Peter Güller, Peter Rosenstock et al.: Der Islam und wir. Vom Dialog zur Politik
Rezensiert von Marcel Görmann, 03.05.2012
Peter Güller, Peter Rosenstock, Bernhard Billeter, Beat Dejung, Christian Thalmann, Jörg Thalmann: Der Islam und wir. Vom Dialog zur Politik. Edition Rüegger (vormals Rüegger Verlag) (Zürich) 2011. 265 Seiten. ISBN 978-3-7253-0968-9. 21,80 EUR.CH: 34,00 sFr.
Thema und Entstehungshintergrund
Das Kernthema dieses Sammelbandes ist die Frage wie ein friedliches Zusammenleben von Muslimen in der Schweiz – konkreter noch: Im Kanton Zürich – mit der christlichen Mehrheitsbevölkerung ermöglicht werden kann.
Der Minarett-Volksentscheid vom November 2009, bei dem 57% der Stimmbürger in der Schweiz den Bau von Minaretten verboten haben, wird zwar in mehreren Beiträgen angesprochen, war aber kein Auslöser für diesen Diskussionsband.
Vielmehr sind die Beiträge ein Zwischenergebnis aus jahrelangen Diskussionen und privaten Studien eines Freundeskreises über den Islam. Untersucht wurden dabei die Vereinbarkeit des Islam mit der säkularen Gesellschaftsform, eine implizierte Gewaltbereitschaft in dieser Religion und die Toleranz- und Reformfähigkeit.
Diese Überlegungen münden im letzten Kapitel des Buches in einer Petition an den Zürcher antonsrat, mit einem „Entwurf für ein Gesetz über die Religionsgemeinschaften islamischen Glaubens“.
Autoren
Die Autoren dieses Sammelbandes entstammen der Arbeitsgruppe „Religionspolitische Alternativen“. Unter ihnen befinden sich keine Islamwissenschaftler oder Sozialwissenschaftler. Vielmehr sind die elf Mitglieder, darunter fünf Ehepaare, von Beruf Pianisten, Journalisten, Ärzte, Apotheker und Rechtsanwälte.
Hier haben sich engagierte, politisch interessierte Bürger zusammengeschlossen, um gemeinsam zu diskutieren und sich in das Thema Islam einzuarbeiten. Sie gehören jedoch keiner gemeinsamen parteipolitischen oder konfessionellen Bindung an.
Aufbau
Der Sammelband besteht aus acht Kapiteln. Zu Beginn zieht Jörg Thalmann eine Bilanz seiner bisher fünfjährigen Beschäftigung mit dem Islam.
Beat Dejung unternimmt im zweiten Kapitel einen Längsschnitt durch die Geschichte der monotheistischen Religionen und der Philosophie unter der Prämisse: „Ein Primat der Vernunft würde den Frieden unter den Religionen fördern.“
Peter Güller untersucht die Reformfähigkeit des Islam im vierten Kapitel. Im fünften Kapitel wird ein Streitgespräch über den Vers 48 der Koransure 5 zwischen Jörg Thalmann und Peter Rosenstock dokumentiert. Es geht hierbei um die Frage einer Vorwegnahme der Ringparabel von Lessing in dieser Koranstelle und die Frage inwiefern eine Toleranzmoral des Islam zu interpretieren ist.
Es folgen Betrachtungen von Bernhard Billeter zu „Theologie und Philosophie in der kulturellen Blütezeit des Islam“ und die Überlegungen von Peter Rosenstock über „Wege zum religiösen Frieden“.
Der Sammelband mündet im Entwurf der Arbeitsgruppe für ein neues Gesetz für islamische Religionsgemeinschaften im Kanton Zürich.
