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Fanny Dethloff, Verena Mittermaier (Hrsg.): Kirchenasyl. Eine heilsame Bewegung

Cover Fanny Dethloff, Verena Mittermaier (Hrsg.): Kirchenasyl. Eine heilsame Bewegung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-86059-434-6. 19,90 EUR.
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Thema

Seit 1983 gibt es in Deutschland das Angebot des Kirchenasyls für Menschen in bedrohlichen Situationen, vor allem für Flüchtlinge, die von Abschiebung bedroht sind. Initiativgruppen und Vereine haben sich gebildet und sind national wie international gut organisiert. Das Buch gibt einen Überblick über das Kirchenasyl als Bewegung, über geschichtliche, rechtliche und organisationale Zusammenhänge, aber auch über theologische Deutungen und Erfahrungen in der Arbeit von Kirchengemeinden.

Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren

Fanny Dethloff, geboren 1959, ist Evangelische Theologin, lebt in Hamburg und ist seit 2002 als Pastorin die Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche. Sie ist Vorsitzende der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V. und Vorstandsmitglied der Platform for International Cooperation on Undocumented Migrants.

Verena Mittermaier, geboren 1974, ist Evangelische Theologin, war von 2005 bis 2011 Geschäftsführerin der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V. in Berlin und ist jetzt Vikarin der Evangelischen Kirche in Berlin.

Die Autorinnen und Autoren der Fachbeiträge sind überwiegend Engagierte aus der christlichen / kirchlichen Arbeit mit Flüchtlingen und in Migrationsfragen: Stefan Keßler, Petra Albert, Anne-Barbara Müller, Ute Gniewoß, Dieter Braun, Beate Sträter, Wolf-Dieter Just, Jürgen Quandt, Bernhard Fricke.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeberinnen machen ihre Erfahrungen in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit der evangelischen Kirche und anderer Organisationen für diesen Band nutzbar. Sie beziehen sich auf zahlreiche Tagungen der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V. und ihren diversen internationalen Partnerorganisationen. Die Analysen bringen die Autorinnen insgesamt in den Deutungskontext des Kirchenasyls als „heilsame Bewegung“, wie es im „New Sanctuary Movement in Europe“ interpretiert wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch bietet als Sammelband einen Überblick über das thematische Feld des Kirchenasyls: Einleitend geben die Herausgeberinnen Auskunft über das Selbstverständnis ihrer Arbeit und führen ein in die theologische Deutung des Engagements im Kirchenasyl als heilsames Engagement. Dabei ist der Kerngedanke – mit Rückgriff auf das „Sanctuary Movement in Europe“ – der einer Verletzung der Menschenwürde unzähliger Betroffener durch Asylverfahren und Abschiebungen, etwa indem Menschen ihr Recht verwehrt wird oder indem Behörden unmenschliche Belastungen für Flüchtlinge in Kauf nehmen. Das Kirchenasyl soll als „heilsame Bewegung“ – so auch der Untertitel – für die darin engagierten Gemeinden oder Initiativen „Heilung“ im spirituellen Sinn bieten. So versteht sich die Bewegung als eine, die über das diakonische Engagement für Betroffene hinaus auch für die christlichen Kirchen und die Gesellschaft insgesamt eine wichtige Aufgabe erfüllt.

Im Anschluss an diese Einführung und unter regelmäßigem Rückgriff auf den Grundgedanken der „heilsamen Bewegung“ sind die weiteren Beiträge in acht Blöcke untergliedert:

  1. Was hat Kirchenasyl in Deutschland bisher gebracht? In diesem Abschnitt geben die Herausgeberinnen selbst einen Überblick über das Kirchenasyl, seine Entwicklung in Deutschland und Erfahrungen bzw. Reaktionen im Umgang mit Flüchtlingen, in der konkreten Arbeit der Kirchengemeinden, aber auch über Schwierigkeiten und Irritationen.
  2. Kirchenasylarbeit praktisch: Der Teil enthält allgemeine Überlegungen und Informationen zum Kirchenasyl in der Kirchengemeinde, zur praktischen Konzeption und Durchführung und zur rechtlichen und politischen Lage in Deutschland allgemein. Die juristischen Informationen bieten eine schnelle Orientierung.
  3. Kirchenasyl: Impulse für die Gemeindearbeit: Dieser Abschnitt bündelt Erfahrungsberichte aus Kirchengemeinden sowie Reflexionen zum Kirchenasyl im Kontext der Kirchen- und Gemeindeentwicklung. Besondere Berücksichtigung findet das Engagement für Flüchtlinge in der DDR.
  4. Kirchenasyl: Menschen verschiedener Kulturen und Religionen begegnen sich: Unterschiede zwischen Religionen und kulturellen Prägungen stehen im Mittelpunkt der beiden Beiträge. Zentral ist der Beitrag von Beate Sträter: Sieführt ein in die Perspektiven auf menschliches Leid speziell im Islam im Vergleich zum Christentum und reflektiert sowohl theologische Grundlagen als auch konkrete Fragen in der Durchführung des Kirchenasyl.
  5. Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft: Dieser Abschnitt ist ein Exkurs, mit dem die biblischen Bezüge (Umgang mit Fremden, Vorstellungen von Heimat und Volk), die allgemeine politische Situation in Deutschland und darüber hinaus sowie – zugespitzt – das Problem des Rechtsextremismus berücksichtigt werden.
  6. Kirchenasyl als Menschenrechtsarbeit im internationalen Kontext: Die Beiträge in diesem Abschnitt rücken den Aspekt der Menschenrechte in den Mittelpunkt. Fanny Dethloff reflektiert das Kirchenasyl vor dem Hintergrund des Engagements des „Sanctuary Movements“ in den USA und der Churches‘ Commission for Migrants in Europe und erwägt mögliche / nötige Entwicklungsschritte des Bewegung, um das Anliegen der Menschenrechte wirkungsvoller zur Geltung zu bringen. Verena Mittermaier bietet einen Rückblick auf Dorothee Sölles Unterstützung für dieSanctuary“-Bewegung. Wolf-Dieter Just bedenkt spezifisch europäische Fragen in Bezug auf Menschenrecht und Flüchtlingspolitik.
  7. Zukunftsmusik und Vision: Wohin geht es mit dem Kirchenasyl? In diesem knappen Abschnitt bündeln die Herausgeberinnen ihre Perspektiven auf Kirchenasyl und Flüchtlingsarbeit.
  8. Schatztruhe – Theologisches über Kirchenasyl: Gottesdienstanregungen, Predigten, Andachten: Abschließend findet sich hier ein umfangreicher Block aus Beiträgen von Theologen und Theologinnen (Frank Crüsemann, Fulbert Steffensky, Peter Cornehl, Friedrich Scherrer, Fanny Dethloff und Hanneke Garrer-Kaiser) sowie weitere biblische und thematische Impulse, die aus dem Umfeld des Engagements für das Kirchenasyl stammen.

