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Lukas Neuhaus: Wie der Beruf das Denken formt

Cover Lukas Neuhaus: Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. 306 Seiten. ISBN 978-3-8288-2507-9. D: 29,90 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 38,80 sFr.
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Soziale Klassifizierung: Objektive Wahrnehmung oder subjektiver Antagonismus?

In regelmäßigen Abständen, nicht selten in Zeiten der Öffentlichkeitsflauten oder wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchsstimmungen, titeln Medien Ergebnisse von Meinungsforschungseinrichtungen, wie z. B. dem Allensbacher Meinungsforschungsinstitut, Ansehensskalen von Berufen und Tätigkeiten. Lassen wir einmal die von interessierten Stellen bestellten und nicht selten manipulativen Umfragen außer Acht und wenden uns nur den (scheinbar) objektiven Meinungsumfragen zu, bei denen der wissenschaftliche Anspruch, die Methoden und Analysen offen gelegt werden, bleiben trotzdem erhebliche Fragen, welche Gesellschaftsbilder, Weltanschauungen, theoretische und praktische Idiome dem Meinungsforschungsprojekt zugrunde liegen. Wie kommt es z. B., dass die in den Allensbacher Berufsprestige-Skalen ausgewiesenen Ansehenswerten bei bestimmten Berufen über die Jahre hinweg gleich bleiben oder sich verändern? Wenn etwa in der Berufsskala von 2001 die Berufe der Ärzte und Pfarrer an die Spitze gestellt werden, 2007 jedoch die Feuerwehrleute über den Ärzten platziert sind, und 2011 wiederum den Ärzten das gesellschaftlich höchste Ansehen bescheinigt wird, aber die Krankenschwestern den zweiten Platz erringen und die Pfarrer von der angestammten Position verdrängen? Auch dass die über Jahrzehnte hinweg auf den unteren Rängen befindlichen GrundschullehrerInnen in den letzten Jahren in den oberen Rängen wiederfinden, hingegen die Studienräte sich im letzten Drittel wieder finden. Auch dass Banker in der neuen Umfrage, neben den Fernseh-ModeratorInnen, die letzten Plätze einnehmen.

Entstehungshintergrund und Autor

Professionssoziologische Forschungen müssen natürlich die vielfältigen Einflüsse, Einwirkungen und zeit- und gesellschaftspolitischen Ordnungs- und Abhängigkeitsrelationen berücksichtigen, um subjektive oder manipulative Wertungen ausschließen zu können. Hypothesenbildung, Analyse und empirische Beweisführung beansprucht das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Forschungsprojekt „Soziale Klassifizierungen: Neue Dichotomien der gegenseitigen Wahrnehmung von Berufsgruppen?“.

Der an der Berner Universität unterrichtende Soziologe und Journalist Lukas Neuhaus hat im Mai 2010 dort seine Habilitationsschrift „Wie der Beruf das Denken formt. Der Zusammenhang zwischen beruflicher Handlungsstruktur und sozialen Klassifizierungen am Beispiel ausgewählter Felder“ vorgelegt. Sie wird mit dem genannten Buch veröffentlicht. Das erkenntnisleitende Interesse der Arbeit besteht darin, den „Zusammenhang zwischen der potentiell problematischen Struktur des beruflichen Handelns und den Mustern sozialer Klassifizierung“ zu finden.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Schlussteil gliedert Lukas Neuhaus die Arbeit in drei Kapitel.

Im ersten Teil reflektiert er Begriffe und Konzepte und unterzieht den im wissenschaftlichen Diskurs vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten zugrunde liegenden Annahmen, Theoriebildungen und Analyse-Instrumenten einer kritischen Prüfung. Dabei formuliert er forschungsrelevante Fragestellungen, die sich insbesondere bei analytischen Unterscheidungen zwischen Dichotomie und Antagonismus, sowie bei den begrifflichen Trennungen von Klassifizierung und Klassifikation ergeben.

Im zweiten Teil wird das Forschungsvorhaben aufgewiesen, werden die Forschungsfragen thematisiert und die Forschungsmethoden problematisiert (Kartensortierspiel, Interview und Interpretation).

Der dritte (Haupt-)Empirieteil stellt vier professionelle bzw. semiprofessionelle Berufsfelder vor, bei denen das jeweilige Handlungsproblem beschrieben und die Struktur der beruflichen Handlung erläutert werden. Es handelt sich um pädagogische Berufe, die zum einen durch vier Fallbeispiele von Schweizer Primar- und Realschullehrerinnen und - kontrastierend - durch ebenfalls vier deutsche Real-, Sonderschul- und Berufsschullehrerinnen problematisiert werden (warum keine Gymnasiallehrkräfte? Fragwürdig ist hier auch die Klassifizierung der genannten Berufe als semiprofessionell! Geradezu abenteuerlich jedoch muten die Begründungen an, die der Autor in seiner Vergleichsanalyse zwischen den Tätigkeitsmerkmalen der schweizerischen und deutschen Lehrkräfte vornimmt).

Bei der zweiten Berufsgruppe „Medizin und Pflege“, wobei eine Differenzierung vorgenommen wird zwischen eher caritativ bestimmten Tätigkeiten einer „Laiensanktionierung“ und „legitimen Medizinern“.

Weiterhin wird die Gruppe „Ingenieurwesen und Architektur“ (übrigens nur männliche!) dargestellt und deren Berufs- und Gesellschaftsbilder analysiert. Mit der Gegenüberstellung von „produktiven und nicht-produktiven“, von „kreativen und routinisierten Berufen“ will der Autor die Dichotomie und disparate Situation erklären.

Schließlich das „juristische Feld“, das der Autor wiederum in Juristen unterteilt, die politisch-legislative Tätigkeiten ausüben und in der kasuistischen Praxis tätig sind; wobei er lediglich die letztere Gruppe, Richter und Anwälte, von denen er drei davon in seiner Fallanalyse zu Wort kommen lässt.

Fazit

Trotz einer Reihe von Nachfragebedarf, insbesondere wenn es um Übernahmen von vorfindbaren Theoriebildungen und Strukturen auf die Aussagekraft und Analyse der doch eher marginal ausgewählten Fallbeispiele geht, wie auch um die nicht eindeutig begründete Unterscheidung von Professionalisierungsbedürftigkeit und professionellem Handeln, lässt sich aus den Ergebnissen des Forschungsprojektes ein wesentlicher, weiterführender Gedanke filtern, „dass es offenbar typische Muster der Klassifizierung gibt, die nicht sozialstrukturell oder habituell-biographisch begründbar bzw. vermittelt sind, sondern mit der Struktur der beruflichen Handlung korrespondieren und direkt mit dieser Struktur in Verbindung gebracht werden können“. Es ist der Fingerzeig, der von der in der traditionellen und amtlichen Berufsklassifikation angenommenen innerberuflichen Homogenität weg- und hinweist auf Berufstätige, „die nicht nur eine identische Berufstätigkeit ausüben, sondern auch bezüglich Lebens- und Denkstil Verbindungen aufweisen“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.10.2011 zu: Lukas Neuhaus: Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. ISBN 978-3-8288-2507-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12024.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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