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Heinz Walter Krohne: Psychologie der Angst

Cover Heinz Walter Krohne: Psychologie der Angst. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 479 Seiten. ISBN 978-3-17-020805-6. 39,80 EUR.
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Thema

Formen von Ängstlichkeit sowie Angststörungen gehören, wie die epidemiologische Forschung zeigt, zu den häufigsten psychischen Problematiken bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in unserer Gesellschaft. Zugleich ist Angst jedoch auch eines der bedeutsamsten Gefühle, ein Affekt mit „doppelten Doppelgesichtigkeit“, indem sie sich als nützlich, aber auch als störend erweisen kann – und indem sie zum einen als unangenehm erlebt wird und Vermeidenstendenzen hervorruft, zum anderen jedoch auch einen „Nervenkitzel“ oder einen „Kick“ repräsentieren kann, der Menschen dazu führt, Horrorfilme und Krimis zu sehen, „Bunjee jumping“ zu betreiben – oder auch, im Falle von Jugendlichen, zu problematischen Verhaltensweisen wie etwa „S-Bahn-Surfen“ verleitet. Heinz W. Krohnes „Psychologie der Angst“ gibt hierzu einen fundierten Überblick aus der Perspektive der wissenschaftlichen Psychologie.

Autor

Heinz Walter Krohne ist Professor für Psychologie am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Als seine zentralen Arbeitsgebiete gibt er an: Persönlichkeits-, Emotions- und Gesundheitspsychologie, speziell Forschungen zu Stress und Stressbewältigung. Das Thema Angst bietet für all diese Teilaspekte einen integrativen Rahmen.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch repräsentiert die „reife“ Form von zwei Vorgängerversionen und blickt damit auf eine sehr lange Geschichte zurück, welche in die 1970er Jahre führt. Erste Grundlagen waren die Bücher „Theorien zur Angst“ sowie später „Angst und Angstverarbeitung“. Es folgte 1996 „Angst und Angstbewältigung“. Diese Bücher haben sich auseinander und aufeinander aufbauend entwickelt. Die Grundstruktur des aktuellen Buches findet sich bereits in der Vorgängerversion aus dem Jahr 1996, wurde allerdings aktualisiert und weiter entwickelt. Der Themenkomplex der Angst, Angstdiagnostik und Angsttheorie repräsentiert einen zentralen Forschungsbereich des Verfassers, aus dem heraus er über die Jahre eine große Fülle von Arbeiten und weiteren Publikationen vorgelegt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Hauptteile und insgesamt zehn Kapitel gegliedert.

Der Hauptteil I, „Konzepte und Messung“, umfasst die ersten beiden Kapitel:

  • Kap. 1, „Der Phänomenbereich der Angst“, bestimmt den Gegenstand, auch im Hinblick auf spezifische Komponenten von Angst, und beleuchtet zugleich verwandte Begriffe und Konzepte: Angst als trait und state, Furcht, Stress, Ängstlichkeit bzw. „Ängstlichkeiten“.
  • Kap. 2 setzt sich mit Fragen der „Messung von Angst und Ängstlichkeit“ auseinander. Diese werden zunächst als Konstrukte bestimmt und betrachtet. Verschiedene, in vier Bereiche systematisierte Angstindikatoren werden beleuchtet. Ein Überblick relevanter Verfahren zur mehrdimensionalen und bereichsspezifischen Angstmessung schließt sich an.

Der Hauptteil II, „Angstbewältigung“, umfasst ebenfalls zwei Kapitel:

  • Kap. 3 beschäftigt sich mit „Formen und Strategien der Angstbewältigung“. Hier wird zwischen aktueller und dispositioneller Angstbewältigung unterschieden.
  • Kap. 4, „Theoretische Konzepte der Angstbewältigung“, beleuchtet zunächst das klassische Konzept der „Repression – Sensitization“, auch aus einer kritischen Perspektive, um sich dann mehrdimensionalen Ansätzen der Bewältigung zuzuwenden.

