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Veronika Fischer, Monika Springer (Hrsg.): Handbuch Migration und Familie

Cover Veronika Fischer, Monika Springer (Hrsg.): Handbuch Migration und Familie. Grundlagen für die Soziale Arbeit mit Familien. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. 528 Seiten. ISBN 978-3-89974-649-5. 49,80 EUR.
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Thema

Das Handbuch, als Nachschlagewerk und als Studienbuch gedacht, soll „wissenschaftliche Erklärungen und Begründungen für eine theoriegeleitete Praxis“ anbieten, so die Herausgeberinnen (Einleitung, 12), die beide mit ihrer Biographie für eine theoriegeleitete Praxis stehen. Die Wahl der Autor(inn)en gewährleistet einen interdisziplinären Zugang. Neben Erziehungswissenschaftler(inne)n haben Soziolog(inn)en, Psycholog(inn)en, Juristen, Mediziner/innen und ein Sozialethiker zu dem Hb. beigetragen. Viele Autor(inn)en können in ihren Beiträgen auf eigene Forschungen zurückgreifen. Für die Herausgeberinnen ist die Absicht leitend, die Heterogenität der Familien mit Migrationsgeschichte zu verdeutlichen und einseitige Sichtweisen zu korrigieren (9).

Aufbau

Die rund 35 Artikel und acht Darstellungen von Konzepten der Eltern- und Familienbildung sind in einen theoretischen und eher praxisorientierten Teil gegliedert, unterteilt in sechs Kapitel (Familien im Migrationsprozess, Lebenslagen, Phasen und Lebensformen, Qualitätsanforderungen an die Familienarbeit, sozialpädagogische Methoden und Arbeitsfelder, Konzepte der Eltern- und Familienbildung). Es ist unmöglich, auf alle Beiträge einzugehen. Es seien nur einige besonders berücksichtigt.

Ausgewählte Beiträge

Im 1. Kapitel ist der Beitrag von Ludger Pries über transnationale „Migrationsnetzwerke“ von Familien hervorhebenswert, weil der Vf. entgegen einer allzu euphorischen Betrachtung auch die Spannungen und sozialen Verwerfungen nicht unterschlägt. Dieser Artikel wird gut ergänzt durch den Beitrag von Dieter Filsinger, nach dem Migration typischer Weise eine „kollektive Unternehmung von Familienverbänden“ ist (50), wobei er aber auch betont, dass familialistische Tendenzen durch Individualisierungsprozesse gebrochen werden. Gegenüber naiven Vorstellungen vom Konservativismus in Migrantenfamilien betont der Vf. die schöpferische Traditionsbildung (59). Bestätigt wird eine solche Sichtweise im Artikel von Tanja Merkle, die aus der bekannten Sinus-Studie über die vielfältigen „Milieus von Familien mit Migrationshintergrund“ berichtet. Sie unterscheidet acht Milieus unter besonderer Berücksichtigung von Familienorientierung und Erziehungsvorstellungen und möchte damit „eine empirisch fundierte Sehhilfe“ für eine differenzsensible Sozialarbeit bieten.

Im Kapitel „Lebenslagen“ werden nicht nur rechtliche und sozioökonomische Bedingungen, die Bildungssituation etc. behandelt, sondern auch der Umgang damit. Wolf-Dieter Just korrigiert gängige Klischees über Muslime, was das Ausmaß der Religiosität und vor allem deren Konservativismus, wenn nicht Fundamentalismus betrifft. Er erörtert im Übrigen auch die Bedeutung der Religion für Aussiedlerfamilien, ein bislang vernachlässigtes Thema. Im 2. Kapitel klärt Gaby Straßburger darüber auf, dass „arrangierte Ehen“ nicht durchweg mit Zwangsheirat gleichgesetzt werden können und warum sich Migrant(inn)en türkischer Herkunft nicht nur auf eine Ehe mit Deutschen, sondern auch auf eine mit 'Landsleuten' aus der Türkei ungern einlassen. Manuela Westphal stellt klar, dass Vater- und Mutterschaft in Migrantenfamilien bei aller Differenz einem ebenso starken Modernisierungsprozess unterliegen wie in der übrigen Bevölkerung. Haci-Halil Uslucan korrigiert stereotype Vorstellungen von der Erziehung in Familien türkischer Herkunft. Ebenso dem Stereotyp entgegen gesetzt ist die Orientierung an partnerschaftlichen Mustern, die Ursula Boos-Nünning und Yasemin Karakasoglu in ihrer Untersuchung über Mädchen und junge Frauen herkunftsübergreifend ausgemacht haben.

Im stärker praxisorientierten Teil B liefern Hubertus Schröer und Stefan Gaitanides Gesichtspunkte für die interkulturelle Orientierung sozialer Einrichtungen und den Abbau von Zugangsbarrieren, wobei ersterer auch die Relevanz des Diversity-Ansatzes erörtert. Was unter „interkultureller Kompetenz“ verstanden werden sollte, diskutiert Veronika Fischer, für sie eine nicht nur differenzsensible, sondern auch „dominanzkritische“ Haltung. Ein auf den Migrationskontext bezogenen Wissen müsse sozialpädagogische Professionalität ergänzen (353). Thema des Beitrags von Michael Krummacher sind die „Herausforderungen für Kommunen bei der Integration“. Er betont die sozioökonomische Verursachung und die Ambivalenz ethnischer Segregation in manchen Stadtvierteln. Für eine „nachhaltige interkulturelle Stadtpolitik“ zeigt er vier Handlungsebenen auf.

Im vorletzten Kapitel werden sozialpädagogische Methoden und Arbeitsfelder unter besonderer Berücksichtigung der Arbeit mit Migrantenfamilien vorgestellt, also Sozialpädagogische Familienhilfe, Hilfen zur Erziehung, Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung, Eltern- und Familienbildung, ergänzt um einen Bericht über die „Familienzentren“ in NRW. Besonders erwähnt seien Gesichtspunkte für die Familienanamnese in dem Artikel von Talibe Süzen (394). Hervorhebenswert ist der Artikel über videounterstützte Beratung im Umgang mit Kindern an KiTas (Annegret Sirringhaus-Bünder u. Gaby Reitmayer), außerdem der Bericht über das „Elternnetzwerk NRW“ (Veronika Fischer u. a.), ein Zusammenschluss von Migrantenselbstorganisationen, der die Selbsthilfepotenziale von Migranteneltern stärken soll. Im letzten Kapitel werden acht Konzepte oder Projekte der Elternbildung wie „Mama lernt Deutsch, Papa auch“ oder „HIPPY“ vorgestellt, einleitend und abschließend erläutert von Monika Springer. Hier wird der Fundus von Best-Practice-Beispielen über NRW hinaus erweitert.

Das Sachregister am Schluss verbessert den Gebrauchswert als Nachschlagewerk.

Fazit

Der Band ist vor allem für die Aus- und Weiterbildung äußerst nützlich. Die Beiträge sind theoretisch auf dem aktuellen Stand und bis auf Ausnahmen verständlich geschrieben und gut lesbar. Herrschende Stereotype werden vielfach korrigiert. Da der Einfluss der Fremdbilder auf die Sozialarbeit nicht zu unterschätzen ist, wie Schröer in seinem Artikel vermerkt, erfüllt das Handbuch eine wichtige Funktion, wie von den Herausgeberinnen beabsichtigt.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 18.07.2011 zu: Veronika Fischer, Monika Springer (Hrsg.): Handbuch Migration und Familie. Grundlagen für die Soziale Arbeit mit Familien. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. ISBN 978-3-89974-649-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11922.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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