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Gerhard Grunick, Nicola Maier-Michaelitsch: Leben pur- Kommunikation [...] (Mehrfach-/Schwerbehinderung)

Cover Gerhard Grunick, Nicola Maier-Michaelitsch: Leben pur- Kommunikation bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2010. 276 Seiten. ISBN 978-3-910095-79-3. 17,40 EUR.
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Thema

Die Herausgeber/-innenschrift befasst sich mit der Kommunikation als zentraler Dimension des menschlichen Miteinanders und fokussiert die Kommunikation bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Kommunikation ermöglicht es, Informationen zu erhalten und weiterzugeben, sich Wissen anzueignen, Wünsche mitzuteilen, sich auszutauschen und miteinander in Beziehung zu treten. Für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen und ihre Interaktionspartnerinnen und -partner – Familie, Mitschüler/-innen, Betreuungspersonen, Therapeuten/-innen etc. – kann die Kommunikation stark erschwert sein und zuweilen sogar als unmöglich erscheinen. Sie sind auf nonverbale Sprache angewiesen, auf Mimik und Gestik, die jeweils unterschiedlich gezielt und verstehbar eingesetzt werden kann. Hier gilt es, basale körper(sprach)liche Äußerungen zu nutzen sowie die vielfältigen Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation und der Informationstechnologie.

Herausgeber/-innen und Autoren/-innen

Gerhard Grunick und Nicola Maier-Michalitsch sind die Herausgeber/-innen dieser Schrift. 17 Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis gestalten die Inhalte.

Entstehungshintergrund

Das Buch enthält Vorträge der Tagung „Leben pur 2009“.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort der Herausgeber/-innen und einem kurzen motivierenden Grußwort des Pfarrers und Karikaturisten Werner Tiki Küstenmacher im Sinne von „simplify your life“ folgen sieben thematische Abschnitte:

  1. Kommunikation – Einführung ins Thema,
  2. Körpersprachliche Kommunikation,
  3. Kommunikation im Alltag,
  4. Unterstützte Kommunikation bei schweren Behinderungen,
  5. Spezielle Aspekte,
  6. Versorgung mit Hilfsmitteln und Sozialgesetzgebung und
  7. Betroffene schildern ihre Erfahrungen.

Prof. Dr. Andreas Fröhlich und Prof. Dr. Jens Boenisch stellen sehr einfühlsam, differenziert und fundiert die grundlegende, Menschen verbindende Bedeutung und Wirkung von Kommunikation dar. Zum Einen (Fröhlich) mit dem Fokus auf der Kommunikation und dem somatischen Dialog im Allgemeineren und zum Anderen (Boenisch) bezogen auf die Bedeutung des Kern- und Randvokabulars auf Kommunikationsoberflächen und die Sprachförderung.

Prof. Dr. Wolfgang Praschak, PD Dr. Susanne Wachsmuth und Sören Bauersfeld beschreiben Möglichkeiten körpersprachlicher Kommunikation: Sensumotorische Kooperation bzw. Kooperative Pädagogik mit dem Bezug zur Gestaltung der Aktivitäten des täglichen Lebens und zur Pflege u.a. in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen (Praschak), Basale Kommunikation nach Mall, Elementare Beziehungen nach Fornefeld sowie die Betrachtung der Situation und Möglichkeiten der primären Bezugspersonen (Wachsmuth) und Somatischer Dialog nach Fröhlich, Basale Kommunikation nach Mall und Tonischer Dialog nach Praschak (Bauersfeld). Die Autoren/-innen geben aus ihren verschiedenen Perspektiven Möglichkeiten des Verstehens von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen und des Kommunizierens mit ihnen.

Den Fokus auf die Kommunikationspartnerinnen und -partner von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen richten PD Dr. Susanne Wachsmuth und Dr. des. Kathrin Mohr mit ihren Ausführungen zum Diagnostik- und Planungsinstrument „Social Networks“ (Wachsmuth) und zu einer interessanten, eigenen Studie zur Kommunikation in Beziehungsprozessen (Mohr).