Inhalt
Die Einführung in das Sammelband erfolgt mit dem Beitrag von Jörg Thalmann mit dem Titel „Dem Clash entlang“. Der Autor unternimmt einen Querschnitt durch zahlreiche Aspekte der Islamdiskussion – die jedoch jeweils nur angerissen werden. Hierbei gibt er deutlich seine subjektive Position wider. Es geht ausgehend von Samuel Huntingtons These des „Clash of Civilizations“ weiter über die Themen Frauenunterdrückung, Kopftuch, Minarettbau, Terrorismus, Jesus und Mohammed – Koran und Bibel, Mohammed als Macht- und Realpolitiker, der Islam als Gefahr und Angstauslöser, die westlichen Werte und Handlungsmöglichkeiten. In diesem letzten Punkt appelliert Thalmann die Leser dazu mit Muslimen zu kommunizieren, Reformer zu unterstützen, aber auch mit Konservativen ohne Tabus zu diskutieren: „Zum Beispiel darauf hinweisen, dass eine Koransure die gewalttätige Bekehrung und eine andere die Tötung aller Ungläubigen fordert.“ (S.37). Gleichzeitig ruft er zu einer offenen Haltung des Verstehenswollen auf. Hierbei sollen „Verzerrungen, Karikaturen, Beleidigungen, Provokationen, Verallgemeinerungen, Simplifizierungen, jede Demagogie von beiden Seiten“ bekämpft werden. Im Kern steht jedoch sein Appell ein neues Engagement für die demokratischen schweizerischen Werte zu zeigen und sich dieser selbst zu vergewissern. Hierzu gehöre es dem Islamismus und „politischen Islam“ entschlossen entgegenzutreten und von muslimischen Vertretern Gewaltverzicht und Toleranz für andere Religionsgemeinschaften einzufordern.
Peter Güller beschäftigt sich mit der Frage der Reformfähigkeit des Islam. Zur Beantwortung dieser Frage untersucht er in einem historischen Längsschnitt die unterschiedlichen Interpretationsschulen und den geschichtlichen Kontext, der die jeweilige Koranauslegung beeinflusste. So verzeichnete er für das 12. und 13. Jahrhundert einen Wendepunkt und geistigen Stillstand nach dem Mongolensturm: „Zu einer heftigen theologisch/philosophischen Erschütterung kam es 1258 mit der Zerstörung von Bagdad durch die Mongolen. Bei diesem traumatisierenden Ereignis wurde der gesamte Bestand an Bibliotheken mit ihrem wissenschaftlichen Schriften verbrannt.“ (S.103) Hier habe es einen Siegeszug der Steppenvölker über kulturell hochstehende Gesellschaften gegeben. Diese Krise sei zudem durch die Rückeroberung Spaniens durch das Christentum noch verschärft worden. Als weiteren Grund für einen, im Vergleich mit dem Christentum, von ihn diagnostizierten kulturellen Stillstand, erkennt er aber auch die strikte Wahrung der religiösen Gesetze: „Fatal erwies sich zudem die in der islamischen Welt gegenüber Europa um 300 Jahre verzögerte Einführung des Buchdrucks – die Reproduktion der heiligen Schrift durfte technisch nicht beschleunigt werden. Im Christentum hat gerade der Buchdruck die Verbreitung des protestantischen Gedankenguts und die individuelle Meinungsbildung in religiösen Fragen kräftig unterstützt.“ (S. 104)
Im Folgenden betrachtet Güller die Umbrüche in den islamischen Staaten des 20. Jahrhunderts: Die Säkularisierung der Türkei, die Reformen und Gegenreaktionen im Iran, der sozialistische Nationalismus in Ägypten und der Erfolg der Baath-Partei. In all diesen Betrachtungen sind jedoch die neuesten Entwicklungen seit dem „Arabischen Frühling“ nicht mehr eingeflossen. Abschließend fasst er die wichtigsten Widerstände gegen einen reformistischen Durchbruch im Islam zusammen (S. 129 ff.):
- Widerstand gegen eine rationale Interpretation der heiligen Schrift.
