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Günther Ortmann: Organisation und Moral

Cover Günther Ortmann: Organisation und Moral. Die dunkle Seite. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. 319 Seiten. ISBN 978-3-938808-81-8. 28,00 EUR, CH: 49,00 sFr.
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Thema

In dem Buch geht es um die wachsende Macht korporativer Akteure, um deren gesellschaftliche Auswirkung und um die Frage der moralischen Fähigkeiten von Organisationen. Es geht darum, was Organisationen auf zentrale gesellschaftliche Fragen antworten und was sie verantworten. Der Autor fragt „nach der Moralität und der Amoralität, die durch Organisation, Singular, gestiftet wird und die Organisationen, Plural, an den Tag legen.“ (11) Hintergrund ist die Idee einer responsiven Ethik für Organisationen, als vernünftige Praxis im Sinn einer Achtung und Responsivität vor dem „Anspruch des Anderen“ im Sinn von Waldenfels bzw. auch im Sinn des Imperativs von Kant.

Autor

Professor Dr. Günther Ortmann ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre am Fachbereich Wirtschafts- und Organisationswissenschaften der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Aufbau und Inhalt

Im 19. und 20. Jahrhundert hat eine dramatische Machtverlagerung von individuellen auf korporative Akteure stattgefunden (23). Diese ist demokratisch nicht legitimiert aber höchst wirkungsvoll. Der Autor geht davon aus, dass Organisationen es sowohl zu einer Steigerung der Fähigkeiten verantwortlichen Handelns wie auch zu jener unverantwortlichen Handelns bringen, wobei ihr Eigensinn und Interesse in der Praxis zu letzterem tendiert.

Der Aufstieg des Profitstrebens zum institutionellen Imperativ der Marktwirtschaft „und die via Organisation und Wettbewerb losgelassene Beweglichkeit, Größe, Kraft und Eigendynamik machen aus Unternehmen potentiell so gefährliche Akteure.“ (12) Organisation beschert ungeahnte Effizienz und enorm gesteigerte Vermögen - Fähigkeiten, Ressourcen, Kompetenzen. Das hat in eine Konstellation geführt, die der Autor mit Günther Anders (1980) prometheisch nennt: „Wir können mehr - weit mehr! -, als wir verantworten können.“ (23) Während Anders das noch vor allem auf die technischen Möglichkeiten der Menschen gemünzt hat (Die Menschen stehen in „prometheischer“ Scham vor der glitzernden Perfektion, dem glänzenden Funktionieren ihrer Maschinen ...) bezieht Ortmann es nun auch auf Organisationen. Er bezeichnet diese als Orte normaler moralischer Katastrophen, als Moralverdrängungsmaschinen und Legitimationsfabriken.

Aufbau

Kapitel I bringt eine Bestandsaufnahme von Moral: Es geht um die potenzielle Macht und Ohnmacht von Moral, um Gleiten und Driften und rekursive Prozesse, welche die zunächst unbemerkte, dann nicht aufhaltbare Veränderung moralischer Regeln bewirken (shifting baselines, Normalisierung von Devianz …). Damit geht es um Prozesse des Auf- oder Abbaus moralischer Prinzipien wie auch, gerade in Zusammenhang mit Organisationen um das Wechselspiel von Systemzwängen und Akteursverantwortlichkeit. Anhand von vier Beispielen (einem Umwelt-, einem Korruptionsskandal, einem Hubschrauber-Abschuss und der Finanzkrise) zeigt der Autor das Wirken von shifting baselines und wie auch im scheinbar neutralen Wirtschaftlichkeitsprinzip in Zusammenhang mit der sozialen Konstruktion von Effizienz Moralität enthalten ist. Auch die Frage der moralischen Zurechenbarkeit (bzw. auch strafrechtlicher Verantwortung) von Organisation wird anhand von Beispielen diskutiert, die zeigen, dass „… die wichtigsten Probleme nicht in der Korruption durch Einzelne, sondern eben in den korruptiven Praktiken eines umfassenden organisatorischen Systems…“ liegen, denen sich Akteure oft schwer entziehen können (38). Die Dichotomie „Akteur versus System“ müsste aufgelöst werden und in ein „sowohl als auch“ überführt werden. Sowohl die Nicht-Zuschreibung moralischer Verantwortung an Systeme als auch die Pauschalentlastung von Akteuren als Ausführende von Systemimperativen führt demnach zu gigantischen Verantwortungslücken.

