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Regina Soremski, Michael Urban u.a. (Hrsg.): Familie, Peers und Ganztagsschule

Cover Regina Soremski, Michael Urban, Andreas Lange (Hrsg.): Familie, Peers und Ganztagsschule. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2157-8.
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Thema und Ziel

Seit der mehr oder weniger flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule befindet sich das Verhältnis von Familie, Gleichaltrigengruppe und Schule in einem Transformationsprozess, mit dem große Erwartungen und Befürchtungen verbunden sind. Diese Veränderungen waren Gegenstand einer Tagung des Deutschen Jugendinstituts im Jahr 2010, auf deren Basis das Buch entstand. An der Tagung nahmen alle Akteure teil, deren Forschungsprojekte im Rahmen des „Investitionsprogramms Zukunft, Bildung und Betreuung“ (IZBB) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bis zum Jahr 2010 gefördert worden waren.

Herausgeberin und Herausgeber

Andreas Lange ist einer der bekanntesten deutschen Familiensoziologen und arbeitet heute als Professor für Soziologie an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Zuvor war er viele Jahre wissenschaftlicher Referent im Deutschen Jugendinstitut.

Im Deutschen Jugendinstitut arbeitete auch Regina Soremski bis zum Jahr 2010 als wissenschaftliche Referentin. Sie ist heute wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Gießen.

Michael Urban ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Hannover und hat sich besonders mit dem Verhältnis von Familien und Förderschulen beschäftigt.

Aufbau und Einleitung

Das Buch enthält neben einer Einleitung der Herausgeber/-innen fünf Abschnitte.

In der Einleitung werden die wichtigsten Fragen zur Veränderung des Verhältnisses von Familie, Peergruppen und Schule formuliert und zugleich die wesentlichen Erkenntnisse des Sammelbandes zusammengefasst. Bereits hier wird deutlich, dass die Ganztagsschulen die großen Erwartungen an Familienunterstützung und Förderung von Gleichaltrigenkultur sowie darüber hinaus an eine Zunahme von Bildungsgerechtigkeit bisher nicht erfüllen. Allerdings führe der Ausbau des Ganztags zu Verbesserungen in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und in begrenztem Umfang zum Spannungsabbau in Familien, da ein Großteil der Zuständigkeiten für die Hausaufgaben von der Familie in die Schule wechsele.

Zum ersten Teil

Im ersten Teil beschäftigen sich zwei Beiträge mit theoretischen Kontextualisierungen.

Andreas Lange bezieht den sozialen Wandel von Familie auf die daraus resultierenden Herausforderungen für Bildungseinrichtungen. Dabei nimmt er neben dem endogenen Wandel von Familien (z.B. dem Wandel der Generationen- und Geschlechterbeziehungen) besonders den gesellschaftlich (hier wiederum den ökonomisch) bedingten Wandel des Familienlebens in den Blick. Die Ganztagsschule erscheint in dieser Argumentation weniger als eine Reaktion auf erzieherische Probleme von Familien und die Mittelmäßigkeit des deutschen Halbtags-Bildungssystems sondern stärker als gesellschaftlich notwendige Antwort auf ökonomische Entgrenzungsprozesse sowie kulturelle und mediale Bedrohungen des Aufwachsens.

Merle Hummrich und Werner Helsper beschäftigen sich mit theoretischen Bestimmungen zum Verhältnis von Peers und Ganztagsschule. Sie beschreiben die besondere Bedeutung von Gleichaltrigenbeziehungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Die Peerkultur wird als wichtiger Entwicklungsmotor verstanden, der sich in einem Spannungsverhältnis zur offiziellen Schulkultur befindet. Zwar sehen die AutorInnen durchaus Möglichkeiten der Harmonisierung von Schul- und Peerkultur, z.B. in Lerngemeinschaften und Freundschaften in Schulen; sie verdeutlichen aber auch die Konflikte zwischen schuldistanzierten Peerkulturen und dem Leben in der Ganztagsschule. Die ganztagsschulische „Vereinnahmung“ der Jugendkulturen als instrumentelles Vorgehen der Bildungseinrichtungen wiederum birgt die Gefahr der Verschulung von Lebenswelten.