Der zentrale Hauptteil III, „Theorien zur Angst“, besteht aus insgesamt vier Kapiteln:

  • Kap. 5 widmet sich der „psychoanalytischen Erklärung von Angst“. Im Vordergrund stehen hier die unterschiedlichen Angstauffassungen im theoretischen Gebäude von Sigmund Freud, von Krohne unterschieden in erste und zweite Angsttheorie. Hier wie im Folgenden werden im Anschluss an die Darstellung der theoretischen Konzeption empirische Befunde zusammengetragen und erörtert und anschließend das gesamte Konzept kritisch reflektiert.
  • Kap. 6 stellt „Reiz-Reaktionstheorien“ zu Angst dar. Maßgebliche berücksichtigte Ansätze sind die Konditionierungstheorie, darauf aufbauend die Zweiprozesstheorie von Mowrer, der Ansatz von Dollard & Miller, die Triebtheorie der Angst sowie das Trait-State-Angstmodell. Aufgrund der Heterogenität der hier versammelten Ansätze beziehen sich kritische Bewertungen jeweils auf diese spezifisch und einzeln.
  • Kap. 7 betrachtet „biopsychologische Theorien“. Dabei werden zwei Ansätze berücksichtigt: der Neurotizismus-Ansatz von Eysenck sowie die Theorie der Verstärkersensitivität von Gray.
  • Kap. 8 beschäftigt sich schließlich mit dem Komplex der „Kognitions- und Handlungstheorien“. Zunächst werden Grundlagen der Handlungstheorie erörtert, auch im hier zentralen Bezug Person-Situation und dem entsprechenden Verhaltensweisen. Anschließend werden drei Konzepte herausgegriffen, dargestellt, im Hinblick auf ihre empirische Erforschung betrachtet und kritisch reflektiert: die Angstkontrolltheorie Epsteins an der Schwelle zwischen Behaviorismus und Kognitionspsychologie, die Stressbewältigungstheorie von Lazarus sowie die Kontrollprozesstheorie von Carver & Scheier.

Der letzte Hauptteil IV, „Empirische Befunde“, umfasst wiederum zwei Kapitel:

  • Kap. 9, „Bedingungen der Angst“, ist zweifach gegliedert: Zunächst werden als „proximale Antezedenzien“ relativ unmittelbar dem Angsterleben vorausgehende Bedingungen betrachtet. Unterschieden werden Bedingungen in der Situation sowie Bedingungen in der Situation. Anschließend geht es um „distale Antezedenzien“, also weiter vorausliegende Bedingungen, die zur Entstehung von Angst beitragen. Dieses Teilkapitel folgt einer Dreiteilung in grundlegende biologische Faktoren, demografische Merkmale sowie Sozialisationsfaktoren.
  • Kap. 10, „Konsequenzen der Angst“, ist ganz analog strukturiert: In einem ersten Teil geht es um „proximale Konsequenzen“, also solche Konsequenzen, die unmittelbar auf das Angsterleben folgen. Betrachtet werden Auswirkungen für Informationsverarbeitung, Leistungsverhalten, Sozialverhalten sowie psychophysische Anpassung. Im zweiten Teil werden „distale Konsequenzen“ betrachtet, also solche Folgen, die sich auf längere Sicht hin ergeben. Hier geht es um sechs „Wirkbereiche“: die Entstehung erhöhter Ängstlichkeit als Persönlichkeitszug, die Auswirkungen auf dispositionelle Angstbewältigung, emotionale und Verhaltensprobleme, chronische Erkrankungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten sowie entstehende Kompetenzdefizite. – In beiden Kapiteln 9 und 10 wird, ergänzend zur Beleuchtung des Forschungsstandes zu den einzelnen Erklärungsansätzen im Hauptteil III, eine große Fülle von empirischen Befunden zusammengetragen und analysiert.

Das Buch umfasst fast 400 dicht gesetzte Textseiten. Das Literaturverzeichnis beeindruckt durch die sehr große Zusammenstellung von Titeln über 70 Seiten, die zum einen zeigt, was der Verfasser im Hinblick auf den Forschungsstand zum Thema zusammengetragen hat, zum anderen dem Leser vielfältige Möglichkeiten zum Nach- und Weiterforschen bereitstellt. Auch differenzierte Sach- und Personenverzeichnisse finden sich im hinteren Buchteil und ermöglichen das spezifische Recherchieren zu bestimmten Teilaspekten, aber auch Autoren und damit Forschungssträngen.

Diskussion

Das gesamte Buch hat sich über Jahrzehnte der Auseinandersetzung mit der Thematik entwickelt. Es ist durchweg sehr systematisch strukturiert, hier auch durch das Gliederungssystem noch etwas klarer als die Vorgängerversion, und berücksichtigt umfassend wie gezielt alle wesentlichen Aspekte der Fragestellung: Begrifflichkeit, Konzept und Verständnis von Angst, Diagnostik, Bedingungsfaktoren, Folgen, Erklärungsansätze sowie, durchgängig, eine Integration des Forschungsstandes über Jahrzehnte hinweg, aber durchaus auch aktuell. (Es fällt dabei auf, dass neuere Literaturangaben über die Teilkapitel unterschiedlich verteilt sind und im Hinblick auf die Theorien zur Erklärung nur sehr begrenzt aufgenommen wurden, was aber der Entwicklung der entsprechenden Forschung geschuldet sein dürfte.)

