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Peter Bettzieche: ... Lehrer sein dagegen sehr!

Rezensiert von Dr. Karl-H. Richstein, 10.11.2011

Cover Peter Bettzieche: ... Lehrer sein dagegen sehr! ISBN 978-3-86219-110-9

Peter Bettzieche: ... Lehrer sein dagegen sehr! Biographische Strukturierung von Lehrern im Spannungsfeld: Berufswahl - Berufsausübung - Depression. Kassel University Press (Kassel) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-86219-110-9. 29,00 EUR.

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Thema

Niemand kommt an der Berufsgruppe der LehrerInnen vorbei. Der gesamte westliche Kulturkreis ist durch sie geprägt und jedem einzelnen in einer bestimmten Weise zum negativen oder positiven Vorbild geworden. Bemerkenswert ist, dass LehrerInnen häufiger psychisch erkranken als andere Berufsgruppen. „Die Wahl des Lehrerberufes ist eine Entscheidung für eine Risikogruppe.“ (14) Das Phänomen ist seit ziemlich genau einhundert Jahren wissenschaftlich erforscht. Es wirkt im Blick auf gründlich veränderte äußere Bedingungen im schulischen Alltag überraschend, dass die Belastungs­situation im Lehrberuf offenbar unverändert fortbesteht. Bettzieche folgt der Hypothese, dass biografische Strukturierungen im Zwischenfeld von Individuum und Gesellschaft Antworten auf die beschriebenen Zusammenhänge bieten können.

Autor

Peter Bettzieche ist ausgewiesener Experte im Themenfeld. Er arbeitet seit vielen Jahren als Kunst- und Psychotherapeut in der ambulanten und stationären Therapie mit LehrerInnen und ist darüber hinaus in freiberuflicher Praxis als diplomierter Supervisor und Dozent für verschiedene Weiterbildungsinstitute tätig. Seine hier besprochene Dissertation bietet die wissenschaftliche Fundierung einer langjährigen praktischen Tätigkeit und lässt viele Erfahrungen daraus einfließen.

Aufbau

Im ersten Teil werden im Sinne einer Begriffsklärung die Felder des LehrerInnenberufes und der Depression ausgeleuchtet, um diese anschließend mit dem in unserer Gesellschaft vorherrschenden Bild dieser Berufsgruppe zu kontrastieren (14-37).

Ein zweiter Teil begründet die Wahl des narrativ-biographischen Interviews und die hermeneutische Fallrekonstruktion als Forschungsmethode insbes. in Anlehnung an Sacks (1985) & Bergmann (1988), sowie Oevermann (1995) und Deppermann (2004) (40-52). Ganz in der Tradition der Grounded Theory (Glaser/Strauss 1997) beschreitet Bettzieche den aufwändigen Weg zweier „Forschungsphasen“, in denen zunächst das Gesamtprojekt in seinem Setting detailliert beschrieben und zwei erste Fälle analysiert werden (53-149). Nachdem sich ein Zusammenhang zwischen Berufsbiografie und Depressionserkrankung nahelegt, entwickelt Bettzieche die für ihn weiterführende Frage in „Forschungsphase zwei“ (151-236) folgendermaßen: Wie kam es zur Berufswahl? Welche persönlichen Entscheidungs­kriterien und welche Zusammenhänge zur späteren Erkrankung sind erkennbar? Eine zusammenfassende Pointierung der Ergebnisse sowie eine umfangreiche Literaturliste schließen die Untersuchung ab (237-254).

Inhalt

„Außer den Krankheiten, die den Lehrer wie Angehörige anderer Berufe treffen können, gibt es solche Krankheiten, die mit dem Lehrberuf zusammenhängen. […] Nach einer Meinung des Geheimen Sanitätsrates […] waren von 305 untersuchten Lehrern 117 nervös belastet. Von den letzteren blieben in ihrem Berufe später [nur] 25 gesund.“ [Schneider (1911!) zit. nach Barth (1997) (14)]. Beschreibung und implizite Hypothese könnten einer modernen Studie zur Depressivität von LehrerInnen entstammen und haben nicht an Aktualität eingebüßt. „Seit 1993 erreichen nur durchschnittlich 7% die Regelaltersgrenze“ (15). Die meisten betroffenen LehrerInnen machen die steigende Arbeitsbelastung – von belasteten Kindern und Eltern bis hin zu PISA – für das erhöhte Krankheitsrisiko verantwortlich. Dass die Belastungssituation für LeherInnen vor 100 Jahren offenbar ähnlich war, deutet für Bettzieche darauf hin, dass „steigender Druck und [schwieriger gewordene] Arbeitsbedingungen […] nicht ohne weiteres als Ursache angeführt werden können“. (16) Zugespitzt werden die Fragen zusätzlich durch den Blick auf Freizeit-, Arbeitsplatzregelungen (Dorsemagen et al. 2007), Honorierung und soziale Netzwerke, die die Berufsgruppe der LehrerInnen zusätzlich privilegiert erscheinen lassen. Dem gegenüber steht eine beeindruckend umfangreiche Liste von erwarteten LehrerInnenkompetenzen. Von Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Beraten ist in der Kultusministerkonferenz vom 05.10.2000 ebenso die Rede wie von der Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten und des Schulprofils. Kompetenzen sollen nicht nur im Bereich des Wissens und des Motivierens, sondern auch im Bereich von Handlungs- und Reflexionsfähigkeit eingebracht werden. Im Kern „stehe die Beziehungsarbeit noch vor der Pädagogik“ (Hagemann 2003; 23).

Nach einer Exploration zu diagnostischen Klassifizierungen der Depressionserkrankung und ihrer verschiedenen theoretischen Zugangsmodelle (psychodynamisch, kognitiv, existenzialistisch und biologisch) schließt sich sie erste Forschungsphase an, deren Ergebnisse sich vielleicht wie folgt zusammen fassen lassen: Auch wenn in qualitativen Studien der Grundgesamtheit keinen Rückschluss auf repräsentative Aussagen möglich sind, so erscheint es dennoch nicht einem zufälligen sample zuzuschreiben, dass alle Interviewten keine dezidierte Entscheidung für den LehrerInnenberuf dokumentierten. In allen vier Fällen der ersten Forschungsphase sind es äußere Faktoren wie die Zeitumstände, der Druck des Elternhauses, die Ratlosigkeit in Berufsentscheidungsfragen auch in der Peergroup etc., die zum Lehramtsstudium und schließlich zum LehrerInnenberuf führte.

Die infolge dessen entstehende Hypothese eines Zusammenhangs zwischen Entschiedenheit für den Beruf und Belastbarkeit darin zieht bei Bettzieche eine Sondierung der Erklärungsmodelle zur Berufsfindung nach sich (151-160). „Immerhin verbringen wir 70% unserer Lebenszeit mit Arbeiten“ (Sosnowski, 2007 zit. nach Bettzieche 151). Sowohl der eignungspsychologische Ansatz (individuelle Persönlichkeitsmerkmale prädestinieren zu einem Beruf; Beck, Brater & Wegner 1999), wie auch der tiefenpsychologische Ansatz (Befriedigung kindheitgeprägter Bedürfnisse entscheidet über die Berufseignung; Roe 1957 & Moser 1963), sowohl der Selbstkonzeptansatz (Selbstbild beeinflusst die Berufszufriedenheit maßgeblich; Super 1970 und Keddi & Pfeil 2007) als auch der strukturorientierte Ansatz (soziales Umfeld und äußere Kriterien wie Bezahlung und Arbeitsmarkt; Nissen, Keddi & Pfeil 2003)) stehen laut Bettzieche gleichberechtigt nebeneinander und liefern wichtige Hinweise für die Beurteilung der Entscheidung zu einem ergriffenen Beruf. Konkreter formuliert steht danach die Hypothese im Raum, dass die als längerer Prozess zu denkende Entscheidung zum LehrerInnenberuf eines Individuums verschiedenen (häufigen?) Fehlern unterliegt. Die Angst des Elternhauses vor zu großer Milieudistanz zwischen Herkunft und zukünftig ausgeübtem Beruf der Kinder, der versteckte Versuch der BerufswahlkandidatInnen, das eigene Interessengebiet zum Beruf zu machen („Hobby zum Beruf“, 157) sowie die große Distanz der Studienrealität zum Berufsalltag scheinen eine erhebliche Rolle in der Ursachenforschung bei belasteten LehrerInnen zu spielen.

Auch die focussierte Analyse weiterer biografischer Interviews – z.T. aus Vorstudien der eigenen Diplomarbeit – mit fundierten Feinanalysen, die vorgängig entwickelte Strukturhypothesen stützen, bestätigen die sich mehr und mehr festigenden Hypothesen. „Insgesamt ist die Berufswahl in den untersuchten Biografien wenig autonom und nicht zielorientiert“ (237). Der Mangel an Autonomie in der Entscheidung erweist sich ebenso als „durchgängiges Thema wie die fehlende Fähigkeit, eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen“ (238f). Möglicherweise ist die Depression als unbewusste Gegenentscheidung zur (vielleicht lange voraus liegenden) Wahl des LehrerInnenberufes zu sehen (156). „Die unzureichende Lösung der spät-adoleszenten Autonomieaufgabe bei der Berufswahl erscheint somit alszentraler Schwachpunkt in den untersuchten Biographien“ (Fischer im Vorwort, 5).

Die Arbeit schließt mit einigen berufspraktischen Gedanken zur Verbesserung der einschlägigen Ausbildungsgänge.

Diskussion

Eindrucksvoll beweist der Autor die Kenntnis des Berufsfeldes. Seine ausbalancierte Darstellung von Berufsrealitäten, allfälligen Vorurteilen unserer Gesellschaft der Berufsgruppe gegenüber und angemessener Bewertung zeugen von langjähriger Erfahrung und realistischer Einschätzung.

Der entscheidende Vorteil der hier besprochenen Arbeit liegt jedoch in der Gliederung entlang dem sich entwickeln­den Forschungsprozess. Der Leser hat auf diese Weise Teil am sukzessiven Erkenntnisgewinn des Autors und wird so quasi selbst ein Teil von ihm. Das „Protokoll einer Suchbewegung“ (18) entspricht ganz und gar der angewandten Forschungsmethode und macht sie selbst wie auch ihre konkreten Ergebnisse in hohem Maße authentisch. Dazu passt der unprätentiöse Sprachstil, der allerdings an manchen Stellen zu Lasten der Genauigkeit geht (22ff, 161ff, 188) und darüber hinaus gänzlich ohne Fußnoten auskommt.

In Zeiten, in denen Effektivität und Qualitätskontrolle auch vor den pädagogischen Disziplinen nicht Halt macht, wirkt eine Untersuchung, die sich auf das Feld allparteilich einlässt, wohltuend und setzt durch Genauigkeit und Detailreichtum einen kompetenten Kontrapunkt zu Evaluationstechniken, die erkennbar auf schnelle Zahlen und farbige Diagramme schielt. Dabei gelingt Bettzieche das Kunststück, die für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Hypothesenarbeit übersichtlich und pointiert zusammenzufassen, ohne ihre z.T. filigrane Struktur zu verschleiern (z.B. 88ff, 126ff, 184ff).

Als wesentliches Ergebnis der Arbeit ist die Kausalitätsverknüpfung zwischen wenig autonomer Berufsentscheidung und späterer Depressionserkrankung zu werten. Diese auf dem Selbstkonzeptansatz beruhende These (153) wirkt vor historischen Hintergrund vielleicht zeitbedingt und von therapeutischem Welt- und Menschenbild überformt, bietet jedoch eine schlüssige Erklärung für die in den Interviews erkennbaren Phänomene.

Fazit

„Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen und eine autonome Entscheidung […] zu treffen, ist der Schlüssel …“ nicht nur für eine tragfähige Berufsentscheidung. Sie drängt auch zur Revision der pädagogischen Ausbildungssysteme. Die Persönlichkeitsentwicklung voranzutreiben, Lernziele nicht ausschließlich in der Fachexpertise zu suchen, Entscheidungshilfen durch Aufklärung und reflektierte Eingangsvoraussetzungen zu bieten, sowie supervisorische und fachliche Begleitung nicht nur in krisenhaften Zeiten der Berufsausübung anzubieten, sollte nicht nur bei JunglehrerInnen zum Standard erhoben werden.

Rezension von
Dr. Karl-H. Richstein
MA (MSO), Paar- & Familientherapeut(EKFuL), Mediation(BMev) & Supervison(DGSv), Krisenintervention(ICISF)
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Zitiervorschlag
Karl-H. Richstein. Rezension vom 10.11.2011 zu: Peter Bettzieche: ... Lehrer sein dagegen sehr! Biographische Strukturierung von Lehrern im Spannungsfeld: Berufswahl - Berufsausübung - Depression. Kassel University Press (Kassel) 2011. ISBN 978-3-86219-110-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12004.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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