Zum zweiten Teil

Der zweite Teil des Buches enthält sieben Aufsätze, die sich mit dem Verhältnis von Familie und Ganztagsschule beschäftigen.

Zunächst fasst Ivo Züchner die zentralen Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des IZBB-Programms (StEG-Studie) zusammen. Dabei handelt es sich um eine quantitative Längsschnittstudie mit drei Erhebungen in den Jahren 2005, 2007 und 2009 an 370 Schulen in 14 Bundesländern. Schriftlich befragt wurden SchülerInnen der Klassen 3, 5, 7 und 9 sowie Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und Kooperationspartner. Züchner bilanziert ähnlich wie die Herausgeber in ihrer Einleitung, dass der Ausbau der Ganztagsschulen „das Familienleben und das Verhältnis von Elternhaus und Schule nicht grundlegend verändert hat.“ (S. 74) Dennoch stellt er positive Effekte, vor allem durch die Entlastung bei den Hausaufgaben fest. Zudem berichten anscheinend gerade Eltern mit niedrigerem Sozialstatus von Entlastungen und Unterstützung in der Erziehungsarbeit.

Die weiteren Beiträge fassen zentrale Ergebnisse von kleineren, qualitativen Studien zusammen, die ebenfalls vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurden. Martina Richter und Sabine Andresen haben speziell das Erleben von Eltern und Kindern in Ganztagsgrundschulen untersucht. Dabei wird aus der Zusammenarbeit mit den Schulen sowohl von Unterstützungserfahrungen berichtet als auch von Kontrollverlusten in Bezug auf das schulische Lernen, da die Hausaufgaben zunehmend in der Schule erledigt und begleitet werden.

Michael Urban, Kapriel Meser und Rolf Werning haben sich mit der Frage von „Elterneinbindung oder Elternausschluss?“ an Ganztagsförderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen beschäftigt. Sie haben an 18 Förderschulen in Niedersachsen Gruppendiskussionen mit dem Schulpersonal durchgeführt und anschließend in vier sehr unterschiedlichen Schulen vertiefende Fallstudien mit Eltern, SchülerInnen und Lehrkräften durchgeführt. Dabei ließen sich extrem unterschiedliche Muster der Zusammenarbeit erkennen, die von den Ideen der Ganztagsschule als Kompensation für gescheiterte Familien bis zur – allerdings sehr seltenen – Kooperation auf Augenhöhe reichten.

Regina Soremski fasst die Ergebnisse einer weiteren qualitativen Studie zusammen, in der sie gemeinsam mit einer Kollegin die Zusammenarbeit von 16 Familien mit ihren Schulen untersucht hat. Neben Interviews mit Lehrkräften, Eltern und SchülerInnen der Klassen sieben bis neun wurden auch Beobachtungen in den Schulen vorgenommen und Onlinetagebücher der Jugendlichen ausgewertet. Regina Soremski bildet aus ihrem Material vier Real-Typen der Zusammenarbeit, die sie mit idealen Typen der Zusammenarbeit kontrastiert. Besonders arbeitet sie heraus, dass die alte handlungsleitende Idee in der Zusammenarbeit, in der von einer Aufgabenteilung von Schule und Familie ausgegangen wurde, zunehmend nicht mehr tragfähig ist und deshalb zukünftig immer stärker vom Modell der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft abgelöst werden muss.

Rüdiger Laskowski und Katharina Weinhold berichten von einer sächsischen Studie über Kommunikation und Kooperation von Familie und Grundschule, die von der Besonderheit ausgeht, dass in Sachsen zusätzlich zur Ganztagsschule der Hort als Kooperationspartner mitzudenken ist. Hier entstanden Doppelstrukturen mit ganztägigen Angeboten in Horten und Ganztagsschulen, die die Zusammenarbeit mit Eltern zusätzlich erschweren.

