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Manfred Hermanns: Weltweiter Dienst am Menschen unterwegs

Cover Manfred Hermanns: Weltweiter Dienst am Menschen unterwegs. Auswandererberatung und Auswandererfürsorge durch das Raphaels-Werk 1871 – 2011. Pallotti-Verlag (Friedberg in Bayern) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-87614-079-7. 24,90 EUR.
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Thema und Entstehungshi­ntergrund

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte und den aktuellen Herausforderungen des katholischen Raphaelswerks, das sich als einer der ersten Wohlfahrtsverbände in Deutschland seit 1871 der organisierten Hilfe für Auswanderer und später auch für andere „Menschen unterwegs“ widmet.

Aufbau

Der Grundaufbau des Buchs widerspiegelt die historischen Phasen, die die Ausrichtung und die Arbeit des Raphaelswerks wesentlich prägten.

Die ersten 4 Kapitel widmen sich der Gründungs- und Aufbauphase bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Kapitel 5-7 einer Internationalisierungsphase vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg, Kapitel 8 der Auswanderungshilfe für Juden während des 2. Weltkriegs. Kapitel 9 behandelt die Wiederaufnahme der generellen Auswanderungsberatung nach dem 2. Weltkrieg, Kapitel 10 die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Auswanderung aus dem Ostblock in den 1970er und 1980er Jahren. In den letzen beiden Kapitel 11 und 12 werden die Herausforderungen der Globalisierung für die Beratungstätigkeit seit den 1980-er Jahren und die Zukunftsperspektiven thematisiert.

Inhalt

Das Raphaelswerk ist 1868 als „Comité zum Schutz deutscher Auswanderer“ durch den Kaufmann Peter Paul Cahensly gegründet worden, der in seiner Lehrzeit in Le Havre die Not insbesondere auch der deutschen der Auswanderer miterlebte. Aus seiner Betroffenheit und seinem Engagement heraus ergab sich die Notwendigkeit einer Fürsorge zum Schutz deutscher Auswanderer, die drei Aspekte umfasste (S. 31):

  1. Die Betreuung der Auswanderer in den diesseitigen Einschiffungshäfen,
  2. die Zeit der Überfahrt auf den Schiffen sowie
  3. den Aufenthalt in den Ausschiffungshäfen Amerikas.

Nach der Gründungsphase in Deutschland beschäftigte sich Peter Paul Cahensly intensiv mit der Internationalisierung der sogenannten Raphaelsarbeit. Mit Unterstützung des Vatikans trug er dazu bei, dass sich zwischen 1889 und 1913 in verschiedenen anderen Ländern Raphaelsvereine bildeten, die sich primär für die Verbesserung der Auswanderungsbedingungen ihrer Landsleute, darüberhinaus aber auch für die internationale Vernetzung der Unterstützungsangebote einsetzten.

Gleichzeitig veränderte sich die Herkunft der Auswanderer, indem immer mehr Auswandernde aus Süd- und Osteuropa in den deutschen Auswanderungshäfen zu betreuen waren. So wurden beispielsweise in Hamburg sogenannte Auswanderungshallen eingerichtet, die zwischen 1901 bis 1914 mehr als 1.2 Millionen Menschen, vorwiegend aus Osteuropa, Quartier boten.

Nach 1920 stieg auch die Auswanderung aus Deutschland mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation wieder deutlich an, was zum Aufbau eines Netzes von rund 70 Auswanderungsberatungsstellen des Raphaelsvereins in ganz Deutschland führte. Unter der Leitung des neuen Generalsekretärs Pater Georg Timpe fand eine ideologische Neuorientierung hin zu einem geschlosseneren Katholizismus und einer Deutschtumsorientierung statt, die auch in neuen Statuten des St. Raphaelsvereins zum Ausdruck kam.

Während des 2. Weltkrieges wurde unter dem Präsidium von Bischof Berning und dem Generalsekretariat von Max Grösser die Betreuung von „nicht-arischen Katholiken“ zu einer zentralen Aufgabe des St. Raphaels-Vereins. Daraus resultierte zwangsweise eine Verstärkung der Konflikte mit dem Nazi-Regime, die 1936 und 1937 zu Hausdurchsuchungen, Inhaftierungen des Generalsekretärs Pater Grösser und im Jahre 1941 zu einer Schliessung des Vereins mit Tätigkeitsverbot und Vermögensbeschlagnahmung führte.

Nach dem 2. Weltkrieg musste der St. Raphaels-Verein unter Pater Friedrich Fröhling inklusive seiner Infrastruktur und der internationalen Kontakte wieder aufgebaut werden und konnte bald auch wieder eine grössere Zahl von Personen bei der Auswanderung nach Kanada und in die USA begleiten. Für die Beratungsarbeit wurde der Kontakt mit der evangelischen Kirche verstärkt und auch der Aufbau nicht-konfessioneller öffentlicher Beratungsstellen unterstützt. Die internationalen Kontakte waren nun stärker auch in die Vereinten Nationen (UNHCR) eingebettet.

1976 wurde der Raphaels-Verein in Raphaels-Werk umbenannt. Bereits vorher war der Aufgabenbereich auf die Beratung und die Betreuung ausländischer Flüchtlinge ausgeweitet worden, jetzt wurden auch wieder verstärkt Laien in die Organisation eingebunden und fand eine professionelle Auseinandersetzung mit der Beratungstätigkeit statt, die als reflexive Sozialpädagogik mit einer besonderen Stärke aus der Glaubensgemeinschaft (S.171) verstanden wurde.

Das zweitletzte (11.) Kapitel des Buches widmen sich den aktuellen Herausforderungen der Beratungsarbeit unter den Bedingungen der Globalisierung. Neben der grundlegenden Mobilitätsausweitung, den besonderen Rahmenbedingungen im EU-Kontext und der erneuten Verlagerung von der Einwanderung auf die Auswanderung aus Deutschland werden hier auch methodische Entwicklungen zur Telefon- und Onlineberatung, aber auch die verstärkte Bedeutung von professionellen Qualitätskriterien (S. 192) diskutiert.

Im Schlusskapitel werden verschiedene Entwicklungslinien und Grunddilemmata in der rund 150-jährigen Geschichte Raphaelsbewegung zusammenfassend beschrieben, so beispielsweise die Auseinandersetzung mit der amerikanischen Grundposition, die bei deutschen Einwanderern die Gewichtung der englischen gegenüber der deutschen Heimatsprache einforderte.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Manfred Hermanns gibt einen interessanten Einblick in die Geschichte des Raphaelswerkes und seiner Bedeutung für die Betreuung und Beratung von Migrationsbetroffenen in Deutschland. Es gelingt dem Autor, sowohl wissenschaftlichen Ansprüchen der Quellendokumentation als auch Ansprüchen einer guten Lesbarkeit bzw. auch der Nachvollziehbarkeit der Geschehnisse durch Aussenstehende nachzukommen. Hingegen gelingt es dem Buch nur in Ansätzen, Geschehnisse und Entwicklungen kritisch zu reflektieren und mit dem übergeordneten Fachdiskurs zu verknüpfen.

Dieses Defizit zeigt sich meines Erachtens vor allem im Zusammenhang mit der Bedeutung des „katholischen Milieus“ (S.44) und der institutionellen Nähe zur katholischen Kirche für die Ausrichtung des Werkes und seiner Tätigkeiten, aber auch darin, dass beim Konzept der reflexiven Sozialpädagogik (S. 171) der religiöse Bezug ausschliesslich als Ressource und nicht auch als ein Element beschrieben wird, das mit professionellen Anforderungen in Konflikt geraten und letztlich auch Basis für Exklusion und Diskriminierungen in der Beratungstätigkeit sein kann. Auch bei der Auseinandersetzung mit der Pflege des Deutschtums innerhalb der Raphaelsbewegung (z.B. S. 99) würde man sich mehr kritische Distanz und eine systematischere Analyse wünschen.


Rezensent
Prof. Dr. Heinrich Zwicky
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft. Departement Soziale Arbeit
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Heinrich Zwicky. Rezension vom 19.01.2012 zu: Manfred Hermanns: Weltweiter Dienst am Menschen unterwegs. Auswandererberatung und Auswandererfürsorge durch das Raphaels-Werk 1871 – 2011. Pallotti-Verlag (Friedberg in Bayern) 2011. ISBN 978-3-87614-079-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12012.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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