch hat, doch lacht sie viel, „liebt Kinderbücher und hat einen Sinn für Situationskomik“, ein Wesenszug, der sie bei den Mitbewohnern des Hospizes sehr beliebt macht. Das gemeinsame Musikhören, das Singen und Summen, das Reden, auf das Nötigste beschränkt, Sonjas Verehrung für die Beatles – und hier vor allem für den Song „I Want To Hold Your Hand“ – schafft Vertrauen und bringt sie dazu, von ihrem Freund zu erzählen, von ihrem unkonventionellen Leben, das auch jetzt noch sich keinem Gesundheitswahn unterwerfen will. „Ohne Laster ist das Leben langweilig“, sagt Sonja, verhilft damit dem Genuss zu seinem Recht und relativiert die Verurteilung des Lasters. Am Ende ihre Lebens im Hospiz beginnt sie sogar, Anteil zu nehmen am Schicksal ihr zuvor fremder Menschen, scheint es ihr besser zu gehen, getragen vom dortigen Umsorgtsein, von der Begegnung mit der Musik und einer sich verändernden Einstellung zu ihren früher quälenden Erinnerungen. Sonjas nicht gelungenes Leben hat die Autorin gelehrt, dass in der Akzeptanz des anderen in seinem „So-Sein eine Haltung der Demut vor der Einzigartigkeit menschlicher Schicksale entstehen kann“.

Tante Inge, so erzählt Irmgard Häfele, war eigentlich „die Freundin meiner Mutter“ – und, als Lehrerin, eher mit Distanz zu genießen. Man verliert sich nach dem Tod der Mutter für lange Zeit aus den Augen, trifft sich erst wieder, als Tante Inge bereits eine kranke Frau ist (Polyneuropathie, eine eher ungewöhnliche Krankheit bei einem abstinent lebenden Menschen) – und versteht sich auf Anhieb ganz prächtig. Die gelegentlichen gemeinsamen Unternehmungen in den Folgejahren führen durch Tante Inges eigenwilliger Sicht der Natur zu oft ganz neuen Erkenntnissen. Und „das Wertvollste, das sie mir schenkte, war der völlig neue Blick auf meine Mutter“ als ein junges, strahlendes und oft übermütiges Mädchen. Die zusätzliche Diagnose Lungenkrebs ist für die Nichtraucherin niederschmetternd, Anlass zu bitteren, hadernden Gesprächen und intensivem Gedankenaustausch als Teilnahme an ihrer Angst. Danach regelt Tante Inge gelassen ihre Vollmachten, ihre Finanzen, findet diese „tapfere, kluge, feinsinnige Frau“ zurück zu ihrem Humor und ihrem Interesse am Leben. Ihre Sterbebegleitung bleibt für die Autorin ein letztes „prägendes Gnaden-Geschenk“.

Die Spurensuche nach dem Leben Helgas (Jan Sonntag), die der Autor zuerst in einem Heim für Demenzkranke kennenlernt, einer „verwalteten Ödnis“, durchorganisiert und den bürokratischen Vorgängen mehr verhaftet als der Pflege des menschlichen Zusammenlebens, führt nach einigen Jahren trotz aller Bemühungen ins Leere. Und so bleibt die Erinnerung an eine jung gebliebene, alte Frau in Jeans, flotten Sprüchen nicht abgeneigt, die jene von ihren Mitbewohnern so beliebten Volkslieder-Singrunden als „Grabgesänge“ verspottet. Ihre „Bojen im Meer“ der täglichen Irrtümer, der Verkennungen und Orientierungslosigkeiten sind Ella (Fitzgerald) und Sachmo (Louis Armstrong). Das versunkene Betrachten eines abstrakten Bildes, das Nachempfinden der lebendigen Farben durch vorsichtiges Streicheln mit der Hand bedeutet Beruhigendes, wenn auch in dieser Geste etwas „zutiefst Trauriges“ mitschwingt. Der Jazz ermöglicht Helga den Bezug zur eigenen, in jungen Jahren wohl eher unangepassten Identität, öffnet einen Spaltbreit noch einmal den Weg zur Selbstfindung und löst beim Autor eine weitere Spurensuche aus nach den musikalischen Einflüssen seiner eigenen Jugend: Damals, in der Zeit des „adoleszenten Strebens nach Authentizität“ fanden er und seine Freunde im Jazz, im Swing, das Unangepasste, das sie „fein säuberlich von Rockern, Punks oder Grufties trennte“.

