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Lee Baer: Der Kobold im Kopf. Die Zähmung der Zwangsgedanken

Cover Lee Baer: Der Kobold im Kopf. Die Zähmung der Zwangsgedanken. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 3. Auflage. 183 Seiten. ISBN 978-3-456-84949-2. 19,95 EUR, CH: 29,90 sFr.

Wengenroth, Matthias [Übers.].
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Thema

Es geht in dieser Publikation um die Zähmung von negativen Gedanken. Zähmung meint die Veränderung dieser negativen Gedanken hin zum lebbaren Pol, der es u.U. sogar erlaubt aus dem Negativen einen Nutzen zu ziehen. Negatives Denken ist "das Denken völlig unpassender (aggressiver, sexueller oder religiöser – CR) Dinge zu völlig unpassenden Zeiten" (S. 11).

Autor

Lee Baer arbeitet im Behandlungszentrum für Menschen mit Zwangsstörungen am General Hospital von Massachusetts. Am McLean Hospital leitet er wöchentlich eine Gesprächsgruppe für Menschen, die unter negativen Gedanken leiden.

Entstehungshintergrund

Lee Baer macht zwei paradoxe Umstände für das Schreibenmüssen des Buches verantwortlich:

  1. "hält sich jeder, der wegen negativer Gedanken zu mir kommt, für den einzigen Menschen auf der Welt, der unter diesem Problem leidet. Würden aber alle Leute, die in den USA unter negativen Gedanken leiden, in einer Stadt leben, so wäre dies die viertgrößte Stadt (also mit ungefähr 2,5 Millionen Einwohnern – CR) der Vereinigten Staaten, d.h., nur New York, Los Angeles und Chicago hätten mehr Einwohner.
  2. […] quälen sich Menschen, die unter negativen Gedanken leiden, oft mehr als Menschen mit jeder anderen mir bekannten psychiatrischen Störung und viele von ihnen haben bereits in Erwägung gezogen oder gar versucht, sich das Leben zu nehmen. Gleichzeitig vertrauen sich nur die wenigsten von ihnen einem Mitmenschen an – die meisten leiden still und heimlich vor sich hin" (S. 15).

Aufbau

Das zu besprechende Werk besteht aus zwei Teilen:

Teil Eins: Was sind negative Gedanken und woher kommen sie?

  1. Der Dämon der Infamie
  2. Negative Gedanken in Bezug auf Kinder
  3. Wie kann ich sicher sein, dass es nur Gedanken sind?
  4. Woher kommen die negativen Gedanken?

Teil Zwei: Die Behandlung negativer Gedanken

  1. Der Angst in die Augen sehen: Konfrontationsbehandlung
  2. Negative Gedanken auf dem Prüfstand
  3. Blasphemische Gedanken
  4. Medikamente gegen negative Gedanken
  5. Schreiten Sie zur Tat

Die Veröffentlichung wird von den Anmerkungen und einem Stichwortregister abgerundet.

Inhalte

Beim Dämon der Infamie geht es um den kleinen Teufel, "der vielleicht auf meiner rechten Schulter sitzt und mir Dinge einflüstert, dass ich den Hund überfahren werde" (S. 19), obwohl Hunde zu meinen Lieblingsgeschöpfen zählen. Es ist die Assoziation durch Kontrast, die mich genau das Gegenteil von dem tun oder sagen lässt, was ich eigentlich will. Es sind die negativen Gedanken, die einen den ganzen Tag lang verfolgen können und der zu zwei Schlüssen führt:

  1. "messen wir den Gedanken keine große Bedeutung bei und gehen einfach über sie hinweg […]
  2. wir lassen uns von ihnen in so starkem Maße beeinflussen, dass sie uns mehrmals am Tag beschäftigen und uns in unserem privaten und beruflichen Alltag beschäftigen" (S. 22).

Wer denkt, nicht normal zu sein, kann beruhigend feststellen, dass jeder hin und wieder einmal Besuch von einem Kobold erhält, der ihm halt die unpassendsten Gedanken zu unpassendsten Zeiten einhaucht.

