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Harald Heinrichs, Katina Kuhn u.a. (Hrsg.): Nachhaltige Gesellschaft?

Cover Harald Heinrichs, Katina Kuhn, Jens Newig (Hrsg.): Nachhaltige Gesellschaft? Welche Rolle für Partizipation und Kooperation? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 222 Seiten. ISBN 978-3-531-17840-0. 39,95 EUR.
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Ökologisch tragfähige Entwicklung = gesellschaftlicher Wandel?

Als 1987 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (WCED) mit dem Brundtland-Bericht die Menschheit aufforderte, sich auf den Weg hin zu „sustainable development“, einer ökologisch tragfähigen Entwicklung zu machen, insbesondere das bisherige, jedenfalls in den Industrieländern praktizierte „throuput growth“, das „Schornstein-Durchflusswachstum“, endlich aufzugeben und „die drohende Gefahr des Überschreitens der Wachstumsgrenzen anzuerkennen“ (Robert Goodland, u.a., 1992), da orientierte sich der Diskurs überwiegend an den Herausforderungen, wie Menschen zu umweltverträglichem Verhalten auf ökonomischen und konsumtiven Gebieten gebracht werden können. Obwohl bereits im Brundtland-Bericht die Auffassung vertreten wurde, „mehr mit weniger zu produzieren“, und damit der Allmende-Gedanke, dass wirtschaftliches gleich soziales Handeln sein müsse ( vgl. dazu: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen, München 2011, in: socialnet Rezensionen www.socialnet.de./rezensionen/11224.php), werden die sozialen Dimensionen der Nachhaltigkeit nur sporadisch, etwa im Bildungsbereich ( siehe dazu: Andreas Fischer, Hrsg., Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit, Baltmannsweiler 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10709.php, sowie: Claus Tully / Wolfgang Krug, Konsum im Jugendalter. Umweltfaktoren, Nachhaltigkeit, Kommerzialisierung, Schwalbach 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11517.php), oder in der Politischen Bildung ( Dirk Lange / Sebastian Fischer, Hrsg., Politik und Wirtschaft im Bürgerbewusstsein, www.socialnet.de/rezensionen/11226.php) thematisiert. Schließlich steht hinter dem Appell der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) - „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ ein partizipatorischer Ansatz.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und sich kulturell öffnender (Einen) Welt, deren Entwicklung wir als Globalisierung bezeichnen, nimmt die Partizipation der Menschen als zôon politikon, als politisches Lebewesen (Artistoteles), eine immer größere Bedeutung ein. Und die Sehnsucht der Menschen nach demokratischem, selbstbestimmtem Leben antizipiert. Der Ruf nach einer Kultur der Kooperation und Partizipation auf der Grundlage des Leitbildes einer politischen, demokratischen, sich auf Nachhaltigkeit stützenden Entwicklung wird im gesellschaftlichen Diskurs lauter. Die gesellschaftswissenschaftlichen Forschungen und die praktischen Erfahrungen, wie die Herausforderungen im Prozess der Reichweiten von Kooperation, Partizipation und nachhaltiger Entwicklung sich darstellen und wirksam werden, greifen zum einen auf lokale (nationale), zum anderen auf globale (internationale) Zusammenhänge aus. Die Frage, wie wir wurden, was wir sind (Bernt Engelmann, 1980) jedenfalls muss zuvorderst lokal gestellt werden, aus der Gemengelage der deutschen Gesellschaft.

Harald Heinrichs, Katina Kuhn und Jens Newig vom Institut für Umweltkommunikation der Leuphana-Universität Lüneburg haben im Sammelband „Nachhaltige Gesellschaft“ eine Reihe von Wissenschaftler und Experten versammelt, um die Möglichkeitsräume zu erkunden, „der gesellschaftlichen Akteuren zur Verfügung steht oder verfügbar gemacht werden kann, um die ständig steigende Problemlast in einer komplexer werdenden Gesellschaft durch die Entwicklung einer Kultur der Kooperation und Partizipation unter dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung zu bewältigen“. Der Fokus auf Deutschland wird zum einen dadurch gerechtfertigt, dass die beteiligten Autorinnen und Autoren gesellschaftlich-politisch im Land sozialisiert sind, zum zweiten, dass die in den einzelnen Beiträgen herangezogenen und diskutierten empirischen Daten sich auf deutsche Verhältnisse beziehen; und zum dritten, dass der Diskurs auf der Grundlage der deutschen Erfahrungen geführt wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird, nach der Einleitung mit der Fragestellung nach den Gestaltungsprinzipen einer auf Partizipation und Kooperation verfassten (nachhaltigen) Gesellschaftsordnung (Herausgeberteam) und der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des globalen Wandels (Kuhn / Heinrichs), in drei weitere Kapitel gegliedert: „Theorien und Methoden“, „Gesellschaftliche Bereiche von Partizipation, Kooperation und nachhaltiger Entwicklung“ und „Partizipation, Kooperation und Nachhaltige Entwicklung in ausgewählten Praxisfeldern“, und mit einem „Ausblick“ abgeschlossen.

Gewissermaßen als Orientierungsrahmen für den im Sammelband geführten Diskurs wird vom Herausgeberteam eine kritische Revision der vorherrschenden zentralen Theorien und Konzepte partizipatorischer, kooperativer (demokratischer) Gesellschaftspolitik vorgenommen, indem die vorliegenden Forschungsergebnisse thematisiert, die Implementationserfahrungen betrachtet und die Bedingungen für erfolgreiche Partizipation und Kooperation genannt werden. Dadurch wird der Status Quo der Partizipations- und Kooperationsforschung für eine nachhaltige Entwicklung verdeutlicht.

Der Lüneburger Soziologe und Erziehungswissenschaftler Heiko Grunenberg zeigt „neue Entwicklungen der empirischen Zugänge in der Partizipations- und Kooperationsforschung“ auf, indem er insbesondere auf die methodischen Zugänge und Verfahren im Forschungsprozess eingeht.

Mit der Frage „Partizipation und Kooperation zur Effektivitätssteigerung in Politik und Governance?“ setzt sich Jens Newig mit der internationalen Debatte um ökologische Nachhaltigkeit auseinander. Dabei warnt er davor, Ausschließlichkeitsargumente bei partizipativen Governance-Prozessen in der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik vorzunehmen: „Vor der unreflektierten Übertragung gängiger `Best-Practice`- Beispiele kann nur gewarnt werden“.

Für die Umweltwissenschaftlerin Maren Knolle ist „nachhaltiges Wirtschaften durch Kooperation und Partizipation?“ ebenfalls eine Frage wert. Es sind vor allem nachhaltigkeitsbezogene Lernprozesse und institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen, die eine Kooperation „auf Augenhöhe“ ermöglichen - und nicht allein „freiwillige“ Vereinbarungen.

Maik Adomßent und der Leiter des Lübecker Instituts für Umweltkommunikation und UNESCO-Chairholder „Higher Education for Sustainable Development“, Gerd Michelsen, diskutieren Aspekte der transdisziplinären Forschungsprozesse: „Transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschaften“. Weil transdisziplinäre Forschung überwiegend auf wissenschaftsexterne Problemfelder rekurriert, kommt der Zusammenarbeit von WissenschaftlerInnen und PraxisakteurInnen und damit der Aktionsforschung eine besondere Bedeutung zu.

Der Umweltwissenschaftler Marco Riekmann und die Sozialwissenschaftlerin Ute Stoltenberg setzen sich auseinander mit „Partizipation als zentrales Element von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“. Nachhaltige Entwicklung lässt sich nur mit Bildung durchsetzen, denn sie erfordert umfassende Bewusstseinsänderung, Handlungs- und Partizipationskompetenzen. „Partizipation (aber) kostet Zeit“, weshalb gesteigerte Anforderungen an die Lehreraus- und ?fortbildung, Unterrichtspraxis und Bildungsforschung erforderlich sind.

Die Umweltwissenschaftler Gesa Lüdecke und Daniel Schulz thematisieren „(Neue) Medien, Partizipation und nachhaltige Entwicklung“. Weil gesellschaftliche Aushandlungs- und Verständigungsprozesse sich überwiegend durch Medien beeinflusst und gesteuert werden, ist es notwendig darauf zu machten, wie öffentliche Kommunikation insbesondere bei den Möglichkeiten und Erfordernissen bei emanzipatorischen und partizipatorischen Abläufen verläuft.

Der ehemalige Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Ökologie und derzeit am Lüneburger Institut lehrende und forschende Mitarbeiter, Manfred Striegnitz, stellt im Teil „ausgewählte Praxisfelder“ die Bereiche „Altlastensanierung und Abfallwirtschaft als Triebfeder für Partizipation und Kooperation für eine nachhaltige Entwicklung“ dar.

Heiko Grunenberg und Maren Knolle diskutieren „Hochwasser- und Küstenschutz unter Klimawandelbedingungen als besonderes Aufgabengebiet von Partizipation und Kooperation“.

Die Umweltwissenschaftlerin Claudia Bartels verdeutlicht die „Regelung von Konflikten durch Klimawandel im Tourismussektor mithilfe kooperativer Prozesse am Beispiel des Projektes KUNTIKUM“, als inter- und transdisziplinärer Forschungs- und Kooperationsansatz für die Planung einer nachhaltigen Tourismusentwicklung.

Die Mitarbeiterin bei der Klimaschutzleitstelle in Lübeck-Stadt und ?Landkreis, Silke Panebianco, informiert über „Simulationen“, als neue Wege zur Förderung von Kooperation und nachhaltiger Entwicklung und stellt Konzepte und Methoden dazu vor.

Fazit

Partizipations- und Kooperationsaspekte sind für eine freiheitlich und demokratisch verfasste Gesellschaft unabdingbare und innovative Merkmale für Selbst- und Mitbestimmung bei gesellschaftlichen Prozessen; und dort, wo das demokratische Bewusstsein noch nicht vorhanden ist, Schlüssel dafür. Das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche in der Wirtschaft (z. B. als Mitarbeiterpartizipation und Stakeholderkooperation), für die öffentliche Meinungsbildung (etwa in den Medien und im Internet), in der Wissenschaft (Nachhaltigkeitsforschung) und nicht zuletzt im Bildungsbereich (Partizipation als Gestaltungskompetenz). Die im Sammelband in Theorie und Praxis dargestellten und diskutierten Ansätze verdeutlichen die Spannweite der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Bundesrepublik (und exemplarisch darüber hinaus) auf dem Gebiet der Entwicklung hin zu einer „nachhaltigen Gesellschaft“. Sie zeigen gelingende Beispiele auf, verweisen auf misslingende Prozesse und bisher nicht hinreichend beantwortete Fragen.

So lässt sich das Buch lesen als Motivationsanreger für die humane, demokratische und selbstbestimmte, lokale und globale Weiterentwicklung der nationalen und transnationalen und ?kulturellen Gesellschaften: „Alle Beiträge verbindet … die übergeordnete Leitfrage, welche Bedeutung Partizipation und Kooperation für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung haben können“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.09.2011 zu: Harald Heinrichs, Katina Kuhn, Jens Newig (Hrsg.): Nachhaltige Gesellschaft? Welche Rolle für Partizipation und Kooperation? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17840-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11955.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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