Aus dem Bereich des Förderschwerpunktes Sehen skizziert Uta Herzog grob die Sprachentwicklung unter den Bedingungen des Sehens bzw. Nicht-Sehens und stellt Möglichkeiten der konstruktiven Unterstützung vor. Von ebenfalls praktischer Relevanz ist der Artikel über das „Ich-Buch“ von Cordula Birngruber.

Angela Simon legt den Fokus auf sehr kleine Kinder mit schweren Beeinträchtigungen und die Möglichkeit der Kommunikation über die Begegnung und das Vertrauen (vgl. auch Fröhlich). Die Möglichkeit des Taktilen Gebärdens betont Jutta Wiese und weist auf die Bedeutung zur Sprachentwicklung und Sprachnutzung für Menschen mit einer Hörsehbehinderung bzw. einer Taubblindheit hin. Ein weiterer sehr spezieller Themenbereich wird von Sandra Krenz und Michael Schwerdt mit der Selbstbestimmung und Teilhabe bei langzeitbeatmeten Kindern und Jugendlichen eingebracht. Der/ Die Autor/-in berichten sehr einfühlsam, anschaulich und ausführlich über ihre Erfahrungen in einer Wohn- und Rehabilitationseinrichtung für o.g. Kinder und Jugendlichen. Möglichkeiten der Kommunikationsanbahnung durch Musikhören und Musikspüren beschreibt Frank Wendeberg ebenfalls sehr anschaulich und mittels vieler Praxisbeispiele.

Der Beitrag von Werner Gruhl gibt einen auszugweisen Überblick über relevante Aspekte aus dem System der Sozialgesetzgebung. Die Herausgeberschrift wird von den Beiträgen von Jens Ehler und Brigitte Schefold und Konrad Schütte abgeschossen. Jens Ehler berichtet über seine langjährigen Erfahrungen als Mensch, der unterstützt kommuniziert; Brigitte Schefold und Konrad Schütte berichten als Mitwirkende des Projektes „Soziale Initiative – Connecting friends“.

Diskussion

Sehr gelungen ist an der vorliegenden Schrift die Zusammenstellung wissenschaftlicher Empirie- und Theorie bezogener Erörterungen und praxisbezogener Beiträge. Die Vielfalt der Zugänge und der Beispiele regen die Auseinandersetzung zum Einen mit der Kommunikation als solcher an und zum Anderen mit der Kommunikation mit Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Eine Schwierigkeit dieser Vielfalt ist die Gliederung der Themenaspekte, die nicht in jedem Fall schlüssig ist und manchmal etwas verwirrt. Dieser Eindruck wird durch einige thematische Überschneidungen innerhalb verschiedener Beiträge verstärkt. Bei der Dokumentation von Tagungen ist das manchmal nicht zu vermeiden und stellt vielleicht auch den besonderen Charme derartiger lebensnaher Veröffentlichungen dar. Sicherlich erscheinen auch einige Beiträge aussagekräftiger als andere; eine direkte Bewertung ist jedoch stets im Kontext dessen zu treffen, was erwartet und nicht erwartet wird. Mit Blick hierauf lässt sich sicherlich bescheinigen, dass diese Herausgeber/-innenschrift eine breite Leser/-innenschaft anspricht und von dieser durchaus gelesen werden sollte. Dennoch möchte ich die Beiträge von Fröhlich, Boenisch, Mohr, Simon, Krenz und Schwerdt sowie Wendeberg wegen ihrer Fundierung, Fundiert- und Differenziertheit besonders hervorheben. Als Schlusssatz möchte ich mich eines Zitats von Schefold und Schütte bedienen: „Wir alle sind sehr erschrocken darüber, wie viel zu viel wir reden, wie wenig Zeit wir lassen und wie viele (eindeutige!) Kommunikationshinweise wir nicht beachten.“ (S. 265)

Fazit

Das vorliegende Buch ist eine sehr ansprechende und anregende Sammlung von Beiträgen zur Kommunikation mit Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen.


Rezension von
Prof. Dr. Anke S. Kampmeier
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Zitiervorschlag
Anke S. Kampmeier. Rezension vom 24.09.2013 zu: Gerhard Grunick, Nicola Maier-Michaelitsch: Leben pur- Kommunikation bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2010. ISBN 978-3-910095-79-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11995.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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