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Hans-Jürgen Rumpf: Alkohol und Nikotin

Cover Hans-Jürgen Rumpf: Alkohol und Nikotin. Frühintervention, Akutbehandlung und politische Maßnahmen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2003. 432 Seiten. ISBN 978-3-7841-1493-4. 26,00 EUR.

Schriftenreihe zum Problem der Suchtgefahren, Band 44.
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Entstehungshintergrund

Das Buch umfasst 425 Seiten Text in 24 Unter-Kapiteln, die von 60 Autoren geschrieben wurden. Es basiert auf den Vorträgen der Fachkonferenz der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS ) im Jahre 2001 und wurde durch eine Reihe weiterer Beiträge erweitert, so dass ein weites Spektrum von Themen abgedeckt wird.

Im Vorwort heißt es:"Somit liegt nun ein Buch vor, welches die beiden Substanzen, die am häufigsten zu Abhängigkeit und gesundheitlichen Störungen führen, gemeinsam behandelt." Dies trifft aber nur bedingt zu, denn der Bereich Rauchen wir nur in wenigen Kapiteln besprochen.

Da bei den Kapiteln bis zu 10 Autoren aufgeführt sind, werden im Folgenden immer nur die ersten beiden Autoren genannt. Weiterhin werden die meisten Kapitel nur mit der Überschrift aufgeführt ohne nähere Besprechung, um einerseits Übersichtlichkeit herzustellen und andererseits die behandelten Bereiche zu verdeutlichen.

Aufbau und Inhalte

In dem 1. Hauptkapitel ( S. 11 - 58 ) wird die Bedeutung und Versorgungslage von Alkohol und Nikotin besprochen.

  • F. Rist, Professor der Psychologie in Münster, diskutiert das Thema "Warum konsumieren Menschen Alkohol und Tabak ?" Es ist die zentrale Frage des Suchtproblems. Rist bearbeitet diese Frage aus verhaltenspsychologischer Sicht. Diese enge theoretische Vorgabe kann die seelischen Wirkungen der Drogen nicht ausreichend erfassen. Als Ausgangsposition postuliert er, dass die Neurobiologie die "enormen Varianten im Konsum dieser Substanzen nur unzureichend erklären" kann. Als zentrales Konstrukt dabei ist die Verstärkerwirkung einer Substanz, die durch Erwartungen und Bewertungen mitbestimmt ist. Er differenziert die sozialen und persönlichen Motive, zu den letzteren gehört die Verbesserung dysphorischer Zustände beim Alkohol und beim Rauchen die Motive der Befindensbeeinflussung. Die von den Konsumenten angegebene Entspannung "ist jedoch lediglich ein Ausschnitt aus dem Wirkungsspektrum einer Substanz".

    "Diese Zusammenhänge zwischen positiver Erwartung und Konsum einer Substanz wären trivial, wenn sie nur widerspiegeln würden, dass Menschen mit viel Erfahrung, die pharmakologisch bedingte positive Wirkung einer Substanz genauer beurteilen können, entsprechend positive Erwartungen haben und deshalb auch in Zukunft vermehrt trinken werden. Die Einnahme einer psychotropen Substanz löst selten nur eine bestimmte, genau beschreibbare positive Wirkung aus... Dies legt die Vermutung nahe, dass auch Menschen die Aufnahme von regelmäßigen Substanzkonsum richtig gehend erlernen müssen." "Wenn Menschen berichten, dass ihr Gefühl der Belastung unter Alkohol abnimmt, müssen dafür also indirekte Effekte des Alkoholkonsums verantwortlich sein... Raucher erwarten häufig eine Stressreduktion durch Rauchen. Fortlaufende Protokollierung... bei Rauchern zeigt auch, dass die Anspannung systematisch nach einer Zigarette geringer ist als zuvor." Weiterhin geht er auf die Toleranzentwicklung und die individuellen Risikofaktoren ein. Aus den Zitaten ergibt sich, dass die Befragungsergebnisse der Konsumenten nicht ernst genommen werden und dafür dann verhaltenspsychologische Konstrukte zur Erklärung eingeführt werden. Für einen wiederholten Konsum als Belohnungseffekt reicht völlig ein durch die Substanz erzeugtes "Wohlgefühl" aus. Dies geben bei gezielter Nachfrage die Konsumenten von Suchtstoffen auch klar an. Man muss es nur zur Kenntnis nehmen und ihren Angaben Glauben schenken.