Besonders hervorzuheben ist das zentrale dritte Hauptkapitel mit der differenzierten, kritischen Darstellung und Diskussion unterschiedlicher Konzepte zur Erklärung. Neu aufgenommen wurden hier, im Vergleich zu den Vorgängerversionen, biopsychologische Ansätze, was den aktuellen Entwicklungen in der Fachszene entspricht und eine wichtige Lücke schließt. Etwas schade ist, dass andere Ansätze etwas kurz kommen, so insbesondere der nach wie vor für Forschung, aber auch Praxis interessante psychologische Stressansatz von Lazarus, dessen Darstellung sich der Leser differenzierter gewünscht hätte.

Ebenso hervorzuheben ist das vierte Hauptkapitel, in dem Krohne etwas entfaltet, was schon in früheren Ausgaben typisch war: die Unterscheidung vorhergehender Bedingungen und nachfolgender Prozesse und Aspekte – sowie die zusätzliche Unterscheidung zwischen „nahen“ (proximalen) und „ferneren“ (distalen) Faktoren und Folgen. Dies dient als eine ganz eigene „Folie“, um ergänzend zur Diskussion um die Theorien den umfangreichen Forschungsstand zu Angst zu entfalten, zu ordnen sowie im Hinblick auf dessen Funktionalität für den Leser zu erschließen.

Schließlich wahrt Krohne über das gesamte Buch hinweg eine Perspektive, die man „interaktionistisch“ oder auch, in der Tradition von Lazarus, „transaktional“ nennen könnte: Betrachtet werden konsequent Aspekte in der Person selbst, jedoch auch situative Faktoren und deren Zusammenspiel. Dies ist für verschiedene Berufsgruppen von großer Relevanz, die von diesem Buch profitieren könnten, indem sich daraus nicht allein Hinweise zur (psychologischen, psychotherapeutischen, pädagogischen) Arbeit „an der Person“ ergeben, sondern ebenso Hinweise auf Prävention und Umgebungsgestaltung.

Im Hinblick auf Lesbarkeit ist zu sagen, dass sich dieses Buch nicht ganz leicht erschließt, was aus der Erfahrung des Rezensenten heraus, der in Sonderpädagogik und Pädagogik lehrt, insbesondere für Nachbardisziplinen der Psychologie gilt. Psychologisches Vorwissen erleichtert diese Lesbarkeit. Allerdings unterstützt der Verfasser die Lesbarkeit, gerade in dieser Fassung des Buches, durch verschiedene Beispiele, Abbildungen und Tabellen. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier um ein dezidiert wissenschaftliches Buch, dass es Lesern aus der Praxis nicht ganz einfach macht – das auf der anderen Seite jedoch gerade dadurch mit prägnanter, exakter Sprache und weit vertieften Informationshintergründen aufwartet.

Fazit

Bei diesem Buch handelt es sich um die Neuausgabe eines Klassikers, im Grunde des deutschen Klassikers der psychologischen Angstforschung. Es richtet sich an Studierende der Psychologie und bietet hier sowohl grundlegende als auch sehr vertiefte Informationen, die zur Spezialisierung im Bereich Angst beitragen können. Es kann aber auch Personen in der Praxis empfohlen werden, die sich für wissenschaftliche Hintergründe des Problemfeldes um Angst, Ängste, Ängstlichkeit und Angststörungen interessieren. Des Weiteren bietet es auch psychologische Grundlagen für weitere Disziplinen im sozialen Bereich: Pädagogen, Sonderpädagogen, Sozialpädagogen, Ärzte, Erzieher und weitere Berufsfelder. Hier gilt analog, dass das Buch auch Studierenden in diesen Bereichen im Sinne einer fundierten psychologischen Grundlegung empfohlen werden kann – auch wenn, wie bereits angesprochen, die Rezeption ohne entsprechenden psychologischen Wissenshintergrund teilweise nicht leicht fallen dürfte. Die Leseempfehlung gilt seitens des Rezensenten uneingeschränkt, denn hier wird ein hervorragender Überblick zur Psychologie der Angst vorgelegt.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 15.11.2011 zu: Heinz Walter Krohne: Psychologie der Angst. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020805-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11965.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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