Die Finanzkrise zeigt dem Autor zufolge, wie unter dem Schlagwort „Deregulation“ eine Entfesselung des Systems zu beobachten war, die von Akteuren wie Banken, Parteien und „willfährigen neoliberalen Ökonomen“ betrieben wurde, welche nach der Krise 2008 nach eben jener Regulierung riefen, die sie davor grundsätzlich bekämpft hatten. Sowohl Regulierung als auch Nicht-Regulierung weisen aber Moralität auf, in der staatlichen Übernahme von Systemverantwortung und auch, wenn der Staat auf Basis des moralischen Urteils über das „freie Spiel der Kräfte“ sehenden Auges auf Deregulation setzt und damit ein soziales race to the bottom begründet. (42) Das Beispiel zeigt auch, dass Systemprobleme, also systemische Risiken jedenfalls systemischer Reparaturen bedürfen.

Das Fazit dieses Kapitels nennt sich „Normale moralische Katastrophen“ und nennt eine Fülle an solchen in Zusammenhang mit den Aktivitäten von Organisationen, allerdings aber auch die nach wie vor und auch in Organisationen bestehenden „Orte der Moral“. (56)

In Kapitel II geht es um die Frage, ob Organisationen überhaupt mögliche Adressaten moralischer Zurechnung und mögliche Träger von Verantwortung sind.

Auch hier werden vier Beispiele gebracht, in denen Organisationen moralisches Verhalten zeigen - teils in compliance-based Programmen (Moral stellt hier nur Gesetzestreue dar) teils integrity-based (Moral bezieht sich hier auf umfassendere, integriertere Ethikprogramme), insgesamt hält der Autor aber fest: „Das Verhältnis von Organisation und Moral ist kein Liebesverhältnis.“ (72) Die dahinter liegende Theoriefrage, ob es so etwas wie korporative Akteure gibt, wird mit „ja, aber“ beantwortet. Apologeten eines methodologischen Individualismus hält der Autor entgegen, dass auch die Zuschreibung einer Handlung auf eine Person eine Fiktion ist. Aufgrund einer Verknüpfung von Selbst- und Fremdbeschreibung erlangen Organisationen ebenso fingierten Akteursstatus. („Der Korporativakteur ist eine Realität, die sich einer Fiktion verdankt.“ (63) Seien es nun organisationale Entscheidungsstrukturen oder in Weberscher Terminologie ein Verwaltungsstab, Weisungs- oder Verantwortungsregeln - letztlich können Interaktionen auf Organisationen zugerechnet werden. Die Zurechnung basiert also zum einen auf organisatorisch geregelten Repräsentationsverhältnissen, zum anderen auf der Emergenz „organisationaler, individuell nicht mehr verfügbarer Handlungsvermögen und Handlungsweisen.“ (64) Das „aber“ in der Argumentation bezieht sich u.a. auf die Fähigkeit zu Mitbetroffenheit - Organisationen können sich nicht schuldig fühlen, dennoch aber als schuldig gelten.1 Das Verhältnis zwischen Individuen und Organisation wird als rekursives Konstitutionsverhältnis bestimmt: Organisationsmitglieder erzeugen interagierend die Organisation, die wiederum auf die Mitglieder zurück wirkt. (77)

Kapitel III konzentriert sich unter dem Titel „Moralverdrängung durch Organisation(en) auf die negativen moralischen Vermögen von Organisationen.

Ortmann bezieht sich zunächst auf das Stichwort der „organisierten Unverantwortlichkeit“ von Beck und auf die These von Hans Geser, derzufolge Organisationen eine größere Vernunftfähigkeit und Moralfähigkeit haben als Individuen, mit der impliziten Schlussfolgerung: „Organisationen können mehr also sollen und müssen sie auch mehr.“ (81) Gerade Organisationen können sauber definierte und gute, arbeitsteilig zu gewährleistende Verantwortlichkeit erwirken. Der Autor fügt aber hinzu, dass sie auch gesteigerte Möglichkeiten aufweisen, Moral zu verdrängen oder zu verletzen. „Organisationen sind im Vergleich zu uns Einzelnen die Stärkeren. Sie sind es im Guten wie im Bösen.“ (23) Sie haben aber auch stärkere Interessen und bessere Möglichkeiten, sich Gesetzen, Regeln, Kontrollen oder Sanktionen zu entziehen (160).