    Der Aufsatz zeigt deutlich die Probleme einer theoretischen Konstruierung bei der Erklärung des Konsums von Suchtstoffen.

  • (2) U. John; U. Hapke u. a.: "Tabakrauchen und riskanter Alkoholkonsum: die größten vermeidbaren Gesundheitsrisiken."
  • ( 3) G. Bischof; U. John u.a. "Zur Versorgungslage von Rauchern und Personen mit riskanten AlkoholkonsumÓ.

Das 2. Hauptkapitel ( S. 61 - 228 ) bezieht sich auf die Frühentdeckung und Krisenintervention.

  • ( 4) H.-J. Rumpf; U. John u.a.: Identifizierung von Patienten mit Alkoholabhängigkeit, schädlichem Gebrauch oder riskanten Alkoholkonsum.
  • ( 5) H.-J. Rumpf und G. Kremer: Früherkennung, Kurzintervention, Beratung und Motivation bei alkoholbezogenen Störungen: Der Stellenwert von Arztpraxis und Beratungsstelle.
  • ( 6)H.-J. Rumpf; G. Kremer u.a.: Kurzintervention bei alkoholbezogenen Störungen in der Arztpraxis: ein Leitfaden der DHS.
  • ( 7) P. Lang; G. Marzen-Storz u.a.: Kurzintervention bei Patienten mit Alkoholproblemen - ein Beratungsleitfaden der BZgA für die ärztliche Praxis.
  • ( 8) J. Grothues; G. Bischof u.a.: Ein stadienbezogenes Selbsthilfemanual zur Trinkmengenreduktion auf den Grundlagen des Transtheoretischen Modells der Verhaltensänderung.
  • ( 9) S. Reinhardt, G. Bischof u.a.: Die Entwicklung eines individualisierten computerisierten Feedbacks für Personen mit alkoholbezogenen Störungen.
  • ( 10) R. Demmel: Motivational Interviewing: Mission impossible ? oder Kann man Empathie lernen ?
  • ( 11) A. Follmann und G. Kremer: Fachkunde "Suchtmedizinische Grundversorgung": Ziel - Inhalt - Umsetzung.
  • ( 12) Chr. Meyer, S. Ulbricht u.a.: Ein Leitfaden zur motivierenden Kurzberatung von Rauchern in der hausärztlichen Praxis.

Die Akutbehandlung wird im dritten Hauptkapitel ( S. 231 - 381 ) behandelt.

  • ( 13) M. Soyka und M. Horak: Ambulante Entgiftung von Alkoholabhängigen.
  • ( 14) J.-Ph. Breuer, T. Neuman u.a.: Interdisziplinäre Behandlung alkoholkranker Patienten in der medizinischen Versorgung.
  • (15) G. Reymann; H.-J. Danziger u.a.: Multiprofessionelle Akutbehandlung Suchtkranker.
  • ( 16) K. Junghanns; U. Tietz u.a.: Stationäre Motivationstherapie, ein dreiwöchiges verhaltenstherapeutisches Behandlungskonzept.
  • ( 17 ) K. Mann und B. Croissant: Pharmakotherapie der Alkoholabhängigkeit: ein Überblick über die klinischen Daten.
  • ( 18) F. Stetter; L. Schmidt u.a.: Die Qualifizierte Entzugsbehandlung Alkoholkranker und Leitlinien zur Behandlung von Menschen mit substanzbezogenen Störungen.
  • ( 19) Hapke, U.; J. Riedel u.a.: Schwerpunktpraxen Sucht: ein Bindeglied zwischen Suchttherapie und medizinischer Basisversorgung.
  • ( 20 ) P. Kaspar und A. Batra: Pharmako- und Psychotherapie der Tabakabhängigkeit.
  • ( 21) P. Lindinger: Heidelberger Curriculum zur Tabakabhängigkeit und Raucherentwöhnung.

