socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Daniela Braun: Kreativität in Theorie und Praxis

Cover Daniela Braun: Kreativität in Theorie und Praxis. Übergreifende Bildungsförderung in Kita und Kindergarten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-32455-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Förderung der Kreativität, der Ästhetik und des bildnerischen Gestaltens wurde als Bildungsziel in die Erziehungs- und Bildungspläne der Länder aufgenommen. Im Gegensatz zu anderen Bereichen wie der Sprache oder des mathematischen Denkens hat es den Anschein, dass die Kreativität ergänzend zu diesen gefördert und als eher randständig betrachtet werden könnte. In der Praxis beginnen Kinder aufgrund der eigenen Bildungsprozesse und ihres Explorationsverhaltens sehr früh unmittelbar zu Malen und zu Gestalten und Neues zu erschaffen, sobald die Materialien und Voraussetzungen dafür vorhanden sind. Kinder erfahren hierdurch Förderung. Dr. Daniela Braun stellt in ihrem neuen Buch Kreativität im Bildungsbereich dar und vermittelt Grundlagen und Effekte der Kreativitätsförderung in Theorie und Praxis.

Autorin

Prof. Dr. phil. Daniela Braun ist Professorin an der Fachhochschule Koblenz und leitet dort den dualen Bachelorstudiengang „Bildung und Erziehung“. Sie selbst forschte bislang mitunter zu den Themen „Naturpädagogik als Bildungsansatz“, „Kreativität und Bildung in Kindertageseinrichtungen“ und veröffentlichte bereits mehrere Fachbücher und Vorträge im Bereich der frühkindlichen Bildung. Ergänzend hierzu hat Frau Braun neben der wissenschaftlichen Tätigkeit eine Ausbildung in Bildender Kunst und Kunsttherapie und arbeitet seit 1988 in ihrem eigenen Atelier.

Entstehungshintergrund

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Kinder sind zunehmend auf Basiskompetenzen angewiesen, um zu lebenslangem Lernen befähigt zu werden und den komplexen Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden zu können. Zunehmend wird für die Politik, vor allem aber für die Kinder selbst, wichtig zu hinterfragen was Kinder stark macht und wodurch ihre eigenen, individuellen Kompetenzen bestmöglich gefördert werden können. Dr. Daniela Braun sieht in der Kreativitätsförderung einen zentralen und beachtenswerten Ansatz für die Bildungsförderung.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin beschreibt zu Beginn, welche Situation zu den Überlegungen geführt hat im Bereich der Kreativität zu forschen und welche Erwartungen damit verbunden waren. Sie führt in zentrale Begriffe und theoretische Grundlagen der Kreativität als Schlüsselkompetenz ein und stellt die Bedeutung für die Bildungs- und Erziehungsarbeit in Kindertagesstättten und Kindergärten heraus. Weiterhin wird der Stellenwert der Kreativitätsförderung in unterschiedlichen, anerkannten Ansätzen der Pädagogik erläutert. Die bestehenden und empfohlenen Umsetzungen der Kreativitätsförderung in die Praxis werden betrachtet und erläutert und der vorhandene Bedarf wird im Rahmen der Bildungsförderung und Entwicklung anhand aktueller Studien gefolgert.

1. „Vom Sputnik-Schock bis heute - eine kleine Geschichte der Kreativitätsforschung“. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts spielte die Kreativität in der Bildungsdebatte wenn überhaupt eine geringe Rolle. Der Begriff wurde 1950 erstmals vom Präsidenten der American Psychological Association, Joy Paul Guilford, aufgegriffen und veröffentlicht. Die Autorin beschreibt die Entstehungsgeschichte der Kreativitätsforschung aufgrund zweier Ereignisse im Machtwettbewerb der Weltmächte nach dem zweiten Weltkrieg. Es wurde die Bedeutung der Problemlösekompetenz und kreativen Begabungen für die Weiterentwicklung der Wissenschaft im Rahmen politischer Motive erkannt und die Forschung hierzu wurde gefördert. Die Erkenntnisse aus der Kreativitätsforschung nahmen bis heute zunehmend Einfluss auf den Bereich der Bildung und Erziehung.

