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Wolfgang Benz, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): "Wir oder Scharia"? Islamfeindliche Kampagnen [...]

Cover Wolfgang Benz, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): "Wir oder Scharia"? Islamfeindliche Kampagnen im Rechtsextremismus. Analysen und Projekte zur Prävention. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2011. ISBN 978-3-89974-672-3. 19,80 EUR.
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Thema

Im Zentrum des Bandes steht die Frage, welchen Stellenwert Islamfeindlichkeit in der Politik rechtsextremer Parteien oder in rechtspopulistischen Kampagnen einnimmt. Daran schließt sich, um eine Reihe von Beispielen aus der Praxis ergänzt, die Erörterung an, wie man den ideologischen Sinnangeboten in der schulischen Bildungsarbeit oder in der Jugendarbeit begegnen kann.

Herausgeber

Wolfgang Benz war bis vor kurzem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Der andere Herausgeber, Thomas Pfeiffer, ist wissenschaftlicher Referent beim Verfassungsschutz NRW. Aus dieser Institution kommen noch drei weitere Autoren des Bandes.

Entstehungshintergrund

Der Band versammelt die Beiträge einer Fachtagung, die im November 2010 von der Begegnungsstätte Duisburg-Marxloh gemeinsam mit dem Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen veranstaltet wurde. Träger der Begegnungsstätte ist die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion). Die Entstehungsgeschichte erklärt auch den Abdruck eines Interviews und einer Podiumsdiskussion. Als Interviewerin und Moderatorin konnte dafür die Journalistin Ferdos Forudastan gewonnen werden.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort des Innenministers von NRW, Ralf Jäger, und der Einleitung der Herausgeber folgen im ersten Kapitel unter der Überschrift „Islamfeindliche Kampagnen: Erfolgsaussichten und Potenziale“ zwei inhaltlich unterschiedliche Beiträge. Der niederländische Politikwissenschaftler Rob Witte zeichnet nach, wie Islamfeindlichkeit in den Niederlanden zum wahlstrategischen Erfolgsmodell werden konnte, was im überraschenden Erfolg der „Partei für Freiheit“ (PVV) gipfelte, die neben Sicherheitspolitik und Gegnerschaft zur EU die Warnung vor dem Islam zu einem zentralen Programmpunkt gemacht hatte. Zur Erklärung des Erfolgs führt Vf. die Kulturalisierung sozialer Probleme, die Warnung vor dem Islam, aber auch die Skandalisierung des öffentlichen Raums an (Parole: „unsere Straßen zurückerobern“, S.27). vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, dem wir die regelmäßigen Studien über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) seit 2002 verdanken, referiert aus diesen Studien Umfrageergebnisse zur Islamfeindlichkeit, die Trends, soziale Kontexte und Motive beleuchten. Das Potenzial für Islamfeindlichkeit in Deutschland schätzt Vf. relativ hoch ein.

Im zweiten Kapitel, bei dem es um Differenzierungen zwischen Islam und Islamismus sowie zwischen Islamfeindschaft und Islamkritik geht, interviewt Ferdos Forudastan den Islamwissenschaftler Korkut Bugday. Er stellt klar, dass die viel beschworene Scharia sehr weit gefasst werden muss, im Kern „eine ethisch-moralische Richtschnur“ (S.53) und auslegungsbedürftig ist. Lediglich Islamisten würden sie als politisches Ordnungsprinzip anstreben. Im Übrigen unterscheidet Bugday zwischen Islamisten und gewaltbereiten Jihadisten (S.57). Die begriffliche Unterscheidung zwischen Islamfeindlichkeit und legitimer Islamkritik übernimmt Armin Pfahl-Traughber in seinem Beitrag, prüft auch den Begriff Islamophobie kritisch und differenziert außerdem zwischen „Muslimenfeindlichkeit“ und „Muslimenkritik“. Differenzierungskriterium ist für Vf. die „menschenrechtliche Perspektive“ (S.67f.). Das heißt, der Rahmen von Kritik wird dort überschritten, wo den Muslimen Grundrechte beschnitten werden sollen, u. a. die Religionsfreiheit in Frage gestellt wird. Im dritten Beitrag zu diesem Kapitel stellt Wolfgang Benz die Frage nach der Vergleichbarkeit von Islamfeindschaft und Antisemitismus. Er sieht deutliche Parallelen zwischen den beiden ressentimentgeladenen Fremdbildern, vor allem vergleichbare Verschwörungstheorien und entsprechende Bedrohungsfantasien.

