Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Holger Haupt, Ulrich Weber u.a.: Handbuch Opferschutz und Opferhilfe

Rezensiert von Lutz Eidam, LL.M., 18.11.2003

Cover Holger Haupt, Ulrich Weber u.a.: Handbuch Opferschutz und Opferhilfe ISBN 978-3-7890-8229-0

Holger Haupt, Ulrich Weber, Sigrid Bürner, Mathias Frankfurt, Kirsten Luxenburg, Dörte Marth: Handbuch Opferschutz und Opferhilfe. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. 2. Auflage. 431 Seiten. ISBN 978-3-7890-8229-0. 38,00 EUR.
1. Auflage unter dem Titel: Haupt, Holger: Handbuch Opferschutz und Opferhilfe
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Einführung in das Thema

Den Autoren ist in Ihrem Vorwort zur 2. Auflage uneingeschränkt Recht zu geben, wenn behauptet wird, dass die Thematik Opferschutz / Opferhilfe nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Im Gegenteil sogar. Das lange Zeit vernachlässigte Opfer einer Straftat hat in den letzten Jahren eine enorme Aufwertung erfahren und wird in der rechtswissenschaftlichen Literatur mittlerweile als "neues Paradigma" (vgl. Hassemer / Reemtsma, Verbrechensopfer [2002], S. 13 ff.). bezeichnet. Beleg hierfür ist nicht nur die Verdreifachung der Autorenzahl sowie ca. 100 Seiten mehr Lesematerial im Handbuch im Vergleich zur Vorauflage. Vielmehr ist auch ein wachsendes Interesse des Gesetzgebers und der Wissenschaft an Opferbelangen zu verzeichnen. Letztlich erfährt das Opfer auch in der Öffentlichkeit eine immer stärkere Aufmerksamkeit. Dies zeigen regelmäßige kritische Stellungnahmen aufgebrachter Bürger in der Tagespresse, die insb. bei öffentlichkeitswirksamen Strafprozessen ihrem Unmut darüber Luft machen, dass es im Strafprozess doch nur um den Täter ginge und das Opfer einen zweiten "Leidensweg" dadurch beschreiten müsse, dass es als Zeuge uneingeschränkt und schonungslos an der Aufklärung der Tat mitwirken muss. Alles in allem Belege dafür, dass der Täter, um den sich Wissenschaft und Praxis traditionell gekümmert haben, seine Attraktivität und somit seinen Stellenwert im Strafverfahren zu verlieren scheint. In diese aktuelle Grundströmung reiht sich ein Handbuch für den Opferschutz bzw. zur Opferhilfe problemlos ein.

Zielsetzung, Aufbau und Inhalte

Ziel des Werkes ist die Aufarbeitung sowie die anschauliche Darstellung zahlreicher komplexer Fragestellungen und Probleme, die im Anschluss an eine Straftat für Opfer entstehen. Freilich ein berechtigtes Anliegen im Hinblick auf die prekäre Situation, in der zu viele Verbrechensopfer meist unwissend dem plötzlich auf den Plan tretenden Staatsapparat gegenüberstehen, der sich des entstandenen Konflikts auf verschiedenen Ebenen annimmt. Das Buch führt den Leser in den ersten beiden Abschnitten (A. + B.) mit einleitenden Worten sowie einer allgemeinen Situationsbeschreibung, in der sich Opfer einer Straftat i.d.R. befinden, gut ins Thema ein und gibt einen ersten Eindruck über die Komplexität der Materie. Erster Schwerpunkt der Darstellungen ist sodann die Beschreibung des deutschen Strafverfahrens (Abschnitte D. - H.), das detailliert und gut verständlich für den Laien, jedoch auch mit einem gewissen juristischen Anspruch, beschrieben wird. So wird der Leser beispielsweise mit den wichtigsten Rechtsinstituten der Strafprozessordnung (StPO) vertraut gemacht, man bekommt einen Überblick über den Gang eines deutschen Strafverfahrens und es werden - aus Opfersicht - die Mechanismen vorgestellt, mit der das Opfer Einfluss auf die prozessuale Wahrheitsfindung nehmen kann (z.B. Möglichkeit der Nebenklage, Strafantragsbefugnis, etc.). Nach zwei kürzer gehaltenen Abschnitten (I. + J.) zur (wichtigen) Rolle der Medien im Strafprozess sowie zu weiteren rechtlichen Möglichkeiten, die neben dem Strafprozess noch bestehen, beschäftigt sich das Handbuch mit einem Themenkomplex, den man als den zweiten Schwerpunkt der Darstellung bezeichnen sollte (Abschnitte K. - P.). Hier widmen sich die Autoren einzelnen Delikten, die typischerweise eine (meist) schwere Schädigung eines Opfers voraussetzen. Aus Sicht des Strafjuristen könnte man diesen Teil daher (mit Blick auf die Einteilung des Strafgesetzbuches [StGB] in einen allgemeinen und besonderen Teil) den "besonderen Teil" des Handbuchs nennen. Beschrieben werden rechtliche, aber vor allem auch psychologische Probleme, die im Wege eines Sexualdeliktes, bei häuslicher Gewalt, im Hinblick auf Kinder, etc. auftreten können. Die Möglichkeit sozialtherapeutischer Maßnahmen sowie weitere denkbare unterstützende Maßnahmen für das Opfer werden diesbezüglich aufgezeigt. Das Werk endet schließlich mit zwei kurzen Hinweisen auf die Opferbesonderheiten bei älteren Menschen, sowie Hinweisen zur Prävention. Im Anhang findet sich noch eine nützliche Sammlung von Kontaktadressen möglicher Hilfsorganisationen für Opfer.

Zielgruppen

Zwar stehen das Opfer einer Straftat sowie dessen Angehörige sicherlich an erster Stelle der Adressaten des Handbuchs. Gleichzeitig erscheint das Werk aber nicht minder geeignet für Mitarbeiter des Kriminaljustizsystems sowie für Angehörige von Sozialberufen, was beispielsweise ein Blick in Rn. 116 zeigt. Die hier beschriebene Zeugenvernehmung ist sowohl mit Ratschlägen für den betroffenen Opferzeugen, als auch mit Ratschlägen für den vernehmenden Beamten versehen.

Letztlich kann in den potentiellen Leserkreis auch der Student des Strafprozessrechts aufgenommen werden, der sich einen ersten Überblick über das deutsche Strafverfahren verschaffen möchte.