2. „Was ist Kreativität?“ Das zweite Kapitel umfasst eine Definition und Beschreibung des differenzierten Begriffs der Kreativität und dessen Bedeutung für die menschliche Entwicklung als Schlüsselkompetenz. Insbesondere wird Kreativität als Methodenkompetenz im Umgang mit schwierigen Aufgaben oder Herausforderungen des Lebens und deren förderlichen bzw. hemmenden Einflussfaktoren beschrieben. Die Autorin stellt den kreativen Prozess in fünf Phasen dar, der immer dann in Gang gesetzt wird, wenn eine Problemstellung für das Individuum vorhanden ist und das Bedürfnis besteht eine Lösung hierfür zu finden. Die gefundene Lösung führt wiederum zu Copingstrategien des Kindes und stärkt es in seiner Selbstwirksamkeit. In diesem Zusammenhang wird der Begriff „Flow“ eingeführt und die bisherigen Begrifflichkeiten werden anhand praxisnaher Beispiele für die konkrete Umsetzung in der Kita übersetzt. Des Weiteren knüpft die Autorin mit der Verbindung von Kreativität und Ästhetik an und erklärt die vielfältigen, sinnlich erfahrbaren Möglichkeiten als Anreize für das Kind mit ästhetischen Materialien konkrete Aufgaben zu gestalten und diese somit auch bewältigen zu können. Erschließen sich Kinder durch kreative und gestalterische Prozesse von sich aus neue Lösungswege, trägt dies zur Entwicklung eines positives Selbstkonzeptes bei. Welche Zusammenhänge zwischen Kreativität und Resilienz bestehen und auf welche Weise die Kreativitätsförderung Einfluss auf die Resilienzförderung nehmen kann wird theoretisch dargestellt und für die Praxis nutzbar gemacht.

3. „Kreativität, Bildung und Erziehung“. Wie Kinder lernen, wie sie ihre eigenen Bildungsprozesse beeinflussen und welche Veränderungen sich diesbezüglich im Verständnis der Gesellschaft über frühkindliche Bildung ergeben haben, wird im Zusammenhang zur Kreativität im dritten Kapitel dargestellt. Dabei geht die Autorin in einen kurzen Exkurs über die historische Entwicklung des Bildungsbegriffs und gibt einen Überblick über die wissenschaftlichen Erkenntnisse, welche zu der heutigen Sichtweise von kindlichen Selbstbildungsprozessen geführt haben. Aus diesem Verständnis heraus hat sich der pädagogische Ansatz der Ko-Konstruktion entwickelt, welcher die Beziehungsqualität als Voraussetzung für erfolgreiches Lernen deklariert. Dieser Ansatz wird, neben weiteren Notwendigkeiten der pädagogischen, materiellen und soziokulturellen Rahmenbedingungen für die Förderung der Kreativität und frühkindliches Lernen, von der Autorin beschrieben.

4. „Kreativität in pädagogischen Konzepten“. Im vierten Kapitel stellt die Autorin ausgewählte Ansätze der Frühpädagogik und zwar die Reggio-Pädagogik, die Montessori-Pädagogik, den Situations- und den Situationsorientierten Ansatz und ihre jeweiligen Grundprinzipien vor. Die Konzepte unterscheiden sich unter anderem in ihren Zielsetzungen, den Rahmenbedingungen und der Haltung der Pädagogen. Es werden die Voraussetzungen und Aspekte erläutert, welche in den einzelnen Ansätzen zur Kreativitätsförderung vorhanden und geeignet sind, und auch die Möglichkeiten, welche der jeweilige Ansatz für die Integration und die Förderung der Kreativität noch bietet.

5. „Kreativitätsförderung in der Praxis“. Die Förderung der Kreativität ist also bereits Bestandteil einiger pädagogischer Ansätze. Ebenso findet sich diese Zielsetzung auch in den Bildungsplänen der Bundesländer wieder. Welchen Stellenwert die Kreativität in den Bildungsplänen hat, wie sie in die Kindergartenkonzeptionen umfassend zu verankern ist und wie sie didaktisch sinnvoll in die Praxis umgesetzt werden kann, beschreibt Kapitel fünf. Da Bildung vor allem in der Interaktion zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen geschieht, stellt die Autorin neben den räumlichen, materiellen und konzeptionellen Spielangeboten in der Kita, die Rolle der ErzieherInnen und die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern als zentrale Faktoren für eine gelingende Kreativitätsförderung heraus. Dabei wird hervorgehoben, wie sich der professionelle Habitus der pädagogischen Fachkräfte im respektvollen Umgang mit den Kindern verbessern kann, welche persönlichen Kompetenzen hierzu unverzichtbar sind und welche Verhaltensweisen förderlich für die kreativen Prozesse der Kinder sind. Es werden niedrigschwellige Angebote aufgezeigt, bei denen Eltern in die kreative Arbeit mit den Kindern in den Tagesstätten miteinbezogen werden können und selbst im Umgang mit dem Kind davon profitieren. Im Bereich der professionellen Kindertagesstättenbetreuung ist auch die Beobachtung und Dokumentation immer ein wichtiger Bestandteil. Am Ende des fünften Kapitels wird deshalb auf die Details der kreativen Lernprozesse, deren Beobachtung und Dokumentation eingegangen und es werden Fragestellungen formuliert, welche die Beobachtbarkeit der kreativen Potenziale der Kinder ermöglichen bzw. erleichtern.

