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Jakob F. Dittmar: Comic-Analyse

Cover Jakob F. Dittmar: Comic-Analyse. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. 220 Seiten. ISBN 978-3-86764-301-6. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Thema

Comics sind in unserer Welt allgegenwärtig. Sie begegnen uns überall: Seien es Comic-Strips von Hägar, Garfield oder Bleeker in Tageszeitungen, die Micky-Maus Hefte, mit denen viele aufgewachsen sind, Superhelden-Comics wie Superman, Batman oder Spiderman, Asterix und Obelix, die mannigfaltigen Mangas oder komplexe Graphic-Novels, die immer populärer werden. Dennoch werden Comics vielerorts nicht als ernsthaftes Medium wahrgenommen. Comic-Leser sind entweder noch jung oder sie sind verschrobene Nerds wie zum Beispiel die Protagonisten der Fernsehserie The Big Bang Theory. Doch Comics sind weitaus mehr und werden mittlerweile sowohl feuilletonistisch als auch wissenschaftlich betrachtet. Hier knüpft das Buch Comic-Analyse von Jakob Dittmar an, das nun in der zweiten und überarbeiteten Auflage vorliegt.

Autor

Jakob Dittmar ist derzeit an der Malmöer Hochschule angestellter Lektor und Dozent im Bereich Medienwissenschaft. Er promovierte über „Inszenierte Industrie in der postindustriellen Stadt„in Kunstwissenschaft und wurde mit dem vorliegenden Buch als Medienwissenschaftler an der TU Berlin habilitiert. Seine weiteren Veröffentlichungen sind „Grundlagen der Medienwissenschaft“ und „Im Vorbeigehen. Graffiti, Tattoo, Tragetaschen: En passant Medien“, beide im Universitätsverlag der Technischen Universität erschienen. Die Erstauflage seiner Habilitationsschrift „Comic-Analyse“ erschien im Jahr 2008.

Inhalt und Aufbau

Jakob Dittmar beginnt seine Abhandlung mit der Abgrenzung von Comics zu anderen Medien. In dem Abschnitt Comic und Medien versucht er, über die Beziehung des Comics zu verwandten Medien, das Wesen des Comics zu ergründen. Dazu untersucht er die verschiedenen Gattungen der Druckmedien, geht historisch und kulturell auf die Entwicklung des Comics ein und grenzt den gedruckten Comic von seinem digitalen Vetter ab, den er als eine andere Gattung versteht, da er eine andere Rezeption erfordere. Daraufhin betrachtet er die Interaktion zwischen Comic und anderen Medien, zu den bildenden Künsten und besonders zum Film. Filmzitate und die Sehtradition der filmischen Rezeption beeinflussen das ebenfalls visuelle Medium Comic stark. Demgegenüber hinterlässt der Comic aber auch seine Spuren in anderen Medien.

Erst danach versucht Dittmar sich an einer Definition des Comics, wobei er zuvor die Grundlagen des Erzählens zusammenfasst und die Struktur einer Aussageabsicht aufzeigt. Dittmar definiert den Comic als ein massenmediales Druckerzeugnis, in dem „eine Sequenz von Bildern oder Bildelementen, die einen Handlungsstrang oder Gedankenflug erzählen und dazu in räumlicher Folge […] gezeigt werden“ (44), abgebildet ist. Er nimmt auch die Definitionen von David Kunzle, der den Comic anhand seiner wesentlichen Elemente erklärt (ein Comic besteht aus einzelnen Bildern, das Bild ist wichtiger als der Text, das Medium ist ein Massenmedium und die Sequenz solle eine Geschichte erzählen) und Fritz Breithaupt, der auf die Narration Mithilfe von Bilderfolgen hinweist, mit auf. Dittmar zeigt die unterschiedlichen Kategorien von Comics auf (Funnys, Abenteuer und Action, Romanartige). Als Hilfskonstrukt für die Analyse des Comics stellt er den Produktionsablauf dar und empfiehlt als Instrumentarium die Filmanalyse und die kunsthistorische Bildbeschreibung.

Im Folgenden widmet er sich den einzelnen Bestandteilen des Comics. Er beginnt mit dem Rahmen, der, je nachdem wie und wo er gezogen wird, das Bild stilistisch mitbestimmt. Ohne ihn kann man nicht erzählen: „Ohne Rahmen keine Comics“ (60), wobei ein Rahmen nicht unbedingt sichtbar sein muss, beziehungsweise auch (auf)gebrochen werden kann.