In der Folge werden Mechanismen der Moralverdrängung in Organisationen beschrieben. Neben Nötigung und Angst von Mitarbeitern geht der Autor auch auf Gier ein, er charakterisiert sie als Funktionsmoral jener Organisationen, die besonders viel mit Geld zu tun haben. Neben Organisationen sieht er auch Gruppen mit Bezug auf Janis´ Analyse des group-thinking als wichtige soziale Orte der Moralverdrängung, wobei es gerade in Organisationen stabile, wichtige und hierarchisch am Organisationszweck ausgerichtete Gruppen gibt. (97) Generell haben angesichts autopoietischer Geschlossenheit moralische Gesichtspunkte nur dann gute Chancen, in die Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Entscheidungsprozesse von Organisationen Eingang zu finden, wenn sie mit Zwecken, Erfordernissen, Regeln und Ressourcen der Organisation kompatibel sind. Alles andere wird de-kommuniziert - aus dem organisationalen Diskurs ausgeschlossen und von moralverdrängenden und legitimationsstiftenden Wirklichkeitskonstruktionen begleitet (107). Mit neoinstitutionalistischen Bezügen wird daraufhin gezeigt, wie Rituale, Mythen und Sprachregelungen das Auseinanderfallen von talk, decision und action auffangen. Für Organisationsmitglieder führt dies zu schwierigen Gemengelagen der Ausbalancierung eigener und organisationaler Moral, Unterstützung bekommen sie dabei allerdings durch moralische Arbeitsteilung (106ff) bzw., nach dem Begriff von Zygmunt Bauman durch „soziale Erzeugung moralischer Unsichtbarkeit“ (109). Weitere moralverdrängende Mechanismen sind Diffusion, Schottenbildung oder die Betäubung von Verantwortungsgefühl durch die Organisation (Indifferenz- und Anästhesie-These, 113f) oder double-binds, die die Nichtbefolgung von Vorschriften nahelegen, shifting baselines oder race to the bottom, Mimesis, Pfadabhängigkeit, die Konstruktion einer Organisationsmoral als Eigenwert in Zusammenhang mit Selbstorganisation2 , oder die von Teubner beschriebene strukturelle Korruption von Systemlogik durch die Logik anderer Teilsysteme. Viele dieser Mechanismen sind zirkuläre Verursachungs- und Begründungsverhältnisse, können sich daher sowohl in positiver als auch in negativer Richtung drehen (Engels- und Teufelskreise). „Auf´s Einleiten und In-Schwung-Halten solcher Engelskreise - in welchen die Resultate von gestern unsere Standards von heute und diese die Standards von morgen bestimmen; die Praxis der Einen die Standards und sodann die Praxis der Anderen - sollte setzen, wer der Moralverdrängung durch Organisationen und in Organisationen (in Maßen) entgegen arbeiten will.“ (153) Da auch positive Bewegungen zur Selbstverstärkung tendieren, fordert Geser, die Anforderungen an die Verantwortlichkeit von Organisationen hochzuschrauben. (162)

Der Autor kontrastiert Baumans Analyse der Erzeugung moralischer Indifferenz durch Organisationen mit Luhmanns Systemtheorie und fragt schließlich nach der Gestalt von Organisationsstrukturen, die der Gefahr der von Luhmann postulierten Wertneutralisierung durch Zwecke entgegenarbeiten, indem sie zur Erosion autoritärer Strukturen beitragen.

Kapitel IV beschreibt die Möglichkeiten von Organisationen, bei der Genese, Produktion und Definition von Moral sowie auch bei der Gestaltung von moralischen Zuschreibungen und Normen mitzuwirken. Es geht also um die Funktion von Organisationen als Sinngeneratoren (187)3. Grundlage dafür sind Legitimierungsanforderungen an Organisationen, wie sie die neoinstitutionalistische Theorie beschrieben hat. Organisationen haben weit stärkere Gründe und Möglichkeiten, passende Alltagstheorien zu konstruieren und auch durchzusetzen. Dies passiert u.a. durch Heuchelei (welche die Gültigkeit moralischer Normen unangetastet lässt und damit fast stärkt), Bigotterie (welche sich auf besonders hohe, heilige Motive stützt), Disziplinierung und kulturelle Normalisierung, der Legitimation durch Verfahren oder interne Regelwerke.