6. „Überblick über neuere Studien zum Thema Kreativität“. Im Überblick über aktuelle Studien zur Bedeutung der Kreativität in der Marktwirtschaft und hinsichtlich ihrer kulturellen und bildungsfördernden Wichtigkeit stellt die Autorin deren zentrale Ergebnisse mit Relevanz für die Kitas dar. Die Studien haben unter anderem zum Ziel folgende, ausgewählte Fragen zu klären: Welchen Nutzen hat das Potenzial jedes Einzelnen für den wirtschaftlichen Markt? Welche institutionellen Rahmenbedingungen in der Wirtschaft haben positiven Einfluss auf kreative Leistungen der Mitarbeiter? Fördert Kunstvermittlung an der Schule sowohl die kognitive als auch emotionale Entwicklung von Kindern? Welche Effekte erzielen künstlerische Umsetzungen von schulischen Lerninhalten bei den Schülern? In der Studie „Von Piccolo bis Picasso“ wird die Effizienz von ästhetisch-kreativen Bildungsangeboten bei Kindern im Vorschulalter und deren Übertragungspotenzial auf die Lernprozesse auf kognitiver, emotionaler und sozialer Ebene evaluiert. Die Studie wurde von der Fachhochschule Koblenz oder Leitung der Autorin, Prof. Dr. Daniela Braun, in Kooperation mit dem „Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen Ulm“ (ZNL) unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer durchgeführt.

7. „Fazit“. Zuletzt stellt die Autorin als Fazit die Notwendigkeit der Förderung von Problemlösekompetenzen für Kinder heraus, welche durch kreative und gestalterische Angebote nachweislich begünstigt wird und im Ergebnis zum Aufbau von positiven Selbstkonzepten und zufriedenen und starken Persönlichkeiten beiträgt. Die Kreativität stellt somit eine zentrale Schlüsselkompetenz für Kinder dar und muss mehr denn je ins Augenmerk der pädagogischen Fachwelt rücken. Ebenso hervorgehoben wird, dass frühkindliche Bildung nicht ohne Interaktion und Emotion geschehen kann und somit der Rolle der pädagogischen Fachkräfte eine entscheidende Stellung im Selbstbildungsprozess der Kinder zukommt.

Diskussion

Die Autorin führt wissenschaftlich in das Thema ein und vermittelt dem Leser übersichtlich und zügig die Grundlagen, die zum Verständnis der Kreativitätsförderung angezeigt sind. Es gelingt ihr sowohl für Fachleute als auch für Berufseinsteiger anschaulich darzulegen, wie wichtig Kreativität als Schlüsselkompetenz für die Entwicklung der Kinder im 21. Jahrhundert ist. Damit fördert sie die Einführung und Beachtung der Kreativitätsförderung in den Alltag der Kitas und Kindergärten als notwendige Basis. Die Erfordernisse der Resilienzfähigkeit werden begründet aufgegriffen und es werden nachvollziehbare Möglichkeiten für deren Förderung unterbreitet. Gerade in Zeiten einer schnelllebigen Gesellschaft, die Flexibilität von den Familien fordert und umfangreiche Möglichkeiten der Lebensgestaltung bietet, ist es für Kinder unverzichtbar geworden widerstandsfähig zu sein und eine stabile, zufriedene Persönlichkeit bewahren zu können. Die Konzentration auf die Stärkung der Basiskompetenzen im personellen und emotionalen Bereich, wie es bei der Kreativitätsförderung der Fall ist, ist im Rahmen der frühkindlichen Bildung angezeigt. Dr. Daniela Braun greift mit dem Thema ein wichtiges und ausbaubedürftiges Feld als Fachwissen für Kitas auf.

Die einzelnen Kapitel sind knapp gehalten, verschaffen inhaltlich trotzdem einen fundierten Überblick und machen das Buch leicht lesbar. Die Umsetzung der Theorie in die Praxis gelingt der Autorin durchgehend anhand der zeitnahen Verknüpfung mit verständlichen und anschaulichen Beispielen aus der Kindergartenpraxis in den jeweiligen Unterkapiteln. Der Wechsel zwischen Theorie und praktischen Beispielen macht nicht nur Spaß, sondern trägt durch didaktisch überlegte Methoden zu einem Lerneffekt beim Leser bei, der sich nach der Lektüre vermutlich viele Informationen hat aneignen können. Als Praxislehrbuch für ErzieherInnen ist es gelungen und dient als übersichtliches Nachschlagewerk zum Thema Kreativität.

Fazit

Es ist spürbar, dass die Autorin selbst seit Jahren künstlerisch tätig ist und sich in Wissenschaft und Forschung mit dem Thema Kreativität intensiv auseinander gesetzt hat. Ein Fachbuch kunterbunt und anschaulich für die Praxis der Kitas und Kindergärten, welches sich theoretische Ansätze und aktuelle Forschungsergebnisse zu Nutzen macht, um das kompetente und engagierte Plädoyer der Autorin für mehr Achtsamkeit und Förderung der Kreativität bei Kindern für deren autonomen und glücklichen Lebensweg zu untermauern.


Rezension von
Dipl.Soz.Päd. Michaela Baierl
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Michaela Baierl anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michaela Baierl. Rezension vom 08.11.2011 zu: Daniela Braun: Kreativität in Theorie und Praxis. Übergreifende Bildungsförderung in Kita und Kindergarten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2011. ISBN 978-3-451-32455-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11954.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung