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Hans Dietrich Engelhardt: Leitbild Menschwürde

Cover Hans Dietrich Engelhardt: Leitbild Menschwürde. Wie Selbsthilfeinitiativen den Gesundheits- und Sozialbereich demokratisieren. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. 277 Seiten. ISBN 978-3-593-39498-5. 32,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie Selbsthilfeinitiativen in den letzten 40 Jahren -1970 bis 2010 – zur Demokratisierung des Gesundheits- und Sozialbereiches beigetragen haben. Unter Selbsthilfeinitiativen werden hier Selbsthilfegruppen, Selbsthilfeorganisationen, selbst organisierte und alternative Projekte verstanden. Ein Gedankengang ist dabei zentral: Die im Grundgesetz eingeforderte Menschenwürde wird als Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Mitwirkung definiert und als Prozess fortlaufender Realisierung verstanden. Selbsthilfeinitiativen waren und sind wesentliche Handlungsträger dieses Prozesses, dessen Inhalt nichts anderes ist als die Demokratisierung des Gesundheits- und Sozialbereiches. Menschenwürde als gelebte Überzeugung und Vision entfaltet somit eine kreative soziale Dynamik (Engelhardt).

Wie sieht es zu Beginn der 80er Jahre im Gesundheits- und Sozialbereich mit der Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Mitwirkung aus? Es herrscht das autonome Berufsmodell der Professionen, Patienten und Nutzer haben wenig oder keine Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechte, es gibt keine institutionalisierten Vertretungen von Patienten und Nutzern und die Gesundheits- und Sozialpolitiker setzen zur besseren Versorgung auf Ausweitung der Einrichtungen und Dienste.

Heute sehen wir eine andere „demokratischere“ Landschaft, in der Selbstbestimmung, Mitwirkung, Mitbestimmung in gesundheits- und sozialpolitischen Gesetzen festgelegt und zu einem guten Teil im Alltag realisiert sind.

Nun wird man diese Erfolgsgeschichte nicht allein den Selbsthilfeinitiativen zurechnen können, sondern im Kontext der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre und deren Nah- und Fernwirkungen verorten müssen, zu deren Bestandteil freilich die Selbsthilfeinitiativen auch zählen.

Der Autor versucht diesen grob skizzierten Wechsel in der Denk-und Handlungsweise, ganz konkret aus der Praxis der Selbsthilfeinitiativen und deren Einfilterung in die soziale Wirklichkeit von Hochschulausbildung und dem Gesundheits- und Sozialbereich zu erklären.

Autor

Der Autor Hans Dietrich Engelhardt war von 1975 bis 2003 Professor für Soziologie und soziale Arbeit an der Hochschule München und hat von Beginn an den neu entstehenden Selbsthilfeinitiativen teilgenommen, sie beobachtet, begleitet und für die Lehre und Forschung ausgewertet. Er weiß also, wovon er schreibt.

Aufbau und Inhalt

Im 1.Kapitel beschreibt Engelhardt, wie er zur Lehre, Praxis mit und für Selbsthilfeinitiativen gekommen ist und warum er dabei geblieben ist. Er sieht die Chancen und Veränderungsmöglichkeiten, die in einer von den entstehenden Selbsthilfeinitiativen eingeführten Neuorientierung der Arbeitsweise liegen. Wenn in jeder Person auch das selbstbestimmt handelnde Subjekt gesehen wird, so hat das Konsequenzen für das gesamte gesundheitliche und soziale Feld und für die Ausbildung von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern. Der Stagnation konnte mit einer tragfähigen Perspektive entgegengetreten werden.

Es folgt ein Kapitel, in dem die Selbsthilfelandschaft systematisiert wird, wobei u.a. Kriterien zur Charakterisierung der einzelnen Selbsthilfeinitiativen vorgeschlagen werden. Im Wissen um die Komplexität dieses Vorhabens sind hier insgesamt vier informative Abbildungen beigefügt. Es gelingt, diese fast undurchschaubare Vielfalt von Gruppen, Organisationen, sozialen und gesundheitlichen Projekten etc. zu ordnen und handhabbar zu machen.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Arbeitsweise von Selbsthilfeinitiativen: Learning by Doing – Selbsthilfeinitiativen als Konsumenten und Produzenten von Wissen. Es wird danach gefragt, was Menschen dazu bewegt, in Selbsthilfezusammenschlüssen ihre Probleme zu bewältigen, wie Selbsthilfe als Lerngruppe funktioniert und wie sich die Teilnehmer in den Gruppenprozessen entwickeln und aus ihrer Betroffenheit heraus individuelle und generelle Problemlösungen gestalten.

Von der Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit bis zu professionellen Innovationen-Leistungen von Selbsthilfezusammenschlüssen im Überblick, so ist das Kapitel 4 überschrieben. Um ein Beispiel zu geben: Gesprächs- und Kontaktgruppen, die erste Gruppenform, zeigen nicht nur Leistungen für die Gruppenteilnehmer selbst, sondern auch Leistungen für das Umfeld der Teilnehmer wie z. B. Verbesserung der Beziehungen, Hilfe für andere Betroffene außerhalb der Gruppen. Selbst organisierte und alternative Projekte, die zweite Gruppenform, haben und entwickeln alternative Arbeitskonzepte wie Empowerment, Wohngemeinschaften, Zugänge zu ausgegrenzten und besonders benachteiligten Personenkreisen. Eine Abbildung fasst die Leistungen der Selbsthilfeinitiativen nach Gruppenformen und aufgrund der Auswertung empirischer Studien übersichtlich zusammen.