Danach richtet Dittmar sein Augenmerk auf das Bild, welches man sowohl einzeln als auch in Bezug auf Bildfolgen interpretieren kann. Er unterscheidet verschiedene Arten von Bildern (Panel/Box, Tableau, Fullpage-Shot, Splash-Page). Im Comic dominieren die Bilder über die Sprache und den Text, so ist die Behandlung des Bildes im Comic ein wichtiger Bestandteil einer Gesamtanalyse. Dabei geht es um den Aufbau, die Themen und Inhalte, die Beziehung zu anderen Bildern und den Rhythmus der Erzählung. Er zeigt auf, wie der Leser Bilder wahrnimmt, beschreibt die Bedeutung der Leserichtung (besonders beim Manga wesentlich), erwähnt die Unterschiede im Format und die Komposition einzelner Bilder. Danach adaptiert er die Einstellungs- und Perspektivbezeichnungen der Filmanalyse für den Comic. Der Darstellung von Bewegung mittels dynamischer Posen, Action-Lines oder anderen bildlichen Mitteln folgt in seinem Text die Beschreibung von dargestellten Emotionen der Comicfiguren.

Ein Merkmal des Comics ist die Symbiose aus Bild und Text. Im Comic werden unterschiedliche Textformen genutzt, wie Kommentare, direkte Rede in Sprechblasen, Gedankengänge als auch Geräusche. Dittmar zeigt auf, welches Verhältnis Text und Bild im Comic haben, wie sie stilistisch im Bild integriert sind, welchen Raum sie darin bekommen und welche Bedeutung die Typographie darin hat. Comics erzählen im Normalfall Geschichten. Im folgenden Abschnitt weist Dittmar auf die Konstruktion der Narration hin. Hier beleuchtet er das Zusammenspiel der Ebenen Bildelemente, Bilder und Sequenz bezüglich des bildlichen Handlungsgerüstes mit den Erzählsträngen der Texte. Dabei komme der Mise-en-page, der Anordnung der Bilder auf einer Seite, eine eigene Rolle für den Rhythmus der Erzählung zu. So besitzen Comicseiten sowohl eine Gleichzeitigkeit (alle Bilder auf einem Blatt) als auch eine Zeitlichkeit (in der Sequenz). Ähnlich wie im Film könne man auch im Comic eine „Montage der Bilder“ (also Anordnung der Bilder, was im Film per Schnitt geschieht) entdecken.

In den folgenden beiden Abschnitten betrachtet er Zeichen sowie Stil und Farbe. Im Comic werden Zeichen aus verschiedensten Systemen gemeinsam verwendet und je nach ihrer Bedeutung angewandt. Dabei sei der Großteil des Bildinventars ikonisch, könne aber auch eine große Bandbreite von Bedeutungen besitzen. Auch die Figuren versteht Dittmar als Zeichen (Handlungszeichen), die zur sofortigen Charakterisierung gerne typisiert vereinfacht werden. Der Stil und die Farbe der graphischen Gestaltung des Comics, ob er in Farbe oder Schwarzweiß gehalten ist, eher malerisch ist oder Linien dominieren, hat ebenfalls einen Einfluss auf die Rezeption eines Comics. Dittmar beschreibt die unterschiedlichen Stile von Comics und unterteilt sie vorsichtig in einen europäischen, amerikanischen (Marvel-, DC-, Image- oder individueller) und dem Manga-Stil.

In den drei letzten Abschnitten nimmt Dittmar den Aspekt der Zeit bezüglich der Erzählzeit und der erzählten Zeit, die Erzählebenen (Bildebene, Erzählebene, Ebene der Geschichten) sowie Genres und Stimmungen in den Fokus.

Diskussion

Jakob Dittmar schließt seine Habilitationsschrift mit dem Satz: „Eine umfassende Methode zur Mustererkennung dieser Erzählform, in einfacheren Worten also zur Comic-Analyse, liegt hiermit vor.“ (191). Umfassend sind die Möglichkeiten, auf die sich eine Analyse konzentrieren kann. Er schildert die einzelnen Aspekte, die für die Analyse eines Comics wichtig sind, stellt sie in Zusammenhänge und sucht nach Belegen, die diese Ansichten stützen. Die Grundlagen des Comics (Rahmen, Bild, Text) führen zu einer Geschichte, die nach gewissen Mustern erzählt wird. Elemente wie Zeit, Stil oder Farbe spielen eine bedeutende Rolle im Verständnis. Die Geschichte wird vom Leser konstruiert und entsteht zwischen den Bildern. Hier wäre ein weiterer Ansatzpunkt, der besonders im Bereich des Genres zum Tragen kommt, nämlich die Zuschauererwartung an einen Text. Dittmar begreift zwar die Leistung des Lesers, seine Fähigkeit zur Schließung von Lücken, und notiert und seine kulturellen Hintergründe, hält sich aber ansonsten von einem möglichen Rezipienten fern.