Nicole Börner stellt die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung der nordrhein-westfälischen Offenen Ganztagsgrundschule in Bezug auf die Beteiligung von Eltern an den Hausaufgaben vor. Diese Daten sind Teil einer umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchung in Form einer schriftlichen Elternbefragung und zusätzlicher Gruppeninterviews. Dabei zeigt sich, dass die Eltern von der Ganztagsschule einerseits erwarten, dass sie sich um die Hausaufgabenbetreuung kümmert, andererseits aber auch eine elterliche Verantwortung für die Hausaufgaben bestehen bleibt. Da die Offenen Ganztagsgrundschulen in NRW nicht auf Hausaufgaben verzichten, sondern diese nur – unter relativ schwierigen Rahmenbedingungen mit wenig Personal – in der Schule erledigt werden, müssen die Eltern die Erledigung der Hausaufgaben zuhause noch einmal nachprüfen, da sie nicht sicher sein können, dass alles in ausreichender Qualität gemacht wurde. Insofern bleibt hier eine gemeinsame Zuständigkeit von Eltern und Schule bestehen, die von den Eltern überwiegend mit viel Verständnis und Zustimmung bewertet wird.

Elke Kaufmann und Katharina Wach skizzieren im siebten Beitrag dieses Abschnitts die Ergebnisse einer DJI-Studie zum gleichen Thema „Hausaufgaben“: im Rahmen einer qualitativen Studie wurden hier unterschiedliche Settings der Betreuung von Hausaufgaben untersucht, wobei besonders die Frage der herkunftsbedingten Bildungsungleichheit in den Fokus genommen wurde.

Zum dritten Teil

Im dritten Teil beschäftigen sich die Autorinnen in drei Beiträgen mit dem Verhältnis von Peers und Ganztagsschule.

Maria von Salisch und Rimma Kanevski beschreiben die Chancen und die Gefahren von Ganztagsschulen für die Peer-Beziehungen. Anhand der Ergebnisse ihrer eigenen Studie zu „Peers in Netzwerken“ (PIN), bei der sie Jugendliche aus dem siebten Jahrgang im Land Brandenburg befragt haben, kommen sie zu de Ergebnis, dass die Schulorganisation als Ganztag oder Halbtag bisher nur wenige direkte Effekte auf die Peerbeziehungen zur Folge hat. Zwar „scheint die Ganztagsschule tendenziell etwas bessere Rahmenbedingungen für den Erhalt und die Entwicklung von reziproken Freundschaftsbeziehungen zu bieten“, aber bisher nutzt die Ganztagsschule ihre diesbezüglichen Chancen noch nicht in ausreichendem Maße.

Regina Soremski geht der Frage der Vereinbarkeit schulischer und außerschulischer Freizeit von jugendlichen GanztagsschülerInnen nach. Sie bezieht sich in ihren Analysen auf Interviews mit Jugendlichen, Eltern und Lehrkräften sowie Onlinetagebücher der Jugendlichen. Dabei wird deutlich, dass die Möglichkeiten einer autonomen außerschulischen Freizeitgestaltung zentral davon abhängen, ob im Anschluss an die Ganztagsschule noch weitere Hausaufgaben oder Lernaufgaben zu erledigen sind. Ebenfalls sehr große Unterschiede gibt es in der Freizeitqualität an den Ganztagsschulen selbst. So gelingt es einigen Ganztagsschulen durchaus, den SchülerInnen freie Räume und Zeiten anzubieten, die diese selbst gestalten und nutzen können, während die Schülerinnen an anderen Schulen die Pausen eher als Zwischen- und Erholungsräume des Unterrichts ansehen.