Im Mittelpunkt des Kapitels 5 steht die Frage, wie die Betroffenenperspektive die Ausbildung zum Sozialpädagogen/Sozialarbeiter bereichert und qualifiziert. Genannt werden fünf Themenkreise: die Vermittlung von Basiswissen über Selbsthilfegruppen, das Konzept Empowerment und andere methodische Aspekte, die Optimierung der sozialen Arbeit durch Kooperation von Fachkräften und Selbsthilfeinitiativen sowie die Einbeziehung von Selbsthilfe und Selbstorganisation in bestehende Einrichtungen und Aktivierung, Befähigung und Verselbstständigung der Betroffenen.

Am Beispiel der Münchner Angstselbsthilfe wird im 6. Kapitel gezeigt, dass in der Kooperation von Fachkräften und Selbsthilfegruppen noch unausgeschöpfte Entwicklungschancen liegen. Das ist ein „uraltes“, aber immer wieder aufkommendes und auch heute noch aktuelles Thema. Keine Profession lässt sich freiwillig in die Karten schauen und gibt Besitzstände auf; die vermeintlichen Hoheitsgebiete werden verteidigt.

Wie alternative Leitbilder und Handlungsmodelle in die Gesellschaftsstruktur eingegangen sind, ist das Thema des 7.Kapitels. Aufgrund welcher Transformationsprozesse vergesellschaften sich Leitbilder und Konzepte der Selbsthilfeinitiativen und werden konstitutive Bestandteile der Gesellschaft? Engelhardt gibt einen richtigen und schönen Hinweis: Es sind auch in die in der Wissenschaft, in den Fachbehörden, in den Parteien, Parlamenten und Regierungen von Bund, Ländern und Gemeinden immer wieder zu findenden aufgeschlossenen Personen, die zu dieser Transformation beitragen.

Zum Ende des Buches wirft der Autor einen Rückblick auf die Menschenwürde als gelebtes Leitbild, betont die Unabgeschlossenheit der wohl aufs Ganze gesehenen und aufgrund der Selbsthilfeinitiativen gelungenen Demokratisierung und weist auf einige Baustellen hin: Einsicht in die von Fachleuten geführten Akten, Finanzierung auch der sozialen Selbsthilfeinitiativen, Verbesserung der Stellung der Patienten. Man könnte hier noch die familiale Selbsthilfe und die Arzt-Patient-Beziehung nennen, die ja auch zur Selbsthilfe gezählt werden müssen.

Wichtig zu erwähnen: Es gibt insgesamt 13 Abbildungen, die zum Verständnis beitragen und das Gelesene gut präsentieren. Vielleicht 500 Angaben auf 20 Seiten enthält das Literaturverzeichnis. Hinzu kommt ein Sachregister, das ein effektives Nachschlagen gestattet. Alles in allem handelt es sich um ein schönes und gut gemachtes Buch.

Diskussion

Nun stellt sich allerdings die Frage, ob die Transformation der Ideen und Praxis der Selbsthilfe in die gesundheitliche und soziale Wirklichkeit der Bundesrepublik folgenlos bleibt. Gibt es auch eine Verlustliste, die mit dieser Transformation einhergeht? Was gewinnen die im kommunalen Rahmen wirkungsvollen Selbsthilfeinitiativen, wenn sie auf Länderebene oder Bundesebene vertreten werden? Wie können Mitbestimmung und Mitwirkung besser gelingen als im kommunalen Rahmen (Modelle dazu gibt es)? Was bedeutet die Finanzierung der Selbsthilfearbeit durch die Krankenkassen (Die Statistik muss stimmen.)? Und welche Auswirkungen hat der Anstieg von Verwaltungs- und Finanzierungsfragen? Jedenfalls entsteht eine auch aus Sozialarbeitern bestehende Funktionärsschicht, die in der Gefahr steht, eine Stellvertreterposition einzunehmen.

Fazit

Durch die Konzentration auf die Menschenwürde und den damit verbundenen Gedanken der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der Selbstbestimmung gibt der Autor allen Arten der auf Selbsthilfe bezogenen Initiativen eine Basis und ein Leitbild. Darüber hinaus hat er einen geschichtlich geschärften Blick, insofern er die Entfaltung dieses Leitbildes über vier Jahrzehnte in wichtigen Bereichen beschreibt. Wie produktiv eine solcher Bearbeitungsrahmen ist, zeigt diese Veröffentlichung unbestritten.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 30.10.2012 zu: Hans Dietrich Engelhardt: Leitbild Menschwürde. Wie Selbsthilfeinitiativen den Gesundheits- und Sozialbereich demokratisieren. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-593-39498-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11984.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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