Ein Beispiel für Prozesse sozialer Legitimierung ist das Leistungsprinzip, welches in Bezug auf seine Rechtfertigung nicht mehr hinterfragt wird, aber auch Fiktion ist, wie Ortmann im Folgenden Zitat treffend formuliert: „Dass es kapitalistischen Gesellschaften gelingt, eine Selbstbeschreibung als Leistungsgesellschaft zu etablieren und aufrechtzuerhalten - Gesellschaften, die mit Geld, Ruhm, Ehre, Prestige und überhaupt Lebenschancen Leute überhäufen, die schnell im Kreis fahren, größere und kleinere Bälle geschickt schlagen, treten oder werfen können, Glück im Casino-Kapitalismus haben oder genug Alertness bei der Selbstbedienung aufbringen - , zählt zu den Wundern des Sozialen.“ (201)

Organisationen tendieren dazu, das für richtig zu halten und zu erklären, was sie können - sie erklären die Welt also nicht nur im Lichte ihrer Interessen, sondern v.a. im Lichte ihrer Ressourcen und Vermögen4 . Auch organisierte Rechenschaft - accounting und controlling haben intrinsische Grenzen. Das Wort accounting bezieht sich einerseits auf die Übernahme von Verantwortung andererseits auf wirtschaftliche Rechnungslegung : „Das für Organisationen, in den letzten Jahrzehnten auch für Non-Profit-Organisationen Besondere ist, dass sie auch mit dieser zweiten Art des „accounting for accounting“ operieren. Nun liegt ja auf der and, inwiefern wirtschaftliches Accounting einer reduzierten Art von Rechenschaft gilt, einer nahezu (…) moralfreien Sorte von Verantwortlichkeit.“ (212) Hier zählt nur mehr das, was ökonomisch ins Gewicht fällt5. Andere Formen der Fabrikation von Legitimität sind Professionen, die Einflussnahme auf Institutionen (Gesetze, Normen, Verordnungen) durch Lobbyismus, Druck und Drohungen (Stichwort Standortpolitik) oder private governance regimes, d.h. außer-staatliche Rechtsproduktion durch Expertengruppen. (219).

Dabei wird auch die Macht des Gebrauchs von Sprache beschrieben „… in der Einsicht, dass Organisationen mit ganz anderer performativer Wirkung zu sprechen vermögen als individuelle Sprecher, und dass daher die Analyse organisationaler Sinnkonstitution und Legitimation nach einer linguistischen Wende der Organisationsforschung verlangt, die allerdings ihrerseits nicht machtblind sein darf.“ Zwei Beispiele sind organisationale Rhetorik, die Organisation von Emotionen und insgesamt die Wahrnehmung von Definitionsmacht (Beck), welche sich weitgehend auf Organisationen verlagert hat - als „politics of reality“, also die Politik der Wirklichkeitskonstruktion.

Organisationsintern werden widerständige oder abweichende moralische Überzeugungen schleichend im Rahmen institutionalisierter Bewährungsproben zum Verstummen gebracht und Konformität belohnt.

In Kapitel V geht es unter dem Titel „Die Pflicht des Stärkeren“ in einer organistionstheoretischen Zuspitzung um Möglichkeiten des Umgangs mit der beschriebenen Situation - um Systemverantwortung und korporative Verantwortung auf Basis einer weitgedachten „Zurechnungsexpansion“. Verantwortlichkeit kann demnach nicht mehr an einzelnen Akteuren und deren Handlungen festgemacht werden, sondern muss in die „sozialen Systeme als deren Selbst- und Umweltverantwortlichkeit eingebaut werden.“ (253) Beispiel dafür ist die Beweislastumkehr bei Umweltschäden.

Schlussfolgerung ist jedenfalls, dass Verantwortlichkeit mehr in Organisationen eingebaut werden muss. Da Moral der Funktionsfähigkeit von Organisationen auch dient (z.b. für Loyalität, Reputation etc.), ist sie diesen nicht wesensfremd, stellt sie aber vor Paradoxien. Bei der Organisation von Verantwortlichkeit geht es konkret um Modifikationen des Unternehmensstrafrechts im Sinne einer stärkeren strafrechtlichen Verantwortung korporativer Akteure, Corporate Social Responsibility, sowie Governanceethik und Wertemanagement. Die Formulierung von Werten, Compliance-Programmen, etc. spiegelt zwar meist die organisationale Realität nicht (vollständig) wider, sie symbolisiert, kommuniziert und verdeutlicht aber die Geltung von Werten, möglicherweise mit performativen Effekten. Wirkungsmächtig werden sie allerdings erst, wenn sie durch organisationale Regeln und Ressourcen abgesichert werden. Dies bedeutet organisationale Responsivität: „Es braucht Regeln und Ressourcen für die Wahrnehmung und Interpretation, für die Kommunikation und für das Enactment der Ansprüche der Anderen durch die Organisationsmitglieder. Es braucht „Gehör“, Stimme und Macht.“ (276)

Neben der Unterscheidung von Gesetzes- bzw. Regeltreue (compliance) von Integrität wird abschließend das Verhältnis von individueller und korporativer Verantwortung diskutiert und in einen wechselseitigen Bedingungszusammenhang gestellt, der allerdings gewisse Paradoxien enthält, insoweit als postuliert wird, Organisationen sollten sich um die stärkere individuelle Integrität ihrer Mitglieder bemühen, während sie dieser gleichzeitig nur selektiv bedürfen.