- Rückbesinnung auf eine wortwörtliche Interpretation insbesondere in historischen Epochen militärischer Niederlagen gegen den Westen, um dem Islam durch die Regeneration wieder seine ursprünglichen Kraft zu verleihen. Hier sei eine der stärksten Triebkräfte gegen die Reformbewegung im Islam auszumachen.
- Kulturelle und ethische Gefährdung des Islam durch die westliche, amoralische Moderne. Dagegen stehe der Koran und die Scharia als Wegleiter.
- Äußere Rückschläge wie Krieg, Besetzung und Vereinnahmung der Ressourcen führten oft zu einer konservativen Islamhaltung der Regierungen, um eine innere, glaubensorientierte Stabilität zu gewährleisten
- Patriarchalische Herrschaftsmuster erschweren eine bessere Stellung der Frau, wobei diese nicht primär der Religion des Islam zuzuschreiben seien, sondern ein archaisches Erbe der Gesellschaften des Vorderen Orients und des Mittelmeerraums seien.
- Zudem seien, etwa im Iran oder in Palästina, öfter Rückschläge für demokratische Bestrebungen zu verzeichnen gewesen, sobald das Volks mitbestimmen durfte. Hierbei sei es zu einer Re-Islamisierung und Radikalisierung gekommen, wobei insbesondere der Bildungsstand dabei eine Rolle gespielt hat, da der Kern der Reformer zumeist durch eine begrenzte Anzahl von Intellektuellen gebildet wird, die für das breite Volk eine schwer verständliche Sprache sprechen. Die Masse wehre sich gegen die Infragestellung religiöser Werte.
Insbesondere der letzte Aspekt wird in Hinblick auf die Entwicklungen der demokratischen Reformbewegungen in den Ländern des „Arabischen Frühlings“ näher zu betrachten sein.
Zum Abschluss überträgt Güller seine Erkenntnisse zu den Reformbemühungen im Islam auf die Schweiz, um dortige Reformbestrebungen unter den Muslimen zu fördern. Hierbei schlägt er insbesondere drei integrationspolitische Regelungen und Initiativen vor (S.135):
- Es sei eine Imamausbildung in der Schweiz anzustreben, um „die Imame mit der hiesigen Rechtslage vertraut zu machen und sie in die Lage zu versetzen, die muslimische Bevölkerung über die Möglichkeiten der Glaubensausübung in der Diaspora aufzuklären“
- Ein Religionsunterricht an Schulen der sowohl der islamischen Kultur und Religion in der „Diaspora sinnmachenden Neu-Interpretation des Korans“ dient.
- Einrichtung von Beratungsstellen, die insbesondere jugendlichen MuslimInnen „in Konfliktfällen zwischen dem traditionellen Hintergrund ihrer Familien und dem hiesigen gesellschaftlichen Umfeld“ helfen.
Diskussion und Fazit
Es handelt sich hierbei um kein wissenschaftliches Buch, sondern um eine kritische Bestandsaufnahme der Frage der Integrierbarkeit des Islam in westlich-aufgeklärte Gesellschaften und der Toleranzfähigkeit dieser Religion. Hier schreiben engagierte Bürger, bei denen das Bemühen um eine möglichst vorurteilsfreie Erkenntnis über den Islam deutlich wird.
So entstehen keine Schwarz-Weiß-Bilder, sondern Graustufen. Es wird offen die Angst vor gewissen Ausformungen des Islam artikuliert und es wird hinterfragt, inwiefern eine historisch-kritische Auslegung des Koran innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft durchsetzungsfähig ist.
Dieses Sammelband ist eine Einladung zu einer eigenen, ergebnisoffenen Beschäftigung mit dem Islam und zu politischen Engagement im integrationspolitischen Kontext. Die Beiträge sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern subjektive Standpunkte, die aber fundiert geschrieben sind. Jedoch überwiegt bei all dem natürlich stets eine schweizerische Perspektive auf die Diskussion – mitsamt gewissen eidgenössischen Rechtstraditionen und Gesellschaftsvorstellungen.
Rezension von
Marcel Görmann
M.A.
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