Sofie Schalkhaußer und Vicki Täubig berichten von den Erfahrungen mit schulformübergreifenden Ganztagsangeboten in einem Lübecker Stadtteil. Hier wird der Versuch gemacht, die SchülerInnen unterschiedlicher Schulen gemeinsame Freizeit in Stadtteilnetzwerken verbringen und gestalten zu lassen. Ziel ist die autonome Gestaltung von Räumen und die Begegnung von Jugendlichen unterschiedlicher Schulformen, die ansonsten aufgrund des Ganztags immer weniger in Vereinen etc. möglich ist.

Zum vierten Teil

Im vierten Teil geht es um die Konsequenzen der bisherigen Forschungsergebnisse für Politik und Schulpädagogik. Regina Soremski fasst in diesem Abschnitt die Podiumsdiskussion der Fachtagung zusammen, die dem Leser allerdings keine neuen Informationen oder zugespitzten Thesen liefert.

Zum fünften Teil

Im fünften Teil werden die Potentiale und Grenzen einer qualitativen Ganztagsschulforschung herausgearbeitet. Gunther Graßhoff fragt in seinem Aufsatz nach der Leistungsfähigkeit qualitativer Forschung in Bezug auf das Thema Familie und Ganztagsschule. Er befürwortet den Ausbau qualitativer Forschung in diesem Themenfeld, da sowohl Familie als auch Schule komplexe Lebens- und Lernorte darstellen. Gerade Familie als intimer Interaktionsraum ist mit qualitativer Forschung seines Erachtens eher zu verstehen.

Anna Brake diskutiert abschließend die Frage der Ungleichheit der Bildungschancen im Ganztag. Sie schlägt einige neue Forschungszugänge vor, um dieses Thema vertiefend zu untersuchen.

Diskussion

Der Sammelband bietet einen guten Überblick über die unterschiedlichen Forschungsprojekte im Rahmen des „Investitionsprogramms Zukunft, Bildung und Betreuung“ zu den Veränderungen in familialen und Peer-Beziehungen, die sich im Zusammenhang mit der Ganztagsschule ergeben. Für Fachleute aus Schul-, Jugendhilfe- und Familienpolitik ergibt sich ein guter Überblick über erste Forschungsergebnisse. Ingesamt sind die Ergebnisse wenig überraschend und etwas ernüchternd: weder werden Familien noch Freundschaftsbeziehungen durch die Ganztagsschule zerstört, noch gewinnen sie völlig neue Qualitäten. Da jedoch aus bildungspolitischen Gründen und den Erfordernissen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Ganztagsschule mittlerweile grundsätzlich nicht mehr in Frage steht, kommt es nun darauf an, die von den AutorInnen aufgeworfenen Fragen aufzugreifen und zu überlegen, wie sich die Ganztagsschulen weiter entwickeln können, um Familien offener und dialogischer als bisher einzubeziehen, sie besser zu unterstützen und die Schulen zudem so weiterzuentwickeln, dass Freundschaftsbeziehungen und selbst gestaltete Freizeit der Jugendlichen an den Schulen mehr Raum gewinnen.

Fazit

Der Sammelband leistet einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland, in dem er die ansonsten relativ wenig betrachteten Aspekte Familie und Peers in den Fokus rückt. Die bisher eher ideologischen Diskurse zu diesen Kontexten können nun mit mehr Expertise, ruhiger und besonnener fortgesetzt werden. Dabei ergreifen die meisten AutorInnen durchaus Partei für Praxisvorschläge, die ihren Ergebnissen entsprechen, ohne allerdings besonders konkret zu werden.

Die meisten Beiträge sind eher darauf bedacht, als Forschungsbeiträge wahrgenommen zu werden, denn als fachliche oder sogar fachpolitische, programmatische Empfehlungen. Daher bleibt für Expertinnen und Experten der Ganztagsschuldiskurse der Erkenntnisgewinn des Buches insgesamt gering.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 09.01.2012 zu: Regina Soremski, Michael Urban, Andreas Lange (Hrsg.): Familie, Peers und Ganztagsschule. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2157-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11930.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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