Im Abschnitt Zeit nimmt sich der Autor die Erzählzeit und die erzählte Zeit vor. Was bei einem Film, aufgrund seiner quasi-standardisierten Vorführung mit idealerweise 24 Bildern pro Sekunde, gut funktioniert, ist bei der Übertragung auf den Comic müßig: „Erzählzeit ist also gleichbedeutend mit der Lesezeit …“ (174). Dabei ist der Lesefluss des Lesers vollkommen individuell gestaltet und nur marginal steuerbar. Die erzählte Zeit, die für eine Geschichte relevanter ist, wird nur am Rande behandelt und die Beziehung zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit, was besonders im Film einen großen Spannungsmoment ausmacht, lässt er im Grunde außen vor.

Dittmar spricht in seinem Buch viel an, weigert sich aber in die Tiefe zu gehen. Er bleibt oft oberflächlich und vage und gleitet in Allgemeingültigkeiten ab. Der Text ist gespickt mit wenig aussagenden Sätzen und Phrasen, der Schreibstil wirkt nur selten flüssig. Die einzelnen Abschnitte scheinen für sich zu stehen. Häufig wiederholt Dittmar gleiche Aussagen in verschiedenen Absätzen. Die Konstruktion des Textes führt den Leser nicht, der Autor gibt ihm keinen roten Faden und damit auch keine Handreiche zu einer systematischen Analyse eines Comics.

Hilfreich wäre eine praktische Analyse an einem konkreten Beispiel gewesen, um den Analysemitteln auch die Feuertaufe zu geben. Eine Medienanalyse kann sich zwar auf die technischen Mittel des Mediums richten, aber es stellt sich die Frage, was dabei herauskommt. Eine Medienanalyse ist mehr als das Aufzeigen, wie ein Bild gestaltet wird, es ist die Kombination aus seiner Wirkung im Kontext der Aussagen, der Erwartungen, der Kultur. Die Frage nach dem „Wie“ ist nur der erste Schritt, die Frage nach dem „Weshalb“ ist hierbei relevanter.

Es scheint, als verstecke sich Dittmar hinter den technischen Aspekten der Analyse sowie hinter Zitaten und Analysen anderer. In seinem Text führt er häufig Zitate anderer Autoren und Theoretiker an, aber kombiniert sie selten mit eigenen Gedanken, bespricht sie nicht, was auf den Leser wirkt, als wären sie aus dem Zusammenhang gerissen, damit sie zu den Aussagen des Textes passen. Dadurch fehlt eine gewisse Souveränität im Umgang mit dem Metier. Statt als Autor über dem Thema zu stehen, verwickelt sich Dittmar zu sehr in Einzelheiten und Details, in denen er sich zusehends verliert.

Fazit

Bislang existieren nur wenige wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Medium Comic. So ist die Wiedererscheinung des Buches von Jakob Dittmar ein erfreuliches Ereignis. Der Autor zeigt die unterschiedlichen Elemente auf, welche man bei einem Comic analysieren kann. Dazu hat er ein umfangreiches Quellenmaterial studiert und Anregungen bei Nachbardisziplinen geholt. Viele Bildbeispiele illustrieren die Aussagen im Buch, die dadurch verständlicher und greifbarer werden.

Dennoch ist das Buch nur bedingt empfehlenswert. Die umständliche Sprache, die vage Praxisanbindung und der fehlende Blick auf das große Ganze machen das Werk nur schwer verdaulich. Um sich praktischer mit dem Medium Comic auseinanderzusetzen, seien die Veröffentlichungen von Thierry Groensteen (The System of Comic) und Scott McCloud (Understanding Comics) empfohlen. Jakob Dittmars Comic-Analyse kann trotz seiner Schwächen dem geneigten Leser auf wissenschaftlicher Weise die Funktionsweise eines Comics näher bringen und ihm technische Hilfsmittel für eine Analyse an die Hand geben. Jedoch muss er dabei vor Augen haben, dass Comics mehr sind als seine bloßen Bestandteile. Wenn der Leser das Handwerkszeug, was ihm vom Autor angeboten wird, beherrscht, kann ihm dies als Ausgangsbasis für eine weitergehende Analyse dienen.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 06.12.2011 zu: Jakob F. Dittmar: Comic-Analyse. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. ISBN 978-3-86764-301-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11996.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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