Die alte Weisheit, dass sich Enkel oft und phasenweise besser mit ihren Großeltern als mit ihren Eltern verstehen, findet in dieser Erinnerung (Ines Suckel) neue Nahrung. Die Angst, nicht zu genügen (Eltern, Schule), anders zu sein, als die anderen Kinder, „ernsthafter, nachdenklicher“, verfliegt in jenem Augenblick, in dem das Kind in den Sommerferien, die es regelmäßig auf dem Lande bei den Großeltern verbringt, bei seiner Ankunft an der dortigen Bushaltestelle ihre wartende Oma erspäht und endlich seine Hand in der ihren spürt. „Von da an“, so die Autorin,“ hatte ich das Gefühl, mir könne nichts auf der Welt mehr geschehen“. Die Bilanz dieser Geschichte vom Leben der einfachen aber unangepassten, geliebten Großeltern bedeutet Frieden, mit diesen beiden Menschen „wurzelt die Enkelin im Leben“.

Eine ganz andere „Lehrerin des Lebens“ findet Christina Diblitz in der „schönsten Nebensache der Welt“, der Musik. Der frühe Klarinettenunterricht muss anderen Prioritäten (Erwachsenwerden, Studium, Karriere) weichen. Doch ein alter Instrumentenkoffer des Ehemanns und der Kauf eines Saxophons, das ihr aus der Auslage eines Musikgeschäftes entgegengelächelt hatte, bedeuten die Wende (und machen eine intensive Beschäftigung mit der geltenden Hausordnung unerlässlich). Das Saxophon als Newcomer in der klassischen Jazzgeschichte wird zum Einstiegsinstrument in die Welt des Jazz, der in seinen Improvisationen alle „Triebfedern des Lebens“ mit einbezieht: Religion, Gesellschaft und Unterhaltung. In der Welt der 1940er Jahre, in diesem „Hexenkessel“ des musikalischen und gesellschaftlichen Umbruchs taucht neben Miles Davis vor allem ein Name auf, der die Autorin in Bann schlägt: Charlie „Yardbird“ Parker, ein begnadeter Saxophonist, ein „exzentrischer, unmäßiger Mann“, drogensüchtig schon in ganz jungen Jahren. Für Bird, so sein Spitzname, war sein Instrument der „direkte Weg in die Herzen der Zuhörer“, in seiner Musik „verband sich das Messbare und das Übersinnliche in perfekter Harmonie“. Die Facetten der sogenannten populären Musik wären, davon ist die Autorin überzeugt, nicht denkbar ohne Charlie „Bird“ Parker, der früh, mit 34 Jahren, „starb an seinem Leben und seiner Mission.“

Fazit

Die Herausforderung des vorgegebenen Themas versprach zweifellos Interessantes. Entstanden sind zehn Kapitel von unterschiedlicher erzählerischer Güte, pendelnd zwischen hingetupften Szenen zwischenmenschlicher Beziehungen, Erfahrungsberichten aus dem therapeutischen oder betreuerischen Alltag, unterbrochen von Ausflügen etwa zu Charlie Parker und C. G. Jung. Manches gerät dabei zum Kabinettstückchen – zum Beispiel die Oma-Geschichte – bei manchem erschließt sich die Lehrhaftigkeit, die den jeweiligen Autor mit dem Erzählten verbindet, eher widerwillig. Die Vermischung von reinen Erzählberichten mit den eher theoretisierenden Beiträgen führt dazu, dass der Bezug zum angebotenen Thema nicht immer zwingend einleuchten will.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 04.10.2011 zu: Klaus Leidecker (Hrsg.): Die Lehrer unseres Lebens. Geschichten über Menschen, die Spuren hinterlassen haben. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-89500-818-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11915.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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