Diskussion

Was an dieser Stelle noch angeregt werden soll, ist weniger Kritik, sondern mehr ein Ergänzungsvorschlag. Im Rahmen der strafrechtlichen Opferdiskussion fällt immer wieder aufs Neue auf, dass die Meinungen der Öffentlichkeit stark von der der meisten Rechtswissenschaftler abweicht. Wie eingangs beschrieben wurde, ist gerade dies der Grund für eine Renaissance der Opferdebatte sowie für wütende Stellungnahmen von Bürgern. Äußert sich die Strafrechtswissenschaft in dem Sinne, dass Strafrecht doch "Täterrecht" sei und Opferbelange weitestgehend neutralisiert werden müssen, so stößt dies in der Öffentlichkeit regelmäßig auf zornige Ablehnung. Eine ähnliche Sichtweise wird auch im Handbuch dem Leser präsentiert, wenn es heißt, dass Opfern vor allem die Rolle eines Zeugen zugewiesen sei (Rn. 61) und der Geschädigte als Anzeigeerstatter sowie als Beweismittel "funktionalisiert" sei (Rn. 157). Es sind Passagen wie diese, die in der Öffentlichkeit, die meistens die Opferbelange eines Einzelfalls vor Augen hat, Zorn und Enttäuschung hervorruft, was des Öfteren entsprechende rechtspolitische Strömungen nach einer opferorientierten Reformierung des Strafprozesses hervorbringt. Dabei verstehen solche Forderungen oft nicht die rechtsstaatliche Struktur unseres Strafprozesses, die durch die systematische Aufwertung von Opferbelangen schnell ins Ungleichgewicht geraten kann. Hier gilt es festzuhalten: Staatliches Strafrecht ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass das Opfer zwar keine menschliche Neutralisierung, wohl aber eine normative Neutralisierung erfährt (vgl. P.-A. Albrecht, FAZ v. 28.11.2001, S. 10). Historisch betrachtet entstand das staatliche Strafrecht aufgrund der Überlegung, dass man es künftig nicht mehr den Parteien selbst überlassen wollte, ihren Konflikt in blinder Wut zu lösen. Denn hierdurch geriet der Konflikt regelmäßig außer Kontrolle; es kam zu unkontrollierter Rache und Fehden. Das sich etablierende Strafrecht war deshalb gerade davon gekennzeichnet, dass der Staat den Konflikt an sich zog, Rachegelüste und ähnliche Opferbelange neutralisiert wurden und so eine rationale und angemessene Konfliktverarbeitung gewährleistete. Grundsätzlich setzt staatliches Strafrecht also die Neutralisierung des Opfers voraus (vgl. Hassemer, Einführung in die Grundlagen des Strafrechts [1990], S. 70), so befremdlich das auch klingen mag. Versuche dies zu ändern, verändern notwendigerweise die Grundstruktur des deutschen Strafprozesses. Denn Strafrecht ist - zu Recht - Täterrecht, das primär den Zweck verfolgt, dem Täter ein rechtsstaatliches Verfahren unter Berücksichtigung grundlegender Freiheitsrechte zu ermöglichen. Eine Stärkung der Opferbelange führt deshalb zum Abbau von Täterrechten, was das ohnehin schon angegriffene Gleichgewicht rechtsstaatlichen Strafrechts noch mehr beeinflussen kann. Was man dem Opfer gibt, nimmt man dem Täter - ein Mechanismus, den man zu Recht als "Nullsummenspiel" bezeichnen könnte (vgl. Hassemer / Reemtsma, aaO., S. 62).

Es gilt deshalb stets zu beachten: Opferbelange sind menschlich mehr als verständlich und können bzw. müssen so lange Berücksichtigung finden, wie es das rechtsstaatliche Strafrecht ohne eine Beschädigung von Freiheitsrechten des Täters zulässt. Nur so erklärt sich die oft so wenig verstandene Vorsicht der Rechtswissenschaft, Opferbelangen uneingeschränkten Einlass ins Strafrecht zu gewähren. Verlässt man die Einzelfallbetrachtung und nimmt eine allgemeinere Betrachtungsperspektive ein, so kann man diese Vorsicht zumindest im Ansatz erklären und auch in der Öffentlichkeit zum Nachdenken anregen. Strafrecht muss Täterrecht bleiben. Opfern steht primär das vielfältige Instrumentarium des Deliktsrechts (§§ 823 ff. BGB) sowie das Sozialrecht als Ausgleichsmedium zur Verfügung; das Strafrecht jedoch nur innerhalb seiner klar gegebenen rechtsstaatlichen Grenzen. Hier ist also Aufklärungsarbeit zu leisten, die auch und gerade ein Handbuch zum Opferschutz / zur Opferhilfe ob seiner breiten Ausrichtung an alle Beteiligten des Prozesses betreiben kann.

Fazit

Ungeachtet der hier angeregten Ergänzung legen die Autoren insgesamt ein Werk vor, das der Komplexität des Themas gerecht zu werden scheint und daher sicherlich als Lektüre für die oben genannten Zielgruppen empfohlen werden kann.

Rezension von
Lutz Eidam, LL.M.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminalwissenschaften und Rechtsphilosophie der J.W. Goethe-Universität Frankfurt
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Lutz Eidam, LL.M..

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lutz Eidam, LL.M.. Rezension vom 18.11.2003 zu: Holger Haupt, Ulrich Weber, Sigrid Bürner, Mathias Frankfurt, Kirsten Luxenburg, Dörte Marth: Handbuch Opferschutz und Opferhilfe. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. 2. Auflage. ISBN 978-3-7890-8229-0. 1. Auflage unter dem Titel: Haupt, Holger: Handbuch Opferschutz und Opferhilfe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1203.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht