Judith Schildt: Konkreter Perspektivismus
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 26.10.2011
Judith Schildt: Konkreter Perspektivismus. Selbstverhältnisse, Beziehungen zum Anderen und die Frage nach dem Verstehen im interkulturellen Kontext. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 395 Seiten. ISBN 978-3-8288-2447-8. D: 29,90 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 45,20 sFr.
Kultur als Einspruch gegen interpretative Verstarrungstendenzen
Die volkstümliche Auffassung, dass sich Menschen, die in ähnlichen kulturellen Strukturen leben, besser verstehen und weniger Distanzen aufbauen, als mit solchen, die aus anderen, exotischeren oder fremderen Kulturen kommen, galt als gesicherte Erkenntnis in den Sozialwissenschaften. In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt kommt der Verständigung der Menschen untereinander eine existenzsichernde Bedeutung der Menschheit zu, wie dies in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bilden) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“, und in der Neuformulierung des globalen Kulturbegriffs von der „kreativen Vielfalt“ der Menschen als Aufforderung „umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“, als aktuelle und zukünftige Menschheitsaufgabe formuliert wird („Unsere kreative Vielfalt“, Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995/1997).
Entstehungshintergrund und Autorin
Die Suche danach, wie sich Menschen in der (Einen?) Welt besser verstehen, wie Fettnäpfchen entstehen, Irritationen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismen überwunden werden können, ist nicht zuletzt eine wissenschaftliche Herausforderung. Gefordert sind, neben den erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere die Kulturwissenschaften. Interkulturelle Verstehensprozesse lassen sich auf verschiedenen Wegen erschließen; der alltagsübliche dabei ist sicherlich ein „trial and error“ - Handeln, das jedoch vielfältige Imponderabilien bereit hält und für objektives Verhalten wenig geeignet ist. In den Kulturwissenschaften bieten Kulturhermeneutik, -philosophie und -psychologie gesichertere Möglichkeiten an, um interkulturelle Kommunikation und Verstehen zu analysieren.
Judith Schildt, die an der Universität Leipzig Sinologie und Philosophie studierte, legt mit dem Band „Konkreter Perspektivismus“ ihre Dissertation vor, die sie an der Universität Stuttgart eingereicht hat. Ein mehrmonatiger Forschungsaufenthalt an der Technischen Universität in Dalian/VR China hat bei der Autorin die Frage, ob sie ihren Forschungsgegenstand eher mit einer institutionen- oder global governance-orientierten Option erschließen könne, beantwortet mit der Entscheidung für die kulturhermeneutische Methode als „kleine Vor-Schule des Problemlösens“. Kulturelle Diversität als globale Herausforderung lässt sich, so gibt die Autorin zu bedenken, implementieren, „wenn auch die (davon) betroffenen einzelnen, je kulturell verorteten Individuen überzeugt werden und ein Verständnis von sich und dem betroffenen Anderen gewinnen“.
Aufbau und Inhalt
Judith Schildt benutzt für ihre Arbeit die (inter-)kulturhermeneutische Zugangsweise. Sie ermöglicht es, dass „Bedingungen, unter denen vor dem Hintergrund zweier oder mehrerer als eigenständig gedachter (Denk-)Ordnungen überhaupt erst eine vergleichende, Argumente systematisierende Rede angestrengt und das Fremde als Fremdes verstanden werden kann“.
Ihren Entwurf eines „Konkreten Perspektivismus“ baut sie dadurch auf, dass sie zuerst in vier Kapiteln „Begegnungsweisen - Weisen der Selbstvergegenwärtigung“ thematisiert, um mit einem zweiten Ansatz „Fremde Welten - Verstehensanfänge“ in drei weiteren Kapiteln reflektiert. Die „Hermeneutik des Fremden“, wie sie sich im klassischen, wissenschaftlichen Diskurs von Schleiermacher, Dilthey, Heidegger und Gadamer entwickelt hat, unterliegt einem grundlegendem Unvermögen, die Frage nach dem Eigenen der fremden Kultur(en) beantworten zu können. Dies stellt sich insbesondere im „Universalismus-Relativismus-Dilemma“ dar, das den kontroversen interkulturellen Diskurs bestimmt. In der sich öffnenden, globalisierten Welt treten Kulturen als dominante und marginalisierte Lebens- und Bewusstseinsformen zutage, die Kommunikation einfordern und Verstehen einwerben und die hermeneutische Vergewisserung herausfordern, dass Kulturen wissbar und erfahrbar sind. Das führt zu der aufregenden und herausfordernden Überzeugung, dass der die andere, fremde Kultur Verstehenwollende „sich selbst seiner konkreten Zugangsweise als individuell verankerter conditio sine qua non jeden Verstehensversuchs zu vergewissern“ habe.
Wie dies geschehen könne, dazu zieht die Autorin Denkrichtungen und philosophische Monaden heran, die es ihr ermöglichen sollen, die individuelle und universelle „Perspektiviertheit der Welt“ zu benennen: Es sind Gottfried Wilhelm Leibniz? philosophietheoretischen Gedanken „von der einen Welt, die nur von vielen individuellen Blickwinkeln aus gesehen und nur in vielen verschiedenen Perspektiven verstanden werden kann“, die für den Werkzeugkasten „Weltverstehen“ wichtige Instrumentarien liefern.
Sich der Unbestimmtheiten bewusst zu werden, als denkerische und verhaltens-handelnde Konsequenz menschlichen Daseins, bezieht sich Judith Schildt weiterhin auf Søren Kierkegaards Verstehensbegriff der konkreten Lebensweltlichkeit des Individuums: „Der Existierende kann nicht ohne Bezug auf sich selbst Aussagen über sich und anderes treffen“. Mit der Infragestellung des Leibnizschen Eine-Welt-Gedankens wird mit der Kierkegaardschen Auffassung, dass die Welt als Wirklichkeit existiert, auf die der Einzelne existentiell Bezug nimmt, ein weiteres Werkzeug hinzu gefügt.
Die Metapher „Der Fremde bin ich selbst“ entstammt dem phänomenologischen Fremdheitsdiskurs, wie er von Bernhard Waldenfels geführt wird: „Die Fremdheit inmitten meiner selbst öffnet Wege zur Fremdheit des Anderen“. Fremdheit steht immer in Relation zu einer Ordnung, und zwar zur eigenen, wie der der anderen, die sich aufdrängt und herausfordert. Selbst- und Fremdordnungen werden durch Kultur vergleichbar, annäherbar, wie sie es auch ermöglichen, sich in Frage stellen zu lassen. Selbst-Ordnung und Außer-Ordnung sind weitere tools für den Perspektivismus-Koffer.
Die Autorin komplettiert die Werkzeugsammlung zur Erstellung einer Theorie des Konkreten Perspektivismus durch Handwerkszeug aus des systemtheoretischen Verstehensbegriffs, wie ihn Niklas Luhmann und ergänzend Dirk Baecker formuliert haben. Fremdes wird in der Systemrelation nur nach den Kriterien der ans Eigene anschließbaren Kommunikation wahrgenommen, was bedeutet, dass sich systeminterne Unterscheidungen wie auch wechselseitige Intransparenz „als Generator und Motor von Verstehen sowie als systemstabilisierende Moment“ auswirken.
Die Mehrwertsammlung der Unbestimmtheitsphänomene des Fremden ergeben sich in der Kierkegaardschen Interpretation als Reflexion auf das eigene Anders-Sein-Können, während Waldenfels herausarbeitet, dass „Eigenes und Fremdes in einer Schismogenese verschränkt sind, die keinen festen Anhaltspunkt bietet, wie Fremdes zu verstehen ist. Die systemtheoretischen Erläuterungen hingegen stellen heraus: „Verstehen ist das Differenzierenkönnen von mehreren kommunikativen Unterscheidungsgebräuchen, denen seiner selbst und denen einer fremden Ordnung“.
Das Für und Wider dieser Analysen bringt die Autorin dazu, insbesondere der Frage nach „fremden Ordnungen“, in ihrer Arbeit der fremden chinesischen Ordnungskultur, nachzugehen. „Fremde Welten - Verstehensanfänge“ titelt sie die Kapitel V und VI. Es ist der (neue) „Technikoptimismus“ in der chinesischen Politik und in Wissenschafts- und Forschungslandschaft, der sich zum einen auf westliche Einflüsse, zum anderen auf historische und kulturelle chinesische Vorbilder stützt. Die sich im chinesischen, wissenschaftlichen Diskurs darstellenden Paradigmen werden von der Autorin in der These zusammen gefasst: Die Formel „Einheit von Himmel und Mensch“ (tian ren heyi) stellt das Phänomen der aktuellen chinesischen Forschungslage dar, das sich zum einen im „Vom Westen lernen“, zum anderen im „eigenen Gesicht wahren“ artikuliert. Das sich dabei als „Konkurrenz der Wissensordnungen“ darstellende Dilemma zeigt sich damit als Kontinuum: „Der Versuch des Fremdverstehens läuft auf einen gegenseitigen Verständigungsversuch hinaus“.
Das siebte Kapitel ist überschrieben als „Ortlogiken - Verständigung über das Fremde, Verständigung mit dem Fremden“. Die Autorin weist dabei nicht nur auf das deterministische Missverständnis des einseitig (westlich?) definierten Zusammenhangs von Sprach- und Denkstrukturen hin, sondern auch auf die Übersetzungsproblematik im „babylonischen (Sprach-)Gewirr“.
Das achte Kapitel will „Neuland, unterwegs“ verdeutlichen und damit gewissermaßen die Quintessenz des Nachdenkens der Autorin über „Selbstverhältnisse, Beziehungen zum Anderen und die Frage nach dem Verstehen im interkulturellen Kontext“ zusammen fassen: Wenn nämlich interkulturelles Verstehen auch gegenseitige Verständigung bewirken will, „ist Kommunikation … auf zwei elementare, notwendige Bedingungen angewiesen: zum einen auf eine spezifische Offenheit, zum anderen auf eine Kontinuität in der Vermittlung zwischen Selbst und Fremdem“.
Fazit
Die kulturhermeneutische Arbeit von Judith Schildt fragt im Wesentlichen danach, wie „eine kulturelle Diversität, die die Weltgemeinschaft kennzeichnet und welche das Nebeneinander der Nationen fundiert, erhalten werden (kann), ohne dass einzelne Kulturräume privilegiert würden und ohne dass es zu einer unfairen Verdrängung von Ordnungen kommt?“. Ohne dass die Autorin die kulturhermeneutische Methode als das einzig wahre und wirksame Instrument von Kultur- und Weltverstehen postuliert, will sie doch mit ihrer Arbeit aufzeigen, dass die von ihr gewählte Zugangsweise eine „kleine Vorschule des Problemlösens“ sein kann. Die Ergebnisse ihrer Arbeit fasst sie zum Schluss in acht Thesen zusammen.
Der Entwurf einer Theorie des Konkreten Perspektivismus stellt für den wissenschaftlichen Diskurs einen weiterführenden (verbindenden und vermittelnden?), menschheitsexistentiell notwendigen und unverzichtbaren Baustein dar, um zu gewährleisten, lokal und global kulturelle Vielfalt gestaltet werden kann (vgl. dazu: Deutsche UNESCO-Kommission, Kulturelle Vielfalt gestalten. Handlungsempfehlungen aus der Zivilgesellschaft zur Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und durch Deutschland - Weissbuch, Bonn, Dezember 2009, 32 S.). Es gelingt ihr mit ihrer Arbeit, die vielfältigen Fragestellungen zum Kulturverstehen theoretisch und empirisch aufzuzeigen und Richtungen anzudeuten, wie die Menschheit in ihrer kulturellen Vielfalt als Menschheitsfamilie human existieren kann.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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