In Organisationsgesellschaften kann man jedenfalls, so die Argumentation, „die Moral nicht mehr allein für die Ebene individueller Akteure und ihres Handelns reservieren und reklamieren (…), auch wenn die Philosophen nach wie vor stark dazu neigen.“ (273)6

Diskussion

Das Thema Moral und Organisation ist angesichts gegenwärtiger Entwicklungen höchst aktuell und wird derzeit in unterschiedlichen Publikationen aufgegriffen. Bereichernd hier ist die starke Verbindung mit Organisationstheorie. Auch die Verdeutlichung der paradoxen Verhältnisse, in denen selbst dort, wo Moral abgelehnt wird, Moral in hohem Maße enthalten ist7 , etwa im Prinzip der Wirtschaftlichkeit, in der funktionalistischen Moderne ist plausibel, ebenso wie die Auflistung unterschiedlichster Strategien. Mögliche Lösungsansätze kommen demgegenüber etwas kurz, allerdings ist das dem Buch bzw. dem Autor nicht anzulasten, da es nicht deklariertes Hauptziel und zudem ein neues, sehr komplexes und politisches Thema ist.

Das Buch wird durch Beispiele und das Eingehen auf viele unterschiedliche Aspekte sowie auch durch eine blumige, oft inspirierende Sprache bereichert allerdings auch verkompliziert. Substanzielle Zusammenfassungen würden das Lesen auch jenen erleichtern, die weniger Vergnügen an der elaborierten Sprache und den vielen Nebengleisen haben.

Fazit

An dem Buch kann man sowohl über Organisationstheorie, als auch über Moral und allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen lernen. Ich werde damit mit meinen Studierenden arbeiten und kann es auch allen empfehlen, die sich vertieft mit Organisationswissenschaft und der Verantwortung von Organisationen befassen wollen.

1 Ortmann zitiert hier Bakan, Joel (2005): „Konzerne ähnelten Psychopathen. sie hätten kein Mitgefühl, kein Gewissen, kein Verantwortungsbewusstsein. Gnadenlos bekämpfen sie jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Die eigene Egozentrik verstecken sie hinter einer Fassade der Corporate Social Responsibility.„66

2 „In der Organisationsforschung führt das Selbstorganisationsparadigma ein überwiegend beschauliches Dasein und pflegt mit einer Tendenz der Dinge assoziiert zu werden, von selbst ins Lot zu kommen.“ 176

3 „Das Prinzip der Zweckrationalität aber, der Wirtschaftlichkeit, weit davon, wertfrei zu sein, ist vielmehr ein Prinzip, das Effizienz als Wert zur Herrschaft bringt. Es postuliert, die Welt in Out- und Input zu zerlegen und beide nurmehr in quantitativen, schließlich in Geldgrößen z u messen (und somit andere Wertaspekte, zumal moralische, zu verdrängen).“ 188

4 Eine Polizeiorganisation z.B. kann schwer in sozialpädagogischen Begriffen denken - es fehlen ihr die Denkmittel und Ressourcen.

5 Begriffe wie Leistung, Kosten, Input etc. resultieren nicht aus natürlichen Mustern, sondern aus performativen Sprechakten: „Leistung ist, was als Leistung gilt/zählt.“ 212

6 Nicht alle Philosophen tun dies, vgl.: Christian Neuhäuser: Unternehmen als moralische Akteure. Berlin 201 Auch Scheinheiligkeit ist insofern Merkmal einer Moralität, „auch wenn diese sich nur noch in der Notwendigkeit bemerkbar macht, sie vorzutäuschen.“ 42

7 Auch Scheinheiligkeit ist insofern Merkmal einer Moralität, „auch wenn diese sich nur noch in der Notwendigkeit bemerkbar macht, sie vorzutäuschen.“ 42


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 15.09.2011 zu: Günther Ortmann: Organisation und Moral. Die dunkle Seite. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. ISBN 978-3-938808-81-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11991.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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