Das dritte Kapitel über „Islamfeindschaft im Rechtsextremismus“ eröffnet Thomas Grumke mit der Erläuterung der strategischen Mittel und Ziele rechtsextremer Kampagnen. Eine wichtige Funktion spiele dabei „eine enge Kombination aus Feindbildern (…) und Identitätsangeboten“ (z. B. als aufrechter, reiner Deutscher, S.85), woraus sich, verstärkt durch die „Ethnisierung des Sozialen“ (S.86), u. a. die Agitation gegen Muslime erklärt. Dirk Weinspach konkretisiert dies mit einer Analyse der Programmatik der NPD und von „pro Köln/pro NRW“. Ergebnis: Muslime werden unter Generalverdacht gestellt, nicht nur für Terrorismus, sondern für Kriminalität etc. verantwortlich gemacht. In Europa ist für sie kein Platz, so die Botschaft. Die Propagandastrategien gegenüber Jugendlichen behandelt Thomas Pfeiffer, der den Begriff „Erlebniswelt“ zur Analyse benutzt, um die Bedeutung von jugendkulturellen Stilelementen (z. B. Rockmusik), von Gemeinschaftsgefühl, der Zugehörigkeit zu einem machtvollen Kollektiv oder auch des Reizes der Provokation verständlich zu machen. Näher geht Vf. ein auf die CD „S.O.S Abendland“. Den Slogan eines NPD-Werbeschreibens an Schülervertretungen in NRW „Wir oder Scharia!“ haben die Herausgeber übrigens im Titel des Bandes aufgegriffen.

Das vierte Kapitel wird eröffnet mit einem Gespräch, das F. Forudastan moderiert. Daran beteiligt sind neben W. Benz die Leiterin der DITIB-Begegnungsstätte Duisburg-Marxloh, Zehra Yilmaz, und Hans-Peter Killguss vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Sie gehen nochmals auf den Charakter islamfeindlicher Kampagnen und vor allem auf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten ein, diesen entgegenzuwirken. Killguss stellt daran anschließend die Übung „Toleranzampel“ vor, mit der Teilnehmerpositionen gemeinsam zur Sprache gebracht und reflektiert werden können. Zwei Lehrer/innen eines Dortmunder Gymnasiums, das sich der Bewegung „Schule ohne Rassismus“ angeschlossen hat, berichten über Projekte einer dortigen Arbeitsgemeinschaft. Dem interreligiösen Austausch dienten vier Veranstaltungen an zwei Berufskollegs, die von einer Pfarrerin und einem Religionslehrer geschildert werden. Ein Beispiel der außerschulischen Jugendarbeit ist dagegen Thema des Beitrags der Schalker Fan-Initiative (gegen Rassismus) e.V. Und auch das Straßentheater-Projekt („eine interkulturelle Theatersoap“), das vom Jungen Schlosstheater Moers durchgeführt wurde, gehört in dieses Praxisfeld. Abschließend werden die Erfahrungen geschildert, die man beim DITIB-Landesverband Berlin mit Moscheeführungen und interreligiösen „Tandemteams“ gemacht hat. Eine kommentierte Liste von Materialien für die Praxis vervollständigt das Bändchen. Die Autorenliste mit E-Mail-Adressen ermöglicht die Kontaktaufnahme.

Diskussion

Ein wichtiges Stück Aufklärung leistet Kapitel 2, indem die oft zum Schreckgespenst aufgebaute Scharia auf ihre eigentliche Bedeutung zurückgeführt wird. Auch die Unterscheidung zwischen Islamisten und Jihadisten ist aufschlussreich. Und hilfreich ist die Klärung, wo Islamkritik in Feindlichkeit umschlägt. Der Vergleich zwischen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus verdient insofern Aufmerksamkeit, als man bisher geneigt ist, die Gemeinsamkeiten zu leugnen. Die Beiträge des dritten Kapitels verdeutlichen jedoch, dass die Islamfeindlichkeit im Weltbild und in der Propaganda der Rechtsextremen einen ähnlichen Stellenwert hat wie der Antisemitismus. Hervorhebung verdient im Hinblick auf die Zielsetzung des Bandes der Beitrag über die jugendpolitischen Strategien der Rechten. Die Erfahrungsberichte im letzten Kapitel sind von unterschiedlicher praktischer Relevanz, was die Übertragbarkeit der Konzepte auf andere Kontexte angeht. Positiv anzumerken ist, dass auf beobachtete Erfolge ebenso wie auf Schwierigkeiten der Durchführung verwiesen wird. Die Auswahl der Projekte ist, für einen Tagungsband nicht untypisch, regional beschränkt und eher zufällig.

Fazit

Der kleine Band ist für die pädagogische Arbeit, speziell für die Jugendarbeit, hilfreich. Für jede pädagogische Fachkraft, die sich mit dem Thema Islamfeindlichkeit auseinandersetzen möchte oder auseinandersetzen muss, eine empfehlenswerte Lektüre.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 03.11.2011 zu: Wolfgang Benz, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): "Wir oder Scharia"? Islamfeindliche Kampagnen im Rechtsextremismus. Analysen und Projekte zur Prävention. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2011. ISBN 978-3-89974-672-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11981.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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