Wie wählt der Dämon denn nun seine Gedanken aus? Diese teuflischen Gedanken, die dazu dienen den hiervon Getroffenen "zu peinigen, beziehen sich meist auf das, was diese als das Unpassendste und Schlimmste ansehen, was sie tun könnten" (S. 26).

Eine Methode zur Behandlung von Zwangsgedanken ist der Gedanken-Unterdrückungs-Effekt, der eindrucksvoll beschrieben wird.

Weiter geht es in dem Buch um negative Gedanken in Bezug auf Kinder, die "Müttern und anderen Menschen, die mit Kindern zu tun haben, das Leben schwer machen" (S. 37). Da wird die Wochenbett- bzw. Post-partum-Depression thematisiert, deren Zwangsgedanken sich z.B. darin äußern können das Baby in die Mikrowelle zu stecken oder es zu ertränken. Diese negativen Gedanken enden aber nicht nach der dreimonatigen Wochenbettphase. Der Dämon der Infamie setzt sein Spiel u.U. noch drei Jahre oder bis in das Jugendalter der Kinder fort. Da der Dämon der Infamie bei der Geburt eines Kindes nicht nur auf die Mutter festgelegt ist, erfahren wir auch von negativen Gedanken bei Tanten, Großmüttern und Männern/Vätern. Der Dämon der Infamie "sucht sich seine Opfer unter allen Personen, die mit kleinen Kindern zu tun haben und eine gewisse Verantwortung für sie tragen" (S. 43).

Das dritte Kapitel macht nun Angaben zur Garantie dafür, dass es nur Gedanken sind. Hierzu wird die Unsicherheit über negative Gedanken an einem Fallbeispiel diskutiert. Die Leserschaft erfährt die Merkmale einer Zwangsstörung, die sich als sehr belastende Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen zeigen, "mehr als eine Stunde täglich auftreten oder die Person im Beruf, in der Ausbildung oder im Privatleben beeinträchtigen" (S. 57). Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit den Warnsignalen, die sich nicht mehr nur mit Zwangsgedanken befassen sondern gewalttätig enden können. So sagte Lee am Ende eines um Verhaltenstherapie bittenden Mannes, "dass ich ihn für weitere Untersuchungen zu seinem Arzt zurückschicken würde. Noch am gleichen Tag rief ich den überweisenden Psychiater an und teilte ihm mit, […] dieser Patient könne möglicherweise gefährlich sein" (S. 59). Jugendliche, die nach den grausamsten Taten keine Schuld- oder Reuegefühle erkennen lassen, "erfüllen als Erwachsene […] die Diagnosekriterien einer Antisozialen Persönlichkeitsstörung und, wenn sie noch keine 18 Jahre alt sind, die einer Verhaltensstörung" (S. 60), deren Merkmale tabellarisch auf Seite 61 aufgeführt sind. Eine tabellarische Auflistung der Merkmale, die für Zwanghafte Persönlichkeitsstörungen verantwortlich sind, leitet die neuropsychologische Befassung mit dieser Thematik ein. Verdeutlicht wird hier die Unterscheidung zwischen Menschen mit Zwangsgedanken, welche mit Schuld- und Schamgefühl einhergehen, und wirklichen Verbrechern, die keine Schuld und Reue zeigen. Den Abschluss dieses Kapitels bildet das Befassen mit der Tatsache, wann negative Gedanken gefährlich sind.

Um erklären zu können, warum negative Gedanken zum Menschsein dazugehören, bemüht Baer im vierten Kapitel die Evolutionstheorie, Siegmund Freud und das Unterdrücken von Gedanken. "Die Forschung hat ergeben, dass Menschen, die unter klinisch relevanten negativen Gedanken leiden, fast immer von einer psychischen Störung wie einer Depression, einer Zwangsstörung, einem Tourettesyndrom oder einer posttraumatischen Belastungstörung (vgl. Rensinghoff 2006 – CR) betroffen sind" (S. 73). Diese letztgenannten Phänomene werden in der Folge ausführlich besprochen.

Bei der Behandlung negativer Gedanken heißt es in der Expositionsbehandlung, der Angst in die Augen zu sehen, sich mit ihr zu konfrontieren. Diese Methode wirkt schnell und gut. "Setzen Sie sich jeweils für ein bis zwei Stunden dem Objekt aus, das am meisten Angst oder Unbehagen bei Ihnen hervorruft, ohne die Situation zu verlassen oder irgendetwas zu tun, um sich abzulenken oder sich die Situation zu erleichtern" (S. 97 f.). Diese Behandlungsmethode ist Inhalt des fünften Kapitels.

Eine alternative Behandlungsmethode, die im sechsten Kapitel vorgestellt wird, ist die kognitive Therapie, die die negativen Gedanken auf den Prüfstand stellt. Grundfrage: "Wenn es sich bei Zwangsgedanken um offenkundige irrationale Gedanken handelt, warum sollte es dann nicht möglich sein, dass Betroffene direkt lernen, rationaler zu denken?" (S. 117).

"Martin Luther wurde von dem Drang gepeinigt, Gott und Jesus zu verfluchen. Selbst beim Beten musste er ständig an den Teufel denken. […] Wenn negative Gedanken sich auf religiöse Überzeugungen beziehen, ist das Leid, das sie verursachen, oft besonders groß und die Behandlung schwierig" (S. 133). Es handelt sich um einen Sonderfall negativer Gedanken, deren Behandlungsmethode – blasphemischen Gedankenguts – sich der Autor in Kapitel 7 widmet.

Die medikamentöse Behandlung negativer Gedanken durch das – hauptsächliche – Verabreichen so genannter Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer beinhaltet das achte Kapitel, obwohl: "Prinzipiell sollte auch unter Fachleuten Einigkeit darüber herrschen, dass körperliche oder psychische Probleme vorzugsweise ohne den Einsatz von Medikamenten zu behandeln sind" (S. 141).

Im neunten Kapitel beginnt der Autor mit Bezug auf den Philosophen und Arzt Maimonides die Schwierigkeiten, unter denen Menschen leiden können, in drei Gruppen aufzuteilen und zu diskutieren. Diese Schwierigkeiten resultieren aus:

  1. der Körperlichkeit;
  2. der Gegenseitigkeit;
  3. dem Selbst: "Das ist die größte Gruppe, sehr viel größer als die zweite (die in Kriegen oder Verbrechen begründet ist – CR). Diese Übel sind es, über die alle Menschen klagen" (S. 153).

Es werden erste Schritte genannt, die dazu geeignet sind die negativen Gedanken in den Griff zu bekommen. Eindringlich wird auf die Warnsignale hingewiesen, die die Konsultation eines Arztes für Psychiatrie unumgänglich machen. Ein Kurzfragebogen (SOS-10 © 1997 MGH Department of Psychiatry) dient der Erfassung der Lebensqualität, welcher die Fortschritte einer erfolgreichen psychotherapeutischen Behandlung dokumentieren kann.

Diskussion

Sehr gut empfinde ich die zahlreichen Fallbeispiele aus der Welt der Zwangsgedanken. Sie verdeutlichen das Problem dann noch mehr, als das eine theoretische Abhandlung ohne einen praktischen Bezug täte.

Schön ist zu lesen, dass es Vorgesetzte gibt, die für das Thema Zwangsgedanken sensibilisiert sind und nicht sofort mit Exkommunikation oder Entlassung reagieren. So wird von einem Priester berichtet, der sich wegen seiner sexuellen Zwangsgedanken einem Gemeindeglied anvertraute und danach bei der Kirchenleitung verpetzt wurde. "Durch einen glücklichen Zufall hatte der Vorgesetzte von dem Phänomen Zwangsgedanken gehört und empfahl ihm, sich bei uns behandeln zu lassen" (S. 30).