Diskussion

Das Buch enthält umfangreiche Informationen für Engagierte in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit und zahlreiche Erfahrungen, die für diese Arbeit ermutigend wirken können. Die Perspektiven auf das Thema sind vielfältig, die internationalen Aspekte bieten einen breiten Zugang zum Themenfeld. Viele der hier verarbeiteten Kenntnisse sind nur aus eigener Kenntnis der Praxis zu gewinnen – über die die Herausgeberinnen und viele der Autorinnen und Autoren verfügen. In dieser Hinsicht ist das Buch sicherlich außergewöhnlich und reich an Anregungen für die Praxis.

Das starke Engagement der Herausgeberinnen und der meisten AutorInnen beeinflusst auf der anderen Seite die Gestaltung des Buchs sehr und führt zu einer gewissen Schwäche: Information und Ermunterung für Engagierte, Darstellung und Bewertung werden häufig gemeinsam geboten und durchdringen einander immer wieder. Die Insider-Sprache führt leicht zur Verwirrung, wo nicht genügend Vorwissen vorhanden ist oder die kirchlichen Kontexte weniger vertraut sind. So sind zuweilen Begriffe oder Orte (z.B. das Martin-Niemöller-Haus, S. 164) nicht erläutert. Immer wieder wird implizit ein christlich-kirchliches Engagement der LeserInnen vorausgesetzt (z.B. „wir als Christinnen und Christen“, S. 19). Eine Reflexion dieser Ausrichtung auf die Zielgruppe „Engagierte mit großer Nähe zur christlich-kirchlichen Arbeit“ erfolgt leider nicht. Ebenso werden ohne weitere Erläuterungen immer wieder Bewertungen vorgenommen und als Konsens vorausgesetzt, beispielsweise die uneingeschränkt positive Bewertung der interkulturellen Begegnung in der Kirchengemeinde (S. 188).

Die implizite Fokussierung auf den christlich-kirchlichen Arbeitskontext führt auch zu einem einschlägigen Verständnis des Begriffs „Kirchengemeinde“. Unter dieser verstehen die Herausgeberinnen und die meisten Autorinnen und Autoren offenbar die Engagierten bzw. die am kirchlichen Leben stark Beteiligten in einer christlichen Parochialgemeinde. Das überrascht, weil von Seiten der christlichen Kirchen in Deutschland alle die Menschen zu einer Kirchengemeinde gezählt werden, die mit Wohnsitz in Deutschland Mitglied einer christlichen Kirche sind.

Einige kleinere Brüche in der redaktionellen Gestaltung, wie etwa die zuweilen wenig plausible Zuordnung der Beiträge zu den Abschnitten, sind vermutlich dem Entstehungskontext des Buchs geschuldet: Manche Beiträge sind für andere Kontexte erstellt und bereits andernorts publiziert worden und weisen deutlich eine Prägung auf, die nicht immer zu der des Buchs passt. Die meisten Beiträge stammen aus Tagungen oder verbandlichen Zusammenhängen, deren Eigendynamik sich in den Texten spiegelt, die aber selten transparent gemacht und reflektiert ist. Dadurch erklären sich die großen Unterschiede im sprachlichem Niveau und Duktus der Beiträge und ihre zuweilen stark appellativen Züge.

Fazit

Insgesamt ein informatives Buch, das an den reichen Erfahrungen der AutorInnen teilhaben lässt und viele Anregungen für die Migrations- und Flüchtlingsarbeit gibt. Hier müssen Leserinnen und Leser jedoch Unebenheiten durch die Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Beiträge, einen leicht appellativen Duktus der Engagierten und eine sprachliche Ausrichtung auf KennerInnen des kirchlichen Handlungsfeldes in Kauf nehmen.


Rezensentin
Prof. Dr. Claudia Schulz
Sozialwissenschaftlerin und Ev. Theologin, lehrt Soziale Arbeit und Diakoniewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Schwerpunkte: Empirische Sozialforschung und Evaluation, Soziale Ungleichheit und Armut, Religions- und Kirchensoziologie, Milieus und Zielgruppen in Kirche und Diakonie, Ehrenamt und Beteiligungsstrukturen
Homepage www.glaubenundwissen.de
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Zitiervorschlag
Claudia Schulz. Rezension vom 20.07.2012 zu: Fanny Dethloff, Verena Mittermaier (Hrsg.): Kirchenasyl. Eine heilsame Bewegung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2011. ISBN 978-3-86059-434-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11925.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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