Das 4. Hauptkapitel ( S. 385 - 425 ) bespricht politische Maßnahmen.

  • ( 22 ) R. Hüllinghorst: Politische Einflussnahme auf Schäden, die durch Alkohol und Tabakkonsum entstehen.
  • ( 23 ) R .Hanewinkel und B. Isensee: Der Zusammenhang zwischen Preis und Konsum von Zigaretten: Eine Analyse vorliegender Studien und Implikationen für die Tabakkontrollpolitik.
  • ( 24 ) M. Meyer: Rauchen: Wissen und Einstellungen der Schweizer Bevölkerung.

Diskussion

Der Suchtstoff Nikotin wird praktisch nur am Rande erwähnt, obwohl er in dem Titel gleichberechtigt neben dem Alkohol steht. Dadurch könnte ein falscher Eindruck bei den Interessenten entstehen, wie auch bei dem Rezensenten. Deswegen sollen die diesbezüglichen Ausführungen hier näher dargestellt werden. Im Kapitel 2 wird auf die Synergien oder die Schädigungen der beiden Suchtstoffe hingewiesen. Da beide weitgehend gemeinsam konsumiert werden, sind die Schädigungen auch stärker. In dem 3. Kapitel über die Versorgungslage in Deutschland wird festgestellt, dass im Bereich des Nikotinkonsums gegenüber dem Alkoholbereich faktisch kein ausgebautes Hilfesystem existiert. Weiter wird im Kap. 12 ein Leitfaden zur motivierenden Kurzberatung in der ärztlichen Praxis vorgestellt, wobei dafür fünf bis fünfzehn Minuten veranschlagt werden und es nicht klar ist, wie die vorgeschlagenen Punkte in dieser Zeit bewältigt werden sollen. In den Kap. 20 und 21 wird die Therapie der Nikotinabhängigkeit allgemein besprochen und ganz kurz auf das Heidelberger Curriculum hingewiesen. Der Zusammenhang von politischen Maßnahmen wird in den letzten Kapiteln bezüglich der Zusammenhänge zwischen den Schäden und dem Preis untersucht, wobei der Preis bekanntlich wesentlich durch die staatliche Steuer gesteuert wird. Das letzte Kapitel berichtet die Einstellung der Schweizer Bevölkerung zu dem Rauchen.

In den entsprechenden Kapiteln wird auch der ärztliche Bereich angesprochen, wobei es sich meist um Programme, Leitfäden usw. handelt, deren Einsatz in der Arztpraxis bzw. die Übernahme durch die Ärzte noch nicht richtig erprobt sind.

Der Bereich Alkohol wird sehr ausführlich und breit aus verschiedenen Aspekten dargestellt. Die einzelnen Beiträge sind sachbezogen und gut verständlich mit vielen Daten und Zahlen. Die Ausführungen basieren auf wissenschaftlichen Ergebnissen und sind unter Hinzuziehung der ausländischen Literatur verfasst. ausführlich werden die Ergebnisse von wissenschaftlichen Projekten in Deutschland vorgestellt.

Fazit

Das Buch ist nicht zum Durchlesen sondern mehr als ein Handbuch zu gebrauchen. Es ist jedem Therapeuten zu empfehlen, der in diesen Gebieten tätig ist bzw. sich eine Übersicht über die dargestellten Themen verschaffen will.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 09.12.2003 zu: Hans-Jürgen Rumpf: Alkohol und Nikotin. Frühintervention, Akutbehandlung und politische Maßnahmen. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2003. ISBN 978-3-7841-1493-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1193.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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