In einer Tabelle listet Lee Baer die negativen Gedanken auf, die in der Publikation besprochen werden. Bei einigen dieser 94 negativen Gedanken ist der Schritt zur strafbaren Handlung sicher sehr kurz, z.B.:

  • der Gedanke, man könnte seinem Baby etwas antun ("beim ‚Münchhausen-Syndrom‘ handelt es sich um eine seltene Form der Mißhandlung von Kindern, bei der Eltern, meistens Mütter, ihre eigenen Kinder zum Teil lebensgefährlich verletzen, um sich bei der häufig wiederholten Krankenhauseinweisung als besonders fürsorglich zu zeigen. Als Motive für dieses Mißhandlungs-Syndrom werden schwere Persönlichkeitsstörungen und unbewußte Rachewünsche vermutet; viele Mütter mit einem ‚Münchhausen-Syndrom‘ haben medizinische Vorkenntnisse oder sind in einem medizinischen Heilberuf tätig", Heubrock/Petermann 2000, 129);
  • die Sorge, man könnte Amok laufen (zu erinnern ist beispielsweise an den Amoklauf von Winnenden, der sich am 11. März 2009 in einer Realschule ereignete);
  • der Impuls, jemand anderen vor einen Zug […] zu stoßen (so ist in der Onlineausgabe der WELT vom 19.04.2004 [Download: 04.09.2011] zu lesen: "Die Bremer Polizei ermittelt derzeit gegen drei junge Männer aus Bremen: Sie sollen am Sonntagmorgen einen 21-jährigen Mann am Bahnhof Bremen-Walle vor einen anfahrenden Zug gestoßen haben").

Unkomfortabel empfinde ich das Anmerkungsverzeichnis am Schluss des Buches (S. 171-178). Es findet ein lästiges Blättern und Suchen statt, das bei Verwendung von Fußnoten zu vermeiden gewesen wäre. Vielleicht ist diese Kritik aber auch nur meiner Einhändigkeit geschuldet. Aber ich denke, dass die Lektüre für posttraumatisch – und aus diesem Grund an einer PTBS leidenden – Extremitätenverletzte bis hin zu extremitätenverlustig Gewordenen barrierefrei lesbar sein sollte. Fußnoten sind – aus dem barrierefreien Blickwinkel betrachtet (vgl. hierzu die Behindertenrechtskonvention) – den Endnoten vorzuziehen!

Fazit

Unter Beachtung der diskutierten Einschränkungen ist die besprochene Publikation ein gelungenes Werk für alle sich mit Zwangsgedanken Beschäftigende, auch für die hiervon Betroffenen. Baer schreibt hierzu in seinem Vorwort: "Die vielleicht größte Hoffnung, die ich mit diesem Buch verbinde, besteht darin, dass Sie sich, wenn Sie es lesen, nicht mehr so einsam und hilflos vorkommen und neue Hoffnung auf ein lebenswertes Leben schöpfen" (S. 13). Ich erinnere mich diesbezüglich an eine Buchempfehlung einer Sozialarbeiterin im Haus der Jugend in Witten. Als es mir mit 16 Jahren richtig dreckig ging, empfahl sie mir die Lektüre von Paul Watzlawicks (1983) Anleitung zum Unglücklichsein. Ich fand diesen Literaturhinweis in meiner damaligen Situation gar nicht so prickelnd. Aber die Sozialarbeiterin meinte, dass ich es lesen sollte – und dann würde es mir besser gehen. So war es damals dann auch und so soll es heute mit der hier besprochenen Publikation sein.

Literatur

  • Heubrock, Dietmar/Petermann, Franz: Lehrbuch der Klinischen Kinderneuropsychologie. Göttingen 2000.
  • Rensinghoff, Carsten: Zu den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse – eine (auto-)biographische Studie. In: Sonderpädagogik 36(Heft 1 – 2006)16-25.
  • Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein. München 1983.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 15.09.2011 zu: Lee Baer: Der Kobold im Kopf. Die Zähmung der Zwangsgedanken. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 3. Auflage. ISBN 978-3-456-84949-2. Wengenroth, Matthias [Übers.]. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12002.php, Datum des Zugriffs 19.06.2018.


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